Eilige Familie
2. Dezember 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Titelseite

Gut im Beruf, gut in der Erziehung, gut in der Partnerschaft: Es ist nicht leicht für heutige Eltern, allen Ansprüchen zu genügen. Im Advent ganz besonders.
Der erste Advent bringt den ersten Schnee für Theresa. Der erste Schnee, mit dem die Einjährige spielen und den sie bewundern kann. Und Uwe Schreier kann seine Tochter bewundern. Selbstverständlich ist das nicht. Der Radebeuler ist Geschäftsführer einer Anlagenbaufirma mit 20 Mitarbeitern und reichlich Arbeit, die oft bis in den Abend reicht.
An diesem Nachmittag aber sitzt Uwe Schreier vergnügt schmunzelnd zwischen Bauklötzen, Stoffbüchern und Kuscheltieren. Ganz bei seiner Tochter, die in rosa Strumpfhosen in seine Arme tappt. Und ganz bei sich. Zwei Monate hat er Elternzeit. Statt rechnen und verhandeln: windeln, einkaufen, kochen, putzen, spielen. Ein neues Familienbild »Ich will an der Entwicklung meiner Tochter Anteil nehmen«, sagt Uwe Schreier. »Nach ihrer Geburt habe ich mich gefragt: Was ist mein Lebensziel, Familie oder der nächste Auftrag? Ich versuche, das in der Waage zu halten.«
Uwe Schreier ist 44 Jahre alt. Er und seine Frau Ines (43) wissen, wie schwer es ist, diese Balance zu finden. Beide haben Kinder aus erster Ehe, und beide hatten Zeiten, in denen nur wenig Raum für ihre Familien blieb. »Das hat schon weh getan«, erinnert sich Ines Schreier. »Aber ich war froh, einen Job zu haben.« Nun würde sie für Theresa gern nur noch halbtags arbeiten, doch sie hat eine Vollzeit-Stelle. Und die will sie nicht verlieren.
Der Druck auf Familien wächst. Eltern stehen unter Stress – weil sie keine oder nur eine schlecht bezahlte Arbeit haben, oder weil sie zu viel arbeiten müssen. »Flexibilität, lange Arbeitswege und -zeiten – diese Anforderungen der Arbeitswelt sind bindungsfeindlich. Und belasten gerade die Kinder«, sagt Wilfried Jeutner, Referent für Beratungsdienste der Diakonie Sachsen. Die hohen Ansprüche hören an der Haustür nicht auf: Für eine erfüllte Ehe und Partnerschaft liegen die Maßstäbe heute ebenso hoch wie für eine gute Erziehung und Bildung der Kinder.
Das ist gut so – einerseits. »Doch gerade Kinder kommen mit diesem Druck oft nicht klar«, sagt Wilfried Jeutner. »Das kann zu Versagensängsten, Überforderung und Erschöpfung in der Familie führen. Dann brauchen sie Unterstützung.« 5362 Väter, Mütter und Kinder suchten in den Familien- und Erziehungsberatungsstellen der sächsischen Diakonie 2009 Rat. Diese Zahl steigt seit Jahren.
Im Advent und in der Weihnachtszeit sammelt sich die ungestillte Sehnsucht nach einer heilen Welt in vielen Familien besonders. Und steigert den Druck.
Johanna Müller freut sich auf den Advent. Es ist der zweite, den sie mit ihrem einjährigen Sohn Henri feiert. Und es ist der letzte, bevor sie im Januar wieder in ihre Arbeit als Produktmanagerin bei einer Molkerei einsteigen wird.
Henri läuft durch die Wohnung im Dresdner Norden, untersucht einen Zollstock und eine Fernbedienung. Was Flexibilität ist, wissen seine Eltern genau. Johanna Müller hat in Frankfurt am Main gelebt, ihre Eltern und die ihres Partners wohnen in Thüringen. Wegen der Arbeit ist das Paar nach Dresden gezogen. »Jetzt wünsche ich mir manchmal eine Oma in der Nähe«, sagt sie. Eine Kinderkrippe für Henri zu finden, brauchte viele hartnäckige Anläufe. Im Mehrgenerationenhaus der Familieninitiative Radebeul fand sie einen kleinen Familien-Ersatz in ihrer neuen Heimat.
»Doch solche Familienzentren gibt es in Sachsen noch nicht flächendeckend«, sagt Eva Brackelmann von der Evangelischen Aktionsgemeinschaft für Familienfragen Sachsen. »Und die bestehenden Angebote brauchen mehr Planungssicherheit vom Staat.«
Private Planungssicherheit jedoch wird es für Mütter und Väter nicht geben, das weiß Johanna Müller. Sie sieht ihren kleinen Sohn lange an. »Mir graut ein bisschen davor, wenn ich wieder arbeite und Henri krank wird. Manchmal stößt man schon an seine Grenzen. Aber die negativen Punkte überstrahlt Henri einfach.« Nicht nur im Advent.
Andreas Roth
Die Chipkarte ist keine Lösung
26. August 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen meint es gut. Sie will eine Chipkarte einführen, mit deren Hilfe Kinder aus armen Familien am kulturellen Leben teilnehmen könnten. Den betroffenen Eltern Geld in die Hand zu geben, damit ihre Kinder zum Musikunterricht, in den Sportverein oder in die Theatergruppe gehen können, davor scheuen Politiker offenbar zurück: Die Eltern könnten es für andere Dinge ausgeben. Was nicht von der Hand zu weisen ist, wenn es an allen Ecken und Enden klemmt in einer Familie, die von Hartz IV leben muss. Dazu braucht es nicht einmal einen Raucher oder Trinker in der Familie. Also, so der Vorschlag der früheren Familienministerin, soll das Geld den Kindern auf anderem Wege zugute kommen.
So weit so gut, doch gut gemeint, ist nicht immer gut. Und eine Chipkarte löst kein gesellschaftliches Problem. Denn das liegt wo ganz anders. Immer mehr Familien in Deutschland rutschen in Armut und werden von den Bildungsangeboten abgekoppelt. Kinder erleben keine berufstätigen Eltern und keinen verantwortlichen Umgang mit eigenem Einkommen, wenn es sich nur um immer wieder einzufordernde staatliche Zuwendungen handelt.
Die Armut vererbt sich dann ebenso wie die Unfähigkeit, am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können. Hier muss angesetzt werden. Es muss Angebote geben, die allen Kindern gleichermaßen offen stehen. Das fängt beim Schulessen an und hört bei der freien Schulwahl nicht auf.
Doch da wird in Sachsen gerade der Rotstift angesetzt: für Kinder aus sozial schwachen Familien, die eine freie Schule besuchen, soll der staatliche Schulgeldzuschuss wegfallen. Diese Schulen würden – wider ihren Willen – zu Eliteschulen besserverdienender Eltern werden. Und das ist weder gut noch gut gemeint.
Christine Reuther
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