Ungewollt abgetrieben

23. Juni 2011 von DER SONNTAG  
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embryoFür das Statistische Bundesamt steht die Zahl für vorsichtigen Optimismus: Jetzt im Juni veröffentlichte es die Meldung, dass in den ersten drei Monaten dieses Jahres 2,8 Prozent weniger Frauen ihre Schwangerschaft abgebrochen haben als im gleichen Zeitraum 2010.

Das bedeutet aber auch: 29.000 Mütter haben zwischen Januar und März entschieden, 29.000 Babys nicht auf die Welt zu bringen. So wird in Deutschland täglich rund 322 lebensfähigen Wesen das Leben verweigert – ein grausamer Befund der Statistik und ein Beweis dafür, dass wir diesen Müttern keine Alternative bieten konnten.

Die Gründe der meist ungewollt schwanger gewordenen Frauen darf man nicht verurteilen: Manche Mutter fühlt sich zu jung, manch andere steht ohne Partner oder ohne Unterstützung der Familie da, eine Frau will ihren Job nicht verlieren, ein Paar wünscht sich nach mehreren Geburten kein weiteres Kind oder hat Angst vor einer möglichen Behinderung seines Babys.

In der vorgeschriebenen Schwangerschaftskonfliktberatung werden Frauen angeregt, ihren Entschluss zu überdenken. Die Beratung »dient dem Schutz des ungeborenen Lebens«, heißt es im Gesetzestext.

Immerhin geht die Zahl der Abtreibungen in Deutschland seit 2001 zurück – so wie auch die Zahl der Geburten –, doch sie bleibt hoch.

Wenn Frauen Angst haben, sich zwischen Familie und Beruf entscheiden zu müssen und dem Druck ausgesetzt sind, als Mutter und arbeitende Frau gleichermaßen zu funktionieren – dann brauchen sie jemanden, der ihnen eine lebensbejahende Einstellung mit auf den Weg gibt.

Jemanden, der mit ihnen zusammen entdeckt, wie kostbar das Leben und wie wunderbar jedes Lebewesen ist.

Jemanden wie dich und mich.

Maxie Thielemann

Nur Herz reicht nicht

10. Juni 2011 von DER SONNTAG  
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herzwolkeNicht Wutbürger, Mutbürger – diesen Titel nahm Kirchentagspräsidentin Katrin Göring-Eckardt für die Kirchentagsmassen in Anspruch. Mut? Mut braucht es, wenn der Gegenwind hart weht, wenn die Gefahr, schuldig zu werden, ganz nah kommt, wenn das Dilemma offenkundig ist.

Wenig davon war auf dem Kirchentag zu spüren.

Man war einträchtig beeinander. Gegen Atomkraft – die Sache ist längst gegessen. Für Frieden – das Problem mit Libyen klären wir später. Gegen die Übermacht des Kapitals – was immer das konkret heißt und mit meinem Konto zu tun hat. Man sang, war fröhlich, es war berührend.

Dass Gott der irritierend Fremde ist, der Mose unnahbar im brennenden Dornbusch begegnete, dessen Wille nicht so handzahm zu befolgen ist – man konnte es leicht vergessen.

Das Nein zum zerstörerischen Wirtschaftswachstum, das Nein zu einer mörderischen Flüchtlingsabwehr, das Ja zu einer gewaltfreien Konfliktlösung muss sich jetzt bewähren. Es muss Politikern und Wirtschaftsbossen in aller Entschlossenheit und Schärfe gesagt werden. Zu oft nicken diese im gemütlichen Stuhlkreis der Kirchentagspodien freundlich  – und handeln dann anders.

Zugleich aber müssen sich die Forderungen des Christentreffens an der Wirklichkeit messen lassen, die oft genug widersprüchlich ist. Was bedeutet ein Verzicht auf Wirtschaftswachstum für die Armen der Welt, was bedeutet ein Gewaltverzicht für die nach Freiheit Dürstenden in Libyen?

Die Antworten darauf können nicht leicht und schwebend sein wie ein Kirchentag. Wenn es ernst wird, braucht es wirklichen Mut. Und die Hoffnung: Mitten im Konflikt und im schmerzhaften Dilemma wird auch dein Gott sein.

Nur Herz reicht nicht.

Andreas Roth

Was wollen diese Christen hier?

2. Juni 2011 von DER SONNTAG  
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_MG_6666Hier stehe ich, ich kann nicht anders: Ich kann nicht singen – höchstens mit meinen Kindern. Ich schmücke mich nicht mit bunten Halstüchern. Und Veranstaltungen mit mehr als 500 Besuchern lassen meine Hände und Mundwinkel gen Boden sinken – vielleicht ein Erbe erzwungener Massen-Begeisterung meiner sozialistischen Kindheit.

Der Kirchentag kann auch nicht anders. Wie eine herzliche Tante, die ein bisschen viel redet und alle umarmt, kommt er auf die Dresdner zu.

Die rosa Flaggen, die Plakate – der Kirchentag herzt, wo er kann. Auch mich.

Ob sich die skeptischen Sachsen umarmen lassen? Das wird spannend zu beobachten sein.

Ein erstes Fazit: Meine Tochter hat heute schulfrei, weil Christen im Schulhaus zu beherbergen sind – die Kinder freut’s, manche Eltern geraten in arge Nöte und nicht jeder nimmt das ohne Grummeln hin. Das Gleiche gilt für das Verkehrschaos in der Innenstadt. Zum Beispiel.

Mich stört das nicht. Im Gegenteil: Ich freue mich heimlich, dass diese Massenansammlung von Christen trotz aller Bemühung um den Zeitgeist sperrig bleibt.

Mich haben lange nicht mehr so viele Atheisten gefragt, was die eigentlich wollen – diese Christen.

Schließlich ist auch der Zweifel ein Erbe der Reformation. Die Bewohner ihres Kernlandes, die Sachsen – sie können nicht anders.

Andreas Roth

Keine Nebensache

20. Mai 2011 von DER SONNTAG  
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Ist Glauben doch nur Privatsache? Wenn es nach den Verantwortlichen der jetzt begonnenen Volkszählung geht, dann muss diese Frage wohl bejaht werden. Denn anders als der Familienstand, die Staatsangehörigkeit oder das Wohneigentum muss die Religionszugehörigkeit bei der umstrittenen Datensammlung nicht unbedingt angegeben werden.

Dass sie überhaupt abgefragt wird, ist nur dem Einsatz der Kirchen zu verdanken.

Was zunächst wie eine Nebensache anmutet, hat jedoch durchaus Methode.

Derzeit ist in der Gesellschaft ein bedenklicher Trend zu beobachten. Entweder Religion wird als Ursache von Konflikten wahrgenommen – wie zuletzt in Ägypten bei den gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und koptischen Christen – oder eben als reine Privatangelegenheit.

Das erinnert schon fast an DDR-Zeiten, als der Einfluss der Kirchen immer weiter zurückgedrängt wurde.

Natürlich geschieht das heute nicht allein aus ideologischen Gründen. Aber die Stimmen, die eine strikte Trennung von Kirche und Staat fordern, werden auch hier lauter.

Zugleich wird Kirche als verzichtbar abgetan.

Ganz unschuldig ist sie nicht an dieser Entwicklung.

Wenn selbst die Präses der EKD-Synode, Katrin Göring-Eckardt, meint, die Kirche solle sich aufs »Kerngeschäft« konzentrieren, dann impliziert das einen Rückzug aus der Gesellschaft. Kirche muss jedoch immer auch außerhalb der eigenen Mauern präsent sein – weil sie etwas zu sagen hat.

Denn das Christentum ist trotz des Mitgliederrückgangs eine zentrale Basis für die Werte, die unsere Gesellschaft prägen und tragen. Dazu braucht es freilich Menschen, die nicht nur offen zu ihrem Christsein stehen, sondern auskunftsfähig sind, damit der Glaube nicht zur Privatsache verkümmert.

Martin Hanusch

Frieden bleibt eine Aufgabe

13. Mai 2011 von DER SONNTAG  
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dekadeVor zehn Jahren hatte der Ökumenische Rat der Kirchen eine »Dekade zur Überwindung von Gewalt« ausgerufen. Jetzt geht sie mit einer Friedenskonferenz vom 17. bis 25. Mai in Jamaika zu Ende.

Dekade gegen Gewalt? Ja, da war doch was.

Es wurden Friedensbeauftragte eingesetzt – für einzelne Landeskirchen und in der EKD. Es gab Kampagnen gegen Gewalt in Schulen und Familien. Und es gibt den ernüchternden Blick auf die Welt im Jahr zehn der Dekade: Bürgerkrieg in Libyien, Krieg in Afghanistan, immer wieder Bomben terroristischer Selbstmordattentäter. Sogar Regierungen nehmen für sich in Anspruch, mittels Einsatzkommandos das Leben ihrer Widersacher auszulöschen.

Womit wir bei dem Ereignis sind, das mit seiner unsäglichen Gewalt am Beginn der Friedensdekade stand: Der Anschlag auf das World-Trade-Centre in New York im September 2001. Aber auch im zivilen Leben greift Gewalt um sich: Jugendliche prügeln zufällige Passanten zu Tode. Kinder werden misshandelt.

Es sieht so aus, als sei die Welt gewaltbereiter denn je. Was hat also die christliche Friedensdekade gebracht? Die 1000 Teilnehmer an der Friedenskonferenz in Jamaika werden das diskutieren. Und vielleicht werden sie auch Beispiele aufzählen können, wo sie in ihren Heimatländern Aufmerksamkeit erzielt und ein Umdenken erreicht haben.

Eines ist sicher: Die Welt hat Frieden so nötig wie eh und je. Auch wenn eine Konferenz leicht in den Ruf kommt, dass dabei wieder nur geredet wird, so kann man doch über Frieden nicht oft genug reden. Aber es muss auch gehört und umgesetzt werden, über den Rand der christlichen Kirchen hinaus. Und da sind offenbar die zehn Jahre einer Friedensdekade noch längst nicht genug.

Christine Reuther

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Der Zweck heiligt nicht die Mittel

24. Februar 2011 von Redaktion DER SONNTAG  
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Die neuen Nazis konnten nicht durch Dresden marschieren. Das ist gut, weil aus ihren Reihen Parolen wie »Nationaler Sozialismus jetzt« gerufen wurden. Gut ist es auch, dass tausende friedliche Bürger bei eisigen Temperaturen ein Zeichen gesetzt haben gegen eine menschenverachtende Ideologie. Doch ein Sieg der rechtsstaatlichen Demokratie ist es nicht.

Polizeiketten wurden gewaltsam durchbrochen, es flogen Steine, Barrikaden brannten, 82 Polizisten wurden verletzt – und das Grundrecht auf Demon­strationsfreiheit. Nüchtern betrachtet waren es auch die gewaltsamen Ausschreitungen, die den Marsch der Rechtsextremen verhinderten. Doch der Zweck heiligt eben nicht die Mittel – das ist es, was eine rechtsstaatliche Demokratie von einer ideologischen Willkürherrschaft unterscheidet, wie sie auch die Neonazis anstreben.

Sachsens Innenminister Markus Ulbig hat eine Diskussion über das Versammlungsrecht und die Versammlungsfreiheit angestoßen. Er greift damit das weit verbreitete Unverständnis auf, warum die Demokratie ihre Feinde demonstrieren lässt und ihre Anhänger bisweilen in die Schranken weist.

Doch das Ergebnis der Debatte ist vorhersehbar: Alles bleibt wie es ist – oder das deutsche Grundgesetz wird in seinen Fundamenten erschüttert.

Sollte die Demonstrationsfreiheit künftig von erwünschten politischen Haltungen abhängig sein, wäre dies ein Einfallstor für ein Gesinnungsstrafrecht. Und genau dies wollten die deutschen Verfassungsväter und -mütter nach dem Nationalsozialismus verhindern. Hier gilt wie bei der Terror-Bekämpfung: Der Rechtsstaat darf sich von seinen Gegnern nicht seine Prinzipien kaputt machen lassen. Und er darf es im Angesicht der Gefahr auch nicht selber tun.

Andreas Roth

Schwache Lobby für die Ärmsten

16. Februar 2011 von Redaktion DER SONNTAG  
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809586_95311240Hätte es eines Beweises bedurft, wie schwach die Lobby für die Schwächsten in der Gesellschaft ist – die blockierten Hartz-IV-Verhandlungen zwischen Regierung und Opposition haben ihn erbracht. Mit fatalen Folgen für sieben Millionen Arme in Deutschland.

Weil nachvollziehbare Berechnungsgrundlagen fehlen, verstoßen wesentliche Regelungen der Hartz-IV-Gesetzgebung gegen die Menschenwürde und das Sozialstaatsprinzip. So hatte das Bundesverfassungsgericht geurteilt und damit Beträge und Paragrafen in Klartext übersetzt: Hier geht es um Grundrechte.

Ein reichliches Jahr ist das nun her.

Doch die Parteien haben bis zum letzten Drücker gewartet. Offensichtlich hatten sie wichtigere Probleme zu lösen. Und haben es wohl noch immer. Gewiss, es sind sinnvolle Vorschläge gemacht worden. Aber immer wieder bekommt man den Eindruck, als siege Parteitaktik über den Willen, zu einer akzeptablen Lösung zu kommen.

Könnte es auch daran liegen, dass es an einer Interessenvertretung der Betroffenen fehlt, die stark genug ist, um Druck auf die Verhandlungen auszuüben? In Sachsen ist fast ein Drittel aller Familien mit minderjährigen Kindern auf Grundsicherung angewiesen. Bei Alleinerziehenden mehr als die Hälfte.

Die Diakonie jedenfalls hatte Ende des vergangenen Jahres von Experten ausrechnen lassen, dass der derzeitige Regelsatz von 359 Euro viel zu gering ist für eine menschenwürdige Existenz. 433 Euro müssten es sein. Auf alle Fälle mehr als die zuletzt von Arbeitsministerin Ursula von der Leyen vorgeschlagenen fünf Euro Steigerung.

Diakonie und andere Sozialverbände haben langjährige Erfahrungen in der Sozialarbeit. Keiner kann die Folgen so gut abschätzen wie sie. Doch ihre Argumente verhallen ungehört.

Tomas Gärtner

Neue Sicht auf Afghanistan

11. Februar 2011 von Redaktion DER SONNTAG  
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General Fritz, Kommandeur des Feldlagers Mazar-il-Sharif und EKD-Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider am 2. Februar 2011 in Mazar-i-Sharif. (Foto: EKD)

General Fritz, Kommandeur des Feldlagers Mazar-il-Sharif und EKD-Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider am 2. Februar 2011 in Mazar-i-Sharif. (Foto: EKD)

 

Es ist eine Tatsache: Ideal und Wirklichkeit stimmen selten überein. Gleiches gilt für das religiöse Dogma und das reale Leben. Wobei das anders geartete Leben nicht zwangsweise gegen die Richtigkeit des Dogmas oder des ­Ideals spricht.

An diesem Zwiespalt haben sich schon viele gerieben, mancher ist gar daran zerbrochen.

In einer ähnlichen Zerreißprobe stehen derzeit auch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und ihr Repräsentant Nikolaus Schneider. Denn wer wollte bestreiten, dass der Satz »Krieg darf um Gottes Willen nicht sein« richtig ist? Und dennoch zeigen Geschichte und Gegenwart, dass es Umstände gibt, die gewaltsame Intervention, also Krieg, rechtfertigen – oder zumindest als das kleinere Übel erscheinen lassen. Und natürlich hatte und hat Margot Käßmann mit ihrem berühmten Satz »Nichts ist gut in Afghanistan« recht. Solange am Hindukusch Menschen sterben, ob »schuldig« oder »unschuldig«, ist nichts wirklich gut.

Doch das Leben ist vielschichtiger.

Zwischen gut und nicht gut gibt es eine breite Spanne von besser oder schlechter. Von daher ist die differenzierte Sicht auf die Verhältnisse in Afghanistan, die Nikolaus Schneider nach seinem Besuch in dem Land vertritt, zu begrüßen. Und sie ist auch kein Verrat an protestantischen Überzeugungen oder gar am Evangelium.

Weiterhin gilt, dass friedliche Mittel zur Konfliktbewältigung den Vorrang haben müssen.

Dennoch kann ich als evangelischer Christ Hochachtung haben vor den Menschen, die unter Einsatz ihres Lebens und gemäß ihrer Erkenntnis versuchen, die Umstände in Afghanistan ein wenig besser zu machen. Ob als zivile oder als bewaffnete Aufbauhelfer.

Harald Krille

Druck von unten

3. Februar 2011 von Redaktion DER SONNTAG  
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In diesen Tagen blickt die Welt auf Ägypten. Dort gehen die Menschen zu tausenden auf die Straßen, fordern Veränderungen und den Rücktritt ihres Staatschefs Mubarak. Es ist wie ein Funke, der in Nordafrika von Land zu Land übergreift. Erst haben die Tunesier ihren Präsidenten aus dem Amt gejagt. Nun fordern das die Ägypter in ihrem Land.

Was treibt sie dazu?

Wir wissen wenig über das Leben der Menschen dort. Aber was wir aus eigener Erfahrung wissen, ist: Wenn der Druck zu groß wird, dann halten die Menschen nicht mehr still. Wenn sie ihre Lebenshaltungskosten nicht mehr bezahlen können, wenn sie keine Arbeit finden, wenn sie keine Zukunft für ihr Leben und das ihrer Kinder sehen. In den diktatorisch regierten Ländern Nordafrikas kann man das zumindest vermuten.

Ob es in Ägypten mit der Abdankung des Staatschefs getan ist, kann im Moment niemand wissen.

Ob sich Hoffnungen auf eine demokratische Umgestaltung erfüllen ebenso wenig.

Denn mit der Demokratie ist das so eine Sache.

Selbst wenn alle Bevölkerungsgruppen an der Mitbestimmung beteiligt werden, in einem Parlament etwa, heißt das nicht zugleich, dass alle Interessen gleichermaßen verwirklicht werden.

Zur Demokratie gehört immer auch das Akzeptieren der Mehrheitsentscheidungen. Da können die Verlierer nicht gleich wieder auf die Straße gehen.

Aber auch das ist Demokratie: Um Mehrheiten zu erlangen, braucht es Überzeugungskraft. Auf die Menschen hören, sie mitnehmen bei Entscheidungsprozessen, ihr Verständnis erringen, um nicht an allen vorbei zu regieren und so erneut Unzufriedenheit zu erzeugen und Druck aufzubauen, der sich irgendwann entlädt.

Das ist im Großen wie im Kleinen so.

Ob es in Ägypten gelingt, müssen die näch­sten Tage und Wochen zeigen.

Christine Reuther

Fragwürdiges Streikrecht

21. Januar 2011 von Redaktion DER SONNTAG  
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streikDiakonie

Für die Diakonie wird der Gegenwind im Arbeitsrecht schärfer. Entfacht wird er von der Dienstleistungsgewerkschaft verdi. Diese hat jetzt einen Etappensieg errungen: Die Diakonie darf ihren Beschäftigten Streiks nicht mehr generell untersagen. So entschied das Landesarbeitsgericht (LAG) in Hamm.

Beim Streikverbot berufen sich Kirche und Diakonie auf ihr im Grundgesetz verbrieftes Selbstbestimmungsrecht. Auf dieser Grundlage schlagen sie in Tarifregelungen den so genannten »Dritten Weg« ein. Bei Konflikten gibt es ein Vermittlungsverfahren. Ein Arbeitskampf ist ausgeschlossen.

Aus gutem Grund: Altenpflegeheime, Behinderteneinrichtungen oder Sozialstationen sind keine Unternehmen, die Gewinne erwirtschaften. Und eine demente alte Frau sich selbst zu überlassen, um für höheren Lohn zu streiken, ist schlicht undenkbar.

Die Gewerkschaft richtet ihren Tunnelblick allein auf die Interessen ihrer Mitglieder. Das ist richtig und notwendig, wo Beschäftigte in Unternehmen diese starke Vertretung brauchen, um bei Tarifverhandlungen nicht über den Tisch gezogen zu werden. Da braucht es auch das Streikrecht als Druckmittel.

Doch bei Diakonie und Kirche ist gewerkschaftliche Kampf-Rhetorik fehl am Platze: Dort sitzen keine finsteren Lohndrücker in den Führungsetagen, denen es nur um den eigenen Profit geht. Wohl aber stehen diakonische Einrichtungen unter wachsendem Kostendruck, weil die öffentliche Hand bei Sozialausgaben kürzt oder sich ganz aus der Refinanzierung zurückzieht.

Sparmaßnahmen bei der Diakonie – etwa die Ausgliederung von Mitarbeitern in Tochterunternehmen – gehen dann zu Lasten der Beschäftigten. Was die Diakonie öffentlich diskreditiert. Ein schier unlösbares Dilemma.

Tomas Gärtner

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