Lieber Gott, lieber Allah

26. Februar 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Angst vor dem Islam? Nicht unter Kindern. In evangelischen Kindergärten beten kleine Muslime und Christen gemeinsam – trotz aller Unterschiede.

Christen Muslime

Alle Kinderaugen blicken gebannt auf die kleine weiße Puppe. Das ist Jesus, wie er gerade den blinden Bartimäus heilt – im Spielzeugformat. Für viele der Kleinen im evangelischen Kindergarten der Dresdner Lukaskirchgemeinde sind die biblischen Geschichten im Morgenkreis heiliger Ernst. So wie das Gebet.

Wenn auch die siebenjährige Sarah, der fünfjährige Ibrahim und der dreijährige Joseph mitbeten, sieht ihr Vater Waled Hammash, gebürtiger Palästinenser und gläubiger Muslim, das mit einem Augenzwinkern. »Wir respektieren Christen und Juden, denn wir kommen alle von einem Gott, dem Gott Abrahams«, sagt er. Der Respekt ist beiderseits. Weil Schweinefleisch für Muslime tabu ist, akzeptiert es der evangelische Kindergarten, dass die Familie Hammash ihren Kleinen ein eigenes Mittagessen mitgibt – bei seiner größten Tochter in einer nicht-kirchlichen Einrichtung, sei das unmöglich gewesen, erzählt Vater Waled.

»Die Kinder kennen die hochtheologischen, trennenden Barrieren nicht, die wir Erwachsenen haben«, hat Ute Schubert, die Erzieherin von Sarah, Ibrahim und Joseph beobachtet. »Sie sind neugierig und interessiert am Anderen. Kinder aus anderen Kulturen sind für sie immer eine Bereicherung.«

Allerdings ist dies eine Seltenheit in Sachsen. Nur jedes Zwanzigste der Kindergartenkinder kommt hierzulande aus Migrantenfamilien – in den westlichen Bundesländern ist es oft ein Vielfaches mehr.

Die beiden Tübinger Professoren Albert Biesinger und Friedrich Schweitzer fanden in einer groß angelegten Untersuchung von 364 Kindergärten in Ost- und Westdeutschland heraus, dass bundesweit in nicht-kirchlichen Einrichtungen erheblich mehr Kinder aus muslimischen Familien betreut werden als in konfessionellen. »Doch in Interviews wurde deutlich, dass muslimische Eltern teilweise bewusst eine christliche Einrichtung wählen, da es ihnen wichtig ist, dass überhaupt eine religiöse Erziehung stattfindet«, schrei­ben sie.
Es ist eine Chance für beide Seiten. »Schon im Kindergarten können muslimische, christliche und atheisti­sche Kinder lernen, den anderen zu respektieren, so wie er ist«, sagt die gebürtige Irakerin In Am Sayad Mahmood, die im Ökumenischen Informationszentrum Dresden für den christlich-islamischen Dialog arbeitet. »Der Prophet sagt: Das Lernen in der Kindheit ist genauso wie das Schreiben auf Stein – das bleibt für immer.«

Dafür brauchen die Mitarbeiter in den Kindergärten einiges an Wissen über den Islam. Daran aber mangelt es oft, stellte die Tübinger Studie fest – und auch, dass die Kita-Träger ihre Erzieherinnen in der interreligiösen Bildung kaum unterstützen.
»Muslime erwarten aber auch von uns, dass wir unseren eigenen Glauben leben«, sagt Harald Lamprecht, der Beauftragte für Weltanschauungsfragen der sächsischen Landeskirchen. »Man kann es durchaus in einem Kindergarten thematisieren, dass wir Chri­sten glauben, dass Gott uns in Jesus Christus auf einzigartige Weise nahe gekommen ist – und dass Muslime das anders sehen.«

Für Waled Hammash war diese Grenze erreicht, als seine Tochter eines Tages im Kindergarten einen Text aufsagte, in dem es um Jesus ging. »Das ist für uns unakzeptabel. Jesus sehen wir als Propheten und Mensch, nicht als Gottes Sohn. Das steht im Koran.« Sonntags gehen seine Kinder in die Moschee zum Koranunterricht.
Beim Morgenkreis im Lukaskindergarten singen die Kinder: »Wir feiern heute ein Fest, weil Gott uns alle liebt.« Sie rudern dabei unbekümmert mit den Armen.
»Wir Erwachsenen können eine Menge von den Kindern lernen«, glaubt ihre Erzieherin Ute Schubert. »Es steht schon in der Bibel: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.«

Andreas Roth

Die Studie “Mein Gott – Dein Gott” im Internet