Jetzt geht es los
26. Mai 2011 von DER SONNTAG
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Über ein Jahr lang haben sich die Christen in Sachsen und besonders in Dresden darauf vorbereitet – nun steht der Kirchentag unmittelbar bevor.

Sie freuen sich auf den Kirchentag (v. l.): Kristin Kösters, Sönke Lungfiel, Doris Schmidt und Hannes Göring leisten ihr Freiwilliges Soziales Jahr beim Kirchentag. (Foto: Steffen Giersch)
Mittlerweile haben fast alle Gäste ein Bett. »Es hat alles zusammen gepasst: Wir hatten viele prominente Unterstützer und ein großartiges Engagement in den Gemeinden«, sagt Kirchentagsgeschäftsführer Volker Knöll kurz vor Beginn des Christentreffens. Insgesamt rund 12.000 Privatquartiere werden gebraucht. Dazu kommen rund 45.000 Übernachtungsgäste in 270 Quartierschulen.
Sieben davon betreut die Gemeinde Dresden-Blasewitz. »Das sind nur die staatlichen Schulen auf dem Gemeindegebiet«, sagt Pfarrer Christoph Lehmann. Die Kreuzschule und die Freie Evangelische Schule kümmern sich selbst um ihre Gäste«, so der Kirchentagsbeauftragte der Gemeinde. Und eine Schule habe die katholische Nachbargemeinde übernommen.
Rund 300 Gemeindeglieder bringen sich in Blasewitz in die Vorbereitung des Kirchentags ein. Da sind ein Feierabendmahl vorzubereiten und Tagzeitengebete, ein Nachtcafé und ein Imbissstand. Einige wirken auch beim Abschlussgottesdienst mit. »Manches ist stressig, aber vielen macht es auch Spaß«, sagt Christoph Lehmann.
Auch im Stadtteil Johannstadt haben sich zahlreiche Gemeindeglieder für die Frühstücksversorgung der dort erwarteten 1300 Gäste gefunden. Eckart Finsterwalder, der sie alle betreut, ist des Lobes voll über das Engagement – auch aus der katholischen Herz-Jesu-Gemeinde. Doch er hat auch einen Wunsch: »Ich hoffe, dass ein Teil der ehrenamtlichen Mitarbeiter sich auch in der Zukunft weiter für und in der Kirchgemeinde einsetzt.«
Ob evangelisch oder katholisch: die Dresdner haben gerne Gäste. So sieht es auch der katholische Pfarrer Christoph Baumgarten. Seine Gemeinde St. Petrus in Dresden-Strehlen ist gleich mehrfach Gastgeber geworden: Sie haben der evangelisch-lutherischen Gemeinde Leubnitz-Neuostra eine zu betreuende Quartier-Schule abgenommen. Darüber hinaus hat die Gemeinde 50 Privatquartiere zur Verfügung gestellt. Und vor allem: Ihre Gemeinderäume werden von Donnerstag bis Sonnabend für das Frauenzentrum des Kirchentags offen stehen.
Doch die sächsischen Christen sind nicht nur Gastgeber. Sie haben sich auch in das Programm eingebracht mit den Themen »Kirche und Demokratie« und »Glaubenskommunikation im säkularen Umfeld«, mit dem Frauenzentrum, dem Kinderzentrum, dem Diakonischen Quartier und mit einem Projekt Kirchenmusik. Dazu kommen die zahlreichen Angebote beim Abend der Begegnung am Mittwoch des Kirchentags.
Rund 800 Gruppen mit 12.000 Mitwirkenden aus Sachsens Kirchgemeinden haben sich an der Vorbereitung beteiligt. »Der Kirchentag spiegelt in seiner Buntheit, Diskutierfreude und Spiritualität alle Farben des evangelischen Glaubens wider«, sagte Oberlandeskirchenrat Dietrich Bauer bei der Vorstellung der sächsischen Aktivitäten. Die Landeskirche lade während des Kirchentags ein, sich über Glaubensfragen, Fragen der Wissenschaft und Politik aus christlicher Sicht zu informieren. Und natürlich wird sie sich auch selbst den Kirchentagsgästen vorstellen: Mit einem Pavillon am Altmarkt neben dem Kulturpalast. Dieser wird bereits am 29. Mai eröffnet.
»Die Dresdner werden dadurch auf den Kirchentag eingestimmt«, sagt Oberlandeskirchenrat Klaus Schurig, der den Pavillon mit vorbereitet hat. »Bei uns sollen sich die Menschen erholen und informieren, können Kaffee trinken und Kuchen essen.« Hier wird es aber auch spezielle Postkarten und Briefmarken geben, um einen Gruß nach Hause zu schreiben. Und die Rätselfreunde unter den Kirchentagsbesuchern können an einem Quiz über Sachsen und seine Menschen teilnehmen.
Auch DER SONNTAG wird im Pavillon mit einem Stand vertreten sein.
Christine Reuther
Zwischen den Fronten
11. Februar 2011 von Redaktion DER SONNTAG
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Die Polizei muss genehmigte Demonstrationen schützen – auch wenn moralische Gründe den Gegendemonstranten recht geben.
Die Demokratie lässt ihre Feinde demonstrieren – auch am 13. und 19. Februar in Dresden. Der Rechtsstaat kann nicht anders. Seinen Unterstützern macht er es damit nicht leicht.
In Dresden liegen jedes Jahr am 13. Februar Recht und Moral in einem Kampf. Und am kommenden Wochenende dürfte sich der Konflikt zuspitzen. Wieder werden tausende Neonazis in Dresden demonstrieren und das Gedenken an die Bombardierung der Stadt 1945 für ihre Zwecke benutzen. Wieder werden Tausende das verhindern wollen.
Doch anders als im letzten Jahr wird die Polizei friedliche Blockaden nicht mehr dulden: Sie wird den rechtsextremen Demonstrationen den Weg frei räumen. Sie wird gar nicht anders können. Das Dresdner Verwaltungsgericht hat im Januar scharf kritisiert, dass die Polizei im letzten Jahr das Demonstrationsrecht der Rechtsextremen nicht geschützt hat. Solch ein Urteil kann sich die Polizei kein zweites Mal sagen lassen.
»Auch Rechte haben Rechte«, sagt Uwe Berlit, der als Richter am Bundesverwaltungsgericht zu den renommierten Juristen Deutschlands gehört. »Das Recht auf Demonstrationsfreiheit in Artikel 8 des Grundgesetzes gilt auch ihnen. Es gehört zu den Zumutungen des demokratischen Verfassungsstaates, dass seine Segnungen auch denen zuteil werden, die ihn verachten.« Blockaden von Demonstrationen dagegen können strafbar sein.
Im Epizentrum des ganzen Konflikts stehen die Polizisten auf der Straße. Hier die Neonazis, dort die Gegendemonstranten und dazwischen ihre eigenen Fragen. »Ist der Artikel 8 des Grundgesetzes noch zeitgemäß?«, zweifelt etwa ein hochrangiger Staatsschutzbeamter bei einer Tagung der Evangelischen Erwachsenenbildung in der Leipziger Peterskirche im kleinen Kreis. »Immerhin hat Goebbels gesagt, die Nazis hätten die Weimarer Verfassung bewusst benutzt, um an die Macht zu kommen.«
Anders denkt der junge Bereitschaftspolizist David M.: Als Bürger alles andere ein Freund der Rechtsextremen – in Uniform muss er neutral sein. Er spürt den Druck von Öffentlichkeit und Politik, die Braunen möglichst nicht demonstrieren zu lassen. »Für viele Bürger und Kollegen ist in solchen Fällen offensichtlich, dass wir als Polizei eben nicht mehr politisch neutral sind. Für Rechte und Linke wird unterschiedliches Maß angelegt«, sagt der Polizist David M. »Damit verschaffen wir den Rechten nur neue Wähler.«
Demonstrieren lassen oder nicht? Es ist nicht leicht zu entscheiden, was der Demokratie am Ende mehr nützt – oder mehr schadet. »Das Dilemma ist nicht aufzuheben, leider«, sagt Peter Meis, Superintendent in Dresden Mitte. »Es zerreißt auch viele Christen, das kann ich gut verstehen.« Deshalb möchte Meis als kirchlicher Repräsentant weder zu den Sitzblockaden aufrufen noch von ihnen abraten.
Wozu er ausdrücklich einlädt, das sind Friedensgebete und Mahnwachen der Dresdner Kirchgemeinden am 13. und 19. Februar. Viele Kirchenvertreter betonen wie Peter Meis: Die Rechtsextremen bekämpften die Demokratie, sie verübten Gewalt, ihre menschenverachtende Ideologie sei mit dem christlichen Glauben unvereinbar.
»Es gibt auch aus der Bibel Gründe für den zivilen Ungehorsam«, sagt der Theologe Meis. »Wenn Jesus sagt, man solle auch die andere Wange hinhalten, wenn man geschlagen wird, heißt das für mich: Wir sollen als Christen in die Konfliktzonen hineingehen und friedensstiftend widerstehen.«
Die Spannung aber bleibt ungelöst: Wer moralisch handelt, kann sich strafbar machen. »Recht und Moral sind getrennte Dinge, sie können zu den selben Folgen führen – aber sie können auch einmal auseinander fallen«, sagt der Bundesverwaltungsrichter Uwe Berlit. »Vor Menschen, die aus moralischen Gründen gewaltfreien Widerstand leisten, habe ich hohen Respekt. Ich erwarte aber auch, dass sie die rechtlichen Konsequenzen tragen.«
Andreas Roth
Mahnwachen sind Gottesdienste
10. Februar 2011 von Redaktion DER SONNTAG
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Pfarrer Stephan Bickhardt ist Polizeiseelsorger in Leipzig. (Foto: Uwe Winkler)
Bei einem Fachtag am 1. Februar ging es in der Leipziger Peterskirche um das Vernetzen für die Demokratie unter dem Motto »Nächstenliebe – Polizei – Zivilcourage«. Darüber sprach Andreas Roth mit dem Leipziger Polizeiseelsorger Stephan Bickhardt.
Was können sie aus den Leipziger Erfahrungen mit rechtsextremen Demonstrationen den Dresdnern am 13. und 19. Februar empfehlen?
Bickhardt: Sogar aus der linken Szene hieß es: Das Beste waren die Mahnwachen der Kirchen. Alle haben sie wertgeschätzt. Sie sind auch eine große Chance für die Kirchen, ihren Glauben an den versöhnenden Gott vor ihre Türen zu tragen. Die 52 Mahnwachen der Leipziger Kirchen am 16. Oktober 2010 waren Gottesdienste. Wir sollten wachsam sein und drinnen wie draußen Position beziehen mit dem Evangelium des Friedens.
Wie kann das aussehen?
Bickhardt: Die Kirche ist offen und lädt Menschen ein mit Gebet und Musik. Es wäre auch gut, Gebete an Passanten zu verteilen. Wir müssen den Gottesdienst dorthin tragen, wo es Konflikte gibt.
Wie haben die Leipziger Polizisten damals auf die kirchlichen Mahnwachen reagiert?
Bickhardt: Für die Polizisten ist es eine große Unterstützung, wenn Christen die Friedfertigkeit mit Gebeten und Mahnwachen unterstützen. Das sagen sie immer wieder. Dies stiftet eine friedliche Atmosphäre.
Welchen Beitrag kann der gemeinsame Fachtag von Polizei, Kirche und zivilgesellschaftlichen Gruppen leisten?
Bickhardt: Wir haben im vergangenen Oktober bei den Gegenveranstaltungen zu den Neonazi-Demonstrationen die Erfahrung gemacht, dass es sehr hilft, wenn Polizei, Kirche und zivilgesellschaftliche Gruppen sich im Vorfeld kennen lernen und versuchen, die Rolle des anderen zu verstehen. Dafür braucht es Mut, aufeinander zuzugehen. Die Kirche ist ein guter Ort für solche Gespräche – das wissen wir seit 1989.
Wie erfolgreich sind solche Fachtage?
Bickhardt: Als die Evangelische Erwachsenenbildung vor anderthalb Jahren auf die Polizeiseelsorger mit dieser Idee zukam und am 1. Februar 2010 in Chemnitz der erste Fachtag stattfand, waren wir von der großen Resonanz überrascht – gerade unter Polizisten. In diesem Jahr hatten wir über 200 Teilnehmer, davon gut die Hälfte in Uniform. Wir als Kirche wollen die zivilgesellschaftlichen Gruppen und die Polizei im Kampf gegen den Rechtsextremismus nicht allein lassen. Deshalb soll es am 1. Februar 2012 in Görlitz wieder einen Fachtag geben.
Ins Zentrum gerückt
29. Januar 2011 von Redaktion DER SONNTAG
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Arbeitsatmosphäre im Dienstzimmer des Bischofs: Landesbischof Jochen Bohl (M.) mit seinen beiden Mitarbeitern, dem Persönlichen Referenten Pfarrer Urs Ebenauer (l.) und der Leiterin der Bischofskanzlei Cornelia Müller (r.). Fotos: Steffen Giersch
Bischofskanzlei: Gespräch mit Landesbischof Jochen Bohl zum Umzug in neue Räume im Dresdner Stadtzentrum.
Der Landesbischof hat neue Diensträume – und ist mit diesem Umzug in die Kritik geraten, auch bei den Lesern des Sonntags. Wir haben Landesbischof Jochen Bohl abschließend zu dieser Diskussion die dabei aufgetretenen Fragen gestellt.
Herr Landesbischof, Ihre Kanzlei ist umgezogen ins Zentrum der Landeshauptstadt. Verstehen Sie, dass nach dem Bekanntwerden im November Ihr Umzug Kritik ausgelöst hat – auch bei unseren Lesern?
Bohl: Natürlich verstehe ich das. Dass es Kritik geben würde, war mir im Vorfeld klar.
Warum war der Umzug nötig und warum jetzt?
Bohl: Der wesentliche Grund ist, dass eine Einrichtung wie die Bischofskanzlei nach meiner Überzeugung nicht an den Stadtrand, sondern in die Stadtmitte gehört. Dabei steht mir auch vor Augen, dass die römisch-katholische Kirche das Problem schon Anfang der 90er Jahre durch das Kanzleihaus gelöst hat.
Wie kam es überhaupt zu dem bisherigen Bischofssitz am Rande der Stadt in Dresden Blasewitz?
Bohl: Das war der Tatsache geschuldet, dass die Dresdner Innenstadt zerstört war. Die Landeskirche hat das Haus auf der Tauscherstraße 1952 gekauft. Jetzt erleben wir nach dem Aufbau der Frauenkirche, dass Dresden sein Zentrum zurück bekommt. Da ist es naheliegend, dass die Bischofskanzlei wieder in die Stadt verlegt wird. Im Übrigen haben seit mehr als 20 Jahren die Bischöfe nicht mehr in der Tauscherstraße gewohnt. Dort war die Wohnung des jeweiligen Bischofsreferenten, um ständig einen Ansprechpartner im Gebäude zu haben. Das ist in Zeiten von Anrufumleitung, E-Mail und Mobiltelefon keine Notwendigkeit mehr. Auch das war ein Grund, der für den Umzug gesprochen hat.

Das Haus Rampische Straße 29 ist ein von der Gesellschaft Historischer Neumarkt originalgetreu wieder aufgebautes Bürgerhaus vom Anfang des 18. Jahrhunderts.
Bohl: So ist es nicht. Das Landeskirchenamt hat im Vorfeld der Entscheidung eine Vollkostenrechnung gemacht und festgestellt, dass die Mietlösung in der Rampischen Straße nicht teurer ist als der Unterhalt der Villa in der Tauscherstraße. Denn dafür fallen ja auch Kosten an: Reparaturen, Unterhaltskosten, Grundsteuer und anderes. Diese Kosten werden gesondert in einem Grundstückshaushalt dargestellt. Ausschlaggebend war also, übrigens auch für die Kirchenleitung, die frühzeitig einbezogen war, diese umfassende Berechnung. Es ist ja selbstverständlich, dass man die Kosten im Griff behält.
Im Übrigen kommt es auf Grund des Zuschnitts der Grundstücke und der Preise in der Innenstadt nicht in Frage, hier selbst zu bauen. Schwierig war allerdings, dass es in der Innenstadtlage kaum ein Gebäude gibt ohne gewerbliche Nutzung. Es kann aber nicht sein, dass unten Geschäfte sind oder eine Gaststätte, an denen man vorbei muss, um zum Bischof zu kommen.
Insofern ist die Zusammenarbeit mit unserem Vermieter ein glücklicher Umstand. Das ist die »Kulturstiftung Historisches Bürgerhaus«, deren Stiftungszweck es ist, Wohnungen für Studierende der Musikhochschule anzubieten. Es gibt hier im Haus zehn kleine Wohnungen für Studenten und im Keller einen Probenraum. Für beide Seiten ist die Zusammenarbeit sinnvoll, auch die Stiftung freut sich über einen Mieter, der wie wir langfristig und zuverlässig Miete zahlt. Man könnte also zugespitzt sagen: Die Bischofskanzlei ist zur Miete in ein Studentenwohnheim gezogen.
Der Mietvertrag im neuen Haus ist befristet auf sechs Jahre. Wird der Bischofssitz ein wanderndes Büro?
Bohl: Die Befristung ist Vorsicht auch von unserer Seite. Wir wollen sehen, wie es sich bewährt.
Wäre es nicht günstiger gewesen, im kircheneigenen Haus zu bleiben, als von marktüblichen Mieten abhängig zu sein?
Bohl: Die Mieten steigen, wenn die Gebäudekosten steigen. Eine solche Entwicklung beträfe Eigentum wie Mieträume gleichermaßen. Unser Vermieter verfolgt keine gewerblichen Interessen.
Hätten sich in Zentrumsnähe nicht andere, kircheneigene Räume gefunden, etwa bei der Kreuzkirche?
Bohl: Vor der Entscheidung für diesen Standort wurde ein Konzept entwickelt, mit der Bischofskanzlei in das Haus an der Kreuzkirche zu gehen und dieses zu einem kirchlichen Zentrum innerhalb der Stadt zu machen. Dafür wurde leider kein Übereinkommen mit dem Kirchenvorstand gefunden.
Die Nähe der neuen Räume zur Frauenkirche lässt den Gedanken an Exklusivität aufkommen. Wie passen für Sie Repräsentation und der Auftrag der Kirche, an der Seite der Benachteiligten zu sein, zusammen?
Bohl: Wer das Haus sieht und betritt, wird nicht den Eindruck von Exklusivität haben. Es ist ein sehr schmales Gebäude. Unsere Kanzleiräume sind etwas kleiner als in der Tauscherstraße. Für mich steht die Frauenkirche nicht für Exklusivität, sondern für die Verkündigung des Evangeliums. Es ist einer der bedeutendsten Kirchenbauten in Deutschland und ich bin sehr dankbar, dass ich da gelegentlich predigen darf.
Wie fühlen Sie sich in ihrer neuen Kanzlei?
Bohl: Ich fühle mich wohl hier. Es ist zweckmäßig und es gibt auch für die Besucher nicht mehr so weite Wege. Manchmal vermisse ich die Mittagsspaziergänge an der Elbe.
Das Gespräch führte Christine Reuther.
Die Bischofskanzlei befindet sich jetzt auf der Rampischen Straße 29 in 01067 Dresden,
Telefon (03 51) 3 10 57 24, Fax (03 51) 3 40 02 81, E-Mail bischof@evlks.de
www.evlks.de/landeskirche/landesbischof/index.html
Es brennt in Sachsen
10. September 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Kemal Günes ist Türke – und integriert in Deutschland. Dann fliegen Brandsätze in sein Restaurant. Kein Einzelfall in Sachsen.
Kemal Günes ist es gewohnt: Dass er in einer Gaststätte eine halbe Stunde lang auf ein bestelltes Bier wartet – vergebens. Oder dass seine Beutel an der Supermarkt-Kasse misstrauisch untersucht werden – als würde er stehlen. Oder dass in seinem türkischen Restaurant mitten in Freiberg auf Ausländer geschimpft wird. »Dann mache ich so«, sagt Kemal Günes, der seinen richtigen Namen nicht veröffentlichen will, und hält sich seine Ohren zu.
Doch den Rauch in jener Sommernacht konnte er nicht mehr verdrängen. Beißend stieg er ihm in die Nase. Es war kurz nach drei, Kemal Günes hatte noch seinen Laden sauber gemacht und sich gerade hingelegt, da dachte er: »Vielleicht habe ich Brot im Ofen vergessen?« Als er zum Fenster auf die Straße hinuntersieht, quillt der Rauch schon aus der Gaststätte unter seiner Wohnung. Fenster und Tür des Lokals sind mit Steinen eingeworfen, Sitzbänke und Tische stehen in Flammen. Günes schiebt einen der mit Benzin getränkten Lappen auf die Straße – mit dem Fuß, seine Hose fängt Feuer.
Bereits zwei Nächte vor diesem 29. Juli hatte ein paar Straßen weiter in Freiberg ein Kebab-Imbiss gebrannt.
In Eilenburg wurden im Juni und Juli zwei Imbisswagen, deren Betreiber ausländische Wurzeln haben, ebenfalls Opfer von Brandanschlägen.
In Döbeln wurden im Juli Autos eines gegen Rechtsextremismus aktiven Vereins angezündet, und in Dresden im August zwei links-alternative Häuser, in denen Erwachsene und Kinder schliefen.
Am 29. August brannte die Begräbnishalle des Neuen Jüdischen Friedhofs in Dresden – und am 5. September ein Asia-Imbiss in Brandis bei Leipzig.
»Allein im ersten Halbjahr 2010 gab es 120 rechtsextreme und rassistische Gewalttaten in Sachsen«, sagt Juliane Wetendorf von der Opferberatungsstelle RAA in Chemnitz. »Im Vergleich zum letzten Jahr ist das ein leichter Anstieg. Auffällig sind 2010 vor allem die zwölf Brandanschläge und ihre Brutalität.«
Das Landeskriminalamt (LKA) ist zurückhaltend mit Vermutungen über die Täter. Zwar ermittelt in einigen Fällen die Sonderkommission Rechtsextremismus. Doch LKA-Sprecherin Silvaine Reiche sagt: »Erfahrene Kollegen schließen einen rechtsextremen Hintergrund nicht aus – aber die Taten müssen nicht unbedingt politisch motiviert sein.«
Der Mann, der vermutlich das Restaurant von Kemal Günes angezündet hat, wurde von der Polizei mittlerweile gefasst. Ein schon vorher straffälliger und arbeitsloser 26-Jähriger, der angab, grundsätzlich nichts gegen Ausländer zu haben – nur leisteten sie so wenig für das Aufblühen der regionalen Wirtschaft. Deshalb die Brandsätze. Auch warf er in der selben Nacht vermutlich noch die Steine in einen Asia- und einen Orient-Imbiss schräg gegenüber von Günes’ Gaststätte. Ob das Rassismus ist, muss ein Gericht klären.
Das Urteil für Kemal Günes ist schon gesprochen. Verloren wie ein Fremder steht er in seinem Restaurant: Schwarz verkohlt sind die einst grünen Wände, Kabel hängen von der Decke, der Tresen ist nur noch ein Gerippe. »Alles Schrott, alles kaputt«, sagt er leise, sieht zu Boden und ringt um Fassung. Die Versicherung wird ihm 10.000 Euro zahlen, die Stadt Freiberg bittet um Spenden. Sein Schaden aber beträgt 60.000 Euro. »Ich habe keine Kraft mehr, und kein Geld«
Kemal Günes war ganz anders als die Ausländer in der Propaganda der neuen Nazis: Er hat in Deutschland sein eigenes Geld verdient, hat Steuern gezahlt, lag dem Staat nicht auf der Tasche. Seit dem Brandanschlag braucht er Hartz IV, es ist ihm sichtlich unangenehm.
Letzte Nacht erst prangte wieder ein Aufkleber auf seinem Briefkasten. Darauf ein Mann in Hitler-Pose, mit erhobenem Arm.
Andreas Roth
Spendenkonto des Vereins RAA Sachsen für die Opfer der Brandanschläge
Konto: 643998600, BLZ: 85080200, Verwendungszweck: Brandanschläge
Schätze sammeln
20. August 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Die sächsischen Kirchgemeinden sollen Schatzkisten füllen und sich damit beim Kirchentag 2011 vorstellen.

Tabea Köbsch zwischen Stapeln von ungefalteten Pappkartons in der Geschäftsstelle des Kirchentags in Dresden. In diesen Tagen werden die künftigen »Schatzkisten« an die Gemeinden verteilt. (Foto: Steffen Giersch)
»Es ist Tradition bei Kirchentagen, dass die gastgebenden Gemeinden etwas zusammentragen«, sagt Tabea Köbsch von der Geschäftsstelle des Kirchentags in Dresden. »In Köln waren es Fässer, die jede Gemeinde mit heimatlichem Wasser gefüllt hat, in Bremen waren es Schiffe, die als Symbole dienten.«
Was aber könnte für Dresden, für Sachsen als Symbol stehen? »Dresden ist die Stadt der Schatzkammern, im Erzgebirge wurden die Schätze gefördert«, sagt Tabea Köbsch. Deshalb sollen es Schatzkisten sein. Doch sie sollen nicht mit Schätzen solcherart gefüllt werden. Hintergrund ist die Kirchentagslosung aus der Bergpredigt: »… da soll auch dein Herz sein.« Dieser Vers bezieht sich auf die himmlischen Schätze. Und deshalb heißt die Aktion auch »Die andere Schatzkammer«. Die Kirchgemeinden sollen sammeln, was ihnen am Herzen liegt.
Sie selbst würde in ihrer Gemeinde Dresden-Laubegast etwas hineintun, das für die Gemeinschaft steht, sagt Tabea Köbsch. Oder für die Arbeit mit Kindern: »Denn die sind unser Reichtum.« Wie die Schatzkiste gefüllt wird, ist jeder Gemeinde selbst überlassen: Fotos, etwas Gebasteltes, schriftliche Wünsche oder gar Handwerkskunst aus dem Erzgebirge. Bis Ende März ist Zeit dafür. Die leeren Kartons werden in den nächsten Tagen an die Gemeinden geschickt. Ein frankierter Paketaufkleber für die Rücksendung liegt bei.
Inzwischen überlegen sich Architekturstudenten der TU Dresden, wie die vielen Schatzkisten auf dem Kirchentag präsentiert werden könnten. Candy Lenk bereitet dafür ein Seminar vor. Für den TU-Mitarbeiter ist das Thema »Schätzsammeln« spannend. »Einerseits liegen Schätze im Verborgenen und sicher verwahrt in Tresoren, andererseits heißt Ausstellen, das Publikum teilhaben lassen«, beschreibt er den Spannungsbogen, den er mit den Studenten durchdenken will.
Zugleich sollen Möglichkeiten der Präsentation in unterschiedlichen Materialien untersucht werden. »Es ist noch völlig offen, wie und wo die Präsentation stattfindet«, so Lenk. Es könnte auf einer großen Landkarte sein oder in Verbindung mit einer Internetaktion. »Es macht Lust, darüber nachzudenken«, so der Architekt.
Lust an der Mitwirkung will auch Tabea Köbsch wecken. Sie will die Aktion als einen Impuls sehen, als Kirchgemeinde nicht unter sich zu bleiben, sondern mit der Schatzsuche aus der Kirche hinauszugehen: Das Befüllen zu einer gemeinsamen Aktion mit Kommune oder örtlichen Vereinen zu gestalten, kirchliche Feste wie Erntedank oder den Kirchentagssonntag am 6. Februar zum Anlass zu nehmen.
Christine Reuther
Die Aktion endet am 30. März 2011. Die Schatzkisten werden beim Kirchentag 2011 in Dresden präsentiert. DER SONNTAG berichtet, wenn Sie uns ein Foto von den Schätzen oder vom Einpacken der Schatzkiste schicken: E-Mail: redaktion@sonntag-sachsen.de
Der Kirchentag in Dresden im Internet: www.kirchentag.de
Fettbemmen und Alphörner
10. Juni 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Vor der Martin-Luther-Kirche informieren Mitarbeiter des Kirchentags über das 2011 kommende Ereignis, dessen Vorbereitungsphase mit einem Gottesdienst in der Kirche eingeläutet wurde.
Zur »Nacht der Kirchen« in Dresden luden 63 Gemeinden mit originellen Ideen ein
Kurz nach 18 Uhr. Aus dem modernen, hellgrauen Eckhaus im Dresdner Stadtteil Löbtau tönt Kindergesang. Davor steht ein Aufsteller mit einem Plakat: »Nacht der Kirchen«. Drinnen sitzen sieben Mädchen und ein kleiner Junge auf Stühlen. Unter ihnen ist Dorothea. Sie ist zum ersten Mal hier und wird extra begrüßt. »Was tun wir denn so gerne hier im Kreis?«, singen die Kinder. »Tanzen, tanzen«, und sie drehen sich um die eigene Achse. Ihre Eltern beteiligen sich an dem Bewegungsspiel. Die freikirchliche Adventgemeinde hat zum Kinderprogramm eingeladen. So wie viele der 63 Gemeinden unterschiedlicher Konfessionen beginnt sie damit ihr Programm zur »Nacht der Kirchen«.
Mit dem Singspiel »Die drei Mutmacher« lädt die Kurrende der evangelischen Kirche im Stadtteil Weißer Hirsch Kinder und Eltern ein. Andreas Beuchel, jetzt Rundfunkbeauftragter, gehört zu dem Initiativkreis, der die »Nacht der Kirchen« vorbereitet. Vier Jahre war er hier Gemeindepfarrer. An diesen Abenden habe er immer wieder Menschen getroffen, die er sonst nur auf der Straße, nie aber in der Kirche sehe, erzählt er. Die Aktion biete Gelegenheit, mit den Nachbarn ins Gespräch zu kommen. »Wir gehen nach draußen und nehmen den Menschen ihre Angst, die Kirchenschwelle zu überschreiten.« Ein Imbiss mit »Fettbemmen«, Mineralwasser und Apfelsaft komme gut an. Häufig ergäben sich dabei Gespräche. »Wir haben es mit der Nacht der Kirchen geschafft, dass die Dresdner ihre Kirchen nicht nur als Baudenkmäler, sondern auch als Orte der Begegnung wahrnehmen«, sagt Beuchel.
Manche wiederum trauten sich herein, weil sie gerade nicht angesprochen würden, sagt Klemens Ullmann, Pfarrer an der katholischen Hofkirche. »Sie schätzen diese Freiheit, hereinkommen zu können, ohne vereinnahmt zu werden.« Um die viertausend sind es in der Kathedrale diesmal, die diesen Abend dazu benutzen.
Gerade die kleineren Kirchen in den Stadtteilen sorgen mit ungewöhnlichen Angeboten für Vielfalt. In der evangelischen Philippuskirche im Plattenbaugebiet Gorbitz demonstriert Kantor Gerhard Ullmann 14 staunenden Zuhörern, wie er mit Hilfe moderner Aufnahmetechnik allein ein Trio für Klavier, Akkordeon und Geige spielen kann. Musik prägt auch diesmal die Programme. Oft sind es die Orgeln. Kantor Christian Thiele hat einen ganzen »Orgelspaziergang« zu Instrumenten in vier Kirchen organisiert. Die Markuskirche überrascht mit jazzigen Improvisationen über Lieder aus dem Gesangbuch, die Friedenskirche mit vier selbst gebauten Alphörnern, gespielt von Mitgliedern des Posaunenchors.
In der Martin-Luther-Kirche steht der Kirchentag 2011 im Mittelpunkt. Hier ist Reinhard Höppner zu Gast. Der frühere Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt gehört zum Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentags und will mit seiner Kirchentagsbegeisterung die Zuhörer anstecken, »weil es ein ziemlich einmaliges Ereignis sein wird«. Der Kirchentag sei eine große Bewegung, die nicht kleinzukriegen ist. Viele Teilnehmer des Ökumenischen Kirchentags in München hätten ihm erzählt, dass sie sich auf Dresden freuen. »Und es ist ja eine schöne Stadt«, so Höppner.
Tomas Gärtner/Christine Reuther
Die Angst ist weg
20. Mai 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Die Steine der Dresdner Frauenkirche erzählen von Krieg und Versöhnung. Den Geist des Friedens wollen Pfarrer Sebastian Feydt und Stephanie Kubsch mit dem EVA-Festival Jugendlichen näher bringen. Foto: Steffen Giersch
Das Engagement von Jugendlichen für Frieden wird gebraucht. Daran besteht für Landesbischof Jochen Bohl kein Zweifel. Doch sind sie auch bereit dazu? »Jugendliche bekommen viele Informationen über Unfrieden auf der Welt«, meint Landesjugendpfarrer Tobias Bilz. »Und sie machen ihre eigenen Erfahrungen mit Verletzung und Zerstörung. Wir müssen deshalb fragen: Was betrifft euch persönlich?«
Eine Plattform dafür will »EVA 2010« als »Peace Academy« (Friedensakademie) vom 21. bis 24. Mai in der Dresdner Frauenkirche bieten. Es ist eine Art Workshop-Festival. Knapp 200 Teilnehmer haben sich angemeldet, unter ihnen 30 aus dem Ausland, vor allem aus Osteuropa, wie Projektleiterin Stephanie Kubsch sagt.
Mit Friedensfragen im weltpolitischen Sinn beschäftigt sich lediglich ein Workshop: mit der militärischen Lösung von Konflikten am Beispiel Afrikas. Andere widmen sich Themen wie Zivilcourage, häusliche Gewalt oder Mobbing und Ausgrenzung. Frieden wird hier umfassender verstanden: als Gewaltfreiheit.
Die EVA-Veranstalter setzen auf Planspiele und Erlebnisse. So sollen die Jugendlichen Wunden der Zerstörung in der Frauenkirche auf einem »spirituellen Erfahrungsweg« nachspüren. Inhaltlich mitgestaltet hat ihn Johannes Neudeck, Generalsekretär des sächsischen CVJM-Landesverbandes. Der 49-jährige Theologe war elf Jahre im Auftrag der Evangelischen Allianz in Bosnien und Kroatien, als dort noch Krieg herrschte. Anfang September soll er Friedensbeauftragter der sächsischen Landeskirche werden.
Damit bekommt christliche Friedensethik ein größeres Gewicht. Neu ist auch: Zur Friedensarbeit kommt Versöhnungsarbeit, der Beauftragte übernimmt dazu Aufgaben an der Dresdner Frauenkirche. Friedensarbeit in der sächsischen Landeskirche hat viele Facetten: Friedensgebete, Beratung von Wehrdienstverweigerern und Zivildienstleistenden, Weiterbildungen, Beteiligung an größeren Aktionen wie der Friedensdekade im November beispielsweise. Einzelkämpfer und kleine Gruppen engagieren sich hier, sagt Annemarie Müller, Friedensreferentin im Ökumenischen Informationszentrum Dresden (ÖIZ). Jugendliche seien selten darunter. »Die kirchliche Friedenszene in Sachsen befindet sich im Schlummerdasein.«
Das Antikriegsthema zog in den 80er-Jahren noch viele Jugendliche zum Friedensseminar nach Königswalde. Heute stößt es auf wenig Interesse, hat Hansjörg Weigel als Mitorganisator festgestellt. »Die meisten Jugendlichen kamen, als wir über Tod, Sterben und die Hospizbewegung diskutiert haben«, erzählt er. Krieg in Afghanistan, Atomwaffen – »Wo ist die Angst hin?« , fragen sich Weigel und seine Mitstreiter im Vorbereitungskreis, zu dem auch drei Studenten gehören.
Bei seinen Gesprächen in Schulen hat Georg Meusel, Leiter des Martin-Luther-King-Zentrums für Gewaltfreiheit und Zivilcourage in Werdau, erfahren: »In jeder Klasse gibt es ein paar an Friedensfragen Interessierte. Doch es fehlt jemand aus der Kirche, der sie um sich scharen könnte.« Bei den letzten Friedensmärschen in Zwickau ist ihm deutlich geworden, dass dies inzwischen andere tun: die Linkspartei beispielsweise.
Tomas Gärtner
EVA im Internet www.eva-festival.de
Vorsicht: Kitschfalle
25. März 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Brisant klingt sie nicht gerade, die Losung für den Kirchentag 2011 in Dresden – auf den ersten Blick jedenfalls. Ein »Herz« leuchtet uns aus einem Halbsatz entgegen. Das weckt widersprüchliche Assoziationen. Der kundige Christ denkt ans Gefühl, ans Pendant zu Vernunft und Geist, ohne das kein Glaube auskommt.
Der Protestant schlägt seine Bibel auf, um sich des ersten Teils des Satzes zu erinnern. Er stößt auf den Schatz, wo sein Herz sein wird – und findet sich mitten in der Bergpredigt wieder.
Viele Kirchenferne aber – und das sind in Dresden nun einmal die meisten Menschen – werden das Wort so nehmen, wie sie es aus ihrem Alltag kennen: als ein Zeichen für Gefühligkeit, die Seligkeit der Schlagerwelt womöglich. Die Kitschfalle öffnet sich. Der assoziative Absturz ins »Herzilein« droht.
Wir Protestanten werden im Juni 2011 in viele fragende Augen schauen und einiges zu erklären haben. Zudem war in den zurückliegenden Jahren zu beobachten, wie gerade junge Kirchentagsbesucher sich mit dem guten Gemeinschaftsgefühl begnügen und die politischen Debatten den Älteren überlassen.
Dabei könnte diese Emotionalität der Jüngeren Diskussionen gerade befeuern: Benutzen wir souverän Produkte, bedenken die Folgen? Oder werden wir als Konsumenten von Werbung und Markt benutzt? Wie viel unserer seelischen Energie binden Gelderwerb, Kaufen, Internet und TV? Wie könnte ein Leben jenseits von Shopping-Malls und Bildschirm aussehen? Und was hat dies mit meinem Glauben zu tun?
Verstehen wir die Kirchentagslosung so, als Aufforderung zu mehr Tiefgang im Meinungsstreit, woran es dem parteipolitischen Hickhack fehlt, dann ist sie das richtige Signal.
Tomas Gärtner
»So eine Art Nomade«
30. Oktober 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Ostsachsen, Sachsen
Das Büro für den Deutschen Evangelischen Kirchentag 2011 in Dresden ist eröffnet. Dessen Leiter Volker Knöll ist mal wieder Stadtbürger auf Zeit.

Noch sieht alles sehr provisorisch aus: Volker Kröll in der Dresdner Geschäftsstelle des Deutschen Evangelischen Kirchentages, in der er dieses Großereignis für 2011 mit seinen Mitarbeitern vorbereitet. Foto: Steffen Giersch
Volker Knöll ist jetzt ein Dresdner. Vorher war er Bremer. Geboren und aufgewachsen ist der 39-jährige Betriebswirt und Non-Profit-Manager in Südhessen. Viele Menschen knüpfen ihre Identität an ihren Wohnort. Würde Volker Knöll dies tun, müsste er sie alle zwei Jahre wechseln, im Rhythmus des Deutschen Evangelischen Kirchentages.
Als Geschäftsführer gehört er zur mobilen Truppe des Großereignisses, zu dem in Dresden vom 1. bis 5. Juni 2011 um die 100 000 Menschen erwartet werden. »Ich bin so eine Art Nomade«, sagt er. Auch »Handwerker« oder »Wanderzirkus« würden er und die rund 80 Mitarbeiter der Geschäftsstelle genannt, meint er und lacht. Freundlich, agil, offen, humorvoll – so wirkt er bei der Eröffnung der Geschäftsstelle. Die befindet sich nur ein paar Schritte entfernt vom Dresdner Zwinger.
Seine neue Wohnung hat Volker Knöll im Stadtteil Striesen gefunden. Gemeinsam mit seiner Verlobten. Auch sie gehört zu den Organisatorinnen des Kirchentages. Ein Glücksfall – die Belastungsprobe für das Familienleben entfällt. Auch die anderen drei Geschäftsführer, die ihm folgen, müssen die Kirchentagsstadt zu ihrem Hauptwohnsitz machen. Kisten packen und die gesamte Einrichtung im Laster verstauen, sei für ihn schon fast zur Routine geworden, sagt Knöll. »Nach dem dritten Umzug hat man sich daran gewöhnt, dass es IKEA-Möbel gibt.«
Aber sich mit Haut und Haaren auf den neuen Ort einzulassen, gehöre nun einmal dazu. Die schwierige Seite dieses fortwährenden Wechsels für ihn: »Dass man ständig sein soziales Umfeld wechseln muss. Menschen, die man erst intensiv kennen gelernt hat, muss man wieder loslassen.«
Sich gründlich umzusehen – das wird auch in Dresden seine Haupttätigkeit sein. Immer mit dem prüfenden Veranstalter-Blick: Welche Wiese eignet sich für einen Gottesdienst unter freiem Himmel? Wo kann eine Bühne stehen? In welche Halle passen wie viele Menschen? Für diese Touren will er den Dienstwagen stehen lassen und sich aufs Fahrrad schwingen.
In der Geschäftsstelle herrscht reges Kommen und Gehen. Das werde so bleiben, sagt Volker Knöll. »Unsere Arbeit hat eine hohe Dynamik.« Für die Inhalte ist das Büro in Fulda zuständig. Er und seine Mitarbeiter haben das Terrain technisch vorzubereiten. Es wird Abteilungen geben für Möbel, Computer, Telefone, für Transport, Raumplanung, Quartiere.
»Ich habe hier die Funktion eines Dirigenten mit Orchester«, sagt Volker Knöll. Er muss darüber wachen, dass nicht mehr ausgegeben wird als im Haushalt zur Verfügung steht – voraussichtlich werde sich dieser Betrag um die 14 Millionen Euro bewegen.
Tomas Gärtner
Geschäftsstelle 33. Deutscher Evangelischer Kirchentag Dresden 2011 e. V., Ostra-Allee 25, 01067 Dresden, Telefon (03 51) 79 58 50
www.kirchentag.de
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