»Schwer zu verstehen«
29. Oktober 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen

Der Freistaat zahlt Millionen an die Landeskirche – und die Zuschüsse steigen. Dagegen formiert sich Kritik.
So viele Schlagzeilen hatte die sächsische Landeskirche lange nicht mehr. »Freistaat zahlte Kirchen 231 Millionen Euro«, empörte sich ein großes Boulevardblatt am vergangenen Sonntag. Dabei geht es eigentlich um keine Neuigkeit: Seit 1993 gilt der Staatsvertrag zwischen dem Freistaat Sachsen und der Landeskirche und bringt den Protestanten seitdem Jahr für Jahr einen Zuschuss aus Steuergeldern. 2010 sind es rund 22 Millionen Euro – 13 Prozent des Haushaltes der Landeskirche.
Genau genommen ist diese Geschichte ziemlich alt. Sie beginnt im 16. Jahrhundert zu Zeiten der Reformation, als Klöster, kirchliche Ländereien und anderer Besitz der Kirchen in Staatshand überging. Im Gegenzug übernahm die Obrigkeit die Bezahlung der Pfarrer und der Kirchenverwaltung. Zum Problem wurde das, als in der Weimarer Republik Staat und Kirche getrennt wurden.
Ein umfangreicher Prozess vor dem Staatsgerichtshof entschied 1932: Die sächsische Landeskirche habe zur Finanzierung ihres Personals ein Recht auf Zuschüsse in Höhe von vier Millionen Goldmark jährlich. »Diese Summe wurde betrachtet als eine Art Zins für ein nicht bis ins Einzelne berechnetes Kapital«, so der Freitaler Kirchenhistoriker Ralf Thomas. Das Recht der Kirchen auf Staatsleistungen wurde später im Grundgesetz und der in sächsischen Verfassung verankert.
»Doch in Zeiten von schmerzhaften Kürzungen ist es schwer zu verstehen, dass die Zuschüsse für Sachsens Kirchen 2011 um knapp zehn Prozent steigen sollen«, sagt Torsten Herbst, der Generalsekretär und parlamentarische Geschäftsführer der sächsischen FDP. Er weiß: Der Staats-Kirche-Vertrag ist nicht einseitig kündbar. Doch über die Höhe der Zahlungen will die FDP mit der Kirche verhandeln. Denn die steigen: Waren es 1993 noch umgerechnet 12,7 Millionen Euro, ist die Summe seitdem um 73 Prozent gewachsen. Denn die Staatsleistungen sind an die Beamtengehälter gekoppelt.
»Das ist nicht mehr vermittelbar«, sagt Annekathrin Giegengack, die kirchenpolitische Sprecherin der Fraktion Bündnis 90/Grüne im Landtag. Sie würdigt die Leistungen der Kirche in der Gesellschaft. »Als Christin möchte ich aber auch, dass meine Kirche glaubwürdig bleibt. Sie steht an der Spitze des Protestes gegen Sozialkürzungen. Da darf nicht der Mantel des Schweigens darüber gedeckt werden, dass sie wachsende Zuschüsse bekommt.«
Die Staatsregierung will nichts am bestehenden Vertrag mit den Kirchen ändern. »Sie geben der Gesellschaft mehr als sie finanziell erhalten«, so der CDU-Fraktionschef Steffen Flath.
Landesbischof Jochen Bohl will bei einem Treffen mit Landtagsabgeordneten am 2. November auch über die Staatsleistungen sprechen. Er bringt eine Lösung ins Gespräch, die bereits in Artikel 138 der Weimarer Verfassung festgeschrieben ist: Die Ablösung der jährlichen Zuschüsse durch eine Einmal-Zahlung des Staates.
Eine andere Möglichkeit nennen die Grünen: Die Staatsleistungen sollten sich künftig am Wert des enteigneten Kirchenbesitzes orientieren. Das Problem bei beiden Vorschlägen ist nur: Der genaue Umfang dieser Werte bleibt auch im Staat-Kirche-Vertrag von 1993 im Dunkeln. Er dürfte kaum genau zu bestimmen sein.
Andreas Roth
Schwarz-gelber Rotstift
2. September 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Gemeinsam vor der Presse (v. l.): Christian Michel, Förderer freier Schulen; Konrad Schneider, Sprecher der AG Freie Schulen; Bischof Joachim Reinelt; Martin Herold von der ev. Schulstiftung und Landesbischof Jochen Bohl. (Foto: Steffen Giersch)
Landeshaushalt: Die Kirche wehrt sich gegen Einschnitte bei freien Schulen
Weniger Geld für freie Schulen, Jugend und Soziales – das plant die sächsische Staatsregierung. Die Kirchen protestieren ungewohnt heftig.
Das Knirschen im Gebälk zwischen Kirchen und Staatsregierung in Sachsen ist nicht mehr zu überhören. Vor kurzem startete die evangelische Kirche eine Postkarten-Aktion gegen die geplante Aufweichung des Sonntagsschutzes. Am 31. August haben der Landesbischof Jochen Bohl und sein katholischer Amtsbruder Joachim Reinelt eine weitere Kampagne gestartet. Sie heißt »Damit’s bunt bleibt – Ja zu freien Schulen«. Denn die Landesregierung plant in ihrem Haushaltsentwurf für die kommenden beiden Jahre, ihre Zuschüsse für die 170 freien Bildungseinrichtungen in Sachsen – darunter 46 evangelische – um über elf Prozent zu kürzen.
»Das wird zu einem Sterben von freien Schulen führen«, befürchtet Landesbischof Bohl. »Die Höhe der Elternbeiträge, der Zuschüsse von Sponsoren und der Kirche sind schon jetzt ausgereizt.«
In den letzten Jahren sei die Höhe der staatlichen Unterstützung schon auf heute nur noch 65 Prozent der Schulkosten gefallen, sagen freie Träger. Nun will das sächsische Kultusministerium zugleich die Hürden für die Neugründung von freien Schulen deutlich erhöhen. Er könne damit leben, wenn in den nächsten zehn Jahren keine freien Schulen mehr gegründet würden, hatte der CDU-Fraktionschef im Landtag, Steffen Flath, in einem Zeitungsinterview erklärt.
Das sei ein Strategiewechsel in der Schulpolitik, kritisiert Landesbischof Bohl und verweist auf das im Grundgesetz verbriefte Recht auf freie Schulen. Ein weiterer Kritikpunkt: Der Freistaat will die Übernahme der Schulgebühren für finanziell schwache Familien komplett streichen. Das würde 13 Prozent der Kinder und Jugendlichen an christlichen Schulen in Sachsen treffen. »Die privaten Schulen würden dann zu Schulen der Bessergestellten«, sagt der katholische Bischof Reinelt. Das widerspreche kirchlichen Grundprinzipien.
Die freien Schulen sind nur ein Teil des Kürzungs-Paketes im Haushalt 2011/2012, über den der Landtag in dieser Woche erstmals berät. Um keine neuen Schulden aufnehmen zu müssen, will die CDU-FDP-Regierung Ausgaben in Höhe von 1,3 Milliarden Euro sparen. Vom Straßenbau über die Hochschulen bis zum Nahverkehr und öffentlichen Dienst müssen viele Bereiche mit harten Einschnitten rechnen. Doch auch die Mittel für Familien, Jugend- und Frauenprojekte, psychisch kranke und suchtkranke Menschen sollen stark gekürzt werden.
Die Diakonie hat sich deshalb mit anderen sächsischen Sozialverbänden und Gewerkschaften im »Bündnis Zukunft und Zusammenhalt« zusammengeschlossen, um gegen die geplanten Kürzungen zu kämpfen. »Wir werden uns an die Landtagsabgeordneten wenden, um Aufklärungsarbeit zu leisten und ins Gespräch zu kommen«, kündigt Diakonie-Vorstand Friedhelm Fürst an. Bei dem evangelischen Wohlfahrtsverband klagt man über mangelnde Kommunikation der Staatsregierung. Anfang November soll es vor dem Landtag in Dresden eine Großdemonstration geben.
Die CDU ist über die kirchliche Kritik gar nicht amüsiert. Deren Fraktionschef im Landtag, Steffen Flath, ließ in einem Zeitungsinterview ausrichten: »Kirche ja, aber bitte nicht als Opposition zur CDU.« Der sächsische Landesbischof Jochen Bohl kontert: »Ich würde das Risiko, in der Opposition zu landen, für eine politische Partei viel höher einschätzen als für eine Kirche.«
Andreas Roth
Wenn Kirche wächst …
2. September 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Die Kirche wird immer kleiner – sie hat sich daran gewöhnt. Und ist kaum vorbereitet, wenn Mitgliederzahlen steigen.
Die Kirche schrumpft? Nicht in der Dresdner Neustadt. Die Kirchenbänke in einem Seitenschiff der Martin-Luther-Kirche mussten weichen, um Platz für Kinderwagen zu schaffen. Die Konfirmanden passen nicht mehr in einen Raum, allein in diesem Jahr gibt es 60 Neuanmeldungen. Und im gesamten Kirchspiel Dresden-Neustadt lassen sich Jahr für Jahr gut 100 Menschen taufen, manchmal fünf in einem Gottesdienst. »Doch das ist nicht unser Verdienst – es liegt an der Stadtentwicklung«, sagt Albrecht Nollau, der Superintendent des Kirchenbezirks Dresden Nord.
Die Bevölkerung von Dresden und Leipzig wächst seit über zehn Jahren stetig – während der Rest Sachsens ebenso stetig immer mehr Einwohner verliert. Und auch in den beiden Halbmillionen-Städten profitieren nur die bei Familien besonders beliebten Stadtviertel von diesem Boom.
»Aber trotz eines Wachstums um fast ein Viertel seit 2003 auf heute 8469 Gemeindeglieder hat das Kirchspiel Dresden-Neustadt nicht eine einzige Mitarbeiterstelle mehr bekommen«, sagt Superintendent Albrecht Nollau. »In dieser Größe ist es sehr schwer, noch persönliche Kontakte zu halten. Taufgespräche, Besuche und Gruppen dauern ihre Zeit – und die lässt sich nicht beliebig vergrößern.«
Landesbischof Jochen Bohl hat sich im Frühling bei seinem Besuch im Kirchenbezirk Leipzig die Freuden und Sorgen wachsender Gemeinden angehört. In seinem Visitationsbericht schrieb er danach, »dass die Landeskirche die Kirchgemeinden in den Wachstumsregionen in veränderter Weise in den Blick nehmen will.« Wenn Gemeindegliederzahlen steigen, müsse entsprechend dem geltenden Personalschlüssel auch die Mitarbeiterzahl angepasst werden, so der Bischof.
In der Messestadt vergrößern sich die Kirchgemeinden besonders stark in der Südvorstadt und der Innenstadt, in Gohlis sowie im Leipziger Südwesten. »Als Kirchenbezirk möchten wir künftig die Möglichkeit haben, Pfarrstellen befristet an Schwerpunkte vergeben zu können, wo sie gebraucht werden – so wie wir es mit freien Gemeindepädagogen-Stellen heute schon tun«, sagt der Leipziger Superintendent Martin Henker.
Die Kirchengesetze lassen dies bisher nicht zu, mit Wachstum rechnen sie nicht. Dies wird eine der Herausforderungen sein für die achtköpfige Arbeitsgruppe, die je zur Hälfte aus Mitgliedern der Synode und des Landeskirchenamts besteht und seit Mai Konzepte für die zukünftige Struktur der Landeskirche erarbeitet. Denn ihre Gemeindeglieder werden immer weniger – und auch die Kirchensteuern. Es geht letztlich um die Verteilung knapper Personalstellen.
Dabei sitzen die Großstädte einer Überzahl an Vertretern ländlicher Kirchenbezirke gegenüber – in der Landessynode ebenso wie im Konvent der Superintendenten. »Für Stadtgemeinden mit steigenden Mitgliederzahlen muss eine Lösung her«, sagt der Plauener Superintendent Matthias Bartsch. »Aber das muss ein fairer Ausgleich sein. Denn in ländlichen Kirchenbezirken, in denen Pfarrer oft für zwei oder drei Kirchgemeinden zuständig sind, darf die Struktur nicht kaputtgehen.« Schon vor sechs Jahren führte die Landeskirche deshalb ein Solidarprinzip ein: In städtischen Kirchgemeinden soll auf 2000 Mitglieder eine Pfarrstelle kommen – auf dem Land genügen dafür 1600 Seelen.
Doch der Rückgang der ländlichen Bevölkerungszahlen und der finanziellen Mittel wird weiter anhalten – das Verteilungsproblem wird sich verschärfen. Die Städte dürften sich jedoch nicht aus der Solidarität mit den ländlichen Kirchenbezirken verabschieden, fordert Peter Meis, der Superintendent des ebenfalls wachsenden Kirchenbezirks Dresden Mitte: »Jetzt muss bei der Planung der landeskirchlichen Struktur darüber geredet werden, was gerecht ist.« Und wo die Chancen liegen für die Kirche, wenn sie zur Abwechslung einmal – wächst.
Andreas Roth
Kirche als Zielscheibe
28. Januar 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Das Aktionsjahr der Landeskirche für Demokratie und gegen Rechtsextremismus geht am 1. Februar zu Ende. Was hat es verändert?

Die Kirchenfeindschaft der neuen Nazis und ihr Neuheidentum sind immer öfter deutlich zu sehen – wie hier auf einer Mauer in Annaberg-Buchholz im letzten Jahr. Odin ist der Hauptgott der nordischen Mythologie. Foto: S. Giersch
Der Rechtsextremismus hat zwei Gesichter. Das eine ist bieder und tüchtig. So wie jener NPD-Stadtrat im nordsächsischen Städtchens Strehla, der sich bei der Landeskirche für die Einbeziehung seiner Heimat in den geplanten Lutherweg stark macht und dafür den Reformator als »Wegbereiter eines freieren Deutschlands« lobt.
Das andere Gesicht der Rechtsextremen ist weit weniger geschmeidig. Da wird die Zittauer Pfarrerin Katharina Köhler auf Internetseiten der NPD wegen »linker Multi-Kultur« als »Polit-Pfäffin« verunglimpft – weil sie am 9. November auch mit Linken an die Pogromnacht von 1938 erinnert hatte. Da sind die NPD-Flugblätter gegen die »Gutmenschen-Mafia« und die »schändliche Willkür« des Kirchenvorstands im erzgebirgischen Leukersdorf, weil dieser Mitte November einen Kranz der Rechtsextremen vom Kriegerdenkmal auf seinem Friedhof entfernen ließ.
Und da wird dem sächsischen Landesbischof Jochen Bohl auf rechtsextremen Internetseiten »Kreuzzugstimmung« und »politische Ketzerhatz« unterstellt, nur weil er vor den Wahlen im letzten Jahr klar sagte: Die Ideologie der neuen Nazis ist menschenverachtend und unvereinbar mit dem christlichen Glauben.
»Nächstenliebe verlangt Klarheit« heißt das seit zwölf Monaten währende Aktionsjahr für Demokratie und gegen Rechtsextremismus der sächsischen Landeskirche. Am 1. Februar geht es mit einem Fachtag und einem Gottesdienst in der Chemnitzer Bonhoeffer-Kirchgemeinde zu Ende.
»Das Thema hat durch das Aktionsjahr bei vielen Christen und Kirchgemeinden eine Aufmerksamkeit bekommen, die ihm auch zukommt«, zieht Landesbischof Jochen Bohl eine erste Bilanz. Dass es eine Gegnerschaft zwischen Neonazis und Kirche gebe, sei offenkundig. »Nicht zuletzt ist es für die Opfer rechtsextremer Übergriffe wichtig zu sehen, dass die Kirche sich positioniert«, betont der Landesbischof.
Die Arbeitsgemeinschaft »Kirche für Demokratie – gegen Rechtsextremismus«, die 2005 von der Evangelischen Erwachsenenbildung Sachsen gegründet wurde, beriet und informierte im Aktionsjahr zusammen mit dem Kulturbüro Sachsen über 18 sächsische Kirchgemeinden und vier Kirchenbezirkssynoden zu demokratischen Gegenstrategien.
»Manche Kirchgemeinden und Pfarrer sind sehr wach beim Thema Rechtsextremismus, andere haben nur wenig Interesse bis hin zur Ignoranz«, hat Susanne Feustel festgestellt, die das Projekt »Demokratie lernen« des sächsischen Landesjugendpfarramtes leitet. In 31 Veranstaltungen hat sie im letzten Jahr Schüler, Lehrer, Gemeindepädagogen, Sozialarbeiter und Gemeindeglieder über die neuen Nazis aufgeklärt. »Die Sensibilität für den Rechtsextremismus ist durch das Aktionsjahr gewachsen. Aber es ist schwer zu vermitteln, dass wir kontinuierlich daran weiterarbeiten müssen.«
Das aber ist nötig: Weil sich das Denken vieler Neonazis oft mit einer neuheidnischen Kirchenfeindlichkeit verbindet, weil die Zahl der rechtsextremistisch motivierten Straftaten in Sachsen weiter steigt – auf rund 2400 im vorletzten Jahr. Und weil Christen selbst nicht gefeit sind vor rechtsextremen Gedanken. »Auch in der Kirche gibt es antijüdische, antiislamische und völkische Vorurteile«, sagt Friedemann Bringt vom Kulturbüro Sachsen. »Und Opfer von rechtsextremer Diskriminierung und Gewalt finden leider in einigen Gemeinden noch zu wenig Unterstützung.«
Andreas Roth
Gehalten im Glauben
30. Dezember 2009 von Redaktion DER SONNTAG
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Im Laufe ihres Lebens müssen alle Menschen auch Böses durchleben. Die Jahreslosung für 2010 will Gelassenheit vermitteln – trotz aller Gefahren.
Jesus Christus spricht: Euer Herz erschrecke nicht. Glaubt an Gott und glaubt an mich.
Johannes 14, 1 [Jahreslosung 2010]

Landesbischof Jochen Bohl © Steffen Giersch
Ich bin entspannt mit dem Auto unterwegs; die Landstraße macht eine leichte Biegung. Da kommt mir plötzlich ein überholendes Fahrzeug entgegen – auf meiner Spur! Instinktiv findet der Fuß die Bremse, nur durch eine Vollbremsung wird der Zusammenstoß vermieden. Der Adrenalinstoß lässt »das Blut in den Adern gefrieren«, wie man auch sagt.
Jeder wird ähnliche Schrecken schon einmal erlebt haben – und auch das tiefe Gefühl der Dankbarkeit und der Erleichterung kennen, wenn die Gefahr vorbei und es gerade noch einmal gut gegangen ist.
Dann gibt es die Schrecken, die einem sozusagen in kleineren Dosen verabreicht werden, die aber umso länger anhalten. Das Unbehagen angesichts der sorgenvollen Miene des Geschäftsführers und der Gerüchte im Betrieb, es sähe gar nicht so gut aus mit der Auftragslage. Die Furcht nach der Diagnose des Arztes, der nach einer Untersuchung erklärt, man habe da etwas gefunden und es müsse geklärt werden, was das eigentlich sei.
Es kann einem auch unwohl werden an einem sonnigen Mittag Ende November, den man am liebsten auf den Dresdner Elbwiesen verbringen würde; jeder sieht ja die Anzeichen einer Veränderung unseres Klimas.
In der gefallenen Schöpfung gibt es Schrecken jeder Art und zahllose Gründe für geängstigte Herzen. Das Wort Jesu, das uns im neuen Jahr als Losung begleitet, steht in den sogenannten Abschiedsreden. Jesus kündigt seinen Jüngern an, dass er von ihnen fortgehen wird. Er deutet an, dass ihn sein Weg an einen Ort führen wird, wohin ihm seine Jünger nicht folgen können.
Die Jünger werden ihn nicht unbedingt verstanden haben. Dass sie über solche Worte ihres Freundes und Meisters erschrecken, ist aber leicht nachzuempfinden. Seit sie mit ihm unterwegs sind, ist er derjenige, der ihrem Leben einen Sinn gegeben hat. Sie haben ihr Herz für ihn geöffnet. Wie soll es ohne ihn weitergehen?
»Euer Herz erschrecke nicht«, sagt Jesus. »Glaubt an Gott und glaubt an mich.« Darin liegt für uns, die wir glauben, ein wunderbarer Trost. Der Glaube an Jesus Christus hilft uns gegen die Gefahren, die das Herz ängstigen. Auch wir werden von den Schrecknissen der Welt getroffen. Auch Christen werden krank, erleiden Unfälle, scheitern in Gefahren. Ein Leben in leichtem Wohlstand und ohne Leid ist uns nicht verheißen und ist auch mit diesem Wort Jesu nicht gemeint. Der Glaube ist kein Schirm, der alles Böse von uns fernhält.
Wohl aber können wir den Dingen, die uns erschrecken, mit einem großen Maß an Gelassenheit gegenübertreten. Denn es ist eine lebendige Erfahrung vieler Christen, dass die Sorgen leichter werden, wenn wir sie Gott anvertrauen. Wir kennen die Erfahrung gut, dass Türen sich öffnen, die längst verschlossen zu sein schienen. Oft genug weiß Gott einen Weg für uns, wo wir keinen Ausweg finden. Es ist eine Erfahrungswahrheit, dass unser Glaube viel mehr ist als billige Vertröstung, wie manche es heute noch meinen.
Den Jüngern blieben schmerzliche Erfahrungen nicht erspart, als Jesus seinen Weg ans Kreuz ging. Einige Verse nach der Jahreslosung lesen wir, dass der Herr ihnen den Tröster verheißt, den Heiligen Geist. Wenn wir an den Schrecknissen des Lebens nicht vorbeigeführt werden, sondern durch sie hindurch müssen, sind wir nicht allein, denn Gott ist in seinem Heiligen Geist mit uns.
Es ist eine Erfahrung, die Christenmenschen immer wieder machen können, dass in einer schwierigen Lage plötzlich eine ungekannte Kraft zuwächst. Mit ihr gelingt es, die Last zu tragen, die einem auferlegt wurde. Der Heilige Geist, der Tröster, verleiht sie uns, damit wir in den Herausforderungen bestehen und nicht unter den Lasten des Lebens zusammenbrechen. Er schenkt uns auch die Hoffnung, dass alle unsere Wege in dem Licht der Liebe Gottes enden werden.
Euer Herz erschrecke nicht, sagt Jesus – glaubt an Gott und glaubt an mich.
Die Kraft des Heiligen Geistes ist ein Geschenk, das wir empfangen, wenn wir uns für die Anrede Jesu öffnen und seine tröstende Zusage hören, wie er sie seinen Jüngern gegeben hat. Ich wünsche Ihnen, liebe Leser, dass die Jahreslosung Ihnen auf den Wegen des Jahres 2010 zu einem ermutigenden und in Gefahren zu einem tröstenden Wort Gottes wird.
Von Landesbischof Jochen Bohl
Enttäuscht von Schwarz-Gelb
25. September 2009 von Redaktion DER SONNTAG
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Kirchen kritisieren Koalitionsvertrag der künftigen sächsischen Regierung
Die beiden großen Kirchen in Sachsen haben den Koalitionsvertrag von CDU und FDP wegen der darin enthaltenen Aufweichung des Sonntagsschutzes scharf kritisiert. Landesbischof Jochen Bohl sagte, er sei enttäuscht von der CDU und warf der Koalition eine »Politik gegen die Menschen» vor. Mit Verweis auf das Dritte Gebot forderte der Landesbischof, dass der Sonntag kein Tag werden dürfe wie jeder andere.
Der am vergangenen Mittwoch von CDU und FDP vorgestellte Koalitionsvertrag schreibt fest, dass künftig Videotheken und Autowaschanlagen auch sonntags öffnen dürfen.
Die sächsische Diakonie übt ebenfalls harte Kritik an der neuen Koalition aus CDU und FDP. »Das Wort Armut oder Armutsbekämpfung taucht im Koalitionsvertrag von CDU und FDP an keiner Stelle auf«, sagt Christian Schönfeld, Vorstand des Diakonischen Werkes der Landeskirche. »Rund ein Viertel der Bevölkerung fällt damit aus dem Blick der beiden Regierungsparteien einfach heraus.« Nirgends sei in dem Papier von Gemeinwohl und sozialer Gerechtigkeit die Rede.
Nach Ansicht des Diakonie-Chefs sei eine Verbesserung des Betreuungsschlüssels in Kindergärten dringlicher als die nun von CDU und FDP beschlossene Flexibilisierung der Kita-Öffnungszeiten. Schönfeld forderte die neue Staatsregierung zur Solidarität mit den Städten und Gemeinden auf. »Wir können nur hoffen, dass der Freistaat mit seinen Landkreisen und Kommunen, deren öffentliche Armut durch den Steuerausfall noch deutlich steigen wird, tatsächlich solidarisch ist und sie in die Lage versetzt, ihre sozialen Aufgaben auch zu erfüllen.«
Positiv bewertet die evangelische Landeskirche dagegen, dass die neue Regierung die bisherige finanzielle Unterstützung für freie – auch konfessionelle – Schulen überprüfen will. Der Bischof des katholischen Bistums Dresden-Meißen, Joachim Reinelt, hofft deshalb, »dass nun endlich die Ungerechtigkeit in der Berechnungsformel für die Zuschüsse für Schulen in freier Trägerschaft nicht nur untersucht, sondern auch korrigiert« werde. »Wir brauchen keine Trostpflästerchen, sondern Gerechtigkeit«, so Reinelt.
Andreas Roth / epd
Das Amt der Einheit
3. September 2009 von Redaktion DER SONNTAG
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Seit fünf Jahren ist Sachsens Landesbischof Jochen Bohl im Amt. DER SONNTAG befragte ihn zu seinem Glauben, unserer Kirche und dem Zeitgeschehen.
Hat sich der Mensch und Christ Jochen Bohl durch das Bischofsamt verändert?
Ein anderer Mensch bin ich nicht geworden. Aber mit diesem Amt und seiner umfassenden Beanspruchung zu leben, das hat mich verändert und prägt mich sehr.
Haben Sie als Bischof Erkenntnisse gewonnen, die in Ihrem Glaubensweg vorher nicht so deutlich waren?
Jeder Mensch lernt unentwegt, und auch das Leben im Glauben kennt keinen Stillstand. Zum Beispiel habe ich im letzten Jahr beim Pfarrertag über die Opfertheologie gesprochen, weil ich denke, sie ist in den Gemeinden dran. Unter der Pfarrerschaft ist das ebenfalls ein wichtiges Thema – und auch für mich selbst hat die intensive Arbeit Klärung bewirkt.
Brauchen wir den Opfertod Jesu, um selig zu werden?
Christus ist für uns gestorben und das bedeutet: Er ist für mich gestorben, denn wie jeder Mensch bin ich der Macht der Sünde verhaftet – das kann man sich auch nicht aussuchen. Insofern halte ich es für verfehlt, wenn man sich vom Gedanken, dass Christus für uns an das Kreuz ging, verabschieden würde. Manche denken, dass dieser Glaubenssatz in dieser Zeit nicht vermittelt werden könne. Das sehe ich anders, denn es ist ja nicht so, dass Gott versöhnt werden müsste, was viele irrtümlich denken – als sei es ein rachsüchtiger Gott, dem ein Opfer gebracht wird. Sondern es geht darum, dass Christus ein Opfer gebracht hat, um für uns die Trennung von Gott zu überwinden.
Wie wörtlich müssen wir biblische Aussagen nehmen?
Man darf die Bibel nicht nur als ein Dokument einer vergangenen Zeit lesen. Wenn Menschen sagen, für sie ist die Bibel das unverfälschte Wort Gottes, so freue ich mich darüber und sage: ja, auch ich begegne in ihr der persönlichen Anrede Gottes. Zugleich ist mir die historisch-kritische Erforschung unverzichtbar. Denn es ist ja offenkundig, dass auch die biblischen Autoren unterschiedliche Akzente setzen, die verstanden und eingeordnet sein wollen. Johannes schreibt das Evangelium anders als Markus, und Lukas zeigt insbesondere die soziale Dimension der Guten Nachricht auf. Insofern wird eine gute und gründliche theologische Ausbildung der Pfarrer unbedingt gebraucht, darauf werden wir auch in Zukunft großen Wert legen.
Wie sehen Sie das Verhältnis zu den Freikirchen?
Ich möchte da unterscheiden zwischen den traditionellen Freikirchen, die es seit langem gibt, und den Gruppierungen, die sich in den letzten Jahren von unserer Landeskirche getrennt haben. Letzteres empfinde ich als ein ernstes Problem, und zwar für beide Seiten. Es ist schmerzhaft, wenn Menschen unsere Landeskirche verlassen. Das gilt umso mehr, wenn sie ihren Glauben besonders ernst nehmen wollen. Ich frage aber, ob es sich nicht meist um eine erste Begeisterung handelt, die mit einem fehlenden Verständnis für das Vertraute einhergeht. Oft kommt nach kurzer Zeit die Erkenntnis, dass Probleme geblieben sind und es unverändert schwer ist, damit umzugehen. Die Landeskirche bietet so viele Möglichkeiten, den eigenen Glauben zu leben, dass der Entschluss, sich von der Landeskirche zu trennen, meist doch sehr leichtfertig anmutet. Wir sollten uns schon bemühen, beieinander zu bleiben. Auch ich möchte meinen Beitrag dazu leisten, denn das Bischofsamt ist das Amt der Einheit.

Wir haben starke Landeskirchliche Gemeinschaften. Wie sehen Sie diese eigenen Strukturen innerhalb der Ortsgemeinden?
Das Verhältnis zur Landeskirchlichen Gemeinschaft schätze ich als sehr gut ein, sie ergänzt unseren Dienst. Wir sind in einem ständigen Gesprächsprozess und ich schätze an den Schwestern und Brüdern, dass sie die Einheit der Landeskirche als hohes Gut ansehen. Das ist besonders wichtig, weil der Zeitgeist auf Trennung aus ist. Wir leben im Zeitalter der Individualisierung und der Pluralisierung der Lebensmöglichkeiten. Jeder Mensch hat viele Optionen, sein Leben zu gestalten. Davon wird auch die Kirche beeinflusst. Um so wichtiger ist es, dass wir in das Gebet Jesu einstimmen, »dass sie alle eins seien« (Johannes 17).
Wären nicht etwas freiere Strukturen gut: dass Gemeinden mehr Verantwortung für Geld und Personal haben?
Die Kirchgemeinden haben bereits seit einigen Jahren die Möglichkeit, zusätzliches Personal aus eigenen Mitteln zu beschäftigen. Zugleich werden wir alles tun, was in unseren Möglichkeiten steht, um die Personalausstattungen im Verkündigungsdienst so gut zu halten, wie es eben möglich ist. Im Vergleich der EKD-Kirchen schätze ich die Finanzausstattung der sächsischen Kirchgemeinden als überdurchschnittlich ein.
Wie kann die Kirche auf die alternde Gesellschaft reagieren?
Unsere Zielgruppe Nummer eins sind Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene und Familien. Wir wollen alles mögliche tun, um ihnen in unserer Kirche eine Heimat zu bieten. Gerade in der Kindergartenarbeit haben wir Anknüpfungspunkte, um mit jungen Eltern zu sprechen, die ihre Kinder in einen unserer Kindergärten schicken. Dieser ganze Bereich hat hohe Priorität, vor allem aus missionarischen Gründen. Was nicht bedeutet, dass wir die Alten aus dem Blick verlieren. Ich freue mich ganz besonders darüber, dass die Zahl der Ehrenamtlichen stetig steigt. Da sind viele Ältere darunter. Ich bin dankbar, dass sie das Leben in der Landeskirche in starkem Maße prägen.
Sehen Sie in unseren Gemeinden die unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten ausreichend repräsentiert?
Leider nicht, so erreichen wir unter den Jugendlichen im Wesentlichen Gymnasiasten. Mittel- und Hauptschüler kommen bei uns leider schon seit langem zu kurz. Dass wir alle gleichermaßen ansprechen können, ist unter den Bedingungen der Individualisierung wohl nicht möglich. Dennoch empfinde ich das Fehlen ganzer Bevölkerungsgruppen im kirchlichen Leben schon als ein Manko, das uns nicht ruhen lassen sollte. Deswegen ist zum Beispiel die sozial-diakonische Jugendarbeit so wichtig.

Täte nicht mehr Armut oder Demut der Kirche gut?
Ich bin der festen Überzeugung, dass wir auch als arme Kirche in der Lage wären, Christus zu bezeugen. Aber wir sollten uns eine solche Situation nicht herbei wünschen. Schon deswegen nicht, weil wir dann nicht die Mittel hätten, den Armen zu helfen. Was da von Kirche und Diakonie getan wird mit Spenden, Kollekten, Kirchensteuern, ist bemerkenswert. Demut wiederum ist eine geistliche Haltung, zu der niemand ein für alle mal gefunden hat. Wer sie einnimmt, wird an die Seite der Armen und Schwachen treten. In Deutschland ist es lange Tradition, dass die Kirche sich aus diesem Grund einmischt in die Gesellschaft – und das werden wir auch weiter tun.
Können Sie Beispiele nennen?
Beim Schutz des Sonntags beispielsweise. Oder denken sie daran, was in den letzten Jahren für behinderte Menschen in Sachsen erreicht worden ist. Da hat sich die Diakonie von unserem Menschenbild her eingebracht. Was wir von der aktuellen Krise des Finanzsystems oder dem politischen Extremismus halten, kann jeder wissen. Aber wir spielen als Kirche eine andere Rolle als Parteien. In der Frage des Mindestlohns etwa haben wir keine besondere Kompetenz und sollten auch nicht so tun, als hätten wir sie.
Müsste Kirche nicht viel mehr intervenieren, wenn sich in der Gesellschaft Missstände auftun?
Ob wir zu viel reden oder zu wenig – diese Frage stelle ich mir ständig. Und ich bin mir nie sicher, ob wir das rechte Maß finden. Aber ich möchte davor warnen, das nur daran zu messen, ob etwas in der Zeitung steht. Wir sind ununterbrochen im Gespräch mit Vertretern der Politik und Wirtschaft über ethische Fragen und konkrete Gesetzesvorhaben. Die Kirche hat einen beträchtlichen Einfluss auf die Politik.
Viele Menschen beschäftigt der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr. Wie stehen Sie zu diesem Krieg?
Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein, an dieser Einsicht kann die Kirche nicht vorbei. Zugleich gilt es in einer gefallenen Schöpfung, dem Bösen zu wehren. Den ISAF-Einsatz in Afghanistan hat die Weltgemeinschaft beschlossen, um Frieden herzustellen und größeres Unheil abzuwenden – darum ist die Beteiligung der Bundeswehr nicht zu beanstanden. Dennoch bleibt für mich große Skepsis über die Ziele und ob sie erreicht werden können. Im übrigen werde ich im Oktober sächsische Soldaten und unseren Frankenberger Pfarrer Fritzsch in Faisabad besuchen, um Unterstützung in ihrer gefährlichen Situation für sie zum Ausdruck zu bringen.
Wie beurteilen Sie den Ausgang der Landtagswahl?
Ich hoffe, dass die starken Stimmenverluste der NPD für sie der Anfang vom Ende sind; und dafür bestehen gute Aussichten. Was die erneut gesunkene Wahlbeteiligung angeht, so finde ich sie im Jahr 20 nach der Friedlichen Revolution beschämend.

Die Fragen an Landesbischof Jochen Bohl stellten Christine Reuther und Andreas Roth; Fotos: Steffen Giersch
Apfelbäumchen als Zeichen der Hoffnung
27. August 2009 von Redaktion DER SONNTAG
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Ein Großereignis mit Nachwirkungen: Sächsische Kirchenvorstände erleben, warum sich die Arbeit für das Evangelium lohnt.

Erinnerungsfoto mit Landesbischof: Nach dem Abschlussgottesdienst trafen sich die Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher vor der Dresdner Frauenkirche. Fotos: Steffen Giersch
Das ist wohl so eine Art Kirchentag.« Zu diesem Schluss kommt ein Passant angesichts der vielen Menschen mit orangen Halsbändern und Namensschildern daran vor der Dresdner Kreuzkirche. Eine ausländische Touristin lässt sich auf englisch erklären, was Kirchenvorstände sind und warum sie sich an diesem Tag in der Dresdner Kreuzkirche treffen.
Zum ersten sächsischen Kirchenvorstandstag am 23. August sind etwa 2000 Kirchenvorsteher nach Dresden gekommen. Sie feiern in der Kreuzkirche den Eröffnungsgottesdienst, studieren einen von Kreuzkantor Roderich Kreile extra komponierten Kanon ein und lassen sich von Manfred Lütz humorvoll auf den Tag einstimmen. Der Kölner Psychotherapeut und katholische Theologe ruft den Zuhörern in seinem vergnüglichen Blick auf die evangelische wie katholische Kirche zu: »Ehrenamtler: Wir sind die Entscheidenden – und die Hauptamtler müssen uns in Demut dienen.«
In der Kirche, sagt Lütz, sei es üblich geworden zu jammern. Die Psychologie meine zwar: »Jammern stärkt die Gemeinschaft«, so der Arzt. »Aber man kann es auch übertreiben. Das Christentum hat der Welt eine Heilsgeschichte gebracht«, das müsse wieder deutlich werden.

Foto: Steffen Giersch
Derart motiviert verteilen sich die Kirchenvorsteher auf die rund 70 Werkstätten und Foren, bei denen im kleineren Kreis ganz praktische Themen besprochen werden. Wie Ehrenamtliche zu gewinnen sind, beschreiben Mitarbeiter des Landesjugendpfarramtes aus ihren Erfahrungen. Grundsätzlich jedes Mitglied einer Jungen Gemeinde werde zur Qualifizierung für ehrenamtliche Mitarbeit eingeladen. »Jeder ist es wert, angefragt zu werden«, laute dabei das Motto. Und: »Wenn ein Jugendlicher ausgebildet ist, möchte er etwas damit anfangen«. Ziel der Qualifizierungen sei Anerkennung. »Dann wachsen die Jugendlichen auch in die Gemeindearbeit hinein«, so die Erfahrungen der Jugendmitarbeiter.
Um Anerkennung der eigenen Arbeit geht es auch in einem Forum zum Thema »Haupt- und Ehrenamt Hand in Hand«. Ganz konkrete Fragen treten dort auf: »Wie kann man liebevoll-diplomatisch sagen, dass jemand für seine Aufgabe nicht geeignet ist?« heißt es da. Und: »Müsste es nicht mehr Ausbildungsmöglichkeiten für Ehrenamtliche geben?«

Foto: Steffen Giersch
Über das »Wachsen gegen den Trend« diskutieren die Teilnehmer in einem gleichnamigen Forum mit Gudrun Lindner und Axel Noack. »Keine Angst, die Kirche Jesu Christi geht nicht an unseren Fehleinschätzungen zugrunde«, ermuntert dabei die langjährige sächsische Synodalpräsidentin. »Was ihr wirklich schadet, ist die Unbeweglichkeit des Satzes: Das war schon immer so. Und die Verleugnung: Das ist nicht mehr meine Kirche.«
Vom Kleinerwerden zu reden, ist für den ehemaligen Magdeburger Bischof Axel Noack »ein Akt der Ehrlichkeit«. »Das eigentliche Problem ist die damit oft verbundene Resignation. Wenn eine Kirche nicht mehr wachsen will, ist sie in ihrer Substanz geschädigt«, sagt er und weist darauf hin, welche Chancen Kirchgemeinden in Kindergärten und Schulen haben, um Menschen mit dem Evangelium vertraut zu machen. »Kirche ist immer noch zu sehr auf die Kerngemeinde orientiert. Die anderen werden als Weihnachtschristen oder Karteileichen bezeichnet. Wenn wir wachsen wollen, müssen wir die alle mögen.«
Dass dazu auch die Menschen außerhalb der Kirchenmauern und in sozialen Schwierigkeiten gehören, wird auf einem anderen Forum deutlich. »Wir sind auf dem besten Weg, eine Kirche des Mittelstands zu werden«, sagt der Kirchenvorsteher Rudolf Berthold, der selbst erwerbslos ist. »Wir wissen meist nicht, wer in unseren Gemeinden von Armut betroffen ist. Denn diese Menschen verstecken sich oft aus Scham.«
Wie die Kirchgemeinden auf sie zugehen können, darüber werden Ideen ausgetauscht: Sei es durch einen regelmäßigen Kaffeetreff für Erwerbslose, durch das Angebot, sie auf das Arbeitsamt zu begleiten oder durch den Verzicht auf teure Rüstzeiten, die ärmere Gemeindeglieder ausschließen. »Am Wichtigsten aber ist für Menschen in sozialen Schwierigkeiten das Zuhören und Ernstnehmen ihrer Probleme – auf Augenhöhe – und auch über die Grenzen der Gemeinde hinaus«, sagt Barbara Müller aus Oederan. »So hat es Jesus gemacht.«
Das Engagement der Kirchenvorsteher würdigt Landesbischof Jochen Bohl als »Schatz für die Kirche«. Beim Abschlussgottesdienst in der Frauenkirche dankt ihnen auch Ministerpräsident Stanislaw Tillich: »Sie leisten einen unschätzbar wertvollen Dienst auch für die Gesellschaft in Sachsen insgesamt. Sie schaffen soziale Wärme und geben Werteorientierung.«

Foto: Steffen Giersch
Christine Reuther / Andreas Roth
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