Gemeinde auf Zeit

14. Oktober 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Studentengemeinden: In Sachsen gibt es sieben evangelische Hochschulgemeinden
 
In den evangelischen Studentengemeinden sind Aktivität und Selbständigkeit gefragt.
 

Welche Themen in den Studentengemeinden besprochen werden, das entscheiden die Beteiligten selbst. Hier berät der Gemeinderat der Evangelischen Studentengemeinde Leipzig über das neue Semesterprogramm. (Foto: Uwe Winkler)

Welche Themen in den Studentengemeinden besprochen werden, das entscheiden die Beteiligten selbst. Hier berät der Gemeinderat der Evangelischen Studentengemeinde Leipzig über das neue Semesterprogramm. (Foto: Uwe Winkler)

Wenn von den rund 5000 Studenten der Hochschule Mittweida nur annähernd so viele kämen, wie Christen unter ihnen sein dürften, wäre seine Studentengemeinde sicherlich größer, sagt Studentenpfarrer Thomas Alberti. So aber erscheinen, wenn es gut läuft, zu den Vortragsabenden höchstens 15 Studenten. Die meisten wollen dort Gemeinschaft erleben. »Das ist fast wichtiger als die Diskussion über geistliche oder gesellschaftliche Themen«, sagt Alberti. Entsprechend sind die Abende gestaltet. »Wer ein straffes Studienprogramm hat, ist abends müde, da will er nicht noch eine Vorlesung hören.«
 
Durchgangsstation für jedes Mitglied und damit Gemeinde in ständiger Veränderung zu sein – das ist kennzeichnendes Merkmal aller sieben Studentengemeinden in der sächsischen Landeskirche. Je kleiner sie sind, desto schwieriger wird es mit der dennoch nötigen Gemeinschaft. In Mittweida vor allem, seit sich mit der Umstellung auf Bachelor und Master die Studienzeit von vier auf drei Jahre verkürzt hat. »Die Fluktuation ist beträchtlich«, sagt Thomas Alberti.
 
Da haben es die Gemeinden an den großen Universitäten in Dresden, Leipzig und Chemnitz besser. Hier bilden sich aktive Kerne. Aktivität und Selbständigkeit – stärker ausgeprägt als in mancher Ortsgemeinde – kennzeichnen alle Studentengemeinden. Dass die Studenten die Inhalte bestimmen, ist die Regel. So kommt neben der obligatorischen Beschäftigung mit der Bibel ein breites Themenspektrum zustande. Es reicht von Wurzeln des Protestantismus (Dresden) über Wendezeit in der Region (Zittau), Gewalt (Chemnitz), Kommunikation (Freiberg), Heilige (Mittweida), christliche Geschichte der Stadt (Zwickau) bis zur eingehenden Beschäftigung mit Platon beim »Philosophischen Sabbat« in Leipzig. Das Gespräch mit gemeinsamem Essen zu verbinden – diese Form von Gemeinschaft pflegen sie alle.
 
An den technisch ausgerichteten Hochschulen sorgen sie für eine wichtige inhaltliche Ergänzung. »An unserer Uni gibt es ein geisteswissenschaftliches Vakuum«, konstatiert der Freiberger Studentenpfarrer Lüder Laskowski. »Themen wie Ethik oder Verantwortung, die im Studienprogramm fehlen, kommen bei uns zur Sprache.« Viele schätzten diese Abwechslung vom Studienalltag, sagt Marcus Beyrich aus Zittau. »Bei uns können sie ihren Horizont erweitern.«
 
Je größer die Studentengemeinden sind, desto mehr Kreise bilden sich in ihnen, in denen sich Studenten mit ähnlichen Interessen zusammenfinden. So werden sie zum »Ort für eigenes Engagement, zum Gestaltungsraum«, wie Christoph Weber, Studentenpfarrer in Chemnitz, sagt.
 
Kennzeichen aller Studentengemeinden ist ihre Offenheit. Was der Zwickauer Studentenpfarrer Frank Manneschmidt sagt, gilt auch für andere: »Wir sind offen für Christen aller Konfessionen – Volkskirchler und Freikirchler – und für jeden, der auf der Suche ist oder einfach mit dabei sein möchte und dem Glauben grundsätzlich offen gegenübersteht; also auch für Nichtchristen.«
 
In den größeren Studentengemeinden besteht die Kunst für den Studentenpfarrer dann darin, unterschiedliche Glaubenspraktiken so unter einen Hut zu bringen, dass sich niemand an den Rand gedrängt fühlt. »Bei uns sind Studenten aus ganz Deutschland«, berichtet Anne Evers von der ESG Dresden. »Da gibt es verschiedene Gruppen. Die muss der Studentenpfarrer moderieren, so, dass jede Gruppe genügend Raum zur Entfaltung bekommt, es aber eins bleibt.« Tilmann Popp, der gerade seinen Dienst als neuer Studentenpfarrer in Dresden angetreten hat, besitze die besten Voraussetzungen, um auf Menschen zuzugehen, meint sie. »Er wirkt offen und humorvoll.«
 
Studentenpfarrer Frank Martin sieht in der Leipziger ESG alle Frömmigkeitsformen vertreten, obwohl sie eher eine »liberale Gemeinde mit starker Weltzugewandheit« sei.
 
Was alle Studentengemeinden eint, ist praktizierte Ökumene. Das reicht von gemeinsamen Abenden mit der Katholischen Studentengemeinde (KSG) bis zur Vereinigung. Die Zittauer etwa nennt sich Ökumenische Studentengemeinde. In Zwickau haben sich 2008 ESG und KSG zur Zwickauer Studentengemeinde (ZSG) zusammengeschlossen.
 
Tomas Gärtner
  

Sachsens evangelische Hochschulgemeinden

Studentengemeinde Chemnitz
Theaterstraße 25, 09111 Chemnitz, Telefon (03 71) 6 66 08 93,
Pfarrer: Christoph Weber.

Studentengemeinde Dresden
Liebigstraße 30, 01187 Dresden, Telefon (03 51) 4 69 24 78,
Pfarrer: Tilmann Popp.

Studentengemeinde Freiberg
Pfarrgasse 36, 09599 Freiberg,
Pfarrer: Lüder Laskowski, Hauptstraße 50, 09603 Großschirma, Telefon (03 73 28) 75 37

Studentengemeinde Leipzig
Alfred-Kästner-Straße 11, 04275 Leipzig, Telefon (03 41) 3 91 36 20,
Pfarrer: Frank Martin.

Hochschule Mittweida (FH)

Technikumplatz 17, 09648 Mittweida,
Pfarrer: Thomas Alberti, Hauptstraße 131, 09249 Taura, Telefon (0 37 24) 33 57

Zittauer Studentengemeinde

c/o Pfarrerin Katharina Köhler, Pfarrstraße 5, 02736 Zittau, Telefon (0 35 83) 51 72 17

Zwickauer Studentengemeinde
c/o Pfarrer Frank Manneschmidt, Leipziger Straße 51, 08058 Zwickau, Telefon (0375) 215005

Stand: Oktober 2010

 

Von denen, die Jesus nachfolgen, wird mehr verlangt

23. Juli 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Lebt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichtes ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.
Epheser 5, Verse 8 und 9

Wahrscheinlich ist es für viele ein Bedürfnis, die Welt und die Menschen einzuteilen in gut und böse, in weiß und schwarz oder – wie eben im Ephe­serbrief – in Licht und Finsternis. Diese Einteilung der Welt und der Mitmenschen ist sehr alt, viel zu einfach und misslich noch dazu, weil sie alles im Gegensätzlichen belässt und die Welt in einen Gegensatz zu Gott bringt. Und den Kindern des Lichtes können eben nur die Kinder der Finsternis gegenüberstehen; hier die Guten, da die Schlechten. Aber so ist die Welt nicht, sind wir Menschen nicht.

Frank Martin ist Pfarrer der Evangelischen Studentengemeinde in Leipzig. Foto: Armin Kühne

Frank Martin ist Pfarrer der Evangelischen Studentengemeinde in Leipzig. Foto: Armin Kühne

Bei Jesus klingt das oft anders: Wenn schon Menschen Gutes tun, die Gott nicht kennen, wie viel mehr müsst ihr tun, die ihr von Gott so reich beschenkt seid. Jeder vernünftige Mensch sollte einschätzen können, was angemessen ist und wie man sich verhalten soll. Von denen jedoch, die Jesus nachfolgen, ist mehr verlangt!

Da wird keine ethische Forderung erhoben. Etwa: Nun strengt euch mal an und reißt euch zusammen! Daran können wir nur scheitern.
Von uns wird verlangt, das weiterzugeben, was uns überreich geschenkt wurde. Wer ein Vermögen bekommt, sollte nicht um Rechenpfennige feilschen. Wem alle Schulden erlassen werden, sollte großzügig auf eigene Forderungen verzichten können. Und wer mit offenen Armen empfangen wurde, sollte niemandem die Tür vor der Nase zuknallen.

Nichts, was über unser Vermögen geht, sollen wir leisten. Sondern nach dem Motto leben: Wie Du mir, Gott, so ich allen anderen.
Das hieße, als Kinder des Lichtes zu leben, wenn wir unseren Mitmenschen so begegneten, wie Gott uns gegenübertritt: vorbehaltlos und bedingungslos. Schwer genug. Aber auch die Früchte des Lichts haben Zeit zum Reifen.

Frank Martin

Frank Martin ist Pfarrer der Evangelischen Studentengemeinde in Leipzig.

Bürgerrecht für alle gibt es nur bei Gott

16. Juli 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen. Epheser 2, Vers 19

Was hat die frühe Kirche so anziehend gemacht? Der Glaube und die Predigt? Darüber haben viele gelacht. Stärker wirkte die Einheit von Glaube und Leben. Dazu gehörte ohne Zweifel die Bereitschaft, für den eigenen Glauben zu sterben. Vor allem aber setzten die Gemeinden die Forderung Jesu um, barmherzig zu allen Menschen zu sein. Es war das diakonische Handeln der Kirche, das die Kirche so anziehend machte. Und sie bot etwas, das Rom nur sparsam verteilte: das Bürgerrecht. Wer getauft war, bekam das Bürgerrecht im Himmel. Egal, ob Mann oder Frau, frei oder versklavt, Jude, Grieche oder Barbar – alle eins in Christus Jesus.

Frank Martin ist Studentenpfarrer in Leipzig. Foto: Armin Kühne

Frank Martin ist Studentenpfarrer in Leipzig. Foto: Armin Kühne

Nun ist das Bürgerrecht im Himmel auf der Erde natürlich nicht viel wert. Und den römischen Verwaltungsapparat hat es nicht interessiert, ob sich ein Fremder auf dieses Recht berief. Dennoch: Da es neben der Familie kein soziales Netz gab, war das Bürgerrecht im Himmel eine Absicherung im Leben. Man lebte in einer Gemeinschaft, die keine Unterschiede machte. Die nicht nach politischen Überlegungen handelte, sondern nach der Überzeugung, dass vor Gott alle Menschen gleich sind.

Nicht die Nation zählt, die davon lebt, dass sie sich gegen Menschen anderer Nationen abgrenzt. Nicht die Geburt zählt, die bestimmt, wer dazugehört und wer draußen bleibt. Nein: alle eins in Christus Jesus; keine Gäste mehr bei Gott, sondern seine Familie.

Heute sterben an den Grenzen Europas täglich Menschen, die hierher wollen, um zu leben. Egal, ob sie ein Bürgerrecht im Himmel haben oder nicht – sie müssen draußen bleiben. Das Bürgerrecht im Himmel ist auf der Erde nicht viel wert; auch nicht im christlichen Abendland. Was könnte die Kirche heute
anziehend machen?

Frank Martin

Frank Martin ist Studentenpfarrer in Leipzig.

Wenn Gott ruft, wächst Gemeinschaft

9. Juli 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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So spricht der Herr, der dich geschaffen hat: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!« Jesaja 43, Vers 1

Vor einigen Jahren waren Amerikaner bei uns zu Besuch, die hier ihre Deutschkenntnisse vertiefen wollten. Als wir uns vorstellten, sagte einer: »Ich bin der Peter.« Einer der Gäste fragte erstaunt zurück. »Der Peter? Nicht: ein Peter? Es gibt doch viele.« Da stellte sich die Frage, wie denn die Namen und die Benannten zusammengehören. Mein Name gehört doch zu mir, ist nicht so ohne weiteres austauschbar. Natürlich weiß ich, dass auch andere meinen Namen tragen. Spätestens seit Google gehört es zur schmerzlichen Selbsterfahrung, dass es auf Namen keine Exklusivitätsrechte gibt.

Frank Martin ist Studentenpfarrer in Leipzig. Foto: Armin Kühne

Frank Martin ist Studentenpfarrer in Leipzig. Foto: Armin Kühne

Und doch: Mit meinem Namen trete ich in Beziehungen ein, mit meinem Namen werde ich angesprochen und gemeint, mein Name ist mehr, als eine Bezeichnung für mich. Und auf der anderen Seite erschließe ich durch die Sprache die Welt. Was ich benennen kann, bekommt dadurch Wirklichkeit. Wen ich anspreche, wird für mich zum Gegenüber.

In dieser Reihenfolge: Ich werde angesprochen und antworte. Auf den Anruf Gottes hin wird die Welt. Auf den Anruf Gottes antwortet der Mensch. Das ist eine Dimension des Wochenspruchs. Gott ruft mich bei meinem Namen – erlösend, auslösend aus dem Dunkel der Nichtigkeit. Und ich antworte ihm. Aber es bleibt nicht bei mir und Gott. Befreit aus der Vereinzelung bildet sich eine Gemeinschaft.

Denn Jesaja spricht in dem Kapitel nicht von mir und dir, sondern vom Volk Gottes. Das ist kein Kollektiv, welches ja auch keinen Eigennamen hat und in dem die Einzelnen untergehen. Gott ruft sein Volk beim Namen und es wächst eine Gemeinschaft, die den Blick hebt, den Blick wieder frei bekommt für Gott, für die Welt und füreinander.

Frank Martin

Frank Martin ist Studentenpfarrer in Leipzig.

Mit den Missgünstigen beginnt die Verdammnis

2. Juli 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es.
Epheser 2, Vers 8

Was ist das Gegenteil von selig geworden? Missgünstig sein? Was heißt das: Ihr seid selig geworden? Im Sinne des Epheserbriefes: Obwohl ihr nicht dazu gehört, dürft ihr dabei sein. Die Grenze zwischen drinnen und draußen ist niedergerissen. An die Tür hat jemand geschrieben: Du musst draußen bleiben! Jetzt hat ein anderer darüber geschrieben: Herzlich Willkommen! Die Gnade Gottes öffnet das Reich Gottes für alle Menschen – auch für die, die nicht durch Geburt zum Volk Gottes gehören. Das heißt: ihr seid selig geworden.

Und was ist das Gegenteil? Missgünstig sein! Das ist so, als ob die, die eben noch vor der geschlossenen Tür standen, jetzt am Eingang stehen und als Türsteher sortieren, wer rein darf und wer nicht. Die glauben nicht richtig, die glauben das Falsche und die glauben gar nicht. Für die ist hier kein Platz: Ihr müsst draußen bleiben.

Foto: Aneta Blaszczyk, sxc.hu

Foto: Aneta Blaszczyk, sxc.hu

Was aber Missgunst bedeutet, beschreibt Dostojewski sehr schön in einer Geschichte. Eine böse alte Frau stirbt und kommt an den Ort der Verdammnis. Aber ihr Engel bittet Gott um Gnade. Und Gott lässt sich bitten. Findet sich etwas Gutes bei ihr? Ja, eine kleine Zwiebel hat sie mal an eine Arme verschenkt. Der Engel darf versuchen, die Frau an der Zwiebel herauszuziehen. Als er sie nun zieht, halten sich andere an ihr fest. Als die Frau das sieht, sorgt sie sich um die Zwiebel. Sie war ja so klein, könnte reißen. Und außerdem: Was fällt denen ein, diesen Lumpen. Wollen sich mit ihrer Zwiebel retten. Sie tritt nach ihnen, stößt sie zurück und in diesem Moment reißt die Zwiebel tatsächlich.

Wer selig geworden ist, für die und mit denen beginnt hier schon der Himmel; leider beginnt mit den Missgünstigen auch hier schon die Verdammnis.

Frank Martin

Frank Martin ist Studentenpfarrer in Leipzig.