Laut in stiller Nacht
17. Dezember 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen, Westsachsen
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Seit 466 Jahren läutet die Ehrenfriedersdorfer Lautbruderschaft mit der Hand

Ehrensache in Ehrenfriedersdorf: Olaf Werner (li.) und Dieter Stahl (r.) sind Mitglieder der Turmlautbruderschaft und bringen die 3,7 Tonnen schwere Kirchenglocke mit ihrer Muskelkraft zum Klingen. Foto: Steffen Giersch
Wenn die stille heilige Nacht am stillsten ist, steigen sechs Männer die Anhöhe empor zur Ehrenfriedersdorfer St. Niklaskirche. Sie erklimmen die 81 Stufen hinauf über das Gewölbe das alten Gotteshauses, vorbei an den Turmfalken, stoßen die mächtigen Fensterläden des Wehrturms weit auf und sprechen ein Gebet. Dann ziehen sie an den Seilen der großen Glocke, dass ihr Ton weit hinaus über das Erzgebirgsstädtchen schallt. »Früh um vier sind wir die ersten, die die frohe Botschaft von der Geburt Jesu in die Welt hinausrufen. Das ist ergreifend«, sagt Eckehard Röder, der sich mit den anderen fünf Männern aller fünf Minuten beim ziehen der 3,7 Tonnen schweren Glocke abwechselt. Eine Stunde lang, in bitterer Kälte.
Unten im Tal der Wilisch funkeln die Schwibbögen in den Fenstern. »All die Lichter in der Heiligen Nacht von hier oben zu sehen, das ist gigantisch«, schwärmt Olaf Werner. Und es ist wohl in ganz Deutschland einmalig, was den selbstständigen Treppensanierer Werner und den Krankenpfleger Röder mit 37 anderen Ehrenfriedersdorfer Männern verbindet: Sie bilden zusammen die Turmlautbruderschaft. Abwechseln läuten sie an jedem Sonnabendabend, zum Sonntagsgottesdienst, zu Beerdigungen, zum Jahreswechsel und zu Weihnachten, Ostern und Pfingsten.
Der jüngste Bruder ist 21 Jahre alt – und man bleibt Bruder bis zum Tod. So will es die altehrwürdige Tradition der christlichen Bruderschaft. Gegründet wurde sie, als die Ehrenfriedersdorfer Kirchgemeinde im Jahr 1543 ihre große Glocke in Freiberg gießen ließ. Seitdem wandert das Amt des Läutens in der Bruderschaft von Generation zu Generation. Der 34-jährige Eckehard Röder wurde vor zehn Jahren von seinem Schwiegervater dazugeholt. Nun ist er für ein Jahr selbst Oberbruder und hat drei junge Männer gewonnen, die auf dem traditionellen Convent der Bruderschaft Anfang Januar aufgenommen werden.
»Für mich ist das Läuten eine Art praktischer Gottesdienst. Man kann Gott dabei mit der eigenen Hand dienen«, erklärt Röder, warum sich Männer immer wieder für dieses Ehrenamt begeistern. »Hauskreise sind oft so abstrakt.« Der Kirchner Dieter Stahl bringt es auf die handfeste Formel: »Das ist für uns Ehrensache.«
Eine Frage der Ehre ist es für die Brüder auch, unter den niedrigen Balken des Glockenbodens bis auf eine weiße Plastikuhr nichts Modernes zuzulassen. Auf der Pappschachtel mit dem Gehörschutz liegt eine dicke Staubschicht. Und neben den Glockenseilen rostet das mechanische Läutewerk. 1913 wurde es ein-, 1935 wieder ausgebaut. Ein eisernes Monster. »Es war zu unzuverlässig«, grinst Olaf Werner. »Einfach irreparabel.«
Andreas Roth
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