»Lähmende Ohnmacht«
15. Januar 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen, Westsachsen
Gornsdorfer Christen fordern Gerechtigkeit für die im Oman verurteilte Dana Gerlich.
Ob Dana Gerlich wirklich schuldig ist, bleibt unbewiesen. Sicher aber ist: Schon jetzt hat ihr Fall viel Schaden angerichtet. Viele Menschen in ihrer erzgebirgischen Heimat um Gornsdorf haben einiges an Zutrauen in die Demokratie und den Rechtsstaat verloren. Sie engagieren sich für ein gerechtes Urteil über die 35-Jährige aus ihrem Dorf. Und rennen damit gegen unsichtbare Mauern.

Über 2400 Unterschriften hat die Initiativgruppe um Pfarrer Gottfried Görner, Christa Weinhold und Reiner Pohl (v. l.) für Dana Gerlich gesammelt. Sachsens Ministerpräsident lehnte ihr Gnadengesuch dennoch ab. (Foto: Steffen Giersch)
»Das Auswärtige Amt hat ihrer Mutter jedoch schriftlich bestätigt, dass der Oman keine Einwände hätte, wenn ihre Tochter nach fünf Jahren Haft freikommt«, sagt Pfarrer Görner.
Im Mai 2009 schrieb die in Chemnitz Inhaftierte deshalb ein Gnadengesuch an Ministerpräsident Stanislaw Tillich. »Sieben Monate lang bekam sie von der Staatsregierung keine Antwort«, sagt der Pfarrer, der sah, wie Dana Gerlich körperlich und seelisch schwer unter der Ungewissheit litt. »Als Christ sage ich: So kann man mit einem Menschen nicht umgehen.«
Um das Gnadengesuch zu unterstützen, sammelte eine Gruppe um Pfarrer Görner und Gerlichs früheren Sportlehrer Reiner Pohl 2400 Unterschriften. Die Antwort von Staatskanzleiminister Johannes Beermann: Es sei »unüblich«, Einfluss auf ein Gnadengesuch zu nehmen. Aus der CDU-Landtagsfraktion wurde der Burkhardtsdorferin Christa Weinhold beschieden: Der Staat lasse sich nicht erpressen. »Wie können 2400 Unterschriften als Erpressung verstanden werden?«, wundert sich die Christin über dieses Demokratieverständnis.
Kurz vor Weihnachten wurde Dana Gerlichs Gnadengesuch vom Ministerpräsidenten abgewiesen. Von den Gründen für die Entscheidung kein Wort. »Sind wir so unmündig?«, fragt Pfarrer Gottfried Görner. Bei seinem letzten Besuch im Gefängnis übergab ihm Dana Gerlich einen Brief. »Ich bin verzweifelt und von einer lähmenden Ohnmacht erfüllt«, schreibt sie: »Ich werde in Deutschland nie die Chance auf einen fairen Prozess bekommen.«
Ihre letzten Hoffnungen setzen sie und viele Gornsdorfer auf den Europäischen Gerichtshof. Von Sachsens Regierung erwarten sie nichts mehr.
Andreas Roth
»Gott riss das Ruder herum«
11. September 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen, Westsachsen
Für den Gornsdorfer Manfred Keller gehören die 9. November 1989 und 1938 zusammen.

»Wenn ein Volk Gott um Verzeihung bittet, kommt etwas in Bewegung«, davon ist Pfarrer Manfred Keller überzeugt. Deshalb nimmt er zu jeder Lesung aus seinem Wende-Buch auch den hölzernen Davidstern mit. (Foto: Steffen Giersch)
Eine Handvoll Frauen und Männer kamen nach vorn und erzählten: Von den großen jüdischen Kaufhäusern im nahen Chemnitz, von der brennenden Synagoge, von der Pogromnacht am 9. November 1938. Dann fragte Keller die Gemeinde, ob sie sich vorstellen konnten, Gott um Vergebung zu bitten. Es geschah in aller Stille und mit vielen Kerzen. »Wenn ein Volk sich demütigt und im Gebet um Verzeihung bittet, dann reagiert Gott vielleicht«, hoffte Keller. »Dann kommt etwas in Bewegung.«
Manfred Keller traut Gott Großes zu. Das war schon so, als er seit 1972 Jugendwart im Kirchenbezirk Aue war. Immer im Schatten des mächtigen Uranbergbaus der Wismut, vom SED-Staat äußerst misstrauisch beobachtet. Und dennoch gelang es dem damaligen Diakon, zu den Rüstzeiten, evangelischen Jugendtagen und offenen Abenden hunderte junge Menschen anzuziehen. Im Grunde, sagt Manfred Keller, sieht er sich immer zuerst als Missionar für die frohe Botschaft Jesu – ob er nun Bibelverse predigte oder gegen den Wehrdienst in der NVA.
»Der K. entwickelte sich im Kreis Aue zu einem der reaktionärsten und aktivsten Würdenträger der ev.-luth. Kirche«, schrieb die Stasi-Kreisdienststelle Zschopau in ihre Akten. »Er ist Wehrdienstverweigerer und seine Angriffe richten sich besonders gegen den Wehrkundeunterricht.« Als Keller 1988 Pfarrdiakon in Jahnsbach wurde, ließ ihn die Staatssicherheit durch sechs Inoffizielle Mitarbeiter beschatten.
Dann kam der Herbst 1989. Demonstrationen, das »Neue Forum« oder Friedensgruppen gab es in dem 1500-Einwohner-Dorf nicht. Dafür das Friedensgebet in Manfred Kellers Kirche. Und weil der Druck auch in dem Erzgebirgsort wuchs, lud der Pfarrer zusammen mit anderen in den Gasthof zu einem Einwohnerforum ein. Der Saal war voll, und die Wogen schlugen hoch. »Endlich durften die Menschen sagen, was sie schon immer sagen wollten«, erinnert sich der 67-jährige Keller, der heute im Ruhestand ist. »Der Kessel war zum Überlaufen voll.«
Es ging um ganz Handfestes: Christliche Schüler sagten dem scharfen Direktor die Meinung, Einwohner beschwerten sich über die Verbrennung von Kunststoffen im örtlichen Bademodewerk – und über die stinkende Gülle der LPG-Rinderzucht. So begann die Freiheit in Jahnsbach.
Als die Versammlung abends nach zehn zu Ende war, gingen die Bürger aufrecht durchs Dorf. Rechts und links der Straße standen die Fester offen. Aus ihnen rief es. Die Mauer ist auf! »Wir konnten es kaum fassen«, sagt Manfred Keller. »Der lebendige Gott hatte das Ruder herumgerissen.« Es war der 9. November, 51 Jahre nach dem Brand der Synagogen.
Andreas Roth
Manfred Kellers Buch »Wendegeschichten« kann beim Autor für 8,50 Euro bestellt werden:
August-Bebel-Straße 15, 09390 Gornsdorf, E-Mail manfred.keller1@gmx.de.
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