»Wir nehmen die Not Homosexueller wahr«

16. Dezember 2011 von DER SONNTAG  
Abgelegt unter Sachsen, Zwischen Leipzig und Leisnig

Pfarrer der Kirchenbezirke Leipzig und Leipziger Land sind für Segnung und Anerkennung homosexueller Paare

Die Superintendenten Martin Henker (l.) und Matthias Weismann (r.).

Die Superintendenten Martin Henker (l.) und Matthias Weismann (r.).


In der Diskussion um die Gleichstellung homosexueller Pfarrer gehen nun auch die Anhänger einer Öffnung der Landeskirche in die Offensive. In einer öffentlichen Erklärung haben 53 Pfarrer aus ganz Sachsen sowie weitere kirchliche Mitarbeiter und Gemeindeglieder die bisherige Praxis der Landeskirche heftig kritisiert. »Wir nehmen eine offenkundige Not homosexueller Männer und Frauen wahr, denen als Christen vorgeworfen wird, Gottes Wahrheit vorsätzlich zu ignorieren«, heißt es in der Erklärung.

Die Diskriminierung Homosexueller wird darin auch als Schuld der Kirche angesehen. »Homosexuelle Menschen haben ihre Orientierung nicht selbst gewählt, sondern sind von Gott als schwul oder lesbisch geschaffen worden.« Deshalb plädieren die Unterzeichner – unter ihnen der Bornaer Superintendent Matthias Weismann und sein Leipziger Amtsbruder Martin Henker – für eine Zulassung homosexueller Partnerschaften in Pfarrhäusern. Auch die Segnung homosexueller Paare soll erlaubt werden.

Das Schreiben wurde auf einem Studientag der Pfarrer des Kirchenbezirks Leipziger Land verfasst. Auf dessen Internetseite wird dazu eingeladen, sich anzuschließen oder seine Meinung zu äußern.

Die Ephoralkonferenz des Kirchenbezirks Leipzig diskutierte am 7. Dezember ebenfalls über die Segnung homosexueller Partnerschaften. Eine Arbeitsgruppe Leipziger Theologen stellte dabei einen Vorschlag zu Richtlinien für einen Gottesdienst zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare vor.

»Ob dem Begehren nach einer Segnung gleichgeschlechtlicher Paare entsprochen werden kann, obliegt dem Gewissen und der seelsorgerlichen Verantwortung der Pfarrerinnen und Pfarrer, die darum gebeten werden«, heißt es in dem Entwurf. »Jede und jeder ist in dieser Entscheidung frei.«

Voraussetzung für eine Segnung soll eine standesamtlich eingetragene Lebenspartnerschaft sein. Bisher soll es nach einem Beschluss der sächsischen Kirchenleitung keine Gottesdienste zur Segnung homosexueller Partnerschaften in der Landeskirche geben.

Der Entwurf aus dem Kirchenbezirk Leipzig sieht dagegen ausdrücklich eine öffentliche und »gemeindebezogene« Segnung im Rahmen eines Gottesdienstes vor. »Der jeweilige Kirchenvorstand muss sein grundsätzliches Einverständnis mit der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare erklärt haben«, heißt es in dem Papier. »Kann und will ein Pfarrer aus theologischen, aus Gewissensgründen oder wegen der Ablehnung durch den Kirchenvorstand die begehrte Segenshandlung nicht vollziehen, kann der Superintendent das Paar an einen Pfarrer oder eine Pfarrerin vermitteln, von denen er weiß, dass es in deren Gemeinde möglich ist.«

Der Leipziger Superintendent Martin Henker blickt nun voraus auf die Sitzung der Kirchenleitung am 20. Januar, die dann den Umgang mit homosexuellen Partnerschaften in der Landeskirche neu diskutiert. »Das Papier wurde der Kirchenleitung weitergegeben, um in die anstehenden Beratungen einbezogen zu werden«, so Henker. (so)

Der offene Brief der Pfarrer im Internet hier

www.kirche-im-leipziger-land.de

Ewiges Leben – wo gibt’s das schon?

25. September 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Christus Jesus hat dem Tod die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium.

2. Timotheus 1, Vers 10

Foto: Jonathan Ruchti (sxc.hu)

Foto: Jonathan Ruchti (sxc.hu)

»Dafür hat er aber das ewige Leben!« Das sagte sie mit einer überzeugenden Geste. Es war in einem Spielwarengeschäft. Ich musste merklich die Augenbrauen angehoben haben, denn der Preis für das kleine Wägelchen schien mir recht stolz. Deshalb setzte die freundliche Verkäuferin auch gleich dazu: »Das ist aber auch was Richtiges, damit werden sie wirklich ihre Freude haben.«

Ehe ich mich entscheiden konnte, brummelte neben mir eine ältere Dame: »Ewiges Leben, so was gibt’s nicht! Alles geht kaputt. Und«, so setzte sie hinzu, »möchte ich auch gar nicht haben. Schon gut, wenn es mal Schluss ist mit dem ganzen Jammer«. Was für ein Stichwort mitten am Tag. Jetzt müsste ich doch als Pfarrer …

Mir fiel nichts ein. Auch nicht Paulus mit seinem Wochenspruch. Aber Recht hat sie die alte Dame: Ewiges Leben, immer so weiter, ohne Veränderung, das gibt es nicht. Das darf es nicht geben. »Das könnte den feinen Herren so passen«, habe ich dazu einmal gelesen. »Sie werden Freude damit haben, das ist was Richtiges«, hatte die Verkäuferin gesagt.

Könnte man es so sagen: Ewiges Leben ist richtiges, wirkliches Leben? Ein Leben das nicht nur Blendwerk ist und auf Kosten anderer geht. Ein Leben das Bestand hat: vor anderen, vor mir und vor Gott. Das auch am Ende nicht verloren geht. Jesus hat es uns verkündet und einzigartig vorgelebt.

Gott steht dazu. Mit einem solchen Leben ist es nicht aus. Es hat vor ihm und der Zeit Bestand. Und nach so was Richtigem sehne ich mich doch. Ich muss es nicht selbst hinbekommen, nur Jesus folgen. »Was ist denn nun?«, fragend sieht mich die Verkäuferin an. Mein Gott das ewige Leben! »Ja, ich nehme es« – das Wägelchen.

Matthias Weismann

Matthias Weismann ist Superintendent des Kirchenbezirks Leipziger Land.

Mein Spruch zur halben Nacht

17. September 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Wort zur Woche

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Alle eure Sorgen werft auf ihn; denn er sorgt für euch.

1. Petrusbrief, Kapitel 5, Vers 7

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Foto: Nils Thingvall, sxc.hu

Foto: Nils Thingvall, sxc.hu

Manchmal, so gegen Morgen, wird genau dieser Spruch mein Spruch zur halben Nacht. Vielleicht kennen Sie das ja auch? Eigentlich schläft noch alles. Aber die Gedanken sind auf einmal blitzmunter. Noch ist der Körper erschöpft, doch das Problem ist längst wieder wach. Nur die Müdigkeit hatte es gestern Abend in die Ecke geschoben.

Doch jetzt, bereits in der halben Nacht fängt es schon wieder an, sich zu drehen. Immer schneller. Aber nicht nur das, flugs zieht es andere in seinen fruchtlosen Tanz. Und schon wirbeln all die ungelösten Fragen mit den unerledigten Aufgaben, die noch zu machenden mit den bereits versäumten Terminen, die ärgerlichen Lappalien mit den wirklichen Menschheitsproblemen wie wild geworden durcheinander. Kein anmutiger Reigen. Ärger kommt auf: »Schlaf lieber oder steh auf, trink einen Tee, mach was Vernünftiges. Jetzt kannst Du eh nichts bewirken.«

Doch dann leuchtet mir manchmal dieser Spruch. Merkwürdigerweise nie als erstes.
Weil Sorgen immer etwas mit quälenden Fragen und eigenen Schuldanteilen, wenigstens mit Versäumnissen zu tun haben, sind sie so hartnäckig. Die einzelnen »Aufreger« stehen fast immer in einem viel größeren Zusammenhang wiederkehrender Sorgen.

Deshalb zielt der Rat aus dem 1. Petrusbrief auf die eigentliche Hilfe. Das Belastende nicht auf andere zu schieben, mich auch nicht abzulenken, nicht schön zu reden oder alles selber lösen zu wollen, sondern dem anzubefehlen, der die Zusammenhänge wirklich kennt – also auch mich und meine Anteile. Dem, der trotzdem zu mir steht, und nicht nur das. Die Sorgen auf Gott zu werfen, der sich nicht sorgt, sondern für mich sorgt. Und zwar wirklich. So, dass ich sogar wieder ruhig schlafen kann.

Matthias Weismann ist Superintendent des Kirchenbezirks Leipziger Land.

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Jammern verbindet – mehr nicht

11. September 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Wort zur Woche

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Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.
Psalm 103, Vers 2

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Foto: Derek Kimball / sxc.hu

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»Jammern verbindet die Leute zwar – mehr aber auch nicht!« Mit dieser Feststellung löste der Theo­loge und Psychotherapeut Manfred Lütz auf dem Kirchvorstehertag in der Dresdner Kreuzkirche Heiterkeit und spontanes Verstehen aus. Jammern verbindet zwar, zieht aber auch zu Boden.

Freilich, beklagenswerte Zustände gibt es ausreichend. Keine Frage. Aber es gibt wenig­stens ebenso viele Gründe zum Danken. Doch die geraten nicht automatisch in den Blick. Deshalb gefällt mir die Geschichte eines Lebenskünstlers so gut, der einmal erzählte, dass er niemals ohne eine Handvoll Bohnen in der Jackentasche das Haus verlässt.

Jedes Mal, wenn er eine positive Kleinigkeit erlebt – zum Beispiel einen fröhlichen Plausch auf der Straße, das Lachen seiner Frau, ein köstliches Essen oder einfach eine Freundlichkeit – für alles, was ihn dankbar stimmt und was er nicht so schnell vergessen will, lässt er eine Bohne von der linken in die rechte Jacken­tasche wandern. Abends sitzt er dann zu Hause und zählt die Bohnen. Er zelebriert diesen Vorgang regelrecht und staunt stets, wie viel Gutes und gar nicht Selbstverständliches er den ganzen Tag über wieder erlebt hat.

Die Geschichte erzählt leider nicht, ob jener Lebenskünstler sich anschließend in seinem Abendgebet dann auch bei Gott bedankt. Bei mir kommt das ganz von allein, wenn ich mir nur die Gründe zur Dankbarkeit bewusst mache. Weil die aber wegen meiner Jammerleidenschaft oft wegrutschen, ist die »Bohnenübung« so hilfreich. Und wenn ich dann den Herrn lobe und danke, was er mir Gutes getan hat, ist das nicht nur etwas, was Gott gefällt, sondern etwas, was mir selbst und damit anderen guttut.

Matthias Weismann ist Superintendent des Kirchenbezirks Leipziger Land.

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