Tour de Ökumene

13. Mai 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Ostsachsen, Sachsen

Evangelische, katholische und freikirchliche Christen reisen gemeinsam zum Ökumenischen Kirchentag nach München – und entdecken die Vielfalt der Konfessionen.

In Bautzen leben evangelische und katholische Christen seit Jahrhunderten zusammen: Veronika Mahling begrüßt die ökumenischen Reisenden mit Brot und Salz in ihrer sorbischen Gaststätte Wjelbik.  Foto: Irmela Hennig

In Bautzen leben evangelische und katholische Christen seit Jahrhunderten zusammen: Veronika Mahling begrüßt die ökumenischen Reisenden mit Brot und Salz in ihrer sorbischen Gaststätte Wjelbik. Foto: Irmela Hennig

Es ist kurz nach zwei am Sonntag­nachmittag. Die Sonne scheint auf den Bautzener Domvorplatz. 34 Sachsen und Berliner schlängeln sich vorbei an parkenden Autos und tauchen ein in die kühle Halle der Petrikirche. In die evangelische Hälfte der Simultankirche, die sich Protestanten und Katholiken seit Jahrhunderten teilen. Nur ein hüfthoher Zaun trennt die Konfessionen. »Wir sind angekommen an der ersten Station unserer Reise«, begrüßt Ulrich Clausen, Mitarbeiter im Bistum Dresden-Meißen, die Männer und Frauen.

Es ist eine ökumenische Begegnungsfahrt, die Protestanten, Katholiken und Mitglieder einer Radeberger Adventgemeinde zusammengeführt hat. Über Sachsen und Böhmen geht es für sie per Bus nach München zum zweiten Ökumenischen Kirchentag. Eingeladen zu der Tour hatte die evangelische Landeskirche zusammen mit dem katholischen Bistum Dresden-Meißen, dem Haus der Kirche Dresden und dem Ökumenischem Informationszentrum.

Kaum etwas wäre besser geeignet für den Auftakt einer Reise zum Ökumenischen Kirchentag als der Bautzener Simultandom, findet Friedemann Oehme, einer der Organisatoren von Seiten der Landeskirche. Denn hier wird Ökumene seit langem gelebt. Der evangelische Dompfarrer Burkhart Pilz spricht in einer Andacht vom Schmerz über die geteilte Christenheit, aber auch davon, dass die Gläubigen mehr verbinde als trenne.

Im Bautzener Dom funktioniert das ganz praktisch. Da er von zwei Konfessionen genutzt wird, muss jede die Veranstaltungen der anderen im Blick haben. Entwickelt hat sich dabei keineswegs ein verbissenes Raumregelement, sondern ein Miteinander, das auch von Humor getragen wird.

Die Begegnungsreisenden sind beeindruckt, interessiert. Doch viel Zeit bleibt nicht mehr für Dom und Spreestadt. Sie werfen einen Blick in den Domladen, der von evangelischer und katholischer Kirche gemeinsam betrieben wird. Sie trinken Kaffee im Restaurant »Wjelbik«, wo sie von Wirtin Veronika Mahling sorbisch mit Brot und Salz begrüßt werden.

Dann geht es weiter nach Südosten, nach Herrnhut. Am Nachmittag des 9. Mai treffen die Christen dort ein. Die Gedenkfeiern zum 250. Todestag des Nikolaus von Zinzendorf, Gründer der Brüdergemeine, sind da gerade vorüber. Für die Reisenden gibt es eine Führung über den berühmten Gottesacker. Die schlichten, nur von Wiese gesäumten Grabsteine, erstaunen manche. »Man sieht zu wenig von der Heimat. Da ist so viel, was man noch nicht kennt«, sagt eine Dresdnerin. Genau hier wollen die Veranstalter Abhilfe lei­sten. Friedemann Oehme wünscht sich, dass die Reise »eine Entdeckertour wird«. Ideal wäre für ihn, wenn darüber hinaus in den kommenden Tagen Begegnungen zwischen den Konfessionen entstünden.

Den Kopf voller Zinzendorf geht es für die Gläubigen am Dienstagmorgen nach Prag. Beim Zentralrat der Hussitischen Kirche Tschechiens im Stadtteil Dejvice legen sie einen Zwischenstopp ein, ehe sie zur Kirche der Böhmischen Brüdern weiterreisen. Der Bus schlängelt sich durch den Stau der Großstadt und hält schließlich vor einer klassizi­stisch anmutenden Fassade – dem Prager Gotteshaus der Hussiten. Pastorin Hana Tonzarova begrüßt die Gruppe auf Deutsch. Sie serviert Kaffee und böhmisches Hefegebäck.

Seit 1947 ist es in Hana Tonzarovas Kirche möglich, dass Frauen Pfarrerinnen werden. Ein Drittel der hussitischen Theologen stellen sie mittlerweile. Zunächst aber taucht die Pa­storin mit ihren Gästen tief ein in die Geschichte um die böhmische Reformationsbewegung, Gegenreformation, Vertreibung und schließlich Neugründung der Hussitischen Kirche im Jahre 1920. »Gewissensfreiheit« antwortet Hana Tonzarova auf die Frage, was ihr an der Hussitischen Kirche besonders wichtig ist. Und das klare Ziel der Kirche, das Christentum wieder in die Gesellschaft zu bringen.

Dann wartet der Bus. Wie noch oft in den nächsten Tagen, bis die Pilger ihr Ziel in München erreicht haben.

Irmela Hennig

Ökumene Tag und Nacht

13. Mai 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Titel Sonntag 20

Sie ist evangelisch – er ist katholisch. Bei solchen Paaren funktioniert die Ökumene oft besser als zwischen den Kirchen. Sie leiden aber auch am meisten, wenn Theologen Grenzen aufrechterhalten.

Der Knackpunkt ist meist das Abendmahl. Angela Langner-Stephan geht nicht zum Altar, wenn sie mit ihrem Mann in dessen Kirchgemeinde den Gottesdienst besucht. Er ist Katholik – sie evangelische Pastorin. »Das war nie ein Problem« sagt die Leipzigerin. Und auch wenn ihr Mann sie gern zur Feier mit Brot und Wein mitnehmen möchte und sie weiter darauf beharrt, in der Bank sitzen zu bleiben, ist das bei ihnen kein Grund zum Streiten.

»Ich möchte keinen Prie­ster in Verlegenheit bringen«, sagt sie. Katholischen Pfarrern ist die Vergabe der Hostie an Protestanten verboten. Daran will sie sich halten und mit ihrem Sitzen bleiben auch signalisieren: »Es ist schon vieles möglich, aber eben noch nicht alles.«

Jörg Beyer geht zum Abendmahl. Der Mitarbeiter des »Netzwerks Ökumene« sieht nicht ein, »ausgerechnet am Tisch des Herrn geschieden zu werden«, sagt er. Der Tübinger Protestant ist mit einer katholischen Religionslehrerin verheiratet und hat die Erfahrung gemacht, dass in den Gemeinden vieles möglich ist, was die Amtskirche verbietet. Schönreden wolle er die Beziehungen zwischen Katholiken und Protestanten trotzdem nicht. »Es gibt noch viele Verletzungen.«

Von einem Paar habe er vor nicht langer Zeit gehört, dass ein Priester den evangelischen Partner mit den Worten »Wir wollen hier keine Mitesser« vom Altar wegschickte. Überhaupt stelle er »mit Erschrecken« fest, dass sich seit den inzwischen mehr als 20 vergangenen Jahren, als er mit seiner Frau ein Buch über interkonfessionelle Beziehungen veröffentlichte, wenig getan habe. Dabei macht er nicht nur der katholischen Kirche, sondern auch seiner eigenen Vorwürfe. Aus evangelischen Gemeinden schlage katholischen Gästen oft »Ignoranz und Lieblosigkeit« entgegen. Nicht selten hörte seine Frau den Vorschlag, sie solle doch konvertieren und dem »reaktionären Haufen« den Rücken kehren.

Die Leipziger Pfarrerin Angela Langner-Stephan plädiert dafür, die Unterschiede als Bereicherung zu sehen, zumal sich die Kirchen in manchen Dingen so nah sind. »Der lutherische Ritus im Gottesdienst ist dem katholischen nicht unähnlich«, nennt sie ein Beispiel. Ihr Mann fühlt sich deshalb in ihrer Gemeinde sehr wohl, besucht Gottesdienste und hilft ehrenamtlich mit. Nur gelegentlich geht er auch zur Messe in die katholische Kirche.

»Grundsätzlich sind wir der Meinung, dass man sich für eine Gemeinde entscheiden muss«, sagt Langner-Stephan und Thomas Stephan nickt zustimmend. Alles andere wäre eine zu große Zerreißprobe und Belastung. Durch ihren Beruf war die Heimat in der evangelischen Kirche klar. Auch die Tochter der Pastorin ist evangelisch getauft, auch wenn die römische Kirche bis heute von ihren Mitgliedern bei interkonfessionellen Eheschließungen das Versprechen verlangt, sich nach allen Möglichkeiten für die katholische Taufe einzusetzen.

Für Jörg Beyer endete bei der Taufe seiner Kinder sein Wunsch, Pfarrer zu werden. Als katholische Religionslehrerin war für seine Frau die entsprechende Taufe selbstverständlich. Für Beyer war das kein Problem. »Aber für meine Landeskirche«, sagt er. Sie signalisierte ihm, dass er im kirchlichen Dienst wohl keine Zukunft habe.

Auch Angela Langner-Stephan kritisiert diese Regeln, die noch nicht überall der Vergangenheit angehören. Angesichts sinkender Mitgliederzahlen sei es zeitgemäß, gemeinsam für Glauben und christliche Werte einzustehen, sagt sie. Jörg Beyer wünscht sich vom anstehenden Ökumenischen Kirchentag mehr als nette Worte. »Wir sollten überlegen, ob wir dieses schlechte Zeugnis für den christlichen Glauben ablegen wollen und endlich Wege der Liebe miteinander gehen.«

Corinna Buschow