Wenn Kirche wachsen will

11. November 2011 von DER SONNTAG  
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Kette

Wenn in der Kirche von notwendigem Wachstum gesprochen wird, folgt im zweiten Satz meist ein Hinweis auf die ansonsten weniger werdenden Kirchensteuern und deren Zahler. Der Zusammenhang besteht zwar. Aber wen will man gewinnen, wenn es nur darum geht, die eigenen Reihen zu stärken und die Bilanzen zu erhöhen?

Gleichwohl wurde in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) vor fünf Jahren ein Reformprozess gestartet – angesichts sinkender Mitgliederzahlen und Kirchensteuereinnahmen, wie es dabei zur Begründung immer wieder hieß. Die EKD-Synode hat sich in Magdeburg in der vergangenen Woche wieder dem Thema zugewandt.

Unter dem Bibelwort »Was hindert’s, dass ich Christ bin« ging es auch um die Zukunft und das Wachstum der Kirche.

Auch wenn im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses wohl mehr die kirchliche Haltung zu Streikrecht und Mitbestimmung der kirchlichen Mitarbeiter stand, hat auch das Thema Mission unter den Synodalen Diskussionen hervorgerufen. Das Wort hat einen Beigeschmack, weil es in vergangenen Jahrhunderten mit Gewalt verbunden war, Menschen zum Christentum zu bekehren. Davon sind wir gottlob weit entfernt. Und es gibt viele Bemühungen, den christlichen Glauben und seine Wahrheiten unters Volk zu bringen. Doch nur um höherer Mitgliederzahlen willen, das wäre zu wenig.

Wichtig ist es, immer wieder das Evangelium zur Sprache zu bringen und die Menschen durch das eigene Leben und Handeln zu überzeugen versuchen. Darüber zu sprechen, wie und wo das Heil zu finden ist. Da ist jeder einzelne Christ, jede einzelne Christin gefragt. Nur wenn Glaube ansteckend wirkt, dann kann die Kirche wahrhaft wachsen.

Christine Reuther

Wenn Kirche wächst …

2. September 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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so_36-2010Die Kirche wird immer kleiner – sie hat sich daran gewöhnt. Und ist kaum vorbereitet, wenn Mitgliederzahlen steigen.

Die Kirche schrumpft? Nicht in der Dresdner Neustadt. Die Kirchenbänke in einem Seitenschiff der Martin-Luther-Kirche mussten weichen, um Platz für Kinderwagen zu schaffen. Die Konfirmanden passen nicht mehr in einen Raum, allein in diesem Jahr gibt es 60 Neuanmeldungen. Und im gesamten Kirchspiel Dresden-Neustadt lassen sich Jahr für Jahr gut 100 Menschen taufen, manchmal fünf in einem Gottesdienst. »Doch das ist nicht unser Verdienst – es liegt an der Stadtentwicklung«, sagt Albrecht Nollau, der Superintendent des Kirchenbezirks Dresden Nord.

Die Bevölkerung von Dresden und Leipzig wächst seit über zehn Jahren stetig – während der Rest Sachsens ebenso stetig immer mehr Einwohner verliert. Und auch in den beiden Halbmillionen-Städten profitieren nur die bei Familien besonders beliebten Stadtviertel von diesem Boom.

»Aber trotz eines Wachstums um fast ein Viertel seit 2003 auf heute 8469 Gemeindeglieder hat das Kirchspiel Dresden-Neustadt nicht eine einzige Mitarbeiterstelle mehr bekommen«, sagt Superintendent Albrecht Nollau. »In dieser Größe ist es sehr schwer, noch persönliche Kontakte zu halten. Taufgespräche, Besuche und Gruppen dauern ihre Zeit – und die lässt sich nicht beliebig vergrößern.«

Landesbischof Jochen Bohl hat sich im Frühling bei seinem Besuch im Kirchenbezirk Leipzig die Freuden und Sorgen wachsender Gemeinden angehört. In seinem Visitationsbericht schrieb er danach, »dass die Landeskirche die Kirchgemeinden in den Wachstumsregionen in veränderter Weise in den Blick nehmen will.« Wenn Gemeindegliederzahlen steigen, müsse entsprechend dem geltenden Personalschlüssel auch die Mitarbeiterzahl angepasst werden, so der Bischof.

In der Messestadt vergrößern sich die Kirchgemeinden besonders stark in der Südvorstadt und der Innenstadt, in Gohlis sowie im Leipziger Südwesten. »Als Kirchenbezirk möchten wir künftig die Möglichkeit haben, Pfarrstellen befristet an Schwerpunkte vergeben zu können, wo sie gebraucht werden – so wie wir es mit freien Gemeindepädagogen-Stellen heute schon tun«, sagt der Leipziger Superintendent Martin Henker.
Die Kirchengesetze lassen dies bisher nicht zu, mit Wachstum rechnen sie nicht. Dies wird eine der Herausforderungen sein für die achtköpfige Arbeitsgruppe, die je zur Hälfte aus Mitgliedern der Synode und des Landeskirchenamts besteht und seit Mai Konzepte für die zukünftige Struktur der Landeskirche erarbeitet. Denn ihre Gemeindeglieder werden immer weniger – und auch die Kirchensteuern. Es geht letztlich um die Verteilung knapper Personalstellen.

Dabei sitzen die Großstädte einer Überzahl an Vertretern ländlicher Kirchenbezirke gegenüber – in der Landessynode ebenso wie im Konvent der Superintendenten. »Für Stadtgemeinden mit steigenden Mitgliederzahlen muss eine Lösung her«, sagt der Plauener Superintendent Matthias Bartsch. »Aber das muss ein fairer Ausgleich sein. Denn in ländlichen Kirchenbezirken, in denen Pfarrer oft für zwei oder drei Kirchgemeinden zuständig sind, darf die Struktur nicht kaputtgehen.« Schon vor sechs Jahren führte die Landeskirche deshalb ein Solidarprinzip ein: In städtischen Kirchgemeinden soll auf 2000 Mitglieder eine Pfarrstelle kommen – auf dem Land genügen dafür 1600 Seelen.

Doch der Rückgang der ländlichen Bevölkerungszahlen und der finanziellen Mittel wird weiter anhalten – das Verteilungsproblem wird sich verschärfen. Die Städte dürften sich jedoch nicht aus der Solidarität mit den ländlichen Kirchenbezirken verabschieden, fordert Peter Meis, der Superintendent des ebenfalls wachsenden Kirchenbezirks Dresden Mitte: »Jetzt muss bei der Planung der landeskirchlichen Struktur darüber geredet werden, was gerecht ist.« Und wo die Chancen liegen für die Kirche, wenn sie zur Abwechslung einmal – wächst.

Andreas Roth