Luftschläge für Demokratie?
25. März 2011 von DER SONNTAG
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Muammar al-Gaddafi beim Gipfeltreffen der Afrikanischen Union 2009, Foto: Jesse B. Awalt, wikipedia.de
Alle friedlichen Druckmittel auf das Regime schienen ausgereizt, humanitäre Hilfe kaum möglich. Militärische Aktionen schienen die konsequenteste Form zu sein. Aber sind sie wirklich das geeignete Mittel?
Bereits nach den ersten Militärschlägen ist die Gefahr einer Eskalation deutlich geworden. Ein derartiger Diktator wird mit noch größerer Grausamkeit reagieren. Das könnte jene, die losgeschlagen haben, in Zugzwang bringen, wenn Luftschläge nicht zur Befriedung führen. Womöglich wird die Gewalt im Lande und damit das Leid der Zivilbevölkerung noch verschärft. Das liefe dann dem ursprünglichen Ziel der Flugverbotszone zuwider.
Oder lautet die unausgesprochene Absicht längst, der Einfachheit halber einen einst hofierten, nun aber untragbar gewordenen Diktator wegzubomben? Und was kommt dann? Eine libysche Demokratie? Sind Rebellen, die den Diktator bekämpfen, Garanten dafür? Das militärische Eingreifen kommt zu einem Zeitpunkt, da zu vieles noch unklar ist.
In anderen arabischen Ländern haben weitgehend friedliche Demonstrationen zumindest den Willen des Volkes zur Demokratie zum Ausdruck gebracht. In Libyen sehen wir derzeit keine derartige Demokratiebewegung, eher einen Bürgerkrieg. Nicht wenige Beispiele in der Geschichte zeigen, dass bewaffnete Befreiungsbewegungen in neue Diktaturen mündeten. Kommt, wenn die Waffen irgendwann schweigen, das böse Erwachen?
Tomas Gärtner
Das Drama am Hindukusch
15. April 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Es fällt einem nicht mehr viel ein zu Afghanistan – den Politikern nicht, den meisten Bürgern nicht und auch den Journalisten nicht. Es herrscht Ratlosigkeit. Aber es muss über Afghanistan nachgedacht werden. Denn der Schmerz ist tief bei den Menschen, die um die vor zwei Wochen getöteten Bundeswehrsoldaten trauern – und auch bei jenen, die um die fünf aghanischen Soldaten weinen, die ebenfalls am Karfreitag von Deutschen getötet wurden. Ein großes Drama.
So unerträglich es ist: Die Augen dürfen wir davor nicht verschließen. Wir Bundesbürger haben deutsche Soldaten an den Hindukusch geschickt. Warum eigentlich? Weil den Terroristen von al-Qaida nach den Anschlägen vom 11. September 2001 die Heimatbasis verbaut werden sollte – und Deutschland seinem angegriffenen Verbündeten USA zur Seite stehen wollte. Erst später wurde dies mit dem Motiv ummäntelt, den Afghanen ein besseres und demokratisches Leben zu bescheren.
Heute hat sich al-Qaida längst in den Jemen oder nach Somalia verzogen, von einer Demokratie ist das Land der korrupten Kriegsherren und armen Drogenbauern weit entfernt, die Taliban gelten wieder als gar nicht so üble Gesprächspartner – und die Gewalt nimmt zu. Das spüren die Soldaten vor Ort zuallererst.
Und was alles noch viel schlimmer macht: Es gibt keine einfache Lösung. Ein schneller Abzug der internationalen Truppen wäre ein Sieg der Taliban und eine Katastrophe für viele Afghanen. Aber zugleich wird deutlich, dass ein Militäreinsatz keinen Frieden bringen kann. Aus dem Dilemma am Hindukusch führt diese Erkenntnis nicht heraus. Aber sie kann eine Lehre für die Zukunft sein. Dies nicht zu vergessen – das sind wir den Toten dieses Krieges schuldig.
Andreas Roth
Die Welt ist nicht so gut
30. Dezember 2009 von Redaktion DER SONNTAG
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Der Krieg in Afghanistan bleibt umstritten. Der Frankenberger Militärpfarrer Wilfried Fritzsch hat ihn aus der Nähe erlebt. Von Juli bis November war er im Bundeswehrlager Feyzabad.
Herr Fritzsch, gilt Jesu Bergpredigt auch in Afghanistan?
Fritzsch: Sie gilt überall. Jesu Seligpreisungen der Sanftmut und der Friedfertigkeit sind auch für mich die höchsten Ziele. Aber was macht man, wenn wie in Afghanistan von den Taliban Terroristen ausgebildet werden, die gegen Amerika, Europa und auch die Afghanen selbst kämpfen? Hier haben Regierungen die Pflicht, dagegen vorzugehen – wohl wissend, dass es da keine Lösung gibt, ohne Schuld auf sich zu laden.
Ist in Afghanistan Krieg?
Fritzsch: In meiner Zeit im Feldlager Feyzabad wurden deutsche Soldaten, die die afghanische Armee ausbilden und gemeinsam die Taliban bekämpfen, mehrmals in Feuergefechte verwickelt. Das ist kein Polizeieinsatz mehr – das ist ein Bürgerkrieg. Bei einem Einsatz sind über 100 Soldaten aus unserem Lager in einem Talkessel in einen Hinterhalt der Taliban geraten. Es gab ein stundenlanges Gefecht. Ein deutscher Soldat wurde dabei schwer verletzt.

Mit den Soldaten des Marienberger Panzergrenadier-Bataillons war Pfarrer Wilfried Fritzsch (li.) vier Monate lang im afghanischen Feyzabad. (Foto: Steffen Giersch)
Fritzsch: Das war zwei Tage, nachdem unsere Soldaten in den Taliban-Hinterhalt geraten waren. Doch das war in der deutschen Öffentlichkeit kein Thema – nur über die Bombardierung wurde gesprochen. Dass das Bombardement so kritisiert wurde, war für die Soldaten nicht zu begreifen. Sie haben den Eindruck: Deutsche Soldaten können machen was sie wollen, sich zurückziehen oder kämpfen – es ist immer falsch. Und dass oft verschwiegen wird, dass die Soldaten in Afghanistan ihr Leben riskieren.
Wie belastet der Afghanistan-Einsatz die Seelen der Soldaten?
Fritzsch: Sie sprechen nicht so gern über Ängste. Erst in Deutschland brechen diese Gefühle auf. Vieles wird vor Ort ins Unterbewusstsein verdrängt. Die Soldaten wissen oft noch nicht, wie sehr sie der Einsatz wirklich belastet.
Kommt das Thema Schuld in Ihren Gesprächen mit Soldaten vor?
Fritzsch: Soldaten sagen höchstens in einem Nebensatz, dass sie denken, Menschen getroffen zu haben. Vor Ort in Afghanistan spricht man wenig darüber. Da ist das Erlebte noch zu nah, es geht schließlich um die eigene Haut. Die Soldaten sind froh, aus einem Gefecht heil herausgekommen zu sein. Wenn man da mit Fragen nach der Schuld kommt, drehen sie sich um und gehen.
Fühlen sich die Soldaten alleingelassen?
Fritzsch: Ihr größtes Problem ist, dass sie dem afghanischen Volk helfen und es schützen wollen gegen die sehr brutal auftretenden Taliban – und dass dies in Deutschland nicht wahrgenommen oder sehr kritisch gesehen wird. Die Soldaten müssen ausbaden, was andere am grünen Tisch entscheiden. Da müsste man an ganz anderer Stelle über Schuld reden. Die Männer der Bundeswehr stehen an vorderster Front und fragen auch kritisch: Gibt es nicht auch andere Wege?
Haben Sie selbst Angst gehabt?
Fritzsch: Um mein Leben nicht. Aber davor, dass Soldaten zu Tode kommen. Das habe ich Gott sei Dank nicht erleben müssen. Bevor Soldaten zu größeren Einsätzen fuhren, haben wir in der kleinen Kirche im Lager eine Andacht gehalten, für sie gebetet und eine Kerze angezündet. Jeden Sonntagabend haben wir einen Gottesdienst gefeiert, zu dem am Schluss 40 Soldaten kamen – auch Nicht-Christen, die einmal eine Stunde der Ruhe brauchten.
Wie kann man als Militärseelsorger die Balance halten, um nicht zu sehr die Perspektive der Militärs einzunehmen und zu wenig die der Zivilbevölkerung?
Fritzsch: Im Feldlager Feyzabad arbeiten viele Afghanen, da ergeben sich ständig Gespräche. Im dortigen Bundeswehr-Krankenhaus werden viele Afghanen behandelt. Dreimal bin ich mit den Soldaten auch im gepanzerten Wagen rausgefahren in das Umland. Man sieht in fast jedem Ort Jungen und Mädchen zur Schule gehen, man sieht Menschen Handel treiben, und wo früher nur Feldwege waren wurden viele Straßen und eine neue Brücke gebaut, um die Region wirtschaftlich anzubinden.
Wie war die Stimmung der Afghanen, die Sie getroffen haben, gegenüber der Bundeswehr?
Fritzsch: Die Bevölkerung ist sehr aufgeschlossen – den Menschen geht es um das nackte Überleben. Ein Volk, das 25 Jahre Bürgerkrieg erlebt hat, kann jetzt zumindest im Norden Afghanistans in relativer Ruhe seine Felder bestellen, seine Kinder zur Schule schicken, Musik hören – unter den Taliban war das alles nicht möglich. Solange die internationalen Truppen dort sind, kann die Bevölkerung in Frieden leben.
Sie setzen auf eine militärische Strategie?
Fritzsch: Wenn die Afghanen das Gefühl haben, dass die internationalen Kräfte nicht stark genug sind und helfen können, dann wenden sie sich den Taliban zu. Das ist menschlich verständlich. Da sehe ich auch Menschen in unserer Kirche kritisch, die Weltpolitik durch eine rosarote Brille sehen und sehr schnell urteilen. Ja, wir Ostdeutschen haben eine Friedliche Revolution erlebt – und das war großartig. Aber man darf die kriminelle Energie von Menschen an vielen Orten der Welt nicht unterschätzen. Die Welt ist nicht so gut, wie man sie sich wünscht. Kriminelle Energie muss von staatlicher Macht im Zaum gehalten werden – ohne beschönigen zu wollen, dass auch westliche Mächte viel Schuld tragen und eigene Interessen verfolgen.
Die Landessynode hat die sächsische Kirchenleitung aufgefordert, Gespräche mit der Bundesregierung über ein Ende des Afghanistaneinsatzes zu führen. Halten Sie das für sinnvoll?
Fritzsch: Gespräche sind immer sinnvoll. Aber man darf keine falschen Hoffnungen aufbauen. Wer die Hilfe für dieses geschundene Land zu schnell beendet, riskiert, dass alles bisher Erreichte zunichte gemacht wird. Und man sollte bei diesem Gespräch auch Vertreter der Bundeswehr mit hören. Soldaten haben nichts gegen Kritik, sie sind oft selbst kritisch. Aber sie wollen ernst genommen
werden.
Die Fragen stellte Andreas Roth
Wir Kriegsherren
11. September 2009 von Redaktion DER SONNTAG
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Reden wir über das Töten. Reden wir über den Krieg. Denn sehen können wir ihn nicht – nicht wirklich. Die Bilder aus Afghanistan und die Phrasen der Militärs und Verteidigungspolitiker können sich dem Grauen kaum annähern. Sie täuschen. Keine Kamera ist dabei gewesen, als sich vor einer Woche am Fluss Kundus auf Veranlassung der Bundeswehr zwei Tanklaster in eine Feuerwolke verwandelten. Als Menschen brannten, starben und vor Schmerzen brüllten. Auch Kinder. So sieht es aus, wenn Deutschland am Hindukusch verteidigt wird.
Redet man so über das Töten, dann ist keine Zeit mehr für den diplomatischen Kammerton. Kein Deutscher weiß das besser als die Bundeswehrsoldaten in Afghanistan. Man kann viel über die Verworrenheit jenes fernen Krieges philosophieren, über globale Sicherheitspolitik und ihren moralischen Auftrag.
Aber man kann nicht davon schweigen: Die Auftraggeber des Tötens und Verbrennens am Fluss Kundus sind – wir. Das müssen wir wissen, und sollten die mit Wahlversprechen aufmunitionierten Bundestags-Kandidaten danach fragen.
Die Soldaten seelsorgerlich begleiten, ihr Gewissen zu schärfen und im Übrigen auf ein gutes Verhältnis zu Politik und Bundeswehr bedacht zu sein – das reicht nicht für die Kirche und ihren Auftrag. Sie muss die meist verschwiegenen Fragen klar stellen: Sollte ein toter Afghane uns weniger aufrütteln als ein toter deutscher Soldat? Und: Kann das Ziel, Terroranschläge auf Deutsche zu verhindern, den massenhaften Feuertod von Afghanen rechtfertigen?
Jesu Bergpredigt gibt eine klare Antwort. Der schwedische Außenminister Carl Bildt hat sie so formuliert: Wir gewinnen nicht, indem wir töten.
Andreas Roth
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