Das liebe Geld

1. Juli 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Am 1. Juli 1990 wurde im Osten Deutschlands die D-Mark eingeführt. 20 Jahre danach ist der Finanzdruck für die sächsische Landeskirche groß.

Hoffnungen hat sie geweckt und Enttäuschungen hervorgebracht: die D-Mark, als sie am 1. Juli 1990 im Osten Deutschlands eingeführt wurde. Heute, zwanzig Jahre später, hat Reinhard Kersten, Finanzdezernent der sächsischen Landeskirche, da und dort den Ruf nach der D-Mark abermals vernommen. Diesmal als Ausweg aus den Euro-Turbulenzen. Doch das hält er für illusorisch.

Wirtschaft und Finanzsystem in Deutschland müssten mit den derzeit alles andere als komfortablen Bedingungen zurechtkommen, ebenso die sächsische Landeskirche. Diese habe die jüngste Finanzmarktkrise noch glimpflich überstanden, sagt Kersten. Ein Grund sei: »Als Kirche verfolgen wir eine viel konservativere und klassischere Anlagepolitik.« Und selbst beim schlimmstmöglichen Ereignis, dem Totalausfall aller Zinseinnahmen, würde das im 160-Millionen-Euro-Haushalt der Landeskirche mit lediglich zwei Prozent weniger Einnahmen zu Buche schlagen.

Wesentlich ärger freilich könnte sich die Wirtschaftskrise als Folge der Finanzkrise auswirken. »Und sie trifft uns zeitversetzt«, sagt Kersten. Die 2009 eingetretenen Verluste von Unternehmen würden erst 2011 und 2012 als Rückgang bei den Kirchensteuereinnahmen durchschlagen.

Bei alldem will die Landeskirche nun erst recht am verantwortlichen Umgang mit dem Geld festhalten. Im September soll ein »Leitfaden für ethisch nachhaltige Geldanlagen in der evangelischen Kirche« als Empfehlung verabschiedet werden. Reinhard Kersten hat daran mit geschrieben. Ein Grundsatz darin: Beim Umgang mit dem Geld, das Menschen der Kirche anvertrauen, soll auf Sicherheit und Wirtschaftlichkeit geachtet werden. Ein weiterer: Bei Geldanlagen sollen Unternehmen vermieden werden, die Rüstungsgüter oder Pornografie produzieren sowie Kinder ausbeuten. Sogenannte Research-Agenturen sollen das überprüfen.

Verantwortlicher Umgang mit Geld bedeutet für Heinz Hartwig Böhmer, dass die Landeskirche es vor allem für ihren wichtigsten Auftrag – die Verkündigung des Evangeliums – ausgibt. Darauf achte der Finanzausschuss der Landessynode, dessen Vorsitzender Böhmer ist. Der Bevölkerungsschwund und der mit mehr Rentnern prozentual sinkende Anteil an Kirchensteuerzahlern bescherten der Landeskirche sinkende Einnahmen – ein Defizit von vier bis sechs Millionen in den kommenden vier Jahren. »Was wir an Geld einnehmen, gibt vor, wie die Struktur im Verkündigungsdienst aussehen wird«, sagt Böhmer.

Die Abhängigkeit der Kirchensteuer von Lohn- und Einkommenssteuer ist in den Augen von Kritikern längst in die Krise geraten. Einen Ausweg sieht Christoph Körner, Pfarrer im Ruhestand und zweiter Vorsitzender des Vereins Christen für gerechte Wirtschaftsordnung (CGW), in einer Kultur- und Sozialsteuer, wie sie etwa in Italien erhoben wird. Hinzu käme das schon jetzt in Sachsen übliche Kirchgeld als »Ortskirchensteuer«. Zugleich aber müssten sich die Gemeinden um Spenden bemühen.

All dies jedoch ändere noch nichts an einem grundlegenden Übel: dass man über Zins und Zinseszins aus bloßem Geld mehr Geld machen könne. »Grundlage einer Geldreform wäre die Erkenntnis, dass Geld nur als Tauschmittel und Wertmesser fungieren dürfte und von seiner Funktion als Schatzmittel, also Wertaufbewahrungsmittel befreit werden müsste«, sagt Christoph Körner. Solch große Veränderungen indes brauchten Zeit und ein anderes Bewusstsein.

Eine Alternative im Kleinen ist für ihn der »Zschopautaler«, eine Regionalwährung. Die verliert an Wert, wenn sie nicht in nützliche Dinge investiert wird. So seien in fast drei Jahren Spielgeräte für einen Kindergarten und drei Solardächer daraus finanziert worden. Doch erst zwei Kirchgemeinden beteiligten sich an der Regionalwährung, bedauert Körner. Dabei sieht er gerade in ihnen eine große Chance: »Die kleine christliche Gemeinde könnte eine Mikrokontrastgesellschaft zur großen kapitalistischen Gesellschaft sein und Vorbildcharakter haben.«

Tomas Gärtner