Es trifft die Kleinen

18. Februar 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Sachsen

Jeden Montag kochen sich Kinder und Jugendlichen im Plauener Jugendhaus Boxenstop ein gesundes Essen, was für viele von ihnen Zuhause keine Selbstverständlichkeit ist. Doch nun ist dieses Angebot in Gefahr. Foto: Ellen Liebner

Jeden Montag kochen sich Kinder und Jugendlichen im Plauener Jugendhaus Boxenstop ein gesundes Essen, was für viele von ihnen Zuhause keine Selbstverständlichkeit ist. Doch nun ist dieses Angebot in Gefahr. Foto: Ellen Liebner

Das sächsische Sozialministerium kürzt die Gelder für die Jugendarbeit drastisch. Auch viele kirchliche Angebote sind bedroht.

Am Anfang war eine nüchterne Zahl: 4,7 Millionen Euro will das sächsische Sozialministerium in diesem Jahr bei den Zuschüssen für die Kinder- und Jugendarbeit sparen. Grund sind die Wirtschaftskrise und die deshalb zurückgehenden Steuereinnahmen. Zwischen den Plattenbauten im Plauener Stadtteil Chrieschwitz kann diese abstrakte Zahl bald sehr konkret werden.

Im evangelischen Jugendhaus Boxenstop lernen Schüler beispielsweise, sich selbst für wenig Geld ein gesundes Essen zuzubereiten. »Das kennen viele von zu Hause nicht«, sagt Detlef Köhler, der Leiter des Boxenstop. »In den Ferien bieten wir auch Freizeiten für Kinder aus Familien an, die sonst im Urlaub nie wegfahren.« Beide Angebote, fürchtet Köhler, könnten mit der angekündigten Kürzung der Fördermittel um 30 Prozent wegfallen.

»Die Landkreise und Städte werden diesen Rückgang kaum kompensieren können«, sagt Hans-Jürgen Meurer, Referent für Jugendhilfe der Diakonie Sachsen. »Aber ob sie die Zuschüsse für alle Jugendprojekte gleichmäßig um 30 Prozent kürzen oder sich auf einzelne Vorhaben konzentrieren und andere dafür schließen werden, das ist noch offen.« Sicher aber ist für die Diakonie schon jetzt: Es wird vor allem die mobile Jugendarbeit auf den Straßen und Plätzen sowie Jugendhäuser treffen – und da vor allem die Kleinen.

Die mobile Jugendarbeit der Kirchgemeinde Lommatzsch-Neckanitz etwa müsste bei einer Kürzung der Zuschüsse für die einzige Mitarbeiterstelle schließen, so Hans-Jürgen Meurer. »Dabei wollte die Staatsregierung laut Koalitionsvertrag die Jugendarbeit auf dem Land stärken!«

Insgesamt gibt es allein innerhalb der Diakonie Sachsen 78 Projekte mit 156 Mitarbeitern, die von den Kürzungen betroffen sein könnten. Die Kirchgemeinden der sächsischen Landeskirche betreiben 50 sozialdiakonische Angebote für Jugendliche – 15 davon sind in ihrer Existenz bedroht, sagt Landesjugendpfarrer Tobias Bilz. »Jedes dieser Angebote erreicht im Durchschnitt 70 bis 120 Kinder und Jugendliche pro Woche«, so Bilz. Die Einsparungen wären eine »Zerstörung von Strukturen und Netzwerken mit unabsehbaren Auswirkungen« und »demoralisieren die Mitarbeiter genauso wie die bisher erreichten Kinder und Jugendlichen«.

Die Stelle des Bildungsreferenten im Dresdner Landesjugendpfarramt steht ebenfalls auf der Kippe. Hinzu kommt: Die Zahl der jungen Menschen im Freiwilligen Sozialen Jahr soll von derzeit 1110 auf rund 500 sinken – auch davon sind kirchliche Träger betroffen.

»Bei der Förderung des Straßenbaus kürzt der Wirtschaftsminister auch nicht«, sagt Landesjugendpfarrer Tobias Bilz. »Sozialministerin Clauß nimmt den Spardruck zu schnell hin.« Jetzt wollen Vertreter der sächsischen Landeskirche und Diakonie zusammen mit anderen Jugendverbänden bei Abgeordneten und der Staatsregierung für eine Reduzierung der Kürzungen kämpfen.

Landesjugendpfarrer Tobias Bilz fordert: »Wir erwarten, dass die Wahrung des sozialen Friedens und die Investitionen in die heranwachsende Generation genauso ernst genommen werden wie die Rettung des Finanz- und Wirtschaftssystems.«

Andreas Roth