Konsequent

25. Februar 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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MargotKaessmann

Erst mal eine Woche Urlaub – und dann weitermachen. Nein, das hätte nicht zu ihr gepasst. Dass Margot Käßmann von ihren Ämtern als Ratsvorsitzende der EKD und Bischöfin ihrer hannoverschen Landeskirche zurück getreten ist, passt in das Bild, das man von ihr hat. Sie war in ihren Ämtern eine glaubwürdige Stimme des deutschen Protestantismus. Sie wirkte immer authentisch. Was sie sagte, hatte Hand und Fuß. Ihr eigener von Leid und Brüchen gezeichneter Lebenslauf gab ihr die Autorität und die Autentizität, die bei den Menschen ankam.

So jemand nimmt einen solchen schlimmen Fehler, wie es das Fahren unter Alkoholeinfluss ist, nicht auf die leichte Schulter und geht zur Tagesordnung über, wie es vielleicht mancher andere Promi tun würde – denn die Medien und die Massen vergessen schnell.

Bei Margot Käßmann hätte man nicht vergessen. Eine Bischöfin von ihrem Format ist eine moralische Instanz, die sich immer wieder auch nach ihren Schwächen fragen lassen muss. Und sie ist eine Frau – die erste in dem hohen Amt der Ratsvorsitzenden. Und so wie es in der Arbeitswelt oft Frauen beklagen, dass sie, um das selbe Karriereziel wie ihre männlichen Kollegen zu erreichen, doppelt soviel leisten müssen – muss auch eine Frau in einem solchen traditionellen Männeramt doppelt so gut sein wie ein Mann.

Oder hätte man einen Mann nach seiner Belastung durch Familie und Kinder gefragt vor der Bischofswahl? Hätte man bei einem Mann immer wieder erwähnt, dass er geschieden sei? Hätte man bei einem Mann nicht mit einem Augenzwinkern auf eine Verfehlung unter Alkoholeinfluss reagiert?

Nein, Margot Käßmann war in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes in ihren Ämtern. Und bei allem Bedauern, dass ihre Amtszeit nur so kurz währte, bleibt die Achtung vor dem mutigen Schritt, aus eigener Verfehlung die Konsequenzen zu ziehen.

Christine Reuther

Wir Kriegsherren

11. September 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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Reden wir über das Töten. Reden wir über den Krieg. Denn sehen können wir ihn nicht – nicht wirklich. Die Bilder aus Afghanistan und die Phrasen der Militärs und Verteidigungspolitiker können sich dem Grauen kaum annähern. Sie täuschen. Keine Kamera ist dabei gewesen, als sich vor einer Woche am Fluss Kundus auf Veranlassung der Bundeswehr zwei Tanklaster in eine Feuerwolke verwandelten. Als Menschen brannten, starben und vor Schmerzen brüllten. Auch Kinder. So sieht es aus, wenn Deutschland am Hindukusch verteidigt wird.

(Quelle: Unsere Bundeswehr in Afghanistan/Bundeswehr)

(Quelle: Unsere Bundeswehr in Afghanistan/Bundeswehr)

Redet man so über das Töten, dann ist keine Zeit mehr für den diplomatischen Kammerton. Kein Deutscher weiß das besser als die Bundeswehrsoldaten in Afghanistan. Man kann viel über die Verworrenheit jenes fernen Krieges philosophieren, über globale Sicherheitspolitik und ihren moralischen Auftrag.

Aber man kann nicht davon schweigen: Die Auftraggeber des Tötens und Verbrennens am Fluss Kundus sind – wir. Das müssen wir wissen, und sollten die mit Wahlversprechen aufmunitionierten Bundestags-Kandidaten danach fragen.

Die Soldaten seelsorgerlich begleiten, ihr Gewissen zu schärfen und im Übrigen auf ein gutes Verhältnis zu Politik und Bundeswehr bedacht zu sein – das reicht nicht für die Kirche und ihren Auftrag. Sie muss die meist verschwiegenen Fragen klar stellen: Sollte ein toter Afghane uns weniger aufrütteln als ein toter deutscher Soldat? Und: Kann das Ziel, Terroranschläge auf Deutsche zu verhindern, den massenhaften Feuertod von Afghanen rechtfertigen?

Jesu Bergpredigt gibt eine klare Antwort. Der schwedische Außenminister Carl Bildt hat sie so formuliert: Wir gewinnen nicht, indem wir töten.

Andreas Roth

Keine Entschuldigung

3. September 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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Graik: Ivan Petrov (sxc.hu)Wohnen ist ein Menschenrecht. Und eine Privatsphäre gehört zu den geschützten Werten in unserer Gesellschaft. Aber eben nicht für alle Menschen, wie man an den Zuständen in Asylbewerberheimen immer mal wieder sieht. Jüngstes Beispiel ist der Selbstmord einer Libanesin, die mit ihrer Familie im Asylbewerberheim Frankenau bei Mittweida untergebracht war und wegen dessen Schließung in ein anderes Heim verlegt werden sollte.

Ein eigene Wohnung, das wollte die Frau für ihre Familie. Dass sie schon länger als selbstmordgefährdet galt, kann bei ihrem Tod in keiner Hinsicht als Entschuldigung dienen. Im Gegenteil: Es zeigt nur, unter welchem seelischen Druck diese Frau stand, die mit ihrer Familie die Heimat verlassen musste in eine ungewisse Zukunft hinein. Die ihren Kindern ein Zuhause bieten will und doch nur immer wieder in einer Massenunterkunft landet.

Wie mit Asylbewerbern umzugehen ist, dafür gibt es Gesetze. Es ist geregelt, wer von ihnen eine eigene Wohnung beanspruchen darf und wer nicht. Erst unlängst trat das mit dem Kirchenasyl als Protest gegen die Wohnsituation von Flüchtlingsfamilien in Grimma zutage.

Behördenmitarbeiter sind an die Gesetze gebunden. Doch Gesetze können geändert werden. Im Falle der Wohnsituation von Flüchtlingen scheint das dringend nötig. Wozu aber keine Gesetzesänderung nötig ist, das ist ein einfühlsames Verhalten gegenüber den Menschen in ihrer verzweifelten Lage. Und wenn man den bisher bekannt gewordenen Tatsachen glauben darf, wurde ja noch nicht einmal ein Notarzt gerufen, um die Frau zu retten: Ihr Mann sollte sie selbst ins Krankenhaus fahren, wo natürlich jede Hilfe zu spät kam. Und dafür gibt es nun wirklich keine Entschuldigung.

Christine Reuther

Neuer Anlauf

20. August 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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Foto: Joakim Buchwald, sxc.hu

Foto: Joakim Buchwald, sxc.hu

Es ist still geworden um den Reformprozess des deutschen Protestantismus. Nach dem Paukenschlag zum Auftakt vor drei Jahren mit dem Positionspapier »Kirche der Freiheit – Perspektiven für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert« und der anschließenden Debatte über Anzahl und Größe von Landeskirchen hat sich die Aufregung schnell wieder gelegt.

Heute spricht kaum noch jemand über die Qualitätsstandards von kirchlichen Angeboten oder eine notwendige Strukturanpassung. Das soll jetzt wieder anders werden. Im September ist in Kassel die nächste Zukunftswerkstatt der EKD geplant.

Dass das Unternehmen jetzt Werkstatt heißt und nicht mehr Zukunftskongress wie noch in Wittenberg ist dabei bezeichnend. Offenbar hat die EKD manche Erwartung relativiert. Ein Grundübel des gesamten Prozesses ist es zweifellos gewesen, vor allem die ökonomische Effizienz im Blick zu haben. Mit diesem Ansatz geht das Papier nicht nur an der Wirklichkeit der Gemeinden vorbei, es hat auch viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verprellt. Denn die Gestaltung von Kirche lässt sich eben nicht allein durch Organisationsmodelle aus der Wirtschaft bewerkstelligen.

Der in dem Papier geforderte Mentalitätswandel sei zwar richtig, konstatierte zuletzt selbst die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann. Aber auch die Jünger Jesu seien keine »Elitetruppe« gewesen. Einem Sterbenden die Hand zu halten, lasse sich nicht effektiv gestalten. Es gehe vielmehr darum, Sehnsucht nach dem Glauben zu wecken.

Wie das bewerkstelligt werden kann, ist die eigentliche Frage. Erst wenn der Reformprozess das wieder in das Zentrum rückt, kann der neuerliche Anlauf gelingen. Ansonsten bleibt auch die Zukunftswerkstatt in Kassel eine Episode ohne Folgen.

Martin Hanusch