In großer Gewissensnot
19. Januar 2012 von DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen

Der Markersbacher Pfarrer Gaston Nogrady (4. v. l.) übergibt mit acht weiteren Vertretern von Kirchgemeinden Landesbischof Jochen Bohl (3. v. r.) im Landeskirchenamt die »Markersbacher Erklärung«. In ihr wenden sich Kirchgemeinden gegen homosexuelle Partnerschaften in Pfarrhäusern. Foto: Steffen Giersch
Dürfen homosexuelle Paare gesegnet werden oder ins Pfarrhaus einziehen? Darüber wird die Kirchenleitung am Wochenende beraten. Gegner und Befürworter machen Druck.
Gegen eine Lockerung der Regelung zu homosexuellen Pfarrern und Pfarrerinnen in der sächsischen Landeskirche haben sich Kirchenvorstände von 121 Gemeinden ausgesprochen. Das entspricht einem reichlichen Sechstel der insgesamt 776 Gemeinden und Kirchspiele in der Landeskirche. Bekundet haben sie das mit ihrer Unterschrift unter die »Markersbacher Erklärung«.
Unterschrieben haben nach Angaben der Initiatoren außerdem Vertreter von 160 Gemeinschaften sowie mehr als 300 Einzelpersonen. Die Erklärung und Unterschriften hat der Initiativkreis Landesbischof Jochen Bohl am 10. Januar übergeben.
In ihrer Erklärung bitten die Unterzeichner die Kirchenleitung und Landessynode, an der bisherigen Regelung von 2001 festzuhalten. Sie besagt, dass »eine homosexuelle Beziehung nicht im Pfarrhaus gelebt und nicht zum Inhalt der Verkündigung gemacht wird«. Auf ihrer Frühjahrstagung im April muss die Landessynode darüber beschließen, ob das neue Pfarrdienstrecht der EKD auch in der sächsischen Landeskirche gelten soll.
Dieses spricht im Paragraph 39 von Lebensführung der Pfarrer »im familiären Zusammenleben und in ihrer Ehe«. Dafür seien »Verbindlichkeit, Verlässlichkeit und gegenseitige Verantwortung« maßgebend. Die »Begründung« zu diesem Passus jedoch lässt auch »gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften« von Pfarrern zu.
Mit ihrer Unterschrift unter die »Markersbacher Erklärung« hätten dies auch mehrere junge Leute und Theologiestudenten abgelehnt, erklärte der Markersbacher Pfarrer Gaston Nogrady im Namen des Initiativkreises. »Daraus wird deutlich, dass unser Anliegen generationenübergreifend vertreten wird und nicht nur die Sache von ein paar ›Alten‹ ist«, fügte er hinzu.
Nach einem halbstündigen vertraulichen Gespräch mit Landesbischof Bohl erklärte die neunköpfige Initiativgruppe in einem Papier, »dass zahlreiche Gemeindeglieder durch die geplante Öffnung in große Gewissensnot geraten und ihre geistliche Heimat in der sächsischen Landeskirche verlieren«. Mit dem Landesbischof seien sie sich einig gewesen, dass die Einheit der Landeskirche gewahrt bleiben möge.
Zugleich aber sei in dem Gespräch deutlich geworden, »dass eine Veränderung der bisherigen Rechtslage kirchenspaltendes Potential besitzt«. Die Initiative mahne die Landeskirche, bei den biblischen Grundlagen und Bekenntnissen zu bleiben. »Die Kirche muss ihrer gesellschaftlichen Orientierungsaufgabe nachkommen und darf sich nicht gesellschaftlichen Entwicklungen unterwerfen, die im Gegensatz zum Wort Gottes stehen.«
Landesbischof Jochen Bohl sagte nach dem Gespräch, er habe den Initiatoren für ihr Engagement gedankt. »Ich habe außerdem darauf hingewiesen, dass die Kirchenleitung diese Sorgen ernst nimmt und die Initiatoren in die Entscheidungsfindung einbezieht.«
Eine andere Erklärung mit dem Namen »Auch unter Christen – Liebe zum gleichen Geschlecht«, die aus dem Kirchenbezirk Leipziger Land kommt und eine Zulassung homosexueller Partnerschaften in Pfarrhäusern und die Segnung homosexueller Paare fordert, haben inzwischen 214 Frauen und Männer unterschrieben – die meisten davon Pfarrer und kirchliche Mitarbeiter.
Die Zahl eingetragener Partnerschaften von Gleichgeschlechtlichen soll in Sachsen bei etwa 940 liegen.
Tomas Gärtner
Mahnwachen sind Gottesdienste
10. Februar 2011 von Redaktion DER SONNTAG
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Pfarrer Stephan Bickhardt ist Polizeiseelsorger in Leipzig. (Foto: Uwe Winkler)
Bei einem Fachtag am 1. Februar ging es in der Leipziger Peterskirche um das Vernetzen für die Demokratie unter dem Motto »Nächstenliebe – Polizei – Zivilcourage«. Darüber sprach Andreas Roth mit dem Leipziger Polizeiseelsorger Stephan Bickhardt.
Was können sie aus den Leipziger Erfahrungen mit rechtsextremen Demonstrationen den Dresdnern am 13. und 19. Februar empfehlen?
Bickhardt: Sogar aus der linken Szene hieß es: Das Beste waren die Mahnwachen der Kirchen. Alle haben sie wertgeschätzt. Sie sind auch eine große Chance für die Kirchen, ihren Glauben an den versöhnenden Gott vor ihre Türen zu tragen. Die 52 Mahnwachen der Leipziger Kirchen am 16. Oktober 2010 waren Gottesdienste. Wir sollten wachsam sein und drinnen wie draußen Position beziehen mit dem Evangelium des Friedens.
Wie kann das aussehen?
Bickhardt: Die Kirche ist offen und lädt Menschen ein mit Gebet und Musik. Es wäre auch gut, Gebete an Passanten zu verteilen. Wir müssen den Gottesdienst dorthin tragen, wo es Konflikte gibt.
Wie haben die Leipziger Polizisten damals auf die kirchlichen Mahnwachen reagiert?
Bickhardt: Für die Polizisten ist es eine große Unterstützung, wenn Christen die Friedfertigkeit mit Gebeten und Mahnwachen unterstützen. Das sagen sie immer wieder. Dies stiftet eine friedliche Atmosphäre.
Welchen Beitrag kann der gemeinsame Fachtag von Polizei, Kirche und zivilgesellschaftlichen Gruppen leisten?
Bickhardt: Wir haben im vergangenen Oktober bei den Gegenveranstaltungen zu den Neonazi-Demonstrationen die Erfahrung gemacht, dass es sehr hilft, wenn Polizei, Kirche und zivilgesellschaftliche Gruppen sich im Vorfeld kennen lernen und versuchen, die Rolle des anderen zu verstehen. Dafür braucht es Mut, aufeinander zuzugehen. Die Kirche ist ein guter Ort für solche Gespräche – das wissen wir seit 1989.
Wie erfolgreich sind solche Fachtage?
Bickhardt: Als die Evangelische Erwachsenenbildung vor anderthalb Jahren auf die Polizeiseelsorger mit dieser Idee zukam und am 1. Februar 2010 in Chemnitz der erste Fachtag stattfand, waren wir von der großen Resonanz überrascht – gerade unter Polizisten. In diesem Jahr hatten wir über 200 Teilnehmer, davon gut die Hälfte in Uniform. Wir als Kirche wollen die zivilgesellschaftlichen Gruppen und die Polizei im Kampf gegen den Rechtsextremismus nicht allein lassen. Deshalb soll es am 1. Februar 2012 in Görlitz wieder einen Fachtag geben.
Perverser Spaß
3. Juni 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Foto: Melodi T., sxc.hu
Jetzt ist die »Körperwelten«-Schau des Leichenpräparators Gunther von Hagens auch in Sachsen zu sehen – in Leipzig. Wie schon andernorts kommt auch diese Ausstellung mit dem vordergründig erklärten Anspruch daher, gesundheitliche Aufklärung zu leisten.
Das Herz soll diesmal im Mittelpunkt stehen. Da wird uns zum Beispiel erklärt, dass es der unentwegte »Motor des Lebens« sei und Herzkrankheiten die häufigste Todesursache darstellten. Oder dass wir bei Angst und Kummer Herzschmerzen, bei Leidenschaft jedoch Herzklopfen bekämen. All dies aber weiß heute jeder durchschnittlich gebildete Mensch. Warum, so fragt man sich, muss man dafür haltbar gemachte Leichen posieren lassen?
Weil in dieser Ausstellung nicht die Information über den Körperbau, sondern der Nervenkitzel, die skandalträchtige Inszenierung im Vordergrund steht. Seriöse Anatomie-Ärzte, beispielsweise von der Anatomischen Gesellschaft oder der Deutschen Gesellschaft für Pathologie, haben das schon vor Jahren als »sensationsheischende Erlebnisanatomie« abgelehnt.
Menschen den Bau von Muskeln und Organen zu erklären, ist ein anerkennenswertes Anliegen, das Einrichtungen wie das Hygiene-Museum in Dresden zum Beispiel seit Jahren praktizieren. Man muss dazu nicht Poker spielende Leichen mit offener Bauchdecke zeigen. In der Ausstellung in Augsburg verhinderte nur ein Gerichtsurteil, dass die Leichen beim Geschlechtsakt gezeigt wurden. Solch perverser Spaß verletzt die Menschenwürde.
Allerdings deutet der große Zulauf, den die Ausstellungen bisher verzeichneten, auf ein enormes Interesse an Anatomie hin. Bei ihren »Tagen der offenen Tür« zeigt beispielsweise die Anatomie der Leipziger Uniklinik, wie man das auch auf angemessene und würdige Weise befriedigen kann.
Tomas Gärtner
… dass Eltern nicht streiten
15. Oktober 2009 von Redaktion DER SONNTAG
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Sie tragen ihre selbstgestalteten Kerzen zum Altar: Rund 650 Grundschülerinnen und -schüler nahmen am 9. Oktober am ersten Friedensgebet für Kinder in der Leipziger Nikolaikirche teil. Foto: Uwe Winkler
Die Nikolaikirche war fast so voll wie bei den Friedensgebeten vor 20 Jahren. Doch am 9. Oktober 2009 waren es hunderte Kinder, die in die Kirche strömten. Über 650 Schülerinnen und Schüler aus elf Leipziger Grundschulen hatten sich zum Friedensgebet für Kinder angemeldet.
»Es ist ganz, ganz wichtig, die Erfahrungen der Friedensgebete vor 20 Jahren an die Kinder weiterzugeben«, sagt der Leiziger Superintendent Martin Henker. Die Ereignisse im Herbst 1989 in der DDR sollten auch von der nächsten Generation angenommen und als wertvoll geschätzt werden.
In ihrem Anspiel zu Beginn des Friedensgebets erzählen die Kinder von Eitelkeit und Neid, Streit und Hänseleien, Angst, Gewalt und Einsamkeit. Und erst als sie in ihrer Geschichte zu einer gemeinsamen Aktivität zusammenfinden, bauen sie auf dem Altarplatz Kartons auf mit Aufschriften wie Neugierde, Zusammenhalt, Entschuldigung und Frieden.
»Wohl denen, die Frieden bringen.« Über diese Bibelworte spricht der Leipziger Bezirkskatechet Uwe Hahn zu den Kindern. »Es ist so schwer, die Hand auszustrecken, wo Fäuste geballt sind«, sagt er. »Aber einer muss die Hand ausstrecken zur Versöhnung, vielleicht bist Du es«, sagt er.
Die Kinder haben Kerzen gestaltet, die sie anzünden und zum Altar tragen. Und einige treten vor, um zu erzählen, was ihnen Frieden bedeutet: »Frieden ist, wenn sich Menschen vertragen, wenn es keinen Nachbarschaftsstreit gibt, Frieden kennt keine Waffen. Frieden heißt: keine Schießereien in Ländern, die arm sind«, sagen sie. Und beim Gebet benennen sie ihre Wünsche, wie das gehen könnte: »Dass mehr Leute an Gott glauben, dass sich Eltern nicht streiten, dass es keine Todesstrafe mehr gibt, dass es in Afghanistan und überall keinen Krieg mehr gibt«, lauten die vorgetragenen Bitten.
Vorbereitet hatten die Andacht Schüler des Evangelischen Schulzentrums, des katholischen Maria-Montessori-Schulzentrums und der freien Schule »Clara Schumann«. Das Friedensgebet für Kinder war der Auftakt für die zahlreichen Veranstaltungen zur Erinnerung an die große Montagsdemonstration in Leipzig am 9. Oktober 1989.
Christine Reuther
Abgeschriebene Stimmen
25. September 2009 von Redaktion DER SONNTAG
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Am Sonntag ist Bundestagswahl. Doch wer arm ist und ohne Arbeit, fühlt sich oft ausgeschlossen – auch von der Demokratie.
Kunze hat seine Stimme abgegeben, schon lange vor der Wahl. Gefaltet hat er die Einladung zur Stimmabgabe. Dann zerknüllt. Ab in die blaue Tonne, wo sich die Zeitungen mit all den Wahlversprechen türmen. »Meine Stimme«, sagt Matthias Kunze (alle Namen geändert), der sonst lieber schweigt, »meine Stimme kommt sowieso nicht dort an, wo sie hin soll.«
Da wirft Kunze sie lieber eigenhändig in den Müll. Was soll ihm auch die Demokratie, wenn einer wie er – ein kräftiger Mann von 42 Jahren, davon 14 ohne Arbeit – nur wenige Wochen vor der Wahl mit Atemnot ins Krankenhaus kommt und die Ärztin ihn noch vor der Behandlung harsch anfährt, warum er nicht Geld für die Zuzahlung dabei hätte. Eine Ohnmacht spürte Kunze da – auch die Ohnmacht, über solch eine Gesundheitspolitik mitbestimmen zu können.
Er sagt: »Das ist keine Demokratie.«
Jetzt sitzt Kunze donnerstags im Teekeller unter der Leipziger Michaeliskirche und lobt die DDR. Die, die sich hier treffen, haben ähnliche Probleme wie Kunze: Wenig Geld, wenig Hoffnung, keine Arbeit. Wenn die Rede auf die Politik kommt, kann sie auch der rote Tee nicht mehr milde stimmen. Dann wird es laut.
»Doch«, sagt Rainer Becker, der zu den Nachdenklichen hier gehört, »die Demokratie ist schon gut«. Aber gerecht müsse sie sein. Zwei Berufe hat der 47-jährige Leipziger, und immer noch keine Stelle. Wählen geht er trotzdem – um nicht die NPD zu stärken. »Wir Armen und Arbeitslosen sind wahrscheinlich noch zu wenige«, überlegt Becker. »Die in Berlin haben ihre Mittelschicht, die ihnen die Stimmen einbringen. Und damit ist es für die gut.«
Ist das nur das Klagelied der Enttäuschten, der Verdruss der Zukurzgekommenen? Nein, hier geht es um Politik. In ihrer allernacktesten Form. Um einen Kindergartenplatz für Melanie Preißlers dreijährigen Sohn zum Beispiel. Seit anderthalb Jahren sucht die schmale, junge Mutter. Erfolglos. Sie will gern arbeiten – aber wie soll das gehen, wenn sie noch ihren Sohn betreuen muss?
Dafür bekommt sie vom Staat Arbeitslosengeld II, das so genannte Hartz IV. Die rot-grüne Bundespolitik hat es vor vier Jahren eingeführt. Und auch das hat sie eingeführt: Das Kindergeld, das alle Eltern in Deutschland erhalten, wird den Ärmsten unter ihnen als Einkommen gleich wieder von den staatlichen Hilfen abgezogen.
»50 Euro bleiben mir im Monat für meinen Sohn«, rechnet Melanie Preißler leise vor. »Er braucht Essen, er braucht eine Winterjacke, er braucht Stiefel – allein die kosten schon im Billigladen 40 Euro.«
Aber am 27. September, das weiß die junge Mutter, geht sie ins Wahllokal. Warum? Sie überlegt lange. »Damit ich meine Stimme irgendwie abgegeben habe.« Sie würde was mit Tieren wählen, vielleicht die Tierschutzpartei. Die hat für sie ehrliche, überschaubare Ziele, die berühren sie. Anders als die großen Parteien.
Ob sie in der Demokratie wirklich mitbestimmen kann? Melanie Preißler schüttelt den Kopf – so wie alle im Erwerbslosentreff unter der Michaeliskirche. »Ich habe kein Vertrauen mehr in diesen Staat«, sagt Ralf Schneider. 42 Jahre ist er alt, hat Maurer gelernt und Fleischer. Jeden Tag, sagt Schneider, halte er Ausschau nach Arbeit. Was er findet, sind Jobs für fünf, sechs Euro die Stunde irgendwo am anderen Ende der Republik. Und die Frage: Kann man davon in Würde leben?
Die politischen Debatten um den Mindestlohn erreichen Schneider schon nicht mehr. Seit zehn Jahren hat er nicht mehr gewählt. »Ihre Versprechen halten die Politiker ohnehin nicht.« Sein früherer Schulkamerad ist jetzt Innenminister in Sachsen-Anhalt. Sie grüßen sich nur von weitem.
Jetzt ist Wahlkampf. Die Kandidaten tätscheln Kinderköpfe, loben Hunde, legen Grundsteine. Doch in den Keller unter der Leipziger Michaeliskirche ist noch keiner von ihnen hinabgestiegen.
Andreas Roth
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