Vorfreude auf Dresden
3. Dezember 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Die sächsische Landeskirche ist im Kirchentagsfieber. Vieles gilt es vorzubereiten, wenn vom 1. bis 5. Juni 2011 in Dresden der 33. Deutsche Evangelische Kirchentag (DEKT) gefeiert wird. Darüber sprach Christine Reuther mit Dr. Ellen Ueberschär, der Generalsekretärin des DEKT.

Die promovierte Theologin Ellen Ueberschär (43) ist Pfarrerin der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Sie leitet seit 2006 als Generalsekretärin die Geschäftsstelle des Deutschen Evangelischen Kirchentags in Fulda. (Foto: Tristan Vankann/epd-bild)
Frau Dr. Ueberschär, der wievielte Kirchentag wird der Dresdner für Sie als Generalsekretärin sein?
Ueberschär: Der 33. Kirchentag wird mein vierter einschließlich des Ökumenischen Kirchentages sein. Aber kein Kirchentag ist wie der andere, die Region und die Menschen prägen die Vorbereitung.
Wie erleben Sie die Sachsen bei der Vorbereitung dieses Ereignisses?
Ueberschär: Ich habe ja selbst sächsische Wurzeln, viele Ferien habe ich als Kind im Erzgebirge verbracht. Ich schätze die fleißige, beharrliche und zupackende Art, den Stolz auf das Land und den Ehrgeiz, die eigene Kirche gut zu präsentieren. Und meine Bewunderung haben alle, die in drei, vier Projekten gleichzeitig engagiert sind, die ihre Kräfte für den Kirchentag einsetzen und, wenn ich sie frage, ob das denn alles zu schaffen ist, einfach sagen: »Nu kloor!«
Nach Bremen und dem ÖKT in München gab es seit 2009 Kirchentage im Jahresrhythmus. Gibt es trotzdem genug Themen, die es immer wieder lohnt, unter Christen auf so breiter Basis zu besprechen?
Ueberschär: Unbedingt! Im Juni haben wir in der Dresdner Dreikönigskirche mit unserer Präsidialversammlung, etwa 100 Christinnen und Christen aus ganz Deutschland, über die Themenauswahl diskutiert und vor allem gefragt: Was passt nach Dresden? Versöhnung und das intensive Gespräch mit Mittel- und Osteuropa werden Schwerpunkte sein. Wir hoffen auf große Teilnahme aus Polen, Tschechien, Ungarn, der Slowakei und anderen Ländern, damit wir nicht übereinander, sondern miteinander reden. Gerechtigkeit in unserem eigenen Land wird in einem Lernhaus »Ein Deutschland« unter die Lupe genommen. Der Blick über den Tellerrand ist das Markenzeichen des Kirchentages. Wie kommt es, dass der Joghurt hier nur 30 Cent kostet, obwohl er um die ganze Welt gereist ist und anderswo der Hunger nicht wegzukriegen ist? Ein Beispiel aus dem großen Zentrum Umwelt und Globalisierung. Und natürlich werden wir fragen, wie reden wir vom Glauben in einer Gesellschaft, die glaubensfern ist, wie sprechen wir die Menschen an und warum ist die Kirche wichtig für alle?
Nach München hoffen viele Christen, dass es auch auf den Evangelischen Kirchentagen zunehmend ökumenischer zugeht. Wird man das in Dresden spüren?
Ueberschär: Ja, wir wollen an die guten ökumenischen Beziehungen der christlichen Kirchen und Gemeinschaften in Sachsen anknüpfen und unsere Münchener Erfahrungen einbringen. Ein großer ökumenischer Himmelfahrtsgottesdienst wird gerade geplant mit katholischen, orthodoxen und freikirchlichen Glaubensgeschwistern und – mit vielen Bläsern! Für den Samstag wird ein Tag für Konfirmanden und Firmlinge aus der Region vorbereitet für alle, die nicht die fünf Tage nach Dresden kommen können.
Wird es irgendwann nur noch ökumenische Kirchentage geben?
Ueberschär: Jeder Deutsche Evangelische Kirchentag ist eine ökumenische Veranstaltung – die methodistische Kirche ist schon Teil der Kirchentagsbewegung geworden. Alle 349 Mitgliedskirchen des Weltkirchenrates sind eingeladen und rund 80 von ihnen schicken Delegierte. Der Anteil der Katholikinnen und Katholiken, die am evangelischen Kirchentag teilnehmen, macht ein Drittel der Katholikentagsbesucher aus. Aber ich gebe zu, dass es eine hoffnungsvolle Vorstellung ist, Brot und Wein im Schlussgottesdienst mit allen Christinnen und Christen zu teilen, nach gemeinsamer Vorbereitung dann auch gemeinsam Abendmahl zu feiern. Diese Hoffnung bleibt, auch wenn sie die evangelischen Kirchentage nicht ersetzen kann.
Was geben Sie den sächsischen Christen mit auf den Weg bis zum 1. Juni 2011?
Ueberschär: Zuerst einmal ein dickes Danke dafür, dass wir schon so weit gekommen sind. Wir haben Rekordanmeldezahlen bei den Mitwirkenden, überall wird gewerkelt und geprobt und vieles hergerichtet für die Gäste. Der Kirchentag ist ein großes Wunder an Gemeinschaftsarbeit und natürlich bitte ich, dass Gottes Segen darauf liegen und es wieder gelinge möge.
Worauf freuen Sie sich besonders in Dresden?
Ueberschär: Auf die ganze Atmosphäre dieses Kirchentages in der Stadt, und besonders auf die Bergleute aus Schneeberg, die beim Abend der Begegnung dabei sein werden, denn dann heißt es: Glück auf!
Der Kirchentag 2011 im Internet www.kirchentag.de/dresden.html
»Keine Fördergelder für Extremisten«
25. November 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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In der Dresdner Frauenkirche sollte vor zwei Wochen der sächsische Demokratie-Preis an das Alternative Kultur- und Bildungszentrum Pirna verliehen werden. Doch der Verein verweigerte die Annahme, nachdem das sächsische Innenministerium kurzfristig gefordert hatte, dass der Preisträger seine Partner auf ihr Verhältnis zum Grundgesetz hin prüfen solle. Dies ist auch Politik der Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU). Die Arbeitsgemeinschaft »Kirche für Demokratie gegen Rechtsextremismus« kritisierte dies als »Gesinnungsprüfung«. Andreas Roth sprach darüber mit dem sächsischen Innenminister Markus Ulbig (CDU).
Herr Ulbig, warum hat das Innenministerium bei den Nominierungen für den Demokratie-Preis Wert auf eine Abgrenzung zu extremistischen Strukturen gelegt?Ulbig: Es ist für mich eine Selbstverständlichkeit, dass diejenigen, die einen solchen Preis für Demokratie erhalten, auch auf dem Boden des Grundgesetzes stehen und sich zu den Werten unserer Demokratie bekennen. Alles andere wäre absurd. Wer eine solche Erklärung als unzumutbar empfindet, entlarvt sich selbst. Wir wollen verhindern, dass Extremisten und Feinde der Demokratie Fördergelder erhalten. Wenn jetzt von »Gesinnungsprüfung« und angeblichen »Stasimethoden« gesprochen wird, so ist das nicht nur realitäts- und sachfremd, sondern noch dazu eine Relativierung und Verharmlosung der Verbrechen des DDR-Regimes.
Gab es Anhaltspunkte dafür, dass der als Preisträger ausgewählte Pirnaer Verein sich nicht auf dem Boden des Grundgesetzes bewegt?
Ulbig: Darum geht es nicht. Diese Erklärung haben alle nominierten Initiativen unterschrieben, auch die Pirnaer. Erst danach wurde die Unterschrift zurückgezogen. Wer mit einem Demokratie-Preis ausgezeichnet wird, sollte über jeden Zweifel erhaben sein.
Sind linke Vereine, die sich gegen Rechtsextremismus engagieren und wie jüngst in Limbach-Oberfrohna Opfer rechtsextremer Anschläge werden, schon an sich zweifelhaft?
Ulbig: Ob es in Limbach-Oberfrohna ein rechtsextremistischer Anschlag war, wird sich erst nach Ende der Ermittlungen feststellen lassen. Wenn Vereine und Initiativen, die sich vorgeblich der Demokratie verschrieben haben, sich kritisch zu den elementaren Werten des Grundgesetzes äußern, dann ist das problematisch. Das ist vollkommen weltanschauungsneutral. Unser höchstes Anliegen ist der Schutz der freiheitlichen Demokratie. Dafür sind die Menschen vor 21 Jahren mutig auf die Straße gegangen.
»Arbeitsverbot für Flüchtlinge ist unfair«
8. Oktober 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Noch immer wird über die Integration von Ausländern gestritten. Einer, der ihre Situation aus der Nähe kennt, ist Albrecht Engelmann. Mit dem Referenten für Migration der Diakonie Sachsen sprach Andreas Roth.
Die Debatte um die angeblich misslungene Integration von Ausländern nimmt kein Ende – ist das in Sachsen eigentlich wirklich ein Problem?
Engelmann: Vieles, was da aktuell zu hören und zu lesen ist, halte ich für Polemik. Da wird unqualifiziert dahergeredet, da wird verallgemeinert, dass sich die Balken biegen. Das bringt uns aber nicht weiter. Vielmehr ist es in Sachsen und der gesamten Bundesrepublik an der Zeit, über Diskriminierung und Rassismus zu diskutieren. Dort sehe ich die Herausforderung.
Hat ein Flüchtling, der seit Jahren in Deutschland lebt und sich integrieren will, eine faire Chance auf Arbeit und ein dauerhaftes Bleiberecht?
Engelmann: Es muss der Einzelfall betrachtet werden, denn die rechtlichen Rahmenbedingungen sind sehr komplex. Fair aber ist es auf keinen Fall, wenn Flüchtlingen das Nichtstun verordnet wird etwa durch Arbeitsverbot. Unfair ist es auch, Menschen über Jahre in einem aufenthaltsrechtlichen Schwebezustand zu belassen und so ihre Lebensperspektive zu vernebeln. Besonders tragisch ist das für Familien. Deshalb setzt sich die Diakonie dafür ein, dass diese Menschen ein stabiles Aufenthaltsrecht bekommen.
Wie ist die Situation in sächsischen Asylbewerberheimen?
Engelmann: Heimsituationen sind immer belastend. Von Kollegen in anderen Arbeitsfeldern der Diakonie höre ich: Bei uns gilt der Grundsatz »ambulant vor stationär«. Ich finde, auch bei der Aufnahme von Flüchtlingen sollte das Prinzip lauten: Eine eigene Wohnung ist besser als ein Heim.
Tut die sächsische Landeskirche genug für Ausländer und ihre Integration?
Engelmann: Von meiner Position aus sehe ich, dass die Landeskirche vielerlei Gutes tut. Einige Beispiele: Sie initiiert seit mehreren Jahre »Vielfalt-Projekte«, sie unterstützt die Aufnahme irakischer Flüchtlinge, sie ist vertreten in der Härtefallkommission. Und es gibt engagierte Gemeindeglieder, die danach schauen, wie es denn um die Bereitschaft zur Öffnung und Integrationsfähigkeit unserer Kirche bestellt ist. Diese Herausforderungen bleiben. Christen haben den höchsten Auftrag, sich damit zu befassen.
Das Amt der Einheit
3. September 2009 von Redaktion DER SONNTAG
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Seit fünf Jahren ist Sachsens Landesbischof Jochen Bohl im Amt. DER SONNTAG befragte ihn zu seinem Glauben, unserer Kirche und dem Zeitgeschehen.
Hat sich der Mensch und Christ Jochen Bohl durch das Bischofsamt verändert?
Ein anderer Mensch bin ich nicht geworden. Aber mit diesem Amt und seiner umfassenden Beanspruchung zu leben, das hat mich verändert und prägt mich sehr.
Haben Sie als Bischof Erkenntnisse gewonnen, die in Ihrem Glaubensweg vorher nicht so deutlich waren?
Jeder Mensch lernt unentwegt, und auch das Leben im Glauben kennt keinen Stillstand. Zum Beispiel habe ich im letzten Jahr beim Pfarrertag über die Opfertheologie gesprochen, weil ich denke, sie ist in den Gemeinden dran. Unter der Pfarrerschaft ist das ebenfalls ein wichtiges Thema – und auch für mich selbst hat die intensive Arbeit Klärung bewirkt.
Brauchen wir den Opfertod Jesu, um selig zu werden?
Christus ist für uns gestorben und das bedeutet: Er ist für mich gestorben, denn wie jeder Mensch bin ich der Macht der Sünde verhaftet – das kann man sich auch nicht aussuchen. Insofern halte ich es für verfehlt, wenn man sich vom Gedanken, dass Christus für uns an das Kreuz ging, verabschieden würde. Manche denken, dass dieser Glaubenssatz in dieser Zeit nicht vermittelt werden könne. Das sehe ich anders, denn es ist ja nicht so, dass Gott versöhnt werden müsste, was viele irrtümlich denken – als sei es ein rachsüchtiger Gott, dem ein Opfer gebracht wird. Sondern es geht darum, dass Christus ein Opfer gebracht hat, um für uns die Trennung von Gott zu überwinden.
Wie wörtlich müssen wir biblische Aussagen nehmen?
Man darf die Bibel nicht nur als ein Dokument einer vergangenen Zeit lesen. Wenn Menschen sagen, für sie ist die Bibel das unverfälschte Wort Gottes, so freue ich mich darüber und sage: ja, auch ich begegne in ihr der persönlichen Anrede Gottes. Zugleich ist mir die historisch-kritische Erforschung unverzichtbar. Denn es ist ja offenkundig, dass auch die biblischen Autoren unterschiedliche Akzente setzen, die verstanden und eingeordnet sein wollen. Johannes schreibt das Evangelium anders als Markus, und Lukas zeigt insbesondere die soziale Dimension der Guten Nachricht auf. Insofern wird eine gute und gründliche theologische Ausbildung der Pfarrer unbedingt gebraucht, darauf werden wir auch in Zukunft großen Wert legen.
Wie sehen Sie das Verhältnis zu den Freikirchen?
Ich möchte da unterscheiden zwischen den traditionellen Freikirchen, die es seit langem gibt, und den Gruppierungen, die sich in den letzten Jahren von unserer Landeskirche getrennt haben. Letzteres empfinde ich als ein ernstes Problem, und zwar für beide Seiten. Es ist schmerzhaft, wenn Menschen unsere Landeskirche verlassen. Das gilt umso mehr, wenn sie ihren Glauben besonders ernst nehmen wollen. Ich frage aber, ob es sich nicht meist um eine erste Begeisterung handelt, die mit einem fehlenden Verständnis für das Vertraute einhergeht. Oft kommt nach kurzer Zeit die Erkenntnis, dass Probleme geblieben sind und es unverändert schwer ist, damit umzugehen. Die Landeskirche bietet so viele Möglichkeiten, den eigenen Glauben zu leben, dass der Entschluss, sich von der Landeskirche zu trennen, meist doch sehr leichtfertig anmutet. Wir sollten uns schon bemühen, beieinander zu bleiben. Auch ich möchte meinen Beitrag dazu leisten, denn das Bischofsamt ist das Amt der Einheit.

Wir haben starke Landeskirchliche Gemeinschaften. Wie sehen Sie diese eigenen Strukturen innerhalb der Ortsgemeinden?
Das Verhältnis zur Landeskirchlichen Gemeinschaft schätze ich als sehr gut ein, sie ergänzt unseren Dienst. Wir sind in einem ständigen Gesprächsprozess und ich schätze an den Schwestern und Brüdern, dass sie die Einheit der Landeskirche als hohes Gut ansehen. Das ist besonders wichtig, weil der Zeitgeist auf Trennung aus ist. Wir leben im Zeitalter der Individualisierung und der Pluralisierung der Lebensmöglichkeiten. Jeder Mensch hat viele Optionen, sein Leben zu gestalten. Davon wird auch die Kirche beeinflusst. Um so wichtiger ist es, dass wir in das Gebet Jesu einstimmen, »dass sie alle eins seien« (Johannes 17).
Wären nicht etwas freiere Strukturen gut: dass Gemeinden mehr Verantwortung für Geld und Personal haben?
Die Kirchgemeinden haben bereits seit einigen Jahren die Möglichkeit, zusätzliches Personal aus eigenen Mitteln zu beschäftigen. Zugleich werden wir alles tun, was in unseren Möglichkeiten steht, um die Personalausstattungen im Verkündigungsdienst so gut zu halten, wie es eben möglich ist. Im Vergleich der EKD-Kirchen schätze ich die Finanzausstattung der sächsischen Kirchgemeinden als überdurchschnittlich ein.
Wie kann die Kirche auf die alternde Gesellschaft reagieren?
Unsere Zielgruppe Nummer eins sind Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene und Familien. Wir wollen alles mögliche tun, um ihnen in unserer Kirche eine Heimat zu bieten. Gerade in der Kindergartenarbeit haben wir Anknüpfungspunkte, um mit jungen Eltern zu sprechen, die ihre Kinder in einen unserer Kindergärten schicken. Dieser ganze Bereich hat hohe Priorität, vor allem aus missionarischen Gründen. Was nicht bedeutet, dass wir die Alten aus dem Blick verlieren. Ich freue mich ganz besonders darüber, dass die Zahl der Ehrenamtlichen stetig steigt. Da sind viele Ältere darunter. Ich bin dankbar, dass sie das Leben in der Landeskirche in starkem Maße prägen.
Sehen Sie in unseren Gemeinden die unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten ausreichend repräsentiert?
Leider nicht, so erreichen wir unter den Jugendlichen im Wesentlichen Gymnasiasten. Mittel- und Hauptschüler kommen bei uns leider schon seit langem zu kurz. Dass wir alle gleichermaßen ansprechen können, ist unter den Bedingungen der Individualisierung wohl nicht möglich. Dennoch empfinde ich das Fehlen ganzer Bevölkerungsgruppen im kirchlichen Leben schon als ein Manko, das uns nicht ruhen lassen sollte. Deswegen ist zum Beispiel die sozial-diakonische Jugendarbeit so wichtig.

Täte nicht mehr Armut oder Demut der Kirche gut?
Ich bin der festen Überzeugung, dass wir auch als arme Kirche in der Lage wären, Christus zu bezeugen. Aber wir sollten uns eine solche Situation nicht herbei wünschen. Schon deswegen nicht, weil wir dann nicht die Mittel hätten, den Armen zu helfen. Was da von Kirche und Diakonie getan wird mit Spenden, Kollekten, Kirchensteuern, ist bemerkenswert. Demut wiederum ist eine geistliche Haltung, zu der niemand ein für alle mal gefunden hat. Wer sie einnimmt, wird an die Seite der Armen und Schwachen treten. In Deutschland ist es lange Tradition, dass die Kirche sich aus diesem Grund einmischt in die Gesellschaft – und das werden wir auch weiter tun.
Können Sie Beispiele nennen?
Beim Schutz des Sonntags beispielsweise. Oder denken sie daran, was in den letzten Jahren für behinderte Menschen in Sachsen erreicht worden ist. Da hat sich die Diakonie von unserem Menschenbild her eingebracht. Was wir von der aktuellen Krise des Finanzsystems oder dem politischen Extremismus halten, kann jeder wissen. Aber wir spielen als Kirche eine andere Rolle als Parteien. In der Frage des Mindestlohns etwa haben wir keine besondere Kompetenz und sollten auch nicht so tun, als hätten wir sie.
Müsste Kirche nicht viel mehr intervenieren, wenn sich in der Gesellschaft Missstände auftun?
Ob wir zu viel reden oder zu wenig – diese Frage stelle ich mir ständig. Und ich bin mir nie sicher, ob wir das rechte Maß finden. Aber ich möchte davor warnen, das nur daran zu messen, ob etwas in der Zeitung steht. Wir sind ununterbrochen im Gespräch mit Vertretern der Politik und Wirtschaft über ethische Fragen und konkrete Gesetzesvorhaben. Die Kirche hat einen beträchtlichen Einfluss auf die Politik.
Viele Menschen beschäftigt der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr. Wie stehen Sie zu diesem Krieg?
Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein, an dieser Einsicht kann die Kirche nicht vorbei. Zugleich gilt es in einer gefallenen Schöpfung, dem Bösen zu wehren. Den ISAF-Einsatz in Afghanistan hat die Weltgemeinschaft beschlossen, um Frieden herzustellen und größeres Unheil abzuwenden – darum ist die Beteiligung der Bundeswehr nicht zu beanstanden. Dennoch bleibt für mich große Skepsis über die Ziele und ob sie erreicht werden können. Im übrigen werde ich im Oktober sächsische Soldaten und unseren Frankenberger Pfarrer Fritzsch in Faisabad besuchen, um Unterstützung in ihrer gefährlichen Situation für sie zum Ausdruck zu bringen.
Wie beurteilen Sie den Ausgang der Landtagswahl?
Ich hoffe, dass die starken Stimmenverluste der NPD für sie der Anfang vom Ende sind; und dafür bestehen gute Aussichten. Was die erneut gesunkene Wahlbeteiligung angeht, so finde ich sie im Jahr 20 nach der Friedlichen Revolution beschämend.
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