Es ist kein Bekenntnisfall

11. November 2011 von DER SONNTAG  
Abgelegt unter Sachsen

Seit September ist Peter Meis im Landes­kirchenamt für theologische Grundsatzfragen zuständig.

Ein Gespräch über Hoffnung und Homosexualität, Angst und das Abendmahl – und die Leuchtkraft des Evangeliums.

 

Oberlandeskirchenrat Peter Meis (58) ist im Landeskirchenamt für theologische Grundsatzangelegenheiten zuständig. Der promovierte Theologe wurde in Leipzig geboren und war von 1981 bis 1988 Stadtjugendpfarrer in Dresden. Später lehrte er als Professor an der Evangelischen Hochschule Moritzburg. Meis kandidierte 2004 für das Amt des Landesbischofs. Von 2006 bis 2011 war er Superintendent des Kirchenbezirks Dresden Mitte. Foto: Steffen Giersch

Oberlandeskirchenrat Peter Meis (58) ist im Landeskirchenamt für theologische Grundsatzangelegenheiten zuständig. Der promovierte Theologe wurde in Leipzig geboren und war von 1981 bis 1988 Stadtjugendpfarrer in Dresden. Später lehrte er als Professor an der Evangelischen Hochschule Moritzburg. Meis kandidierte 2004 für das Amt des Landesbischofs. Von 2006 bis 2011 war er Superintendent des Kirchenbezirks Dresden Mitte. Foto: Steffen Giersch


 
Herr Meis, viele Jahre waren Sie Professor an der Evangelischen Hochschule Moritzburg, dann Superintendent in Dresden – was ist anders für Sie geworden als Oberlandeskirchenrat?
Meis: Kirchenleitung bedeutet, dass theologische Arbeit auch in Strukturen ihren Ausdruck finden muss. Etwa in der Frage, zu welcher Gestalt unserer Kirche wir angesichts der Einsparungen kommen wollen. Auch Strukturen predigen.

Welches theologische Thema drängt derzeit am meisten, was müssen Sie zuerst anpacken?
Meis: Gegenwärtig erleben wir eine Umkehr der Prioritäten. Ethische Lebensfragen, etwa nach dem Umgang mit Homosexualität, stehen im Mittelpunkt. Ich hoffe aber, dass die theologischen Fragen nach dem Abendmahl mit Kindern oder der Taufe wieder den gebührenden ersten Platz einnehmen werden.

Sowohl die Kritiker einer Segnung und Öffnung des Pfarrhauses für homosexuelle Paare als auch die Befürworter fühlen sich in der schwächeren Position. Beide Gruppen verteidigen sich und haben Angst. Wie würde der Seelsorger Peter Meis an das Problem herangehen?
Meis: Angst ist immer ein schlechter Ratgeber. Offensichtlich werden hier noch andere Dinge verhandelt als die Lebensform Homosexueller. Es geht auch um Deutungshoheiten und Verunsicherungen ganz anderer Art. Dabei kann die Orientierungsnot in zunehmend komplexen Zusammenhängen nicht allein durch Gesetze entschieden werden. Sie sollte auf der seelsorgerlichen Ebene, womöglich durch Einzelfallentscheidungen gelöst werden. Die Kirchenleitung wird im Januar darüber beraten. Ich hoffe sehr, dass Betroffene nicht ausgegrenzt und ein anerkanntes Zuhause in unserer Kirche finden werden.

Es gibt biblische Texte, die gelebte Homosexualität verurteilen. Handelt also gegen die Schrift, wer das anders sieht?
Meis: Mich beschwert die Haltung, als sei mit drei Bibelstellen hier bereits Abschließendes gesagt. Mit der Schrift zu argumentieren, heißt nach lutherischem Verständnis, die Schrift als Ganze in den Blick zu nehmen und nach ihrer Mitte zu fragen. Auch historische und soziologische Fragen sind zu bedenken. Wir ringen also um ein Thema, das rs nicht verdient, zum Bekenntnisfall erhoben zu werden. Fragen der Lebensordnung sind nach reformatorischem Verständnis zweitrangige Fragen.

Von kirchenleitenden Personen hört man in der Debatte am lautesten die Angst vor dem Zerbrechen der kirchlichen Einheit. Darf Angst eine Kategorie in der theologischen Urteilsfindung sein?
Meis: Das wäre fatal, Sorge umeinander ist daher ein angemessenerer Ausdruck. In der Ökumene reden wir seit langem von »Einheit in versöhnter Verschiedenheit«. Vielleicht ist diese Formel auch für ethische Fragen zielführend. Kirche zerbricht nicht an unterschiedlichen Auffassungen über biblische Themen. Die Einheit der Kirche zerbricht erst dann, wenn wir uns gegenseitig Abfall vom Evangelium vorwerfen. Darüber müssen wir reden.

In der Streitfrage der Zulassung von Kindern zum Abendmahl befragt die Landeskirche jetzt ihre Gemeinden – eine Lösung auch für das Thema Homosexualität?
Meis: Nach meiner Erfahrung geschieht ein Umdenken in der Begegnung mit Betroffenen. Ausschließlich theologische Debatten führen selten weiter. Das Gespräch in den Gemeinden ist dann weiterführend, wenn es nicht am grünen Tisch geführt wird.

Begrüßen Sie die Initiative der Synode, zum Abendmahl mit Kindern die Gemeinden zu befragen?
Meis: Ja, sehr. Endlich sind wir wieder beim Herzschlag unserer Kirche, den Sakramenten. Unsicher bin ich, ob das Abendmahl mit Kindern flächendeckend durchzusetzen ist. Dafür sind die theologischen Gewissen in den Kirchenvorständen zu unterschiedlich. Theologisch gibt es zwar keine hinreichenden Gründe, Heranwachsenden das Abendmahl zu verwehren. Eine verantwortliche Praxis hängt aber wesentlich davon ab, ob wir engagierte Eltern, Paten und Gemeindeglieder finden, die Kinder entsprechend begleiten.

Gibt es in der Theologie der Landeskirche tote Winkel, die Sie in ihrem neuen Amt mehr ausleuchten wollen?
Meis: Wir müssen sehr darauf achten, dass trotz Zeitdruck und Strukturanpassungen die Fröhlichkeit der Mitarbeiter erhalten bleibt. Die Leuchtkraft und der Trost des Evangeliums müssen Ihre Kraft entfalten können und dürfen nicht in den Mühlen der Selbstbeschäftigung zerrieben werden.

Die Fragen stellte Andreas Roth.

Die Einheit der Landeskirche im Blick

8. September 2011 von DER SONNTAG  
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Etwa 800 sächsische Pfarrerinnen und Pfarrer singen zur Andacht beim Pfarrertag in der Chemnitzer Stadthalle. (Foto: R. Blende)

Etwa 800 sächsische Pfarrerinnen und Pfarrer singen zur Andacht beim Pfarrertag in der Chemnitzer Stadthalle. (Foto: R. Blende)


Bischof Bohl mahnt beim Pfarrertag zur Mäßigung beim Streit um homosexuelle Paare.
 

Die Stadthalle in Chemnitz war am 1. September gut gefüllt. Etwa 800 sächsische Pfarrer und Pfarrerinnen waren zu ihrer turnusmäßigen Dienstbesprechung mit dem Landesbischof in die Industriemetropole gekommen – auch um den Heidelberger Theologieprofessor Michael Welker zum Thema »Dialog zwischen Theologie und Naturwissenschaften« zu hören.

Dieser plädierte in seinem Vortrag dafür, dass sich beide Seiten im Dialog gegenseitig befruchten sollten. Dieser Dialog sei jedoch dadurch erschwert, dass »kaum ein Wissenschaftler an beiden Forschungsfronten herausragend tätig« sei. Speziell die Theologie könne einen Beitrag leisten, wenn es um das schöpferische Wirken Gottes in kosmischen, biologischen, kulturellen und religiösen Lebensbereichen gehe.

In seinem Grußwort hatte Mini­sterpräsident Stanislaw Tillich ein entspanntes Verhältnis zwischen Freistaat und Kirchen festgestellt. Die Kirchen böten ein moralisches Gerüst, an dem sich auch Nichtchristen festhalten könnten, sagte der Katholik Tillich den evangelischen Geistlichen. »Ich bin der Auffassung, dass Sachsen keine religionsfreie Zone ist«, fügte er hinzu.

Landesbischof Jochen Bohl ging in seiner Ansprache zur Lage der Landeskirche auf die zwei zur katholischen Kirche konvertierten Pfarrer ein. Er könne sich ihre Schritte nur mit Gewissensnöten erklären, sagte er und appellierte an die Pfarrer, in solchen Fällen das Gespräch zu suchen, auch untereinander. Darüber hinaus beabsichtige er, diese Vorgänge bei der römisch-katholischen Kirche anzusprechen.

Ausführlicher sprach der Bischof über das neue Pfarrerdienstgesetz der EKD, speziell den Paragrafen 39. Dieser Paragraf handelt von der Lebensführung der Pfarrerinnen und Pfarrer in Ehe und Familie und enthält als Novum die Bezeichnung »familiäres Zusammenleben«, um gleichgeschlechtliche Partnerschaften einzuschließen.

Das Gesetz soll durch die Landessynode in Kraft gesetzt werden. Jedoch werde es dabei keine besonderen Ausführungsbestimmungen zu Paragraf 39 geben, so Bohl. In Sachsen bleibe alles wie bisher. »Wie damit umzugehen ist, gestaltet unsere Landeskirche selbst«, so der Bischof. Der Umgang mit Homosexualität habe sich in den letzten Jahren sehr geändert. In der sächsischen Landeskirche sei das Thema unverändert von Spannungen gekennzeichnet. »Es gibt starke Stimmen, die wollen, dass es bleibt wie bisher«, so Bohl.

Es gebe aber auch Stimmen, vor allem aus den Großstädten, die eine Veränderung anstrebten. Die Landeskirche habe deshalb eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die der Kirchenleitung ihren Abschlussbericht im Oktober vorlegen werde.

»In diesem schwierigen Prozess weiß sich die Kirchenleitung in allererster Linie der Einheit der Landeskirche verpflichtet«, sagte der Bischof dazu. Bohl kritisierte zugleich den Sprachgebrauch »von Amtsbrüdern« im Vorfeld der Entscheidung. »Ich mahne zu Mäßigung und dringe darauf, dass wir bei aller Unterschiedlichkeit einander respekt- und liebevoll begegnen«, so Bohl.

Im Gottesdienst in der Petrikirche wurde am Nachmittag Peter Meis in seinen neuen Dienst als Oberlandeskirchenrat eingeführt.

Christine Reuther

Eine Stadt im Widerstand

24. Februar 2011 von Redaktion DER SONNTAG  
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Sitzblockade an der Reichenbachstraße südlich des Hauptbahnhofs. »Keine Gewalt«, das war Anliegen der meisten Gegendemonstranten, auch wenn es an anderer Stelle zu gewalttätigen Ausschreitungen kam. (Foto: Rainer Oettel)

Sitzblockade an der Reichenbachstraße südlich des Hauptbahnhofs. »Keine Gewalt«, das war Anliegen der meisten Gegendemonstranten, auch wenn es an anderer Stelle zu gewalttätigen Ausschreitungen kam. (Foto: Rainer Oettel)

Mahnwachen vor den Kirchen mit Unterschriftenlisten und Kerzen in Papiertüten wie hier vor der Hoffnungskirche Löbtau. (Foto: Steffen Giersch)

Mahnwachen vor den Kirchen mit Unterschriftenlisten und Kerzen in Papiertüten wie hier vor der Hoffnungskirche Löbtau. (Foto: Steffen Giersch)


Blockaden und Mahnwachen haben Nazidemonstrationen in Dresden verhindert.

Schneeflocken krümeln aus grau verhangenem Himmel. Es herrscht leichter Frost. Krähen fliegen kreischend durch die Luft. Ansonsten ist es still an der Heilandskirche Dresden-Cotta. Hierher verirrt sich so gut wie niemand an diesem Sonnabendvormittag. Zehn Frauen und Männer wärmen sich die Hände an einem Korb mit brennenden Holzscheiten. Auch wenn das einzige Ereignis hier der kurze Auftritt des Posaunenchors bleiben wird. »Selbst wenn wir nicht an der Marschroute stehen, wir zeigen, dass es uns nicht egal ist und setzen damit ein Zeichen«, sagt Rosemarie Krellner.

Ein Zeichen setzen – dies bekommt man auf die Frage nach den Motiven immer wieder an diesem Tag zu hören bei den Mahnwachen vor 54 Kirchen und Gemeindehäusern gegen den Aufmarsch der Rechtsextremisten. Auch Kirchentagspräsidentin Katrin Göring-Eckardt sagt vor der Geschäftsstelle des Kirchentages: »Wir wollen ein Zeichen der Gewaltlosigkeit und Klarheit setzen, dass diese Stadt nicht den Neonazis gehört, sondern den Friedliebenden und Demokraten.«

Vor der Philippuskirche im Neubaugebiet Dresden-Gorbitz hat Pfarrer Thomas Böttrich die weiße Fahne mit dem violetten Kreuz aufgezogen. »Wir mögen mit Mahnwachen wenig ausrichten, aber das Wenige ist viel«, sagt er bei der Andacht mit 18 Teilnehmern. Auch in der Nazarethkirche Dresden-Seidnitz versammeln sich einige wenige zum Gebet. Dabei bekommen sie Besuch – von zwei Polizisten. Sie hätten den Auftrag, Kontakt zu den Kirchgemeinden zu halten, sagt einer von ihnen. Schließlich seien die Mahnwachen angemeldete Veranstaltungen im öffentlichen Raum. Doch in Seidnitz ist es ruhig.

An der Auferstehungskirche in Dresden-Plauen hatten sie gedacht, irgendwo weitab zu stehen. Deswegen habe es lange Diskussionen gegeben, ob sie überhaupt eine Mahnwache organisieren, erzählt Ute Haselbach. Doch auf einmal sind sie da: Mehrere hundert Neonazis stürmen vom S-Bahnhof am Friedhof vorbei hoch zum Gymnasium. Wenig später führt ihr finsterer Zug, von Polizei eskortiert, unweit der Mahnwache vorbei.

Die Mahnwache an der Friedenskirche in Dresden-Löbtau kommt am frühen Nachmittag in eine bedrohliche Situation. Etwa 150 Neonazis ziehen vorbei. Wenig später stürmen sie den linksalternativen Treff »Praxis« und rufen »Wir kriegen euch alle!« Anwohner müssen fassungslos zusehen, wie die Täter ungehindert agieren können. Denn die Polizei schreitet nicht ein.

In der Südvorstadt, unweit der Lukaskirche, geht es heiß her: Steine werfende Chaoten, brennende Müllcontainer, Polizei, Wasserwerfer. »Uns wurde schon ein wenig mulmig«, berichten später Teilnehmer der Blockade. Vor allem ältere Leute hätten versucht, deeskalierend einzugreifen. »Eine Frau nahm einem der Burschen einfach den Holzknüppel aus der Hand«, erinnert sich ein Augenzeuge. »Zum Glück wurde dann bekanntgegeben, dass die Rechten keine Chance zum Laufen haben, weil eben überall Leute standen oder saßen«, sagt er.

An anderer Stelle bleibt die Blockade friedlich. Von da kommen immer wieder junge Leute, wärmen sich am Feuer der Mahnwache vor der Lukaskirche, führen mit den Teilnehmern Gespräche. Einmal können sich 30 von ihnen in der Kirche vor der Polizei verstecken.

Peter Meis, Superintendent von Dresden Mitte, hat am Montag allen Teilnehmenden an den Mahnwachen gedankt »für ihre engagierte Treue an so vielen Orten, die weniger im Zentrum des Interesses standen«.

Er schätzt, dass es weit über tausend Menschen waren, »die wie ein unsichtbares Band durch die Friedensgebete verbunden waren«. Und er fügt hinzu: »Dass auch dadurch die Aufmärsche Rechtsextremer in unserer Stadt an Terrain verloren haben, ist zweifellos dieser Form des Widerstandes zu danken.«

Tomas Gärtner

Zwischen den Fronten

11. Februar 2011 von Redaktion DER SONNTAG  
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Die Polizei muss genehmigte Demonstrationen schützen – auch wenn moralische Gründe den Gegendemonstranten recht geben.

Die Polizei muss genehmigte Demonstrationen schützen – auch wenn moralische Gründe den Gegendemonstranten recht geben.

Die Demokratie lässt ihre Feinde demonstrieren – auch am 13. und 19. Februar in Dresden. Der Rechtsstaat kann nicht anders. Seinen Unterstützern macht er es damit nicht leicht.

In Dresden liegen jedes Jahr am 13. Februar Recht und Moral in einem Kampf. Und am kommenden Wochenende dürfte sich der Konflikt zuspitzen. Wieder werden tausende Neonazis in Dresden demonstrieren und das Gedenken an die Bombardierung der Stadt 1945 für ihre Zwecke benutzen. Wieder werden Tausende das verhindern wollen.

Doch anders als im letzten Jahr wird die Polizei friedliche Blockaden nicht mehr dulden: Sie wird den rechts­extremen Demonstrationen den Weg frei räumen. Sie wird gar nicht anders können. Das Dresdner Verwaltungsgericht hat im Januar scharf kritisiert, dass die Polizei im letzten Jahr das Demonstrationsrecht der Rechtsextremen nicht geschützt hat. Solch ein Urteil kann sich die Polizei kein zweites Mal sagen lassen.

»Auch Rechte haben Rechte«, sagt Uwe Berlit, der als Richter am Bundesverwaltungsgericht zu den renommierten Juristen Deutschlands gehört. »Das Recht auf Demonstrationsfreiheit in Artikel 8 des Grundgesetzes gilt auch ihnen. Es gehört zu den Zumutungen des demokratischen Verfassungsstaates, dass seine Segnungen auch denen zuteil werden, die ihn verachten.« Blockaden von Demonstrationen dagegen können strafbar sein.

Im Epizentrum des ganzen Konflikts stehen die Polizisten auf der Straße. Hier die Neonazis, dort die Gegendemonstranten und dazwischen ihre eigenen Fragen. »Ist der Artikel 8 des Grundgesetzes noch zeitgemäß?«, zweifelt etwa ein hochrangiger Staatsschutzbeamter bei einer Tagung der Evangelischen Erwachsenenbildung in der Leipziger Peterskirche im kleinen Kreis. »Immerhin hat Goebbels gesagt, die Nazis hätten die Weimarer Verfassung bewusst benutzt, um an die Macht zu kommen.«

Anders denkt der junge Bereitschaftspolizist David M.: Als Bürger alles andere ein Freund der Rechts­extremen – in Uniform muss er neutral sein. Er spürt den Druck von Öffentlichkeit und Politik, die Braunen möglichst nicht demonstrieren zu lassen. »Für viele Bürger und Kollegen ist in solchen Fällen offensichtlich, dass wir als Polizei eben nicht mehr politisch neutral sind. Für Rechte und Linke wird unterschiedliches Maß angelegt«, sagt der Polizist David M. »Damit verschaffen wir den Rechten nur neue Wähler.«

Demonstrieren lassen oder nicht? Es ist nicht leicht zu entscheiden, was der Demokratie am Ende mehr nützt – oder mehr schadet. »Das Dilemma ist nicht aufzuheben, leider«, sagt Peter Meis, Superintendent in Dresden Mitte. »Es zerreißt auch viele Chri­sten, das kann ich gut verstehen.« Deshalb möchte Meis als kirchlicher Repräsentant weder zu den Sitzblockaden aufrufen noch von ihnen abraten.

Wozu er ausdrücklich einlädt, das sind Friedensgebete und Mahnwachen der Dresdner Kirchgemeinden am 13. und 19. Februar. Viele Kirchenvertreter betonen wie Peter Meis: Die Rechtsextremen bekämpften die Demokratie, sie verübten Gewalt, ihre menschenverachtende Ideologie sei mit dem christlichen Glauben unvereinbar.

»Es gibt auch aus der Bibel Gründe für den zivilen Ungehorsam«, sagt der Theologe Meis. »Wenn Jesus sagt, man solle auch die andere Wange hinhalten, wenn man geschlagen wird, heißt das für mich: Wir sollen als Christen in die Konfliktzonen hineingehen und friedensstiftend widerstehen.«

Die Spannung aber bleibt ungelöst: Wer moralisch handelt, kann sich strafbar machen. »Recht und Moral sind getrennte Dinge, sie können zu den selben Folgen führen – aber sie können auch einmal auseinander fallen«, sagt der Bundesverwaltungsrichter Uwe Berlit. »Vor Menschen, die aus moralischen Gründen gewaltfreien Widerstand leisten, habe ich hohen Respekt. Ich erwarte aber auch, dass sie die rechtlichen Konsequenzen tragen.«

Andreas Roth

 

Wenn Kirche wächst …

2. September 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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so_36-2010Die Kirche wird immer kleiner – sie hat sich daran gewöhnt. Und ist kaum vorbereitet, wenn Mitgliederzahlen steigen.

Die Kirche schrumpft? Nicht in der Dresdner Neustadt. Die Kirchenbänke in einem Seitenschiff der Martin-Luther-Kirche mussten weichen, um Platz für Kinderwagen zu schaffen. Die Konfirmanden passen nicht mehr in einen Raum, allein in diesem Jahr gibt es 60 Neuanmeldungen. Und im gesamten Kirchspiel Dresden-Neustadt lassen sich Jahr für Jahr gut 100 Menschen taufen, manchmal fünf in einem Gottesdienst. »Doch das ist nicht unser Verdienst – es liegt an der Stadtentwicklung«, sagt Albrecht Nollau, der Superintendent des Kirchenbezirks Dresden Nord.

Die Bevölkerung von Dresden und Leipzig wächst seit über zehn Jahren stetig – während der Rest Sachsens ebenso stetig immer mehr Einwohner verliert. Und auch in den beiden Halbmillionen-Städten profitieren nur die bei Familien besonders beliebten Stadtviertel von diesem Boom.

»Aber trotz eines Wachstums um fast ein Viertel seit 2003 auf heute 8469 Gemeindeglieder hat das Kirchspiel Dresden-Neustadt nicht eine einzige Mitarbeiterstelle mehr bekommen«, sagt Superintendent Albrecht Nollau. »In dieser Größe ist es sehr schwer, noch persönliche Kontakte zu halten. Taufgespräche, Besuche und Gruppen dauern ihre Zeit – und die lässt sich nicht beliebig vergrößern.«

Landesbischof Jochen Bohl hat sich im Frühling bei seinem Besuch im Kirchenbezirk Leipzig die Freuden und Sorgen wachsender Gemeinden angehört. In seinem Visitationsbericht schrieb er danach, »dass die Landeskirche die Kirchgemeinden in den Wachstumsregionen in veränderter Weise in den Blick nehmen will.« Wenn Gemeindegliederzahlen steigen, müsse entsprechend dem geltenden Personalschlüssel auch die Mitarbeiterzahl angepasst werden, so der Bischof.

In der Messestadt vergrößern sich die Kirchgemeinden besonders stark in der Südvorstadt und der Innenstadt, in Gohlis sowie im Leipziger Südwesten. »Als Kirchenbezirk möchten wir künftig die Möglichkeit haben, Pfarrstellen befristet an Schwerpunkte vergeben zu können, wo sie gebraucht werden – so wie wir es mit freien Gemeindepädagogen-Stellen heute schon tun«, sagt der Leipziger Superintendent Martin Henker.
Die Kirchengesetze lassen dies bisher nicht zu, mit Wachstum rechnen sie nicht. Dies wird eine der Herausforderungen sein für die achtköpfige Arbeitsgruppe, die je zur Hälfte aus Mitgliedern der Synode und des Landeskirchenamts besteht und seit Mai Konzepte für die zukünftige Struktur der Landeskirche erarbeitet. Denn ihre Gemeindeglieder werden immer weniger – und auch die Kirchensteuern. Es geht letztlich um die Verteilung knapper Personalstellen.

Dabei sitzen die Großstädte einer Überzahl an Vertretern ländlicher Kirchenbezirke gegenüber – in der Landessynode ebenso wie im Konvent der Superintendenten. »Für Stadtgemeinden mit steigenden Mitgliederzahlen muss eine Lösung her«, sagt der Plauener Superintendent Matthias Bartsch. »Aber das muss ein fairer Ausgleich sein. Denn in ländlichen Kirchenbezirken, in denen Pfarrer oft für zwei oder drei Kirchgemeinden zuständig sind, darf die Struktur nicht kaputtgehen.« Schon vor sechs Jahren führte die Landeskirche deshalb ein Solidarprinzip ein: In städtischen Kirchgemeinden soll auf 2000 Mitglieder eine Pfarrstelle kommen – auf dem Land genügen dafür 1600 Seelen.

Doch der Rückgang der ländlichen Bevölkerungszahlen und der finanziellen Mittel wird weiter anhalten – das Verteilungsproblem wird sich verschärfen. Die Städte dürften sich jedoch nicht aus der Solidarität mit den ländlichen Kirchenbezirken verabschieden, fordert Peter Meis, der Superintendent des ebenfalls wachsenden Kirchenbezirks Dresden Mitte: »Jetzt muss bei der Planung der landeskirchlichen Struktur darüber geredet werden, was gerecht ist.« Und wo die Chancen liegen für die Kirche, wenn sie zur Abwechslung einmal – wächst.

Andreas Roth