Versunken im Vergessen
5. Mai 2011 von DER SONNTAG
Abgelegt unter Titelseite

Wenn Eltern demenzkrank werden, brauchen ihre Kinder viel Geduld und Kraft für die Pflege. Manche kommen dabei an ihre Grenzen – doch es gibt Hilfe.
Die Mutter umfasst mit ihren alt gewordenen Händen fest die Armlehnen des Stuhls. Kleiner und zerbrechlicher ist sie geworden. Ihr Blick geht nach unten, durch die Tischplatte in ein unbestimmtes Nirgendwo. »Ich bin’s«, sagt Ingrid Felix (64), als sie ihre Mutter im Pflegeheim der Diakonie Dippoldiswalde besucht und berührt sie sacht. »Willst du in dein Zimmer?« – »Lass mich«, sagt die Mutter kurz.
Die Gegenwart, das weiß die Tochter, ist für einen Menschen mit Demenz kaum zu fassen. Aber die Vergangenheit. Ingrid Felix holt ein altes Foto von der Wand: Leuchtend grün die saftigen Weiden des Osterzgebirges, leuchtend rot das Dach des stattlichen Bauernhofs. Sie schiebt das Bild vor den gesenkten Kopf ihrer Mutter. »Was ist das?«, fragt die Tochter geduldig. »Na hier, hier«, sagt die Mutter leise, kichert kurz, kneift die Augen zusammen. Dann schüttelt sie den Kopf und legt ihn in ihre Hand. Die Worte sind weg. Ihre Welt verliert ihre Konturen. Einst war sie die rastlose Bäuerin dieses Hofs.
Das Vergessen hatte vor sechs Jahren begonnen. Es schlich sich in den Kopf der Mutter. Sie erzählte am Tisch eine Begebenheit – und zehn Minuten später dieselbe wieder. Später musste die Mutter für die einfachsten Gerichte im Kochbuch nachschlagen, zog ihre Kleidungsstücke durcheinander an, konnte ihren Haushalt nicht mehr allein führen. Nachts stand sie auf, irrte umher, wusste nicht mehr, wo sie war. Die Tochter kochte für sie, trug ihr das Essen früh, mittags und abends über den Hof der Familie, machte ihre Wohnung sauber, sah nachts aller zwei Stunden nach der Mutter. Bis Ingrid Felix sagte: »Ich kann nicht mehr.«
Sie brauchte eine Zeit zum Luft holen. Das war möglich, weil der ambulante Pflegedienst der Diakonie Dippoldiswalde einsprang. Für Kranke mit Pflegestufe eins bezahlen die Kassen 28 Tage im Jahr eine Kurzzeitpflege. Angehörige können zudem 50 bis 60 Stunden pro Jahr an Pflegeleistungen bei den Krankenkassen beantragen, wenn sie einmal Zeit für sich brauchen: zum Einkaufen, zum Treffen von Freunden, für den Besuch beim Frisör.
»Menschen verzweifeln oft, weil sie keine Auszeit haben. Doch die ist wichtig, um der Pflege gewachsen zu sein«, sagt Angelika Herber, die Leiterin der Diakonie-Sozialstation in Schmiedeberg. »Man muss sich nicht schlecht dabei fühlen.« Schon ab der Pflegestufe Null bezahlen die Krankenkassen 100 bis 200 Euro pro Monat für eine stundenweise Begleitung und Betreuung der Demenzkranken durch Sozialstationen. »Wenn man gemeinsam Einkäufe oder den Haushalt macht, hilft das den Kranken, ihre Fähigkeiten zu erhalten. Um so länger können sie allein leben«, sagt Angelika Herber.
Für die Angehörigen existiert seit drei Jahren bei der Diakonie in Schmiedeberg eine Selbsthilfegruppe.
Karin Zönnchen (61) aus Reichstädt weiß, wie entlastend das Gespräch mit anderen Betroffenen sein kann. Und sie weiß, wie viel man dabei lernen kann. Viele Jahre pflegte sie ihren demenzkranken Vater zu Hause, nun ist der 82-Jährige in einem Heim. »Ich habe am Anfang alles falsch gemacht. Immer, wenn mein Vater Sachen behauptet hat, die nicht stimmen, habe ich ihn korrigiert und mit ihm gestritten. Dabei hätte ich sagen müssen: Du hast schon recht, wir klären das später einmal.« Am Ende hat Karin Zönnchen bei ihrem Vater gewohnt. Ihr Mann hat es mit getragen. Ihr einst starker Vater, sagt Karin Zönnchen, ist wie ein hilfloses Kind. Das schmerzt.
Die Mutter von Ingrid Felix sagt zum Abschied leise: »Ich geh jetzt heim.« Zu Hause, das ist für Demenzkranke Kindheit, Familie, Vergangenheit. Doch dahin können sie nicht zurück. Die Welt hat sich gedreht. Ihre Töchter und Söhne sind für sie längst Mütter und Väter geworden.
Andreas Roth
Wie in einer Familie
18. Juni 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Ostsachsen, Sachsen

Christa Funke, Johanna Thieme und Christa Bense (v. l.) gehören zu der neuen Wohngemeinschaft, hier werden sie von einer jungen Frau im Freiwilligen Sozialen Jahr beim Rundgang durch den Garten begleitet. Foto: Steffen Giersch
Es ist eines der schwierigsten Probleme in der Altenpflege: die Pflege alter Menschen, die an Demenz erkrankt sind, menschenwürdig zu gestalten. Ein diakonischer Verein in Meißen versucht jetzt eine ganz neue Lösung. Statt der üblichen zwei Möglichkeiten – ambulante Betreuung zu Hause oder Heim – geht die Christliche Sozialstation Meißen, 1990 als Verein von den evangelischen und der katholischen Gemeinde in der Domstadt gegründet, eine Art dritten Weg: die Wohngemeinschaft.
Hinter ihrem Gebäude, dem »Hirschberghaus«, in dem der Verein seit zehn Jahren eine Tagespflege anbietet, wurde für rund eine Million Euro ein Neubau errichtet und funktional genau abgestimmt auf die Bedürfnisse der Pflegebedürftigen: nur Erdgeschoss, keine Treppen, keine Stufen, breite Gänge und Türen. In dem U-förmigen Komplex befinden sich zwölf Einraumwohnungen, zwischen 21 und 29 Quadratmeter groß, mit integriertem Bad. Darin wohnen die alten Menschen als Mieter, sieben derzeit.
»Dies ist ihr privater Rückzugsraum«, erläutert Mechthild Weber, Geschäftsführerin der Sozialstation. »Wir als Pflegepersonal sind bei ihnen zu Gast.« So müssen die Betreuer beispielsweise an der Wohnungstür klingeln.
Mittelpunkt ist ein Gemeinschaftsraum, etwa hundert Quadratmeter groß, mit Tischen, Stühlen, Sitzgruppe und Küche. »Das Herzstück«, sagt Mechthild Weber. Hier verbringen die Bewohner ihren Tag gemeinsam. »Wie in einer großen Familie können sie hier zusammen leben«, sagt Jürgen Günther, evangelischer Pfarrer im Ruhestand und Vereinsvorsitzender. Das bewahre sie vor Vereinsamung.
Der Kontakt zu den Angehörigen bleibt intensiv. »Meine Kinder kommen fast jeden Tag, machen zum Beispiel sauber«, berichtet die 87-jährige Johanna Thieme. Angehörige könnten hier mit essen, auch übernachten, sagt Mechthild Weber. Deshalb sollen die Partner oder Kinder der Bewohner möglichst in der näheren Umgebung leben.
Betreut würden die alten Menschen rund um die Uhr, sagt Mechthild Weber. Von Hilfspflegekräften, Praktikanten, Ehrenamtlichen und einer Fachpflegekraft. »Wir wollen ihnen aber nicht alles abnehmen. Was sie noch können, sollen sie selber tun.« Je nach ihren Möglichkeiten gehen die Bewohner mit einkaufen, kochen, waschen und legen ihre Wäsche selber. »Wir setzen bei den Fähigkeiten an, die noch vorhanden sind und versuchen die zu aktivieren. Keine Überversorgung also.«
Der Gebäudekomplex umschließt einen Garten mit gepflasterten Wegen zwischen Kräuterbeeten und einer Sitzecke mit Bänken. »Lässt es das Wetter zu, können sich unsere Bewohner hier unter freiem Himmel bewegen«, sagt Mechthild Weber.
»Wir betreten mit dieser Wohngemeinschaft Neuland bei der Betreuung von Menschen mit Demenz«, sagt Pfarrer Günther. Bis zur Eröffnung im April seien sieben Jahre mit harten Kämpfen vergangen. Die Pflegekasse, aber auch die Diakonie hätten diesen Sonderweg nicht akzeptieren wollen und eine klare Entscheidung zwischen den üblichen Formen gefordert: ambulant oder stationär.
Dass es ein Wagnis ist, dessen seien sie sich bewusst, so Günther. »Aber die Angehörigen haben uns immer wieder gesagt: Wir brauchen es genau so.« Noch gebe es in Sachsen keine Lobby für diese Art Wohngemeinschaft, sagt Pfarrer Günther. »Das kommt aber.«
Tomas Gärtner
Christliche Sozialstation Meißen, Hirschbergstraße 2, 01662 Meißen; Telefon (0 35 21) 45 25 89.
www.sozialstation-meissen.de
Die Gebete der Kindheit
7. Januar 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Titelseite
Comments Off

Zeichnung: Gerhard Burger/Archiv Evangelische Verlagsanstalt
Wenn das Heute schnell versinkt – das ist Demenz. Immer mehr Menschen leiden daran. Ihr Glaube lebt von den Liedern und Versen aus ihrer Jugend.
Was es vorhin zum Frühstück gab? Frau D. weiß es nicht mehr. Sie lauscht. Die Augen in ihrem runzeligen Gesicht, die nach innen zu blicken scheinen, heben sich. Ihre auf den Fußstützen des Rollstuhls ruhenden Filzpantoffel fangen unmerklich zu wippen an. Dann stimmt sie ein. In einem brüchigen, aber klaren Sopran: »Es ist ein Ros entsprungen.«
Wie viele Jahre hat Frau D. im Chor ihrer Kirchgemeinde mitgesungen? Nun, schon weit über 80, versinkt die Welt um sie schnell wieder ins Nichts. Kaum etwas bleibt. Nur die Lieder ihrer Kindheit und Jugend, die alten Gebete. Frau D. ist demenzkrank – so wie die anderen alten Menschen, die sich jedem Montag im Altenpflegeheim Urbanushaus der Diakonie in Thurm zur Andacht treffen. Urike Weigel, die Hausleiterin, schiebt die Rollstühle zu einem Kreis. Dann erzählt sie die Weihnachtsgeschichte: langsam, ruhig, die Sätze oft wiederholend. Maria, Josef, die Schafe, Ochs und Esel lässt Ulrike Weigel reihum von den Alten betasten, bevor sie die kleinen Figuren in die hölzerne Krippe stellt.
Die Augen von Frau E. strahlen groß über ihren eingefallenen Wangen, auf die hingehaltenen Tiere aber sieht sie nicht. Die alte Dame neben ihr im Rollstuhl ist längst eingeschlafen, doch scheint sie zu lächeln. Frau S. schaut mürrisch, die ganze Zeit schon. Und Herr W. irrt ziellos umher. »Maria gebar Jesus und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe«, liest Ulrike Weigel das Evangelium. »Denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.«
Dieses Gefühl dürften die Alten kennen. Denn vielerorts ist kaum Raum für Demenzkranke. »Darunter sind Menschen, die ihr Leben lang treu im Glauben gelebt haben und nun auch in Kirchgemeinden oft nicht mehr wahrgenommen werden«, sagt Oberkirchenrat Frank del Chin, der Seelsorgereferent der sächsischen Landeskirche. Dabei sind schon heute 76 000 Sachsen an Demenz erkrankt, in ganz Deutschland 1,1 Millionen. Die Zahl steigt steil an. Denn je länger Menschen leben, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit zu erkranken. Eine Herausforderung auch für die Kirche.
Doch spezielle Angebote für Demenzkranke gibt es in der sächsischen Landeskirche kaum – das musste Sabine Schmerschneider von der Evangelischen Erwachsenenbildung Sachsen feststellen, als sie im vergangenen September den ersten Werkstatt-Tag zu diesem Thema veranstaltete. »Gottesdienste und Andachten haben für alte Menschen oft viel zu viel Wort und sind meist zu lang«, sagt sie.
Um haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter für demenzkranke Menschen zu sensibilisieren, wird die Landeskirche im August eine Pfarrstelle eigens für die Weiterentwicklung der Seniorenarbeit einrichten. Im Auftrag der Landessynode soll zudem eine Handreichung zur Arbeit mit älteren Menschen herausgegeben werden, für die Oberkirchenrat Frank del Chin und Sabine Schmerschneider von der EEB derzeit nach guten Praxisbeispielen aus Kirchgemeinden suchen.
»Andachten für demenzkranke Menschen müssen so einfach wie möglich sein«, sagt Ulrike Weigel vom Urbanushaus in Thurm. »Mit wenig Sprache, dafür mit vertrauten Liedern und Gebeten. Berührung, Streicheln, ein schöner Duft, Musik – das ist die Seelsorge, die sie brauchen.« Sie sollte anknüpfen an die Lebensgeschichte des alten Menschen. Sie herauszufinden braucht viel Zeit und Behutsamkeit. Doch es lohnt sich, das weiß Ulrike Weigel.
»Das Christkind kommt ins Dunkle und in die Kälte. Auch zu Ihnen hier im Pflegeheim, in Sorge und in Traurigkeit«, sagt sie zu den Alten im Rollstuhlkreis. Ihre Gesichter scheinen sich kaum zu rühren. Doch als Ulrike Weigel die Weihnachtsgeschichte liest, leihen die Frauen wie auf ein geheimes Signal hin mit brechender Stimme, aber ganz sicher dem Engel ihre Stimmen: »Fürchtet Euch nicht! Euch ist heute der Heiland geboren.«
Andreas Roth
![RSS ⇒ DER SONNTAG [Sachsen] abonnieren](http://www.sonntag-sachsen.de/wp-content/themes/church_20/images/rss.gif)
![⇒ DER SONNTAG [Sachsen]](http://www.sonntag-sachsen.de/wp-content/themes/church_20/images/logo2.gif)

