Apfelbäumchen als Zeichen der Hoffnung

27. August 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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Ein Großereignis mit Nachwirkungen: Sächsische Kirchenvorstände erleben, warum sich die Arbeit für das Evangelium lohnt.

Erinnerungsfoto mit Landesbischof: Nach dem Abschlussgottesdienst trafen sich die Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher vor der Dresdner Frauenkirche.	 Fotos: Steffen Giersch

Erinnerungsfoto mit Landesbischof: Nach dem Abschlussgottesdienst trafen sich die Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher vor der Dresdner Frauenkirche. Fotos: Steffen Giersch

Das ist wohl so eine Art Kirchentag.« Zu diesem Schluss kommt ein Passant angesichts der vielen Menschen mit orangen Halsbändern und Namensschildern daran vor der Dresdner Kreuzkirche. Eine ausländische Touristin lässt sich auf englisch erklären, was Kirchenvorstände sind und warum sie sich an diesem Tag in der Dresdner Kreuzkirche treffen.

Zum ersten sächsischen Kirchenvorstandstag am 23. August sind etwa 2000 Kirchenvorsteher nach Dresden gekommen. Sie feiern in der Kreuzkirche den Eröffnungsgottesdienst, studieren einen von Kreuzkantor Roderich Kreile extra komponierten Kanon ein und lassen sich von Manfred Lütz humorvoll auf den Tag einstimmen. Der Kölner Psychotherapeut und katholische Theologe ruft den Zuhörern in seinem vergnüglichen Blick auf die evangelische wie katholische Kirche zu: »Ehrenamtler: Wir sind die Entscheidenden – und die Hauptamtler müssen uns in Demut dienen.«

In der Kirche, sagt Lütz, sei es üblich geworden zu jammern. Die Psychologie meine zwar: »Jammern stärkt die Gemeinschaft«, so der Arzt. »Aber man kann es auch übertreiben. Das Christentum hat der Welt eine Heilsgeschichte gebracht«, das müsse wieder deutlich werden.

Foto: Steffen Giersch

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Derart motiviert verteilen sich die Kirchenvorsteher auf die rund 70 Werkstätten und Foren, bei denen im kleineren Kreis ganz praktische Themen besprochen werden. Wie Ehrenamtliche zu gewinnen sind, beschreiben Mitarbeiter des Landesjugendpfarramtes aus ihren Erfahrungen. Grundsätzlich jedes Mitglied einer Jungen Gemeinde werde zur Qualifizierung für ehrenamtliche Mitarbeit eingeladen. »Jeder ist es wert, angefragt zu werden«, laute dabei das Motto. Und: »Wenn ein Jugendlicher ausgebildet ist, möchte er etwas damit anfangen«. Ziel der Qualifizierungen sei Anerkennung. »Dann wachsen die Jugendlichen auch in die Gemeindearbeit hinein«, so die Erfahrungen der Jugendmitarbeiter.

Um Anerkennung der eigenen Arbeit geht es auch in einem Forum zum Thema »Haupt- und Ehrenamt Hand in Hand«. Ganz konkrete Fragen treten dort auf: »Wie kann man liebevoll-diplomatisch sagen, dass jemand für seine Aufgabe nicht geeignet ist?« heißt es da. Und: »Müsste es nicht mehr Ausbildungsmöglichkeiten für Ehrenamtliche geben?«

Foto: Steffen Giersch

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Diese Frage treibt auch Otto Guse um. Der Präsident der Landessynode hat sich unter die Teilnehmer gemischt und ist zu dem Schluss gekommen: »Wir brauchen eine Erhöhung der Professionalität.« Es scheine ein großes Anliegen zu sein, dass mehr schriftliche Arbeitshilfen angeboten werden. »Wenn ich weiß, dass das, was ich tue, richtig ist, dann macht es auch mehr Spaß«, so Guse, der selbst sechs Jahre lang in seiner Auerbacher Gemeinde Kirchenvorsteher war.

Über das »Wachsen gegen den Trend« diskutieren die Teilnehmer in einem gleichnamigen Forum mit Gudrun Lindner und Axel Noack. »Keine Angst, die Kirche Jesu Christi geht nicht an unseren Fehleinschätzungen zugrunde«, ermuntert dabei die langjährige sächsische Synodalpräsidentin. »Was ihr wirklich schadet, ist die Unbeweglichkeit des Satzes: Das war schon immer so. Und die Verleugnung: Das ist nicht mehr meine Kirche.«

Vom Kleinerwerden zu reden, ist für den ehemaligen Magdeburger Bischof Axel Noack »ein Akt der Ehrlichkeit«. »Das eigentliche Problem ist die damit oft verbundene Resignation. Wenn eine Kirche nicht mehr wachsen will, ist sie in ihrer Substanz geschädigt«, sagt er und weist darauf hin, welche Chancen Kirchgemeinden in Kindergärten und Schulen haben, um Menschen mit dem Evangelium vertraut zu machen. »Kirche ist immer noch zu sehr auf die Kerngemeinde orientiert. Die anderen werden als Weihnachtschristen oder Karteileichen bezeichnet. Wenn wir wachsen wollen, müssen wir die alle mögen.«

Dass dazu auch die Menschen außerhalb der Kirchenmauern und in sozialen Schwierigkeiten gehören, wird auf einem anderen Forum deutlich. »Wir sind auf dem besten Weg, eine Kirche des Mittelstands zu werden«, sagt der Kirchenvorsteher Rudolf Berthold, der selbst erwerbslos ist. »Wir wissen meist nicht, wer in unseren Gemeinden von Armut betroffen ist. Denn diese Menschen verstecken sich oft aus Scham.«

Wie die Kirchgemeinden auf sie zugehen können, darüber werden Ideen ausgetauscht: Sei es durch einen regelmäßigen Kaffeetreff für Erwerbslose, durch das Angebot, sie auf das Arbeitsamt zu begleiten oder durch den Verzicht auf teure Rüstzeiten, die ärmere Gemeindeglieder ausschließen. »Am Wichtigsten aber ist für Menschen in sozialen Schwierigkeiten das Zuhören und Ernstnehmen ihrer Probleme – auf Augenhöhe – und auch über die Grenzen der Gemeinde hinaus«, sagt Barbara Müller aus Oederan. »So hat es Jesus gemacht.«

Das Engagement der Kirchenvorsteher würdigt Landesbischof Jochen Bohl als »Schatz für die Kirche«. Beim Abschlussgottesdienst in der Frauenkirche dankt ihnen auch Ministerpräsident Stanislaw Tillich: »Sie leisten einen unschätzbar wertvollen Dienst auch für die Gesellschaft in Sachsen insgesamt. Sie schaffen soziale Wärme und geben Werteorientierung.«

Foto: Steffen Giersch

Foto: Steffen Giersch

Was vom ersten sächsischen Kirchenvorstandstag bleibt, sind 21 Apfel­bäumchen. Feierlich werden sie am Ende des Abschlussgottesdienstes aus der Dresdner Frauenkirche getragen: als ein Zeichen der Hoffnung, für jeden sächsischen Kirchenbezirk einen. Nun müssen sie dort Wurzeln schlagen. »Pflegen Sie Ihren Baum«, empfiehlt die sächsische Frauenpfarrerin Antje Hinze den Kirchenvorstehern. »Und wenn er dennoch stirbt, haben Sie den Mut: hauen sie ihn um. Und pflanzen einen neuen.«

Christine Reuther / Andreas Roth