Isoliert

3. Dezember 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Kommentar

Foto: Katerina Chuchuva, sxc.hu

Foto: Katerina Chuchuva, sxc.hu

Die Babyklappe ist keine zufriedenstellende Lösung. Zumindest in dieser Hinsicht haben die Mitglieder des Ethikrates recht. Jedes Kind sollte als Jugendlicher zumindest die Möglichkeit haben zu erfahren, wer seine Eltern sind. Natürlich sind Babyklappe oder anonyme Geburt stets nur Notlösungen, die Schlimmeres verhindern wollen. Wenn sie auch nur das Leben eines einzigen Kindes retten, haben sie ihre Berechtigung – solange es keine bessere Alternative gibt.

Doch die Diskussion darüber sollte um eine viel wichtigere ergänzt werden: Wie lässt sich verhindern, dass junge Frauen in jene Notlagen geraten, in denen sie ihr Kind aussetzen oder, schlimmer noch, es umbringen? In all diesen Fällen sind sie während der Niederkunft, in einem Moment, in dem sie so bedürftig nach dem Beistand anderer Menschen sind wie sonst nie, allein gelassen. Da sind Affekthandlungen nicht auszuschließen.

Ein jeder solcher Extremfälle ist Symptom für ein Versagen der Mitwelt, die diese Isolation nicht hat verhindern kann. Oft hängt die mit Arbeitslosigkeit und Armut zusammen. Nehmen die zu, werden sich immer mehr ganze Familien isolieren. Deswegen wäre es fatal, wenn beim geplanten Betreuungsgeld nicht differenziert vorgegangen und damit sozialen Problemfamilien der Rückzug aus Betreuungsangeboten für ihre Kinder noch geebnet wird. Die Skepsis der neuen Bundesfamilienministerin Kristina Köhler hierbei ist berechtigt und sollte Anlass sein, eine sorgfältigere gesetzliche Regelung zu schaffen.

Einer Studie der Stiftung »Pro Kind« zufolge helfen schon regelmäßige Hausbesuche in sozial benachteiligten Familien, drohende Entwicklungsstörungen bei Kindern zu vermeiden. Vielleicht auch Schlimmeres.

Tomas Gärtner

Klappe zu?

3. Dezember 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Sachsen, Westsachsen

Die Babyklappen in Südsachsen wollen Leben retten – trotz Kritik des Ethikrates

»Es ist ein allerletzter Ausweg«, sagt Cathrin Schauer und zeigt die Babyklappe ihres Vereins Karo e. V. in Plauen. Sie will verhindern, dass Mütter in Not ihr Neugeborenes töten oder aussetzen. Foto: Ellen Liebner

»Es ist ein allerletzter Ausweg«, sagt Cathrin Schauer und zeigt die Babyklappe ihres Vereins Karo e. V. in Plauen. Sie will verhindern, dass Mütter in Not ihr Neugeborenes töten oder aussetzen. Foto: Ellen Liebner

Die Tür des Hauses nahe dem Unteren Bahnhof in Plauen steht immer offen. Mütter in Not können unerkannt zu ihr hineinkommen, ihr Neugeborenes durch eine Klappe in ein Wärmebett legen und ebenso unerkannt wieder verschwinden. Erst sieben Minuten später wird das Vogtlandklinikum alarmiert. Der Betreiber der Babyklappe – der Plauener Frauenschutzverein Karo e. V. – will so Müttern in Not die Strafe ersparen – und ihren Kindern den Tod. Ein allerletzter Ausweg soll das sein, den es nicht gab, als im Vogtland vor Jahren Mütter ihre Babys in Sparkassenfilialen aussetzten oder gar töteten.

In der letzten Woche aber hat die Mehrheit des Deutschen Ethikrates befunden: Babyklappen sind nicht ethisch und rechtlich problematisch und sollten abgeschafft werden. Die Betreiber dieser Hilfsangebote in Südsachsen aber – neben dem Plauener Karo e. V. das Klinikum Chemnitz und die Helios-Klinik in Aue – sehen das anders und wollen ihre Babyklappen weiter geöffnet halten.

Die Mehrheit des mit Juristen, Medizinern, Theologen und Philosophen besetzten Ethikrates bezweifelt, dass Babyklappen überhaupt Leben retten. In der Tat ist das schwer zu beweisen – aber auch schwer zu widerlegen, denn sie leben von der Anonymität. Bei der seit einem Jahr bestehenden Plauener Babyklappe sind bislang noch keine Neugeborenen abgegeben worden. Die Helios-Klinik in Aue macht keine Angaben. Im Babykorb des Chemnitzer Klinikums aber lagen in den letzten acht Jahren bereits 16 Kinder. »Auch wenn das sicher nicht nur an der Babyklappe liegt: Nach meiner Kenntnis hat es in dieser Zeit im Raum Chemnitz keine Aussetzungen oder Tötungen von Neugeborenen gegeben«, sagt Kliniksprecher Uwe Kreißig.

Ihre Eltern aber werden die anonym abgegebenen Kinder niemals kennenlernen, kritisiert der Ethikrat. Das verletze ihre Grundrechte. »Doch das Recht auf Leben liegt über dem Recht auf Kenntnis der eigenen Abstammung«, meint Cathrin Schauer vom Karo e. V.
Immerhin liegt in den Babyklappen ein Brief, mit dem Mütter auch noch später einen Weg zu ihrem abgegebenen Kind finden können. »Bei drei der bei uns abgegebenen 16 Babys haben sich die Mütter nach einigen Wochen gemeldet, so dass die Kinder nicht zur Adoption freigegeben werden mussten«, so der Sprecher des Chemnitzer Klinikums Uwe Kreißig.

Als Alternative zu den von ihm mehrheitlich kritisierten Babyklappen schlägt der Ethikrat die Verstärkung der Hilfsangebote für Mütter in Notlagen vor. »Auf die weisen wir in Beratungsgesprächen sowieso hin«, so Cathrin Schauer. »Gemeinsam mit den Frauen suchen wir nach Alternativen.« Doch die Sozialarbeiterin weiß auch: Jene Frauen, die überwältigt von ihren Gefühlen und ihrer Hilflosigkeit ihr Baby töten, haben keine Zeit für Beratungsgespräche. »Man muss akzeptieren, dass es Menschen in solchen Notlagen und mit solchen Ängsten gibt. Und dafür muss es eine allerletzte Alternative geben.«

Andreas Roth