Wenn Schwäche zur Stärke wird

29. Dezember 2011 von DER SONNTAG  
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Christus spricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.
2. Korinther 12, Vers 9


Gedanken zur Losung für das Jahr 2012 von Landesbischof Jochen Bohl.

Der Umgang mit den eigenen Schwächen ist nicht einfach; und in einer Hochleistungsgesellschaft wie der unseren schon gar nicht. Vor einigen Wochen hat ein Fußballschiedsrichter versucht, sich das Leben zu nehmen. Zuvor hatte man ihn mehrere Male zum »schlechtesten Schiri« der Bundesliga gewählt.

Ich weiß nicht, ob es zwischen der Verzweiflungstat und dieser Diskriminierung einen Zusammenhang gibt, aber der Gedanke liegt jedenfalls nicht fern.

Deine Leistungen sind ungenügend, es wird nicht besser mit dir, du kannst es nicht – wer kann schon mit solchen vernichtenden Urteilen umgehen? Wem fällt es leicht, mit seinen Schwächen zu leben? Und in aller Öffentlichkeit?

Jochen Bohl ist Bischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. <br>(Foto: S. Giersch)

Jochen Bohl ist Bischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens.
(Foto: S. Giersch)

Der Apostel Paulus litt vermutlich an einer Epilepsie, er spricht von einem »Pfahl im Fleisch«. Er musste ständig damit rechnen, von einem Augenblick zum anderen einen Anfall zu bekommen, umzustürzen, zu krampfen, eine Zeit lang bewusstlos zu sein. Die Krankheit war eine schwere Beeinträchtigung, zumal er sich nicht schonte; die Strapazen seiner Reisen hätten auch einem Gesunden zugesetzt.

Sein Körper war aber schwach, und der Verkündigungsdienst des Apostels litt sicherlich darunter. Diese Schwäche blieb niemandem verborgen, seine Gegner haben sie ihm vorgehalten. Paulus hat seinen Herrn nicht nur einmal darum gebeten, die Krankheit von ihm zu nehmen.

Aber seine Gebete werden nicht erhört, er muss mit seiner Schwäche leben. Die Absage wird geistlich begründet: »Lass Dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.« Die Antwort des Herrn soll ihm zeigen, dass seine Krankheit nicht nur eine Beeinträchtigung ist; das ist sie sicherlich auch. In geistlicher Sicht aber ist sie eine Stärke, weil sie erkennen lässt, wie sich die Kraft Christi in der Schwachheit des Menschen vollendet.

Die Gnade Gottes wird den Leidenden geschenkt und zeigt sich gerade in ihnen. So werden religiöser Hochmut und falsche Selbstüberschätzung ausgeschlossen. Die Schwäche des Apostels, nicht etwa eine besondere Stärke, wird zu einem Medium der Kraft Jesu Christi.

Das ist nicht leicht zu verstehen, man kann es als paradox empfinden, dass die göttliche Kraft sichtbar wird in menschlicher Schwäche. Ich könnte mir auch vorstellen, dass es dem Apostel nicht leicht gefallen ist, die tiefe Wahrheit in dem Wort Jesu zu akzeptieren.

Sie erschließt sich aber in der Bewältigung der Aufgabe, mit der eigenen Schwäche zu leben. Kein Mensch ist nur stark; wenn manche sich auch einbilden, diese Wahrheit gelte für sie nicht. Bei einigen ist die Schwachheit offenkundig, sogar für alle sichtbar – während andere eine erstaunliche Begabung entwickeln, die eigene Schwäche vor sich selbst zu leugnen oder doch wenigstens vor anderen zu verbergen. Das aber gelingt immer nur für eine gewisse Zeit, längstens bis es zu einem Bruch in der Lebensgeschichte kommt.

Gar nicht selten kann man beobachten, wie Menschen, die sich stark wähnen, geradezu verzweifelt darum kämpfen, das Leben nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten. Darüber leugnen sie das menschliche Maß und meinen, sie kämen auch ohne Gott zurecht. Aber so fällt es schwer, sich seiner Gnade anzuvertrauen. Wer dagegen gelernt hat, die eigene Schwäche zu akzeptieren, weiß um seine Grenzen und hat verstanden, dass wir auf andere angewiesen sind.

Wer mit dieser Erkenntnis geistlich umgeht, wird offen sein für die Gnade Gottes. Menschen, die sich ihrer Schwäche bewusst sind, können glaubwürdige Zeugen der Liebe Gottes sein; oft sind sie auch gute Seelsorger. Wer selbst gelernt hat, sich anzunehmen und dankbar auf die Kraft Christi vertraut, wird verstehen können, wie es in einem Mitmenschen aussieht, was auch immer seine Stärken und Schwächen sind.

So ist die Jahreslosung eine kraftvolle Ermutigung, die eigene Person anzunehmen. Unsere Schwachheit brauchen wir nicht als etwas anzusehen, das besser nicht zu uns gehören sollte. Dem Gläubigen genügt die Gnade – sie heiligt auch die Schwäche, mehr ist nicht nötig.

Es liegt eine geistliche Stärke in dem Wissen, dass Jesus Christus auch und gerade unsere Schwächen in seinen Dienst nimmt, um daraus Gutes entstehen zu lassen. Auf seine Kraft ist Verlass.

Grundwortschatz des Glaubens

23. November 2011 von DER SONNTAG  
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Die Landeskirche veröffentlicht Kernlieder und Kerntexte für das christliche Leben

So sieht es aus, das Faltblatt mit den Kerntexten und -liedern.

So sieht es aus, das Faltblatt mit den Kerntexten und -liedern.


Es ist so etwas wie eine »eiserne Ration«, was jetzt den Kirchgemeinden angeboten wird. Auf der Synode wurden sie bereits vorgestellt: Lieder und Texte, als »Kernbestand unseres Glaubenslebens«, wie es dazu heißt.

Es ist ein kleines Faltblatt. »Kerniges« steht auf dem Titel und es enthält jeweils zwölf biblische Texte, »von denen es wichtig ist, dass wir sie gut kennen«, wie Landesbischof Jochen Bohl im Vorwort schreibt. Außerdem sind zwölf biblische Worte und Gebete aufgeführt. Und vor allem: zwölf Lieder.

Entstanden ist die Sammlung aus dem Zukunftsprozess der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Die von der EKD-Synode dafür beschlossenen sogenannten »Leuchtfeuer« wurden 2007 für unsere Landeskirche präzisiert und unter der Überschrift »Wie wird unsere Landeskirche in zehn Jahren aussehen, zum 500. Reformationsjubiläum?« veröffentlicht. Die Landessynode hatte sich damals die darin enthaltenen Anliegen zu eigen gemacht und die nun erschienene »eiserne Ration« – wie es in Punkt 8 des Zukunftspapiers damals hieß – in Auftrag gegeben.

Bei Thilo Daniel, theologischer Referent im Landeskirchenamt, liefen seitdem die Fäden zusammen auf der Suche nach Kernliedern und Kerntexten. »Gemeindepädagogen und Kirchenmusiker haben das zusammengetragen, was in ihrer Arbeit häufig vorkommt«, so Daniel. Bei den nun veröffentlichten Liedern und Texten gehe es »um den Grundwortschatz, um das, was wirklich wichtig ist«, so der promovierte Theologe. Und es soll für jede Generation etwas dabei sein. So wurde zum Beispiel auch ein Gebet für den Schulweg aufgenommen.

Die Lieder seien bewusst nur aus dem Evangelischen Gesangbuch ausgewählt, um auf die musikalische Tradition einzugehen, so Daniel. Aus dem modernen Buch »Singt von Hoffnung« sei nichts dabei. Doch Paul Gerhardt, Martin Luther und Matthias Claudius gehören auf jeden Fall dazu. Auf Platz 1 steht das Adventslied »Macht hoch die Tür …«, gefolgt von Martin Luthers »Vom Himmel hoch …« und »Ein feste Burg ist unser Gott«.

Die kleinen Faltblätter gehen nun in die Kirchgemeinden. Diese erhalten außerdem eine CD, auf der die Lieder und Texte zu hören sein werden.

Insgesamt jedoch sei an eine breite Streuung dieser CD nicht gedacht, so Tilo Daniel. Statt dessen werde alles demnächst im Internet zum Herunterladen bereitgestellt. Später soll es noch ergänzende Texte über die Entstehung der Lieder und ihre Autoren zur Weiterarbeit in den Gemeinden geben.

Christine Reuther

Frieden ist möglich

30. Dezember 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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»Lass dich nicht vom Bösen überwinden,
sondern überwinde das Böse mit Gutem.«


Römer 12, Vers 21

Gedanken zur Jahreslosung 2011

Von Landesbischof Jochen Bohl

Konflikte sind ein Teil des Lebens; ungezählte Auseinandersetzungen werden tagtäglich im Kleinen wie im Großen geführt. Zum 10. Mal verbringen deutsche Soldaten den Jahreswechsel in Afghanistan. Aber man muss beileibe nicht nur an die Krisenherde der Weltpolitik denken.

Eines der Modeworte der letzten Jahre ist »mobbing«; der Ausdruck wird gebraucht, wenn Arbeitskollegen mit unfairen Mitteln bedrängt und an den Rand ihrer psychischen und manchmal auch physischen Kräfte gedrängt werden.

Auseinandersetzungen in den Familien können besonders verletzend sein, so dass Eheleute sich aufreiben in ihren gegenseitigen Vorwürfen und Verletzungen.

Viel zu oft ist das menschliche Miteinander von Bösem geprägt. Der Apostel Paulus gibt uns einen Rat, wie wir uns in solchen Fällen als Christenmenschen verhalten sollen: »Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem«, schreibt er an die Gemeinde in Rom. Er folgt damit Jesus, der sich in der Bergpredigt in ganz ähnlicher Weise geäußert hat: »Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern wenn dich jemand auf die rechte Wange schlägt, dem biete auch die andere dar« (Matthäus 5, Vers 39).

Paulus zeigt uns die dem Evangelium gemäße Verhaltensweise auf. Es wäre ja ein unerträglicher Widerspruch, an den zu glauben, der Gnade und Barmherzigkeit gepredigt und bis an das Kreuz auch gelebt hat – aber in Konflikten gnadenlos und unbarmherzig Böses mit Bösem zu vergelten würde. Wenn wir das ernst nehmen wollen, was wir glauben und bekennen, werden wir auf erlittenes Leid nicht in gleicher Weise reagieren. Vielmehr sollen wir Böses mit Gutem vergelten.

Aber verkennt der Apostel damit nicht völlig, wie es in der Welt nun einmal zugeht und dass diejenigen, die anderen Böses zufügen, oft gar nicht mit anderen als bösen Mitteln zu stoppen sind?

Paulus war kein Träumer. Er war ein gläubiger Realist und wusste ganz genau, wie es um die menschliche Natur bestellt ist, und darum hat er den jesuanischen Weg zur Lösung von Konflikten beschrieben.

Denn wenn wir Böses mit Bösem vergelten, dann erzeugt das aller Erfahrung nach eine Spirale von Gewalt und Gegengewalt, sei sie nun physischer oder psychischer Natur. Wenn wir uns in eine solche Spirale hineinziehen lassen, dann wird es für alle Beteiligten gefährlich. Viel zu viele Konflikte enden böse, so dass am Ende beide Konfliktparteien seelisch oder körperlich am Ende sind. Es ist der dem Evangelium gemäße Weg, aus einem Konflikt auszusteigen und Schritte zur Versöhnung zu gehen.

Jesus hat den berühmten Satz von der anderen Wange vor dem Hintergrund der Besatzung Palästinas durch die Truppen der römischen Weltmacht gesagt. Römische Soldaten machten sich oft genug einen Spaß daraus, jüdische Zivilisten zu schikanieren. Jemandem mit dem Handrücken der rechten Hand auf die rechte Wange zu schlagen, das war ein Ausdruck tiefster Demütigung. Damit zeigten die Römer ihre Macht, und wie sie den Juden gegenüberstanden. Gar nicht so selten führten solche Provokationen zu gewalttätigen Auseinandersetzungen.
Aber das hätte nur die Erbitterung weiter angestachelt. Um des Friedens willen führt Jesus die Seinen auf den Weg der Gewaltlosigkeit; das Böse soll aber nicht einfach nur hingenommen werden. Wer dem Römer auch die andere Wange hinhält, gibt dem Soldaten die Gelegenheit zur Umkehr. Er sieht ja, dass er sein Ziel nicht erreicht hat: Sein Opfer lässt sich seine Würde nicht nehmen. Er hat einen Menschen vor sich, der die gleiche Würde beanspruchen kann wie er. Konflikte werden beendet, indem man aussteigt aus der Gewaltspirale.

Wer einen Konflikt wirklich bereinigen will, sollte das Wort des Apostels beherzigen. »Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem«. Paulus will uns nicht nur ermutigen, aus der Gewalt­spirale auszusteigen, sondern aktiv auf den Konfliktpartner zuzugehen. Ihm Gutes zu tun. Ihn durch Friedfertigkeit zu überzeugen, dass Frieden miteinander möglich ist. Das funktioniert im Kleinen, aber auch im Großen.

Längst ist offensichtlich, dass der Konflikt in Afghanistan militärisch nicht gewonnen werden kann. So steht zu hoffen, dass das neue Jahr Schritte des Friedens sehen wird.

Gebete zwischen Rohbeton

Der erste Gottesdienst in der Leipziger Universitätskirche fand großes Interesse

Das Interesse war ebenso groß wie die Freude: Zum ersten Gottesdienst in der noch nicht fertig gestellten Leipziger Universitätskirche kamen mehr als 700 Menschen. Foto: Uwe Winkler

Das Interesse war ebenso groß wie die Freude: Zum ersten Gottesdienst in der noch nicht fertig gestellten Leipziger Universitätskirche kamen mehr als 700 Menschen. Foto: Uwe Winkler

Es ist Sonntagvormittag auf dem Augustusplatz. Der Weihnachtsmarkt hat bereits geöffnet. An seinem Eingang bildet sich eine riesige Schlage. Was gibt es umsonst? Einen Gottesdienst. Dass über 700 Menschen in dieser Schlange dafür anstehen, den ersten Gottesdienst in der noch nicht fertig gestellten Universitätskirche besuchen zu können, bestätigt die Feststellung von Universitätsprediger Rüdiger Lux: Er beschreibt den Gottesdienst als »historisches Ereignis«. 700 Menschen dürfen nach den Sicherheitsauflagen eingelassen werden. Mehr als 100 weitere verfolgen das Ereignis über Lautsprecher draußen im Nieselregen.

41 Jahre nach Sprengung der Paulinerkirche, die 1968 auf Geheiß des SED-Regimes der neuen Karl-Marx-Universität weichen musste, ist bei Kirchenvertretern die Freude über diesen Anlass »riesengroß«, wie der Zweite Universitätsprediger Peter Zimmerling sagt. Dennoch fallen Worte der Kritik an der aktuellen Situation: Landeskirche und Hochschule sind nach wie vor uneins sind über die Ausgestaltung des Raums, der von der Uni als »Paulinum« und absichtlich nicht als »Kirche« bezeichnet wird.

»Wir werden weiter dafür sorgen, dass Altar, Lesepult und Taufstein in dieser Kirche einen Platz finden«, betont Zimmerling in seiner Predigt. Er appelliert aber auch, den Streit, der die »Menschen inner- und außerhalb der Universität entzweit hat«, eines Tages zu überwinden. Die Unikirche soll ein »Ort der Versöhnung« werden, heißt es in den Fürbitten.

Zudem sei eine Kirche in der Universität ein wichtiger Ort, wo die Seele zur Ruhe kommen kann, sagt Zimmerling. »Wir sind keine Kopffüßler«, so der Prediger. Diesem Irrglauben könne man an einer Hochschule leicht erliegen. Auch Landesbischof Jochen Bohl sprach sich wenige Tage zuvor während der Festwoche dafür aus, dass Wissenschaft den Glauben als »kritisches Korrektiv« zurate zieht.

Ob das an der Leipziger Uni gelingt, wird weiter verhandelt. Der Streit um den Bau, der heute nur rohe Betonwände um einen spärlich ausgestatteten, aber als Kirche erkennbaren Raum zeigt, ist nicht beendet. Spärlich war er auch, weil die Uni das Gestühl, das sie zur Feier ihres 600-jährigen Bestehens hinein gestellt hatte, kurz vor dem Gottesdienst wieder herausräumte.

Am kommenden Sonntag kann die Uni-Gemeinde dann wieder sitzen – in der Nikolaikirche. Bevor die Universitätskirche nicht fertig gestellt ist, werden die Hochschul-Gottesdienste wie seit 1968 weiter dort stattfinden – mindestens bis Ende 2010, nach Befürchtung des Universitätspredigers sogar noch länger.

Corinna Buschow