Diagnose: Mangel
20. März 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen, Westsachsen
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Ob in Kindergärten oder Pflegeheimen: Soziale Berufe werden immer wichtiger. Doch ihnen geht der Nachwuchs aus.

Veronika Ackermann will Altenpflegerin werden. Ihr macht es Freude, mit alten Menschen, wie hier mit Günther Adler, umzugehen. Doch Auszubildende wie sie werden in Zukunft noch viel mehr gebraucht. Foto: Steffen Giersch
Behutsam fühlt die junge Frau dem 82-jährigen Günther Adler den Puls. Seit über einem Jahr ist das Alltag für Veronika Ackermann – seit sie im Seniorenpflegeheim Bad Schlema lernt. »Es ist schön, mit Menschen zu arbeiten«, sagt die 21-Jährige. »Obwohl die Arbeit als Altenpflegerin körperlich und seelisch anstrengend ist, kommt viel zurück.«
Sie ist eine von 30 Auszubildenden bei der Diakonie Aue/Schwarzenberg. »Doch in den kommenden Jahren werden wir Probleme bekommen, die Arbeitsplätze in der Altenpflege und Behindertenhilfe zu besetzen«, sagt der Vorstand des Diakonischen Werkes Rainer Sonntag. »Schon heute haben wir große Schwierigkeiten, gutes und motiviertes Führungspersonal zu finden.«
Nach einer Schätzung des Instituts der Deutschen Wirtschaft wird sich die Zahl der Pflegekräfte bis zum Jahr 2050 verdreifachen müssen, weil dann über ein Drittel der Bevölkerung älter als 60 Jahre sein wird. In Sachsen ist es schon in zehn Jahren soweit. »Gleichzeitig werden bis dahin fast ein Viertel der bisherigen Mitarbeiter die Diakonie aus Altersgründen verlassen haben, bis 2030 sogar fast 60 Prozent«, sagt Sachsens Diakonie-Direktor Christian Schönfeld: »Wir müssen jetzt handeln.«
In Praktika, der »Sterntalerzeit« oder in einem Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) laden schon heute diakonische Einrichtungen Jugendliche ein, ihre Arbeit kennen zu lernen. Auch Veronika Ackermann fand so zur Altenpflege. »Dass die sächsische Staatsregierung nun bei den Zuschüssen für die FSJ-Plätze massiv kürzt, ist Sparwut an der falschen Stelle«, sagt der Schlemaer Diakonie-Vorstand Sonntag.
Angesichts zurückgehender Schülerzahlen werden junge Menschen allein jedoch den Fachkräftemangel nicht beheben können. Deshalb schult die Diakonie Aue/Schwarzenberg zunehmend auch Menschen mittleren Alters aus ganz anderen Berufen zu Pflegekräften um. So wie den Maschinenbauer Jens Döhnel. Mit 37 Jahren entschied er sich, noch einmal einen neuen Beruf zu beginnen. »Mit 16 oder 25 Jahren hätte ich mir das noch nicht vorstellen können«, sagt er. »Erst jetzt hatte ich die Lebenserfahrung dafür.«
In sächsischen Kindergärten ist die Personalsuche schon heute ein großes Problem. »Die Bezahlung und die gesellschaftliche Anerkennung für soziale Berufe sind nicht attraktiv«, sagt Matthias Lang vom christlichen Verein Kinderarche Sachsen, der 35 Jugendhilfeeinrichtungen und sechs Kindergärten betreibt.
Allein mit Geld aber wird sich der Fachkräftemangel in Zeiten knapper Kassen, wachsender Zahlen von Pflegebedürftigen und Kindergartenkindern kaum lösen lassen. Ein Umdenken ist nötig – auch in der Kirche. »Unsere Gemeinden müssen verstehen lernen, dass die Gewinnung von Nachwuchs für soziale Berufe auch etwas mit Berufung zu tun hat«, sagt Rainer Sonntag. »Das ist eine Aufgabe der Gemeinden für die Zukunft.«
Andreas Roth
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