Eine Lobby für die Kinder

9. April 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Christine ReutherIrgendwie hat man den Eindruck, dass es gar nicht so ernst gemeint ist, die Missbrauchsfälle in katholischen Einrichtungen aufzuklären. Da wird ein runder Tisch eingerichtet, eine Missbrauchsbeauftragte ernannt, eine Telefonhotline geschaltet – aber der Papst schweigt zu den Fällen in seiner Heimat. Und einige seiner Bischöfe und Kardinäle sprechen gar von »Geschwätz«, von einer Kampagne gegen den Papst, während die Öffentlichkeit vom katholischen Kirchenoberhaupt eine Stellungnahme zu den Missbrauchsfällen an Kindern und Jugendlichen erwartet.

Bei solchen Wortmeldungen ist von gutem Willen zur Aufklärung und zur wenigstens verbalen Wiedergutmachung nicht viel zu spüren. Doch diese Zwiespältigkeit ist nur das eine.

Das andere ist, dass es Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern nicht nur in der Kirche gab und gibt. Auch aus Kinderheimen der DDR werden jetzt hunderte Fälle bekannt. Und auch einzelne evangelische Einrichtungen müssen sich mit solchen Vorwürfen auseinandersetzen. Da stellt sich die generelle Frage nach dem Umgang mit Kindern. Sie brauchen den Schutz und die Hilfe Erwachsener, um auf ihren Weg ins Leben zu finden. Und sie brauchen Liebe und Geborgenheit.

Wenn sie statt dessen benutzt werden und ihre Würde mit Füßen getreten wird, ist das eine generelle Frage an alle Erwachsenen.
Wenn die jetzt in den Medien immer wieder veröffentlichten Missbrauchsfälle dazu führen, darüber nachzudenken, wäre schon manches gewonnen. Noch zu oft sind Berichte über vernachlässigte, misshandelte Kinder nur gut für Skandalmeldungen. Danach wird zur Tagesordnung übergegangen. Doch Kinder brauchen eine Lobby – nicht nur bei Skandalmeldungen.

Christine Reuther

Jedes Opfer ein Ebenbild Gottes

18. März 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Deutschland sitzt auf der Therapiecouch. Ein ganzes Land beginnt, sich selbst das lang Beschwiegene zu erzählen: Jeden Tag kommen neue Fälle sexueller Gewalt ans Licht der Öffentlichkeit. Das tut weh. Und kann zugleich der Beginn einer Heilung sein. Denn das Vertrauen der Opfer in die Welt, in die Gerechtigkeit, in Gott und in sich selbst liegt häufig in Scherben. Wenn man ihnen nun Glauben schenkt, ihr Leid und auch ihre Würde wahrnimmt, können diese Fragmente anfangen, sich zusammenzufügen.

Auch die evangelische Kirche ist da gefordert. Es muss in Zukunft alles dafür getan werden, dass Kinder und Jugendliche geschützt werden und man den Opfern mehr glaubt als den Tätern. Die kirchliche Personalpolitik sollte daraufhin kritisch abgeklopft werden. Aber die Aufgabe für die Kirchen und alle Christen ist weitaus größer. Zehntausende Kinder und Jugendliche werden jedes Jahr und oft in ihren eigenen – durchaus auch christlichen – Familien zu Opfern. Tausende Frauen und Mädchen werden in Deutschland zur Prostitution gezwungen – auch dies ist sexuelle Gewalt, angereichert mit kommerzieller Ausbeutung. Ähnlich verhält es sich mit nicht geringen Teilen der Pornofilm-Industrie. Auch Christen gehören zu den Kunden.

Ob die Vermarktung von Sexualität oder ihre Verdrängung in einer engen, selbstbezogenen Moral: Beides kann den Menschen zum Objekt machen. Sein Gebrauch – sein Missbrauch – wird so erst möglich. Christen sollten deutlich sagen, wen jede Form von Gewalt trifft: einzelne Menschen – ein jeder und eine jede von ihnen ein Ebenbild Gottes. Die Opfer und auch die Täter sollten wissen: Mit den Leidenden identifiziert sich Gott ganz besonders. So wie am Kreuz.

Andreas Roth

Gefährlich nahe

4. März 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Es sind Einzelfälle – doch sexuelle Gewalt gibt es auch in der sächsischen Landeskirche. Sie könnte mehr für vorbeugenden Schutz tun.

1198017_22050149In den letzten sechs Jahren hat es unter den mehr als 700 Pfarrern der sächsischen Landeskirche zwei Fälle sexueller Straftaten gegeben – zumindest nach offiziellen Angaben. Für das Dresdner Landeskirchenamt ist das Verfahren klar: Wird ein rechtswidriges Fehlverhalten bekannt, folgt ein kirchliches Disziplinarverfahren und eine Anzeige bei der Justiz. Doch die Realität ist keineswegs so eindeutig.

Als ein Pfarrer in Penig vor vier Jahren wegen Verbreitung von Kinderpornografie angeklagt wurde, suspendierte ihn die Kirche sofort und entließ den beliebten Theologen später. Denn die Staatsanwaltschaft ermittelte bereits. Anders lag der Fall in einer Kirchgemeinde einer anderen sächsischen Region (alle Namen und Orte sind der Redaktion bekannt). Dort wurde vor drei Jahren bekannt, dass der Ortspfarrer eine Minderjährige aus der Jungen Gemeinde sexuell belästigt habe.

Das Strafgesetzbuch verbietet eindeutig den sexuellen Missbrauch von Schutzbefohlenen. Die Landeskirche eröffnete ein Disziplinarverfahren, der Pfarrer räumte sein Vergehen ein, er wurde nicht entlassen sondern in den Wartestand versetzt. Eine Anzeige bei der Justiz durch die Kirche blieb aus. Das Opfer und seine Eltern wollten die Strapazen eines öffentlichen Prozesses vermeiden, hieß es. Die Folgen der Übergriffe habe das Mädchen bis heute nicht verwunden, sagen Menschen, die mit ihr in Kontakt stehen.

Einen typischen Loyalitätskonflikt zeigt ein Fall aus dem Jahr 2003. In zwei Instanzen befanden damals Gerichte, dass ein Diakon aus Westsachsen ein 12-jähriges Mädchen auf den Mund geküsst und unsittlich berührt haben soll und verurteilten ihn wegen viermaligem sexuellen Missbrauch in einem weniger schweren Fall zu einer hohen Geldstrafe. Doch Kollegen und Vorgesetzte halten ihren geschätzten Kollegen für unschuldig und bezweifeln – anders als die Gerichte – die Aussage des Kindes. Der Diakon blieb im Dienst und arbeitet bis heute mit Kindern und Jugendlichen. Als er die Gemeinde und den Kirchenbezirk wechselte, erfuhren seine neuen Vorgesetzten nichts von der Vorstrafe. Erst als er Religionsunterricht in einer staatlichen Schule geben wollte, wurde sie zum Problem.

»Jeder, der beim Freistaat Sachsen als Lehrer angestellt werden will, muss bei der Einstellung ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen«, sagt Lutz Steinert von der sächsischen Bildungsagentur. »Ich gehe davon aus, dass ein Bewerber nicht beschäftigt wird, wenn sexuelle Straftaten vorliegen.« Anders als Jugendämter und viele Vereine fragen nur die wenigsten sächsischen Kirchgemeinden bei der Einstellung von Gemeindepädagogen und Kirchenmusikern nach einem Führungszeugnis – eine verbindliche Regelung der Landeskirche dazu fehlt.

»Wir wollen das Risiko von Übergriffen in der Kinder- und Jugendarbeit gezielt verringern«, sagt Heike Siebert vom sächsischen Landesjugendpfarramt. Sie will haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter für das Thema sensiblisieren und einen Verhaltenskodex erarbeiten. Die Prävention von sexueller Gewalt ist in der Ausbildung von Gemeinde- und Sozialpädagogen an den Evangelische Fachhochschulen in Moritzburg und Dresden mittlerweile fest verankert (Interview rechts). Nur in der Ausbildung der sächsischen Pfarrer ist sie – anders als bei vielen anderen pädagogischen und therapeutischen Berufen – noch immer kein eigenständiges Standardthema.

Andreas Roth