Kein Mensch darf verloren gehen
10. Juli 2011 von DER SONNTAG
Abgelegt unter Wort zur Woche

Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. Lukas 19, Vers 10
Eine Vermisstenmeldung setzt Suchtrupps der Polizei in Bewegung. Flugzeuge suchen unzugängliches oder unüberschaubares Gelände von oben ab. So wird ein Mensch gesucht, der verloren gegangen ist. Stelle ich mir Jesus als so einen Polizisten oder Piloten vor? Ein anderes Bild: Ein kleiner Junge im Treiben eines großen Festes ruft: »Mutti, wo bist du?« Vielleicht fühlt er sich noch gar nicht verloren, weil er voller Vertrauen ist, dass seine Mutter sicher kommen wird.
Wir können in der Masse ebenso wie in der Abgeschiedenheit verloren gehen. Wir mögen es spüren oder ahnen, in überflüssiger Sorge oder falscher Sorglosigkeit sein. Jesus bezeichnet seine Aufgabe als Retter von Verlorenen, nachdem er einen Mann von einem Baum geholt hat – inmitten einer Menge Leute. Beide haben Probleme miteinander, der Mann vom Baum und die Leute. Die Auseinandersetzung, die Jesus mit seinem Ruf eröffnet, kommentiert er mit dem Satz: »Auch dieser ist ein Sohn Abrahams.«
Der Verlust war beidseitig. Der Mann hatte die Gemeinschaft der Kinder Abrahams verloren. Die anderen Kinder Abrahams hatten diesen Mann verloren.
Jesus will die Gemeinschaft Israels wieder herstellen. Vielleicht hat er dabei gar nicht an die Heiden gedacht, die heute seine Kirche bilden. Aber in seinem Abschiedsgebet, das Johannes überliefert (Kapitel 18, Vers 9), betont er: »Ich habe keinen von denen verloren, die Du mir gegeben hast.« So hat er uns die Aufgabe weitergegeben, einander nicht zu verlieren, sondern vielmehr Menschen immer wieder auf dem Weg in die Gemeinschaft der Kinder Abrahams wie der Menschenkinder überhaupt zu helfen.
Timotheus Arndt
Timotheus Arndt ist Mitarbeiter der Forschungsstelle Judentum an der Universität Leipzig.
Ein schwieriges Unterfangen
18. Juni 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Wort zur Woche
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Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.
Lukas 19,10

Foto: Sanja Gjenero, sxc.hu
Es ist für mich selbstverständlich, dass Kinder unter dem Schutz von Erwachsenen stehen. Nur so können sie sich entwickeln und entfalten. Ist diese Haltung heute Allgemeingut?
In einem Bericht aus dem Gerichtssaal lese ich von einem Prozess, bei dem ein zehnjähriges Kind im Mittelpunkt steht. Seine Mutter, Stiefvater und Onkel werden angeklagt, über Jahre die Hilflosigkeit des Kindes missbraucht zu haben. Der Junge musste stundenlang hungrig in der Ecke stehen, er wurde geschlagen, ihm wurden Essen und Zuwendung vorenthalten. Die Erwachsenen sahen in ihm ein geeignetes Opfer für ihre willkürliche Machtausübung. In seiner Not offenbarte sich der Junge seiner Lehrerin. Sie glaubte ihm und schaltete das Jugendamt ein. Heute lebt er in einer Pflegefamilie.
Sicher macht das Kind sich Vorwürfe, die eigene Mutter verraten zu haben, glaubt gar, selbst an der Zerstörung der Familie schuldig zu sein. Ganz viel ist da zerbrochen: das Vertrauen, die Zusammengehörigkeit, die Sicherheit in der Familie, das nötige Selbstbewusstsein für eine gesunde Entwicklung. Meint unser Wochenspruch solche Ereignisse, wenn uns gesagt wird »Der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist«?
Ich wünschte mir, den Jungen würde einer an die Hand nehmen und ihm helfen, damit er an eine glückliche Zukunft denken kann. Ehrlicherweise muss ich aber zugestehen, dass ich angesichts dieser und ähnlicher Geschichten über den Missbrauch von Kindern hilflos bin.
Lassen sich die Zusage Jesu und die brutale Realität überhaupt zusammenbringen? Können wir Christen etwas tun, damit diese Botschaft für uns und Nichtchristen lebendig und nachvollziehbar wird?
Annemarie Müller
Annemarie Müller ist Geschäftsführerin des Ökumenischen Informationszentrums in Dresden.
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