Das Gift der Stasi-Akten
25. August 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Vor 20 Jahren wurde die Öffnung der Stasi-Akten beschlossen. Sie versprühen ihr Gift noch lange nach dem Ende der DDR.
Er könne seinen ganzen Urlaub nehmen, hatte man ihm gesagt. So viel würde er brauchen, um die Akten zu lesen. Gut 2000 Seiten in zwölf Ordnern. Als Dieter R. sie aufschlägt in dem nüchternen Lesesaal der Chemnitzer Stasi-Unterlagenbehörde, ist es sein Körper, der zuerst reagiert: Der Mann mit den weichen Gesichtszügen und ruhigen Augen bekommt Fieber, Kopfschmerzen, fühlt Kälte am ganzen Körper.
30 inoffizielle Mitarbeiter (IM) hatte die DDR-Staatssicherheit auf den Kirchenmitarbeiter angesetzt, las er da, darunter Kollegen, Leute aus seiner Stammsauna, Christen – und sein bester Freund. Ziel des »Operativen Vorgangs Steuer« war es laut Akten, eine »Haftgrundlage zu schaffen« für den als Staatsfeind und BND-Spion verdächtigten R. Dabei hatte sich der heute 73-jährige Betriebswirt aus einem Dorf nahe Zwickau nur nicht mit der Enteignung der Firma seiner Familie abfinden wollen. Seine Mutter war aus Gram über dieses Unrecht 1972 gestorben – der Sohn kämpfte weiter.
»IM ›Fred‹ hat ein gutes persönliches Verhältnis zu R.«, lobt die Kreisdienststelle Zwickau der Staatssicherheit in einem Aktenvermerk. Als Dieter R. all das liest, fährt er zu seinem besten Freund, dessen Namen er auch unter den IMs findet. Er sagt, dass er ihm verzeiht. Der Freund sagt, dass ihm vieles leid tut. Zerbrochen ist die Freundschaft trotzdem.
Es gibt unzählige solcher Geschichten in Ostdeutschland. Dass sie ans Tageslicht kamen, hat auch mit dem 24. August 1990 zu tun: Damals, vor genau 20 Jahren, beschloss die frei gewählte Volkskammer der DDR nahezu einstimmig die Sicherung und Nutzung der Stasi-Akten. Über 18000 Sachsen nehmen noch immer Jahr für Jahr Einsicht – und das Interesse wird nicht geringer.
»Die Akteneinsicht kann manchmal ein Auslöser für eine akute Verschlechterung des Gesundheitszustandes sein – bis hin zu Nervenzusammenbrüchen«, weiß Norbert Mai. Er begleitet seit sieben Jahren in der Lebensberatungsstelle der Diakonie-Stadtmission Zwickau Opfer der SED-Diktatur. Die Stasi-Akten erzählen ihnen von Verrat und unwiederbringlich verbauten Chancen. »Das zu lesen ist immer hart«, sagt Michael Beleites, der sächsische Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen. »Doch das kann auch befreiend sein – und Klarheit schaffen.«
Petra L. musste sogar lachen. Für einen kurzen Moment zumindest, als sie in dem 30 Zentimeter hohen Aktenstapel in der Chemnitzer Stasi-Unterlagenbehörde auf die Witze stieß, die sie Ende der 80er Jahre in ihrer oppositionellen Frauengruppe erzählt hatte. Spitzel hatten sie getreu notiert. »Doch dann war ich geschockt, wie weit die Stasi in unsere Privatsphäre eingedrungen war.« Ein Kollege der Kunstwissenschaftlerin hatte ihr privates Adressbuch kopiert. Und eine der sechs Frauen in der Zwickauer Gruppe schrieb Berichte für die Stasi.
Ein Gespräch darüber hat Petra L. mit ihr nie gesucht. Man grüßt sich noch, mehr ist nicht. Auch kein Zorn, nur eine Enttäuschung. »Sie weiß, dass ich es weiß«, sagt Petra L. »Und wer weiß, wie sie dazu gekommen ist?« 1990 war die Kunstwissenschaftlerin 27 Jahre alt: Jung genug, um die Möglichkeiten der neuen Zeit zu ergreifen. Und um dem Schatten der Stasi-Akten zu entkommen.
Der aber birgt für Dieter R. mehr Verrat. »Ich habe in den Akten über mich auch Gottes Handschrift gelesen«, sagt er. »Dort stand, dass ich schon so gut wie in Haft war – und nichts hat Gott zugelassen. Es wäre eine große Undankbarkeit gegenüber Gott, den IMs nicht zu vergeben.« Seine Frau, ihm gegenüber in der niedrigen Stube sitzend, wiegt den Kopf: Was wäre, wenn ihr Mann doch ins Gefängnis gekommen wäre oder wenn er sein Leben hätte lassen müssen? »Vielleicht wäre ich nicht so großzügig gewesen«, überlegt Ruth R. leise. Sie hat ihre Akte nie angefordert. Sie will es nicht wissen.
Andreas Roth

Pressefoto »DAS MINISTERIUM FÜR STAATSSICHERHEIT - ALLTAG EINER BEHÖRDE« – ein Film von Christian Klemke und Jan N. Lorenzen, Deutschland 2002, 90 Minuten, Farbe (Vertrieb: Salzgeber & Co. Medien GmbH)
Trotz aller Umdeutungen
17. Dezember 2009 von Redaktion DER SONNTAG
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Foto: Jolka Igolka
Mit Weihnachten ist das so eine Sache. Eines der christlichsten Feste musste sich immer wieder gefallen lassen, uminterpretiert zu werden. Politik, Folklore und germanisierendes Brauchtum haben das Fest zu vereinnahmen gesucht. Es wurde als nordisches Lichterfest gedeutet, das seinen Ursprung in der Feier der Wintersonnenwende bei germanischen Stämmen habe. Zu DDR-Zeiten kam sogar Väterchen Frost aus dem Osten Europas über uns.
Heute weiß man, dass im 4. Jahrhundert in Rom erstmals Weihnachtspredigten gehalten wurden, es die ersten Weihnachtsfeiern gab. Zunächst wohl auch an diesem Tag, um die heidnischen Feiern für den römischen Sonnengott am 25.Dezember endlich abzuschaffen. Stattdessen sollte lieber der Geburt Christi, des eigentlichen Heilsbringers, gedacht werden.
Allerdings war dessen Geburtsdatum nicht bekannt. Beim Konzil von Konstantinopel – dem heutigen Istanbul – wurde 381 schließlich das Fest zu diesem Datum für die gesamte Christenheit als verbindlich erklärt.
Seit über tausendsechshundert Jahren feiern wir Christen am 25. Dezember nun die Christgeburt. Jahr für Jahr hören wir das »Frieden auf Erden«, das die Engel den Hirten zuriefen. Alle Menschen wissen: Weihnachten ist das Fest der Liebe und des Friedens. Benachteiligte und Ausgegrenzte erfahren besondere Aufmerksamkeit. Es werden Feiern für Obdachlose und Einsame ausgerichtet.
Auf der ganzen Welt verbinden die Menschen mit Weihnachten den Gedanken an Versöhnung, Zuwendung und an Hoffnung auf ein besseres Leben. Das ist das eigentlich Faszinierende an Weihnachten: Die biblische Botschaft, die mit Jesus in die Welt kam, scheint angekommen zu sein. Allen Umdeutungen zum Trotz.
Christine Reuther
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