Der Riss in der Seele

22. Juli 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Für kranke Seelen gibt es Krankenhäuser. Dort stellen sich mitunter große Fragen: nach Liebe, nach Sinn und Sinnlosigkeit, nach Gott.

Ihren Blick hat die junge Frau in sich gekehrt. Ein rosa Schaltuch über das karierte Kleid geworfen, sitzt sie da. »Sie sehen so traurig aus«, sagt der Pfarrer. »Kommen Sie mit, es tut Ihnen gut. Sie müssen auch nichts sagen.« Sie steht auf, kommt mit. Und sagt nichts.

Drei Tage, fünf Tage, acht Tage, zwei Wochen – die sechs jungen Männer und Frauen, die sich in dem Raum um Pfarrer Rainer Petzold versammeln, nennen ihre wichtigsten Zahlen. Bei Nadine Krause (Namen aller Patienten geändert) sind es zehn Tage. Zehn Tage ist sie nun schon in der Drogenstation des Sächsischen Krankenhauses Arnsdorf. Zehn Tage Entgiftung vom Heroin.

Ein Gegengift, das der Krankenhausseelsorger jeden Mittwoch anbietet, ist das Gespräch über die Liebe: über die Nächstenliebe und die Liebe zu sich selbst, wie Jesus sie sah. Und über das schmerzliche Vermissen von Liebe. Über diesen Phantomschmerz, diese Wurzel der Sucht. Die traurige junge Frau auf dem Ledersofa beugt sich vor und hört aufmerksam zu. Sie lächelt kurz.

»Der Pfarrer hat mir Seiten an mir gezeigt, die ich so noch nicht gesehen habe – dass ich auch gute Seiten habe«, sagt die 28-Jährige. »Jetzt will ich Ruhe in mir finden. Ich glaube an Gott.«

Die Arnsdorfer Psychiatrie mit ihren sanatoriumsartigen Häusern liegt still in der Sommerglut. Der evangelische Klinikseelsorger Rainer Petzold begegnet hier Patienten, die sich für Jesus halten. Oder solchen, die sich in tiefster Depression von Gott und der Welt verlassen glauben. Andere hören Stimmen. Wieder andere werden von schweren Schuldgefühlen geplagt – obwohl sie niemandem etwas zu Leide taten.

Auf der Akut-Station wird Rainer Petzold von einem Lied empfangen. Anna Duricova hat ein lateinisches Zitat aus ihrem Gespräch mit dem Seelsorger flugs vertont. Nun singt die kleine Frau mit den ausdrucksstarken Augen und dem grünen Kleid. Sie ist hier, weil sie auf der Straße vor ihrer Wohnung gemalt und laut gesungen hatte. Eine Psychose, teilte man ihr mit.

»Ich brauche einen Geist, der zuhört und zum Gespräch bereit ist, wenn alle anderen versagen«, sagt die 47-Jährige Künstlerin über ihre Gespräche mit dem Pfarrer. »Mein Thema ist immer: woher, wohin und warum? Ich suche Antworten.«

Eine Antwort hat sie schon gefunden: Ihre Krankheit habe sie dazu gebracht, die Erde und die Menschen zu achten. Doch warum Jesus an einem Folter-Kreuz sterben musste, und warum überhaupt so viel Leid auf der Welt ist – diese Fragen in den Seelsorgegesprächen machen ihre glänzenden Augen klein und hart. Es ist ein Leiden, das keine Medizin lösen kann.

Am andere Ende des Krankenhausgeländes sitzt Klaus Reichelt in seinem Zimmer und kann kaum mehr beten. »Nur noch, wenn der Pfarrer freitags kommt«, sagt er. Einst war er selbst Pfarrer, man sieht es dem stillen Mann mit den klugen Augen unter der hohen Stirn noch an. Vor 30 Jahren war das, bis die Wahnvorstellungen kamen. Nun freut er sich an den Enten im Teich, das Reden fällt ihm schwer. Theologische Bücher hat Reichelt nicht mehr. Dafür den Sonntagsgottesdienst in der Krankenhauskirche.

Ein letztes Lied auf der Drogenstation. Fast sprechend fallen die Jugendlichen in des Gesang des Pfarrers ein. »Zwei Wochen habe ich hier noch vor mir«, sagt Nadine zu Rainer Petzold. Unruhig sieht sie zu Boden. Sie kämpft gegen das Heroin, gegen ihre Sucht, gegen die Gedanken an ihre kranke Mutter. Noch kämpft sie. Der Seelsorger macht ihr Mut.

Keine fünf Minuten später kommt eine Krankenschwester: Nadine hat sich entlassen. Sie ist weg, hat sich schutzlos ihrer Sucht ausgeliefert. Einen Zettel nahm sie mit, den sie sich vom Pfarrer gewünscht hatte. Darauf eine Zeile aus Schillers »Ode an die Freude«: »Wer auch nur eine Seele /sein nennt auf dem Erdenrund! / Und wer’s nie gekonnt, der stehle / weinend sich aus diesem Bund!«

Andreas Roth