Licht ins Dunkel

11. November 2011 von DER SONNTAG  
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Sie ist ein Tabu – doch es gibt sie: sexuelle Gewalt auch unter Christen. Die Landeskirche tut mittler­weile einiges dagegen. Fachleute aber fordern noch weitreichendere Schritte.
 

 
Die Aufregung über Missbrauchsfälle in Kirchen und Schulen ebbt ab – der Skandal aber bleibt: Leise, schmerzhaft, wie er immer war. Sexuelle Gewalt ist Realität. Auch in der Kirche. Auch in Sachsen.

Es bleibt ein Dunkelfeld. Die Dresdner Beratungsstelle »Ausweg« berät im Jahr rund 200 Opfer – ein bis zwei Prozent davon mussten sexuelle Gewalt unter dem Dach der Kirche erleiden.

Bei der Chemnitzer Beratungsstelle »Wildwasser« suchten in den vergangenen acht Jahren über 14 Menschen Hilfe. Täter waren Pfarrer, andere Mitarbeiter und Ehrenamtliche. Die Beraterinnen der Opferhilfe Sachsen hatten 2010 und 2011 allein in Ostsachsen sechs solche Fälle.

Im Landeskirchenamt in Dresden haben sich seit März letzten Jahres 18 Betroffene gemeldet. Oft liegen die Taten weit in der Vergangenheit, mitunter betreffen sie auch andere Landeskirchen.

Aufgerüttelt durch die Gewalttaten in Schulen und Kirchen, die vor anderthalb Jahren an das Licht der Öffentlichkeit kamen, handelte die sächsische Landeskirche. Sie richtete im April 2010 eine Kontakt- und Informationsstelle für Fälle sexuellen Missbrauchs ein, in der die Gleichstellungsbeauftragte des Landeskirchenamts Kathrin Wallrabe Opfern Hilfe und Beratung vermittelt.

War der Umgang mit Verdachtsfällen bisher ins Ermessen der kirchlichen Vorgesetzten gestellt und dementsprechend unterschiedlich und unsicher, gibt es dafür seit September letzten Jahres einen Handlungsleitfaden der Landeskirche. Der Verdacht einer Kindeswohlgefährdung soll demnach von kirchlichen Mitarbeiter »unter Zuziehung einer erfahrenen Fachkraft« geklärt werden. Wünscht das Opfer eine Aufarbeitung des Falls, werde die Kontaktstelle im Landeskirchenamt und die Justiz eingeschaltet.

»Das Thema betrifft aber einen so großen Scham-Bereich, dass es neben einer internen unbedingt auch eine externe Ansprechstelle geben muss, die nicht Teil des Systems ist«, sagt Volker Hoffmann von der Dresdner Beratungsstelle »Ausweg«. Eine solche Stelle aber fehlt.

Das Landeskirchenamt hat die Kirchenbezirke aufgerufen, in den näch­sten zwei Jahren alle Mitarbeiter ihrer Einrichtungen und Gemeinden in einer zweistündigen Veranstaltung zur Prävention zu schulen. »Das ist definitiv zu wenig Zeit«, sagt der Berater Hoffmann. »Da entsteht gefährliches Halbwissen, weil wir es oft mit perfiden Täterstrategien zu tun haben.«

Das Landesjugendpfarramt bildet in diesem Jahr erstmals 15 Mitarbeiter der Kinder- und Jugendarbeit in einer umfänglichen Modul-Reihe zur Prävention weiter.

»Ich merke, dass Kollegen sensibler werden und im Zweifelsfall eher einmal nachfragen, als die Augen zuzumachen«, sagt Heike Siebert, die als Referentin im Landesjugendpfarramt bereits seit 15 Jahren Opfer sexueller Gewalt berät. Sie hat zum Schutz der Kinder und Jugendlichen einen Verhaltenskodex erarbeitet, der 2012 in der Evangelischen Jugend für alle haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter gelten soll.

Bei der Einstellung von Mitarbeitern im Verkündigungsdienst verlangt die Landeskirche seit einem Jahr ein erweitertes Führungszeugnis, in dem nun geringere Vorstrafen wegen Sexual­delikten ablesbar sind. Für Ehrenamtliche gilt diese Regelung jedoch nicht. Man fürchtet in der Kirche, dass damit freiwilliges Engagement erschwert wird.

Die Bundesbeauftragte für die Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs, Christine Bergmann, fordert dagegen in ihrem im Mai veröffentlichten Abschlussbericht ausdrücklich auch für Ehrenamtliche die Vorlage eines solchen Zeugnisses. Sie meint: »Personen, die sich ehrenamtlich in der Kinder- und Jugendarbeit engagieren möchten, werden eine hohe Akzeptanz für ein solches Vorgehen besitzen.«

Andreas Roth

Vor der Wahl

8. Oktober 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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Der Präsident des Landeskirchenamts geht in den Ruhestand. Nun ist das höchste Leitungsamt der landeskirchlichen Verwaltung neu zu besetzen.

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Ich habe mein Amt gern ausgeübt, ob ich es gut gemacht habe, mögen andere entscheiden«, sagt Hans-Dieter Hofmann. Der Präsident des Landeskirchenamts geht im Dezember in den Ruhestand. Nun wird ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin gesucht. Die Kirchenleitung hat eine Findungskommission eingesetzt und wird auf ihrer Sitzung am 19. Oktober bis zu drei Kandidaten auswählen.

Gewählt wird der neue Präsident oder die neue Präsidentin im November von der Landessynode. Die Kirchenbezirke und Regionalkirchenämter sind bereits befragt worden, wie sie sich den neuen Chef des Landeskirchenamts wünschen. »46 Kriterien wurden genannt«, sagt Synodenpräsident Otto Guse, der zur Findungskommission gehört. Die einen wollten auf jeden Fall einen Mann, andere niemanden aus dem Landeskirchenamt, sagt er.

»Es hat sich herauskristallisiert, dass man jemanden haben möchte, der aus Sachsen stammt beziehungsweise im Osten aufgewachsen ist«, so der Synodenpräsident. Außerdem solle es ein kommunikativer Mensch sein, der den Kontakt zu den Gemeinden sucht. »Wenn wir einerseits das Ehrenamt stärken wollen und das Selbstbewusstsein der Gemeinden, dann ist das selbstverständlich.«

Und noch etwas hält er für bedenkenswert: »Er oder sie sollte nicht unter Mitte 40 sein.« Da die Amtszeit seit Inkrafttreten der neuen Kirchenverfassung 2008 auf 12 Jahre begrenzt ist, mache es wenig Sinn, wenn ein Kandidat oder eine Kandidatin mit Anfang 50 wieder auf Stellensuche gehen müsse. Außerdem erfordere das Amt Lebens- und Leitungserfahrung.

Der scheidende Präsident Hofmann war 42, als er 1989 gewählt wurde – damals noch auf Lebenszeit. Die vor ihm liegende lange Amtszeit habe ihm anfangs Kopfzerbrechen bereitet, erinnert er sich. Doch viel Zeit, darüber nachzudenken, hatte er nicht. Die geschichtlichen Ereignisse überrollten auch die Kirche. »Ich war anfangs noch voll auf die DDR-Verhältnisse fixiert mit der Konfrontation zwischen Staat und Kirche«, so Hofmann. Doch schon im Januar 1990 habe es erste Gespräche mit dem Rat der EKD gegeben, bei denen die westdeutschen Kirchenleute von baldigem Zusammengehen sprachen. »Das hat uns überrascht, mit welcher Selbstverständlichkeit sie das gesehen haben«, so Hofmann.

Sie behielten recht: Das Landeskirchenamt und sein Präsident standen bald vor großen Herausforderungen: »Wir hatten ein halbes Jahr bis zur Einführung der D-Mark, um Gehälter sicherzustellen und Kirchensteuern umzustellen«, so Hofmann. Später wurden zahlreiche Gesetze notwendig, um die Kirche den neuen Verhältnissen anzupassen. Dazu kamen in den 90er Jahren erste Finanzprobleme und Strukturveränderungen durch sinkende Gemeindegliederzahlen und Kirchensteuereinnahmen.

»Eine neue Baustelle habe ich im vergangenen Jahr aufgemacht mit der Organisationsuntersuchung des Landeskirchenamtes«, sagt Präsident Hofmann. Deren Umsetzung überlässt er nun seinem Nachfolger oder seiner Nachfolgerin. Denn das Amt habe in den letzten Jahren überdurchschnittlich viel Personal eingespart. »Mit dem gegenwärtigen Mitarbeiterstand können wir manche Aufgaben nicht mehr erfüllen, besonders im theologischen Bereich«, so Hofmann.

Wenn er aus dem Amt scheidet, ist er der Dienstälteste in dieser Stellung in einer deutschen Landeskirche. In den 20 Jahren seiner Amtszeit hat der Kirchenjurist mit drei Bischöfen zusammen gearbeitet.

Bei dieser Zusammenarbeit findet es der gegenwärtige Bischof Jochen Bohl wichtig, »dass die Juristen ihr Handwerkszeug in die vielen landeskirchlichen Entscheidungen einbringen«. Dadurch werde kirchenleitendes Handeln nachprüfbar. »Das trägt zur Berechenbarkeit der Kirche bei und hat große Bedeutung für die Kontinuität«, so Bohl. »Kirche ist ja auf Dauer eingerichtet.« Und die Kirchenleitung müsse sie mit Augenmaß, Vernunft und Leidenschaft für Jesus Christus leiten. »Da hat sich das Zusammenwirken von Juristen und Theologen sehr bewährt.«

Und deshalb wird für das Präsidentenamt wieder ein Jurist gesucht, der gemeinsam mit Bischof und Synode die Landeskirche leitet.

Christine Reuther