Wenn Kirche wächst …

2. September 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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so_36-2010Die Kirche wird immer kleiner – sie hat sich daran gewöhnt. Und ist kaum vorbereitet, wenn Mitgliederzahlen steigen.

Die Kirche schrumpft? Nicht in der Dresdner Neustadt. Die Kirchenbänke in einem Seitenschiff der Martin-Luther-Kirche mussten weichen, um Platz für Kinderwagen zu schaffen. Die Konfirmanden passen nicht mehr in einen Raum, allein in diesem Jahr gibt es 60 Neuanmeldungen. Und im gesamten Kirchspiel Dresden-Neustadt lassen sich Jahr für Jahr gut 100 Menschen taufen, manchmal fünf in einem Gottesdienst. »Doch das ist nicht unser Verdienst – es liegt an der Stadtentwicklung«, sagt Albrecht Nollau, der Superintendent des Kirchenbezirks Dresden Nord.

Die Bevölkerung von Dresden und Leipzig wächst seit über zehn Jahren stetig – während der Rest Sachsens ebenso stetig immer mehr Einwohner verliert. Und auch in den beiden Halbmillionen-Städten profitieren nur die bei Familien besonders beliebten Stadtviertel von diesem Boom.

»Aber trotz eines Wachstums um fast ein Viertel seit 2003 auf heute 8469 Gemeindeglieder hat das Kirchspiel Dresden-Neustadt nicht eine einzige Mitarbeiterstelle mehr bekommen«, sagt Superintendent Albrecht Nollau. »In dieser Größe ist es sehr schwer, noch persönliche Kontakte zu halten. Taufgespräche, Besuche und Gruppen dauern ihre Zeit – und die lässt sich nicht beliebig vergrößern.«

Landesbischof Jochen Bohl hat sich im Frühling bei seinem Besuch im Kirchenbezirk Leipzig die Freuden und Sorgen wachsender Gemeinden angehört. In seinem Visitationsbericht schrieb er danach, »dass die Landeskirche die Kirchgemeinden in den Wachstumsregionen in veränderter Weise in den Blick nehmen will.« Wenn Gemeindegliederzahlen steigen, müsse entsprechend dem geltenden Personalschlüssel auch die Mitarbeiterzahl angepasst werden, so der Bischof.

In der Messestadt vergrößern sich die Kirchgemeinden besonders stark in der Südvorstadt und der Innenstadt, in Gohlis sowie im Leipziger Südwesten. »Als Kirchenbezirk möchten wir künftig die Möglichkeit haben, Pfarrstellen befristet an Schwerpunkte vergeben zu können, wo sie gebraucht werden – so wie wir es mit freien Gemeindepädagogen-Stellen heute schon tun«, sagt der Leipziger Superintendent Martin Henker.
Die Kirchengesetze lassen dies bisher nicht zu, mit Wachstum rechnen sie nicht. Dies wird eine der Herausforderungen sein für die achtköpfige Arbeitsgruppe, die je zur Hälfte aus Mitgliedern der Synode und des Landeskirchenamts besteht und seit Mai Konzepte für die zukünftige Struktur der Landeskirche erarbeitet. Denn ihre Gemeindeglieder werden immer weniger – und auch die Kirchensteuern. Es geht letztlich um die Verteilung knapper Personalstellen.

Dabei sitzen die Großstädte einer Überzahl an Vertretern ländlicher Kirchenbezirke gegenüber – in der Landessynode ebenso wie im Konvent der Superintendenten. »Für Stadtgemeinden mit steigenden Mitgliederzahlen muss eine Lösung her«, sagt der Plauener Superintendent Matthias Bartsch. »Aber das muss ein fairer Ausgleich sein. Denn in ländlichen Kirchenbezirken, in denen Pfarrer oft für zwei oder drei Kirchgemeinden zuständig sind, darf die Struktur nicht kaputtgehen.« Schon vor sechs Jahren führte die Landeskirche deshalb ein Solidarprinzip ein: In städtischen Kirchgemeinden soll auf 2000 Mitglieder eine Pfarrstelle kommen – auf dem Land genügen dafür 1600 Seelen.

Doch der Rückgang der ländlichen Bevölkerungszahlen und der finanziellen Mittel wird weiter anhalten – das Verteilungsproblem wird sich verschärfen. Die Städte dürften sich jedoch nicht aus der Solidarität mit den ländlichen Kirchenbezirken verabschieden, fordert Peter Meis, der Superintendent des ebenfalls wachsenden Kirchenbezirks Dresden Mitte: »Jetzt muss bei der Planung der landeskirchlichen Struktur darüber geredet werden, was gerecht ist.« Und wo die Chancen liegen für die Kirche, wenn sie zur Abwechslung einmal – wächst.

Andreas Roth

Das Gift der Stasi-Akten

25. August 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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so-35Vor 20 Jahren wurde die Öffnung der Stasi-Akten beschlossen. Sie versprühen ihr Gift noch lange nach dem Ende der DDR.

Er könne seinen ganzen Urlaub nehmen, hatte man ihm gesagt. So viel würde er brauchen, um die Akten zu lesen. Gut 2000 Seiten in zwölf Ordnern. Als Dieter R. sie aufschlägt in dem nüchternen Lesesaal der Chemnitzer Stasi-Unterlagenbehörde, ist es sein Körper, der zuerst reagiert: Der Mann mit den weichen Gesichtszügen und ruhigen Augen bekommt Fieber, Kopfschmerzen, fühlt Kälte am ganzen Körper.

30 inoffizielle Mitarbeiter (IM) hatte die DDR-Staatssicherheit auf den Kirchenmitarbeiter angesetzt, las er da, darunter Kollegen, Leute aus seiner Stammsauna, Christen – und sein bester Freund. Ziel des »Operativen Vorgangs Steuer« war es laut Akten, eine »Haftgrundlage zu schaffen« für den als Staatsfeind und BND-Spion verdächtigten R. Dabei hatte sich der heute 73-jährige Betriebswirt aus einem Dorf nahe Zwickau nur nicht mit der Enteignung der Firma seiner Familie abfinden wollen. Seine Mutter war aus Gram über dieses Unrecht 1972 gestorben – der Sohn kämpfte weiter.

»IM ›Fred‹ hat ein gutes persönliches Verhältnis zu R.«, lobt die Kreisdienststelle Zwickau der Staatssicherheit in einem Aktenvermerk. Als Dieter R. all das liest, fährt er zu seinem besten Freund, dessen Namen er auch unter den IMs findet. Er sagt, dass er ihm verzeiht. Der Freund sagt, dass ihm vieles leid tut. Zerbrochen ist die Freundschaft trotzdem.

Es gibt unzählige solcher Geschichten in Ostdeutschland. Dass sie ans Tageslicht kamen, hat auch mit dem 24. August 1990 zu tun: Damals, vor genau 20 Jahren, beschloss die frei gewählte Volkskammer der DDR nahezu einstimmig die Sicherung und Nutzung der Stasi-Akten. Über 18000 Sachsen nehmen noch immer Jahr für Jahr Einsicht – und das Interesse wird nicht geringer.

»Die Akteneinsicht kann manchmal ein Auslöser für eine akute Verschlechterung des Gesundheitszustandes sein – bis hin zu Nervenzusammenbrüchen«, weiß Norbert Mai. Er begleitet seit sieben Jahren in der Lebensberatungsstelle der Diakonie-Stadtmission Zwickau Opfer der SED-Diktatur. Die Stasi-Akten erzählen ihnen von Verrat und unwiederbringlich verbauten Chancen. »Das zu lesen ist immer hart«, sagt Michael Beleites, der sächsische Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen. »Doch das kann auch befreiend sein – und Klarheit schaffen.«

Petra L. musste sogar lachen. Für einen kurzen Moment zumindest, als sie in dem 30 Zentimeter hohen Aktenstapel in der Chemnitzer Stasi-Unterlagenbehörde auf die Witze stieß, die sie Ende der 80er Jahre in ihrer oppositionellen Frauengruppe erzählt hatte. Spitzel hatten sie getreu notiert. »Doch dann war ich geschockt, wie weit die Stasi in unsere Privatsphäre eingedrungen war.« Ein Kollege der Kunstwissenschaftlerin hatte ihr privates Adressbuch kopiert. Und eine der sechs Frauen in der Zwickauer Gruppe schrieb Berichte für die Stasi.

Ein Gespräch darüber hat Petra L. mit ihr nie gesucht. Man grüßt sich noch, mehr ist nicht. Auch kein Zorn, nur eine Enttäuschung. »Sie weiß, dass ich es weiß«, sagt Petra L. »Und wer weiß, wie sie dazu gekommen ist?« 1990 war die Kunstwissenschaftlerin 27 Jahre alt: Jung genug, um die Möglichkeiten der neuen Zeit zu ergreifen. Und um dem Schatten der Stasi-Akten zu entkommen.

Der aber birgt für Dieter R. mehr Verrat. »Ich habe in den Akten über mich auch Gottes Handschrift gelesen«, sagt er. »Dort stand, dass ich schon so gut wie in Haft war – und nichts hat Gott zugelassen. Es wäre eine große Undankbarkeit gegenüber Gott, den IMs nicht zu vergeben.« Seine Frau, ihm gegenüber in der niedrigen Stube sitzend, wiegt den Kopf: Was wäre, wenn ihr Mann doch ins Gefängnis gekommen wäre oder wenn er sein Leben hätte lassen müssen? »Vielleicht wäre ich nicht so großzügig gewesen«, überlegt Ruth R. leise. Sie hat ihre Akte nie angefordert. Sie will es nicht wissen.

Andreas Roth


Pressefoto »DAS MINISTERIUM FÜR STAATSSICHERHEIT - ALLTAG EINER BEHÖRDE« –  ein Film von Christian Klemke und Jan N. Lorenzen, Deutschland 2002, 90 Minuten, Farbe (Vertrieb: Salzgeber & Co. Medien GmbH)

Pressefoto »DAS MINISTERIUM FÜR STAATSSICHERHEIT - ALLTAG EINER BEHÖRDE« – ein Film von Christian Klemke und Jan N. Lorenzen, Deutschland 2002, 90 Minuten, Farbe (Vertrieb: Salzgeber & Co. Medien GmbH)

Gegen Klimasünden

15. Juli 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Klima
Die sächsische Landeskirche will etwas gegen den Klimawandel tun. Doch es geht nur langsam voran – und die Zeit drängt.

Der Kirchenvorstand war verblüfft. Als eine Energieberaterin im vergangenen September die Bautzener St. Michaels-Kirche, das Pfarrhaus und den Saal der Gemeinde unter die Lupe nahm, präsentierte sie überraschende Ergebnisse: Die Heizung der Kirche verbraucht allein in den Winter-Gottesdiensten so viel Energie wie fünf Haushalte im ganzen Jahr. Der Heizkessel im Pfarrhaus ist doppelt so groß wie nötig und der Ofen im Gemeinderaum uneffektiv. »Das Ausmaß der Energievernichtung hat uns beeindruckt«, sagt Kirchvorsteher Siegfried Kühn. Er diskutiert in seinem Kirchenvorstand nun Konsequenzen aus der Energieberatung. Das Ziel: »Wir wollen 30 Prozent weniger Energie verbrauchen.«

Im Juni trat die Landeskirche einem Klimaschutz-Bündnis aus 23 Kirchen und Entwicklungsdiensten bei. Die EKD-Synode hatte im Herbst 2008 beschlossen: Die Landeskirchen sollten ihre CO2-Emissionen bis 2015 um ein Viertel senken. Doch wie will man das berechnen? Niemand in der sächsischen Landeskirche weiß genau, wie hoch der Kohlendioxid-Ausstoß eigentlich ist. Die Ziele für eine Reduzierung sind dementsprechend schwammig und unkontrollierbar.

Immerhin: Seit dem letzten Jahr bietet die Sächsische Energieagentur SAENA für die Landeskirche mit staatlicher Förderung Energieberatungen an – doch nur 20 von insgesamt 780 Kirchgemeinden hatten wie St. Michael in Bautzen bisher Interesse daran. Der erste kirchliche Praxistag zum Energiesparen im vergangenen Jahr hatte 30 Teilnehmer. Sechs sächsische Kirchgemeinden und kirchliche Einrichtungen arbeiten zudem an der Einführung eines Umweltmanagements nach EU-Regeln, das die Evangelische Akademie Wittenberg unter dem Markennamen »Grüner Hahn« begleitet.

»Diese Angebote sprechen sich nur langsam herum, obwohl wir alle Kirchgemeinden in Sachsen mehrfach angeschrieben haben«, sagt Joachim Krause, der scheidende Umweltbeauftragte der sächsischen Landeskirche. Wegen knapper Kassen scheuten Kirchgemeinden oft vor Investitionen etwa in neue Heiztechnik zurück, so Krause: »Dass sich manche Maßnahme über eingesparte Energie in überschaubarer Zeit wieder refinanziert, ist nicht leicht zu vermitteln«. Hinzu kommt, dass das Engagement für die Bewahrung der Schöpfung vielerorts nicht als kirchliche Kernaufgabe gesehen wird.

»Es hängt immer am Engagement von wenigen, meist ehrenamtlichen Mitarbeitern«, hat Antje Fritzsche von der SAENA bei der Beratung von Kirchgemeinden erfahren. Um mehr Christen in Sachsen zu motivieren, lädt die SAENA gemeinsam mit der Landeskirche am 25. September zum zweiten Umwelt-Praxistag nach Dresden ein.

Das Dresdner Landeskirchenamt will mit gutem Beispiel vorangehen: Dort lässt man jetzt Energiefresser wie Spülmaschinen am Abend laufen, um den Energieverbrauch besser zu verteilen und einzudämmen. Außerdem bezieht die Behörde seit Jahresbeginn ebenso wie etliche Kirchgemeinden nur noch Öko-Strom und will damit den CO2-Ausstoß um 124 Tonnen verringern. Das Chemnitzer Regionalkirchenamt wird im nächsten Jahr nachziehen.

Auch einige Einrichtungen der Diakonie Sachsen setzen auf Energie aus Sonne, Erde und Holz. Am Radebeuler Stammsitz wurde im März eine Energieoptimierungsanlage in Betrieb genommen, die jährlich 12,5 Tonnen CO2 sparen soll. Doch unter zunehmendem Kostendruck gerät bei diakonischen Einrichtungen der Klimaschutz mitunter ins Hintertreffen.

Die Landessynode hatte das Landeskirchenamt bereits im April 2007 um die Berücksichtigung des Klimaschutzes bei Bauvorhaben gebeten. Doch in der landeskirchlichen Bauordnung spielt dieses Anliegen bis heute keine Rolle. »Der Klimawandel betrifft uns alle«, hatte die sächsische Kirchenleitung im Vorfeld der Weltklimakonferenz 2009 gemahnt: »Die Zeit der Beschwichtigung ist vorbei.« Das gilt auch für die Kirche selbst.

Andreas Roth

Internetseite der Sächsischen Energieagentur SAENA mit Beratungsangeboten für Kirchgemeinden: www.saena.de

Trost tanken

8. Juli 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Tankstellen für die Seele sollen Autobahnkirchen sein. Menschen finden hier Gott – andere klagen über seine dunklen Seiten.

Wolken hängen über der Autobahn kurz vor Dresden. Der Mann und die Frau fahren der Beerdigung eines guten Freundes entgegen. Doch als sie das blaue Verkehrsschild mit der schwarzen Kirche sehen, biegen sie ab. Sie ziehen die Köpfe ein unter der niedrigen Tür einer Kirche. St. Jakobus heißt sie – eine Autobahnkirche im Landstädtchen Wilsdruff.

Bereitwillig zeigt das über 850 Jahre alte Gotteshaus den Besuchern seine Verletzungen: Der Putz blättert mit seinen Farben ab und legt die Feldsteine frei. Der Mann und die Frau halten inne. Sie steigen die zwei Stufen unter dem romanischen Bogen zum Altar empor und schreiben in das ausliegende Gebetbuch: »Diese Kirche gibt uns Kraft und Segen für die Weiterfahrt. Gott hilf uns auf unserem weiteren Lebensweg.«

Am selben Tag betritt eine andere Frau das romanische Gotteshaus. Oft hat sie hier schon Station gemacht. In kleiner, eiliger Schrift notiert sie ihre Furcht vor dem nahenden Ende ihrer Ehe: »Lieber Gott«, schreibt sie, »führe mich – aber es tut oft so weh.« Das nicht abreißende Rauschen der Autobahn dringt durch die kleine Tür und die schmalen Fenster in die alte Kirche. Es vermischt sich mit dem stummen Chor aus Gebeten, Gotteslob und Klagen, die in der Autobahnkirche ihre Herberge finden.

Die Wilsdruffer Jakobikirche steht wie die Kirche Peter und Paul in Uhyst und die 35 anderen Autobahnkirchen in Deutschland tagsüber offen. Sie lädt zum Ausruhen und Beten ein – ohne Vorbedingungen, auch ohne Kirchenmitgliedschaft, anonym.

»Wir haben den Eindruck, dass die Kirche gerade deshalb sehr angenommen wird«, sagt Werner Reinhuber. Als Bruder Martin gehört er zur evangelischen Christusträger-Bruderschaft. Die von ihm gegründete Stiftung »Leben und Arbeit« betreibt die Autobahnkirche seit 2005. Bruder Martin zählt die angezündeten Kerzen neben dem Buch mit den Anliegen. Über 4000 Kerzen werden jedes Jahr in der Wilsdruffer Jakobikirche angezündet, in Uhyst sind es 12 000. Jedes Licht eine Bitte.

Ein Kind kritzelt mit großer Schrift: »Lieber Gott beschütze uns«, ein Mann schreibt: »Herr hab Dank, dass Du uns vor einem schweren Unfall bewahrt hast« – von dieser Art sind viele Gebete in der Jakobikirche. Galt nicht der Jünger Jakobus im Mittelalter als Schutzpatron der Pilger und Reisenden? Die meisten Besucher werden das nicht wissen.

Doch dass sie sich auch als Pilger empfinden auf einer Reise mit Gott, diesen Eindruck gewinnt man in einer Autobahnkirche. Es sind heute oft schnelle Reisen, die unversehens im Stau stecken bleiben können und nur zähflüssig weitergehen. Wenn überhaupt. Mitunter passiert ein Unglück. »Herr, Du hast ihn wieder zu Dir genommen«, heißt es im Gebetbuch über den Tod eines kleinen Jungen. »Bitte gib den traurigen Eltern Kraft, mit dieser Entscheidung zu leben – Dein Frieden ist höher als unsere Vernunft.« Genau zwei Wochen später, wohl auf der Rückfahrt, ist von der selben kleinen Handschrift zu lesen: »Herr, gib uns Kraft für Deine dunklen Seiten!« Es klingt wie Hiob.

Morgens und abends sitzen die beiden Brüder der Christusträger im Chorraum der Wilsdruffer Autobahnkirche bei ihrem Tagzeitengebet. Sie schließen die in das dicke Buch geschriebenen Sorgen der Reisenden in ihre Bitten ein.

Manches Gebet aber ist schon im Moment seines Aussprechens vollendet. Und erfüllt. »Danke, dass Du mich auf Grund meiner Schuld nicht verworfen hast sondern mir entgegen gelaufen bist«, schreibt ein Besucher. Ein anderer: »Danke, dass ich dich hier besuchen durfte.«
Der Prophet Elia fand Gott in einem sanften Windhauch. Offenbar kann man ihn auch im Rauschen der Autobahnen antreffen.

Andreas Roth

Abbiegen verboten

17. Juni 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Sonntag 25 TitelbilcDie Gewalt von links wird immer mehr – doch Rechtsextreme verüben viermal so viele Delikte. Wie reagiert die Kirche?

Am Abend des 7. Mai fliegen Flaschen auf Polizisten. Gerade tragen sie aus einem Haus in der Dresdner Liststraße zehn Jugendliche, die das verwahrloste Gebäude besetzen wollten, um einen Raum »frei von kapitalistischer Verwertungslogik, Konsum­fetischismus und staatlicher Kontrolle« zu haben. Da kippt die Stimmung unter den 200 jungen Menschen aus der linken Szene. »BRD – Bullenstaat, wir haben dich zum Kotzen satt«, ruft die Menge wütend. Sechs Polizisten werden von Glasflaschen verletzt.

Zur selben Zeit verlässt ein junger Mann die Tankstelle auf der Peniger Straße in Geithain. Der 15-Jährige gilt als Linker. Neonazis haben seinen Namen und sein Foto im Internet veröffentlicht. Ein Mann kommt auf ihn zugerannt, springt, schlägt ihm auf den Kopf und ins Gesicht und flüchtet. Der schwer verletzte Jugendliche muss im Krankenhaus operiert werden.

Gegen den Rechtsextremismus hat die sächsische Landeskirche klar Stellung bezogen. Doch was ist mit linken Demokratiefeinden? Die Kirche dürfe auf dem linken Auge nicht blind sein, fordern einzelne Mitglieder der sächsischen Landessynode.

Das sind die Fakten: Der Verfassungsschutz zählte 2009 in Sachsen 740 Linksextremisten – und 2700 Rechtsextremisten. Die Zahl der linken Antifa-Autonomen steigt seit 2004 von Jahr zu Jahr. Und auch die Zahl linksex­tremer Straftaten. 513 Delikte gab es laut Landeskriminalamt im letzten Jahr. Meist sind es Sachbeschädigungen an Treffpunkten, Läden oder Wahlkampfmaterial der Rechtsextremen. Die 89 Gewalttaten, die Linke 2009 verübten, richteten sich bei Neonazi-Demon­strationen meist mit Flaschen- oder Steinwürfen gegen deren Teilnehmer oder gegen Polizisten.

Die Zahl der Straftaten aus dem rechtsextremen Lager ging zwar im letzten Jahr zurück, ist aber ungleich höher: 1972 Delikte von Neonazis erfasste das Landeskriminalamt 2009 – davon 84 Gewalttaten, 121 fremdenfeindliche und 108 antisemitische Straftaten. 149 Ausländer, Obdachlose, Linke und Behinderte sind nach Angaben der Amadeu Antonio Stiftung seit 1990 durch Neonazis zu Tode gekommen.

Während die rechtsextreme Szene in Sachsen gut vernetzt ist und die NPD in allen Kreistagen und im Landtag sitzt, sind die Links-Autonomen eine Ansammlung von Grüppchen ohne einheitliche Struktur oder Ideologie. Linksextreme Parteien wie die KPD haben im Freistaat höchstens 50 Mitglieder und keine Wahlerfolge.

Auch wenn Extremisten von links und rechts mit Gewalt die demokratische Gesellschaftsordnung untergraben wollen: Sie haben ganz verschiedene Werte. Neonazis kämpfen für eine Volksgemeinschaft, in der Ausländer, Behinderte, Homosexuelle und Andersdenkende keinen Platz haben. Linksextreme kämpfen gegen Faschismus, Kapitalismus, gegen eine harte Flüchtlingspolitik, gegen den Staat.

Im April hat sich der sozialethische Ausschuss der Landessynode vom stellvertretenden Präsidenten des sächsischen Verfassungsschutzes all dies erklären lassen. »Gewalt ist kein legitimes politisches Mittel, egal ob von rechts oder links«, sagt danach Ausschussvorsitzender Michael Hanfstängl. »Aber Rechts- und Links­extre­mismus haben in Sachsen ganz verschiedene Dimensionen. Deshalb sehen wir derzeit für ein öffentliches Wort der Synode gegen den Linksextre­mismus keinen Anlass.«

Auch Landesbischof Jochen Bohl sieht die großen Unterschiede zwischen Links und Rechts. Er beobachtet dennoch mit Besorgnis das Wachsen der Linksextremen – auch wenn dies angesichts der Entwicklung des Kapitalismus für ihn »nicht unbedingt überraschend kommt«. Ist die Kirche auf dem linken Auge blind? »Wie sollte eine solche Einseitigkeit nach 40 Jahren DDR möglich sein?«, erwidert der Bischof.

Andreas Roth

Den sächsischen Verfassungsschutzbericht 2009 finden Sie im Internet hier.

Jedes Opfer ein Ebenbild Gottes

18. März 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Deutschland sitzt auf der Therapiecouch. Ein ganzes Land beginnt, sich selbst das lang Beschwiegene zu erzählen: Jeden Tag kommen neue Fälle sexueller Gewalt ans Licht der Öffentlichkeit. Das tut weh. Und kann zugleich der Beginn einer Heilung sein. Denn das Vertrauen der Opfer in die Welt, in die Gerechtigkeit, in Gott und in sich selbst liegt häufig in Scherben. Wenn man ihnen nun Glauben schenkt, ihr Leid und auch ihre Würde wahrnimmt, können diese Fragmente anfangen, sich zusammenzufügen.

Auch die evangelische Kirche ist da gefordert. Es muss in Zukunft alles dafür getan werden, dass Kinder und Jugendliche geschützt werden und man den Opfern mehr glaubt als den Tätern. Die kirchliche Personalpolitik sollte daraufhin kritisch abgeklopft werden. Aber die Aufgabe für die Kirchen und alle Christen ist weitaus größer. Zehntausende Kinder und Jugendliche werden jedes Jahr und oft in ihren eigenen – durchaus auch christlichen – Familien zu Opfern. Tausende Frauen und Mädchen werden in Deutschland zur Prostitution gezwungen – auch dies ist sexuelle Gewalt, angereichert mit kommerzieller Ausbeutung. Ähnlich verhält es sich mit nicht geringen Teilen der Pornofilm-Industrie. Auch Christen gehören zu den Kunden.

Ob die Vermarktung von Sexualität oder ihre Verdrängung in einer engen, selbstbezogenen Moral: Beides kann den Menschen zum Objekt machen. Sein Gebrauch – sein Missbrauch – wird so erst möglich. Christen sollten deutlich sagen, wen jede Form von Gewalt trifft: einzelne Menschen – ein jeder und eine jede von ihnen ein Ebenbild Gottes. Die Opfer und auch die Täter sollten wissen: Mit den Leidenden identifiziert sich Gott ganz besonders. So wie am Kreuz.

Andreas Roth

Enttäuscht von Schwarz-Gelb

25. September 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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Landesbischof Jochen Bohl (Foto: Giersch)

Landesbischof Jochen Bohl (Foto: Giersch)

Kirchen kritisieren Koalitionsvertrag der künftigen sächsischen Regierung

Die beiden großen Kirchen in Sachsen haben den Koalitionsvertrag von CDU und FDP wegen der darin enthaltenen Aufweichung des Sonntagsschutzes scharf kritisiert. Landesbischof Jochen Bohl sagte, er sei enttäuscht von der CDU und warf der Koalition eine »Politik gegen die Menschen» vor. Mit Verweis auf das Dritte Gebot forderte der Landesbischof, dass der Sonntag kein Tag werden dürfe wie jeder andere.

Der am vergangenen Mittwoch von CDU und FDP vorgestellte Koalitionsvertrag schreibt fest, dass künftig Videotheken und Autowaschanlagen auch sonntags öffnen dürfen.

Die sächsische Diakonie übt ebenfalls harte Kritik an der neuen Koalition aus CDU und FDP. »Das Wort Armut oder Armutsbekämpfung taucht im Koalitionsvertrag von CDU und FDP an keiner Stelle auf«, sagt Christian Schönfeld, Vorstand des Diakonischen Werkes der Landeskirche. »Rund ein Viertel der Bevölkerung fällt damit aus dem Blick der beiden Regierungsparteien einfach heraus.« Nirgends sei in dem Papier von Gemeinwohl und sozialer Gerechtigkeit die Rede.

Nach Ansicht des Diakonie-Chefs sei eine Verbesserung des Betreuungsschlüssels in Kindergärten dringlicher als die nun von CDU und FDP beschlossene Flexibilisierung der Kita-Öffnungszeiten. Schönfeld forderte die neue Staatsregierung zur Solidarität mit den Städten und Gemeinden auf. »Wir können nur hoffen, dass der Freistaat mit seinen Landkreisen und Kommunen, deren öffentliche Armut durch den Steuerausfall noch deutlich steigen wird, tatsächlich solidarisch ist und sie in die Lage versetzt, ihre sozialen Aufgaben auch zu erfüllen.«

Positiv bewertet die evangelische Landeskirche dagegen, dass die neue Regierung die bisherige finanzielle Unterstützung für freie – auch konfessionelle – Schulen überprüfen will. Der Bischof des katholischen Bistums Dresden-Meißen, Joachim Reinelt, hofft deshalb, »dass nun endlich die Ungerechtigkeit in der Berechnungsformel für die Zuschüsse für Schulen in freier Trägerschaft nicht nur untersucht, sondern auch korrigiert« werde. »Wir brauchen keine Trost­pflästerchen, sondern Gerechtigkeit«, so Reinelt.

Andreas Roth / epd