Die Macht des Wassers

13. August 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Sachsen

Die Schäden sind enorm, die Menschen verzweifelt: Nach der Flut geht es ans Aufräumen.

Das Wasser der Neiße hat sich zurückgezogen. Nun schaut Schwester Elisabeth auf die Verwüstung im Kloster  St. Marienthal. Die über 775 Jahre alte Anlage wurde schwer in Mitleidenschaft gezogen. (Foto: Matthias Weber)

Das Wasser der Neiße hat sich zurückgezogen. Nun schaut Schwester Elisabeth auf die Verwüstung im Kloster St. Marienthal. Die über 775 Jahre alte Anlage wurde schwer in Mitleidenschaft gezogen. (Foto: Matthias Weber)

Ein Baumstamm liegt vorm Brunnen im Kloster St. Marienthal. Einige hundert Kilo schwer, gut 80 Zentimeter im Durchmesser. Die Flut hat ihn Sonnabendnacht hier angespült. Vielleicht bleibt er als Mahnmal liegen. Als Erinnerung an ein Hochwasser, das die Menschen entlang der Neiße so noch nicht erlebt haben – auch die 15 Schwestern des Zisterzienserinnenklosters nahe Zittau nicht. Schon 1897 und 1981 stand das Wasser in der hi­storischen Anlage. »Aber so schlimm war es noch nie«, sagt Schwester Elisabeth. Sonnabendnachmittag trafen erste Warnungen im Kloster ein, das Hochwasser werde hier ankommen.

Die über 775 Jahre alte Anlage liegt direkt an der Neiße, darum wurden schnell mobile Schutzwände errichtet. Doch als die Flutwelle gegen 22 Uhr Ostritz und Marienthal erreicht, spült das Wasser einfach darüber hinweg. In Sekunden steht die schlammige Brühe rund 2,30 Meter hoch. Erst gegen Morgen fließt sie ab. Der Schaden beträgt mehrere Millionen Euro. Das wiegt besonders schwer, denn das Zisterzien­serkloster wurde in den letzten Jahren für über 20 Millionen Euro saniert. Nun geht die Arbeit von neuem los (Spendenkonto 4 573 048 003, Volksbank Niederschlesien, BLZ 855 910 00, Kennwort: »Hilfe für Marienthal«).

Marienthal ist allerdings nur ein Beispiel für die Katastrophe, die über die Landkreise Görlitz und Bautzen hereingebrochen ist. Entlang der Neiße standen zahlreiche Orte teilweise oder komplett unter Wasser. Die historische Görlitzer Altstadt ist voller Schlamm. Viele Häuser sind unbewohnbar. Montag waren noch immer 600 Menschen aus ihren Häusern evakuiert. Dienstag traf die Flutwelle in Bad Muskau ein. Das Weltkulturerbe Pückler-Park wurde teilweise überflutet. Etwa 80 Menschen aus umliegenden Dörfern mussten in Sicherheit gebracht werden.

Die sonst so unerschütterlichen Menschen in der Oberlausitz stehen vielfach unter Schock. Einsatzkräfte wissen nicht, wo sie zuerst anpacken sollen. Michael Deckwart ist bei der Freiwilligen Feuerwehr in Ostritz und zugleich Hausmeister im schwer zerstörten Kloster St. Marienthal. »Ich eile immer nur von einer Stelle zur näch­sten«, sagt er. Geschlafen hat Michael Deckwart in den letzten Tagen kaum.

Noch schlimmer kam es für Feuerwehrleute in Neukirchen. Dort war der Dorfbach wie in vielen erzgebirgischen Tälern nahe Chemnitz am frühen Sonnabend überraschend schnell angestiegen. Als die Rettungskräfte einen Keller leerpumpen wollten, entdeckten sie drei Menschen – gestorben bei dem Versuch, ihre Waschmaschine zu retten. »Das war für die Feuerwehrleute sehr belastend, denn damit hatten sie nicht gerechnet«, sagt die Leiterin der Chemnitzer Notfallseelsorge Monika Seidel, die nach dem Einsatz mit drei der freiwilligen Feuerwehrmänner sprach.

»Im Gottesdienst am Sonntag haben wir für die Toten und ihre Angehörigen gebetet«, sagt der Neukirchner Pfarrer Kay Weißflog. »Mehr konnten wir nicht machen.«

In Burkhardtsdorf und in Chemnitz-Harthau fiel wegen der Flut die feierliche Schuleinführung ins Wasser. Die Gottesdienste am Sonntag wurden so zum einzigen feierlichen Ritual für die Erstklässler. »Die Eltern waren froh, dass wenigstens das stattfand«, sagt Johannes Hofmann, Pfarrer in Chemnitz-Harthau. Auch der Keller seines Pfarrhauses mit der Heizungsanlage wurde von der Chemnitz überflutet und zerstört.

Am Tag danach ging der Pfarrer in Dienstkleidung durch den Stadtteil, um seine Hilfe anzubieten. »Doch die Leute waren mit dem Aufräumen beschäftigt und hatten da noch keinen Nerv, über das Erlebte zu sprechen. Das kommt später.«

Chaos und Verwüstung in der Apostelkirche von Zittau. Das Wasser des über die Ufer getretenen Flüsschens Mandau drang in die Kirche ein. (Foto: Gemeinde)

Chaos und Verwüstung in der Apostelkirche von Zittau. Das Wasser des über die Ufer getretenen Flüsschens Mandau drang in die Kirche ein. (Foto: Gemeinde)

In Zittau wurde die Apostelkirche geflutet. »Überall waren Schlamm und Dreck, keine Taste des guten Klaviers bewegte sich noch«, teilte die Kirchgemeinde mit. Der Schaden werde auf etwa 100 000 Euro geschätzt. »Die Kirche ist zwar denkmaltechnisch nicht ganz so bedeutend, aber für die Gemeinde sehr wichtig«, sagt Pfarrerin Katharina Köhler, die Montag schon mit Gemeindemitgliedern gegen Schlamm und Wasser ankämpfte. »Sie wird fast täglich genutzt. Unser Jugendchor probt dort, Gruppen treffen sich, jeden Sonntag ist Gottesdienst.« Durch das Hochwasser sei sie praktisch unbrauchbar geworden.

In Bertsdorf bei Zittau sind das Pfarrhaus und die ohnehin wegen Einsturzgefahr gesperrte Kirche verschont geblieben, sagt Ulrike Möbius, die mit ihrem Mann im Pfarrhaus wohnt. Allerdings habe es das Dorf selbst schwer getroffen. Das Pfarrerehepaar im Ruhestand war den ganzen Sonntag unterwegs um zu helfen. »Wir haben gestaunt: Überall hatten Menschen die selbe Idee, packten mit an. Ich hoffe, das bleibt auch weiterhin so«, sagt Ulrike Möbius.

Irmela Hennig und Andreas Roth