Villa wider Willen

5. Februar 2011 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Sachsen

Die kirchliche Frauenarbeit, Männerarbeit und Erwachsenenbildung sollen in die bisherige Bischofskanzlei ziehen – und Stellen streichen. Die Betroffenen fühlen sich übergangen.

bischofsvilla-dresden

Den Gürtel enger schnallen, aber wie? Seit Jahren zerbrechen sich darüber Mitglieder der Synode und der Leitung der sächsischen Landeskirche die Köpfe. Plötzlich geht alles ganz schnell – zumindest in einem Bereich:

Bis September sollen Frauenarbeit, Männer­arbeit und Evangelische Erwachsenenbildung (EEB) der Landeskirche gemeinsam unter das Dach der bisherigen Bischofsvilla in Dresden-Blasewitz ziehen. Das hat das Kollegium des Landeskirchenamts in seiner Sitzung am 19. Oktober letzten Jahres beschlossen. Zudem sollen die drei Einrichtungen in den nächsten Jahren ihr Personal stark kürzen.

Die Männerarbeit hat derzeit 7,5 Vollzeitstellen, die Frauenarbeit zehn – künftig will die Landeskirche ihnen nur noch jeweils drei volle Stellen bezahlen und der Erwachsenenbildung nur noch zwei. Hinzu kommen für alle gemeinsam eine Pfarrstelle als Leiter für Personal, Organisation und Vertretung nach außen sowie 2,5 Stellen im Sekretariat.

Der Personalabbau soll schrittweise in den nächsten zehn Jahren durch Eintritt in den Ruhestand oder Stellenwechsel erfolgen, Entlassungen werde es nicht geben. Das Landeskirchenamt begründet die schweren Einschnitte mit der zurückgehenden Zahl ihrer Mitglieder: Von ihren heute 785 000 Mitgliedern werde sie in zehn Jahren nach eigenen Berechnungen 100 000 verlieren.

Die Mitarbeiter der betroffenen Einrichtungen waren überrascht, als sie am 14. Dezember vom Landeskirchenamt informiert wurden. »Es wäre fair gewesen, vorher darüber mit uns zu reden«, sagt Landesmännerpfarrer Jürgen Morgenstern. »Das ist kein guter Stil. Ich verstehe nicht, warum unser Sachverstand nicht abgefragt wird.«

Der Leiter der EEB, Pfarrer Karl-Heinz Maischner, hält die Kommunikation zwischen dem Landeskirchenamt und den Werken für ausgesprochen mangelhaft. »Wenn das der neue Stil in unserer Kirche sein soll, macht mich das sehr betroffen und traurig.« Das Landeskirchenamt dagegen beharrt darauf, sich bei der Entscheidung an die kirchliche Verfassung gehalten zu haben.

Die Leiter der betroffenen Einrichtungen betonen, nicht gegen eine stärkere Kooperation zu sein – trotz ihrer unterschiedlichen theologischen Prägungen. »Wir haben schon heute einen guten Gesprächsfaden und ich freue mich auf eine stärkere Zusammenarbeit, weil sie viel bringen kann«, so EEB-Chef Maischner.

Auch die Notwendigkeit von Kürzungen verstehen die Einrichtungen. »Wenn es weniger Geld und Mitglieder gibt, werden wir auch Federn lassen müssen«, sagt Landesmännerpfarrer Jürgen Morgenstern. »Aber unser Ziel ist, dass unsere Mitarbeiter möglichst vor Ort bei den Kirchgemeinden sind. Das kann eine zentrale Geschäftsstelle in Dresden mit nur noch drei Mitarbeiter für die ganze Landeskirche nicht mehr abdecken.«
Einige Arbeitsfelder der Männerarbeit – darunter Angebote für Väter und ihre Kinder, für Arbeitnehmer, Arbeitslose, Unternehmer und Handwerker – würden stark darunter leiden, befürchtet Morgenstern.

Die derzeit im erzgebirgischen Eppendorf sitzende Männerarbeit verweist auf ihre dezentrale Struktur ohne großen Verwaltungsapparat mit Mitarbeitern in den verschiedenen Regionen Sachsens – das Landeskirchenamt dagegen wünscht sich von ihr mehr Beteiligung an zentralen Projekten und mehr Präsenz in der Landeshauptstadt.

»Unsere Hauptaufgabe ist es, die Ehrenamtlichen in den Kirchgemeinden zu begleiten und zu unterstützen. Das ist mit derart reduziertem Personal nicht weiter durchhaltbar«, sagt die Landesleiterin der Kirchlichen Frauenarbeit, Bettina Dörfel.

Nach ihren Berechnungen wird der Etat der Frauenarbeit um 55 Prozent gestrichen. »Wir werden im Vergleich zu anderen kirchlichen Einrichtungen überproportional gekürzt«, so Dörfel. Der Vertrag von Landesfrauenpfarrerin Antje Hinze wird im nächsten Jahr enden, Landesmännerpfarrer Jürgen Morgenstern wird im April in Ruhestand gehen. Beide werden nach Willen des Landeskirchenamtes keine Nachfolger haben.

Die Synode der Landeskirche hatte erst auf ihrer Tagung im vergangenen Herbst die Kirchenleitung gebeten, ihr bis April über Pläne zu neuen Strukturen bei kirchlichen Einrichtungen zu berichten. Nun werden die meisten Basis-Vertreter noch vor ihrer Frühjahrstagung von den Fakten überrascht. Denn schon im März soll die EEB von Dresden-Strehlen in die ehemalige Bischofskanzlei umziehen, um Platz zu schaffen für eine andere Dienststelle des Landeskirchenamtes und damit Miete zu sparen. »Doch ich fürchte, dass durch den Zeitdruck Mitarbeiterinnen krank werden«, sagt EEB-Leiter Maischner. »Nicht zuletzt wegen der Kirchentags-Vorbereitungen arbeiten wir derzeit an der Grenze unserer Belastbarkeit.«

Andreas Roth

Damit die Seele einen Ruhepunkt findet

15. Oktober 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Wort zur Woche

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Heile du mich, Herr, so werde ich heil. Hilf du mir, so ist mir geholfen.
Jeremia 17, Vers 14

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Bettina Dörfel ist Landesleiterin der Kirchlichen Frauenarbeit in Sachsen. Foto: Steffen Giersch

Bettina Dörfel ist Landesleiterin der Kirchlichen Frauenarbeit in Sachsen. Foto: Steffen Giersch

Es geht ihr nicht gut. Nein, sie hatte keinen Unfall, keine schlimme Diagnose und auch entlassen wurde sie nicht. Aber sie ist innerlich zerrissen, sie hat sich so engagiert für saubere Kleidung, für gerechte Löhne in den Entwicklungsländern, für ökologisches Bewusstsein rund um die Welt und vieles mehr. Immer wieder hat sie die Unheilsstrukturen aufgedeckt, darüber gepredigt, die Leute beschworen. So richtig tut sich nichts. Sie wird belächelt und bespöttelt. »Ich kann es nicht mehr hören«, sagen die Leute zu ihr. »Vielleicht muss die Menschheit ja in ihr Unglück rennen«, sagt sie sich.

Ähnliches hat Jeremia erlebt. Er litt darunter, dass die Leute ihn nicht mehr ernst nahmen. Leidenschaftlich hatte er sich dafür eingesetzt, dass die Menschen ihre Lebenseinstellungen grundsätzlich ändern. »Wo bleibt denn das Unglück, das der Herr angedroht hat? Es soll doch kommen!«, so beschreibt er die Reaktion seiner Landsleute in Vers 15.

Verunsichert wirkt Jeremia hier, enttäuscht und zornig. Vielleicht ein erster Schritt, damit die zerrissene Seele wieder heil werden kann: alles herauslassen, was an Wut in einem steckt. Gut ist es, wenn man es Gott sagen kann und nicht anderen an den Kopf knallen muss. Noch besser ist es, wenn man so wie Jeremia »Du« sagen kann zu Gott, wenn in der Enttäuschung dieses Vertrauen bestehen bleibt. Dann hat sich die Situation zwar nicht verändert, aber die Seele hat einen Ruhepunkt gefunden.

Von diesem Punkt aus kann sich Heilendes entwickeln, kann sich Bitterkeit lösen und der Blick klar werden: Was ist mein Auftrag jetzt? Wofür kämpfe ich trotz allem Widerstand? Wer unterstützt mich? Was tue ich Gutes für mich, damit die Seele heil bleibt? Und wenn mir letzteres nicht ganz gelingt, dann weiß
ich ja, an wen ich mich wende.

Bettina Dörfel

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Auch wir sind verführbar und nicht als Asketen geboren

1. Oktober 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Wort zur Woche

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Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.
1. Johannes 5, Vers 4

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Na, da ist doch alles in Ordnung. Oder? Eine tiefe Sehnsucht spricht aus dem Satz, dass etwas hinter sich gelassen wurde, etwas geschafft, auf das wir, Christinnen und Christen, stolz sein können. Es klingt nach Kampf und Anstrengung. Davon spricht der 1. Johannesbrief allerdings kaum. Er spricht von der Liebe Gottes und ringt geradezu leidenschaftlich darum, dass wir diese Liebe leben, zuallererst im Miteinander in den Gemeinden. Unterschiedliche Formen, den Glauben zu leben und Glaubensaussagen zu betonen, führten damals und führen heute zu manchmal schmerzlichen Auseinandersetzungen.

Foto: Sanja Gjenero, sxc.hu

Foto: Sanja Gjenero, sxc.hu

Dieser Vers hat aber eine andere Ausrichtung: Überwindung der Welt. Der Johannesbrief führt es in Kapitel 2 Vers 16 so aus: »Wie sieht es denn in der Welt aus? Die Menschen lassen sich von ihren Begierden treiben, sie sehen etwas und wollen es dann haben, sie sind stolz auf Macht und Besitz.« So übersetzt die Gute Nachricht. Auch das kennen wir in unserer Welt und sehen, wie wahr das alles ist: Die Werte von heute sind die Wertpapiere, Banker und Aufsichtsräte sind maßlos und blöd ist, wer sich die Abwrackprämie entgehen lässt. Und wir sind die Guten, wir haben das alles überwunden.

Da bleibt sicher nicht nur mir ein fader Beigeschmack. Denn wir bleiben Teil dieser Welt und sind mit ihr verführbar und nicht als Asketen geboren. Die müssen wir auch nicht werden, wenn wir den Aussagen dieses Briefes folgen.

Es wird kein quälendes Verzichten gefordert. Der Sieg wird uns geschenkt von dem, der uns zuerst geliebt hat. Ein mit Liebe gefülltes Herz kann verschmitzt lächeln und sagen: Das habe ich nicht nötig. Von dieser Leichtigkeit her sind wir eingeladen, unseren Glauben zu leben. Dann hätten wir etwas geschafft. Das wäre doch in Ordnung. Oder?

Bettina Dörfel, ist Landesleiterin der kirchlichen Frauenarbeit.

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