Sei ein Narr

11. Februar 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Der Karneval ist katholisch? Von wegen. Auch Pro­testanten feiern Fasching – denn Christen haben Grund zum Fröhlichsein.

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Ein Narr hat in der Wissensgesellschaft nicht viel zu melden. In Radeburg aber jubeln sie Jürgen Guller zu. Zehntausende. Guller winkt, die golden-blau geschweifte Narrenkappe fest auf dem Kopf – so wie die anderen zehn Männer des Elferrates neben ihm auf dem Wagen im Festumzug. Hinter ihnen ragt eine irrwitzig große Narrenkappe empor. Der Ernst des Lebens steht Kopf jedes Jahr am Faschingsdienstag. Der Mummenschanz kann beginnen.

Wer da glaubt, Karneval sei nur etwas für Rheinländer und Katholiken, wird in Radeburg eines Besseren belehrt: Jürgen Guller ist evangelisch. Und unter der Kappe, die der Narr des Mittelalters mit Freude am gottesfernen Frevel und der Lust am Laster trug, verbergen sich heutzutage andere Gedanken: »Im Karneval drückt sich die Freude aus, die man als Christ leben kann«, sagt Guller. »Er ist eine schöne Art, mit anderen Menschen fröhlich zu sein und dafür zu sorgen, dass sie auch Freude haben.«

An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass Jürgen Guller die meiste Zeit seines Tages mit Menschen zu tun hat, die keine Witze reißen. Er ist der Friedhofsmeister der Radeburger Kirchgemeinde. »Da erfahre ich oft aus erster Hand, wie schwer es ist, wenn Menschen allein sind und mit niemandem Glück und Freude teilen können.« Der Karneval, sagt Guller, baue ihn wieder auf. Ein Lebenselexier ist er. Und eine Gegenwelt.

Das war der Karneval immer. Im Mittelalter kehrten die Narren zu ihren Festen die Welt um: Die kleinen Leute durften die Mächtigen spielen und verspotten. Die Kirche duldete das sinnenfreudige Spektakel. Denn je ärger das teuflische Treiben der Narren, um so größer die Notwendigkeit zur Umkehr und das Aufleuchten der Herrschaft Gottes ab dem Aschermittwoch. Denn da beginnt die vorösterliche Fastenzeit – und Schluss ist es mit der Narretei. Die Reformation indes machte auch mit der Fastenzeit Schluss, und damit auch mit dem Karneval und seinem Kontrast von Sünde und Buße.

»Fasching ist eine Lockerungsübung und ein Lehrmeister«, sagt der Dresdner Pfarrer Andreas Horn. »Ich kann einmal aus der eigenen festgefahrenen Rolle fallen und spielerisch ein anderer sein. Gott lässt in jedem von uns noch Begabungen und Möglichkeiten schlummern, die wir entdecken können.« Fasching, sagt der Theologe, dessen Kirchgemeinde in Dresden-Leubnitz jedes Jahr feiert, könne ein Neuanfang sein. Und auch die Erfahrung von Vergebung.

Hinter der bunten Maske des Karnevals ist indes der Abgrund menschlicher Freiheit ebenfalls nicht weit. Der fröhliche Rheinländer Otto Guse – mittlerweile Vogtländer und Präsident der sächsischen Landessynode – hat manchen Rosenmontag in einem Düsseldorfer Krankenhaus gearbeitet und sturzbetrunkene 14-Jährige versorgt. »Den Karneval vermisse ich in Sachsen nicht«, sagt er. »Meine Fröhlichkeit kommt aus der Erkenntnis, dass die letzten Fragen des Lebens beantwortet sind.«

Auch mancher Seelsorger schaut mit einer Portion Skepsis auf das bunte Treiben. Doch die Scheidungsrate in der Karnevalsfestung Radeburg sei nicht höher als anderswo, versichert Elferratsmitglied Jürgen Guller – trotz der Wandbilder im Saal des Vereinslokals »Zum Hirsch«, die das prekäre Verhältnis der Geschlechter recht unzweideutig zum Thema haben. An den Faschingssonnabenden schwitzen auf dem Parkett die Massen, die Band spielt einen Marsch, die Funkengarde hebt die Beine, die Bar schenkt aus, die Witze von der Bühne zünden, so oder so. »Das Leben ist schon die Woche über voller Probleme«, sagt der Radeburger Karnevalspräsident Olaf Häßlich. »Jeder Mensch braucht einmal ein Ventil. Wir leben das offensiver und öffnen das Ventil freiwillig.«

Wenn sich der Präsident umschaut, sieht er Arbeitslose und Geschäftsführer miteinander schunkeln und Bier trinken. »Viel kirchlicher«, sagt Häßlich, »geht’s ja nicht.«

Andreas Roth