Opfer will niemand sein, Opfer will keiner brauchen
20. März 2011 von DER SONNTAG
Abgelegt unter Wort zur Woche
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Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. Römer 5, Vers 8
Du Opfer!« Wer Jugendlichen heute zuhört, wird an diesem Satz nicht vorbeikommen. Das Wort Opfer ist zum Schimpfwort geworden, synonym mit: Versager, Verlierer, Null. Natürlich, das will keiner sein. Und überdies: »Ich brauch auch kein’s!« Dass jemand für mich ein Opfer bringt, scheint überflüssig. Was ich brauche, kann ich mir doch kaufen oder irgendwie anders organisieren.
Opfer scheinen out zu sein, keiner will eins werden, keiner will eins brauchen. Es ist daher kein Wunder, dass der Gedanke, Jesus wäre zum Opfer für unsere Sünden geworden, für viele befremdlich klingt. Allerdings scheint mir der »Abschied vom Opfer«, der gelegentlich ausgerufen wird, eine vorschnelle Reaktion auf dieses Befremden zu sein. Lieber mag ich Paulus zuhören und mit ihm überlegen, ob es nicht eher um eine Neubesinnung gehen sollte.
Wenn ich das Neue Testament richtig verstehe, dann hat Gott kein Opfer gefordert, sondern selbst eines gebracht. Das Kreuz war Ausdruck der Liebe Gottes zum Menschen, nicht die Voraussetzung dafür. Gottes Liebe ist nicht käuflich, auch nicht durch scheinbar nötige Opfer.
Gottes Liebe ist hingebungsvoll. Vielleicht ist es das, was uns am meisten daran irritiert. Ein Gott, der sich zu den Schwachen begibt, der den Sündern nachläuft, mit dem scheint es nicht weit her zu sein. Ihn selbst hat das offenbar weniger gestört. Was bedeuten die Spötter unter dem Kreuz angesichts der Chance, dass Gott in Christus dem einen zuspricht: »Heute wirst du mit mir im Paradies sein« (Lukas 23, Vers 43)? Der eine Gerettete ist ihm wichtiger als die 99 Kritiker. Ein Gott, der sich opfert, um bei dem Sünder zu sein? Ich vermag es nicht anders zu sagen: Mächtig. Gewaltig!
Thomas Knittel
Dr. Thomas Knittel ist Professor für Neues Testament und Systematische Theologie an der Evangelischen Hochschule Moritzburg.
Auch Gescheiterte können neu anfangen
26. Februar 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Wort zur Woche
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Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.
Römer 5, Vers 8
Sünder? Müssen wir immer auf die Defizite starren? Sicher nicht, aber die Defizite starren uns an. Grell, verstörend, unerträglich. Vor kurzem auf Haiti: Zwischen Trümmern, Toten und Verletzten verzweifelte Menschen, Plünderungen, schwer bewaffnete Soldaten vor den Lagern der Hilfsorganisationen, Kämpfe um jedes Stück Nahrung. Zyniker fragen, ob Humanität den Satten mit Eigenheim und Zweitwagen und dem nötigen Freiraum für die Kultivierung der Sitten vorbehalten sei.

Foto: Joakim Buchwald (sxc.hu)
Solche menschlichen Katastrophen entmutigen. Individuelles Versagen und ungerechte, aus Hartherzigkeit und Blindheit entstandene Strukturen lassen Menschen innerlich und äußerlich verelenden. Dass die Bibel diese Selbstsabotage der Menschen ernst nimmt, ist vor allem realistisch.
Paulus verbindet nun aber seine nüchterne Sicht auf die Menschen mit einer beeindruckenden Zuversicht im Blick auf Gott. Gott lässt sich von unserem Versagen nicht abschrecken. Er setzt sich in Christus selbst aufs Spiel, um das Projekt Mensch zu retten. Er wartet nicht den Erfolg ab, nicht einmal eine kleine Besserung. Er ermöglicht den Gescheiterten, immer wieder von vorn anzufangen.
Der Weg zur Menschlichkeit beginnt nicht mit Appellen und Aktionen. Er beginnt, wenn wir uns Gott, dem Vater Jesu Christi, ganz anvertrauen. Das verändert uns. Wir lernen loszulassen und zu teilen – Leben, Nahrung, Freude, Wissen, Raum und Zeit.
Es ist ein langer Weg mit vielen Rückschlägen. Immer wieder scheinen wir ganz am Anfang zu stehen. Immer wieder brauchen wir Christus, um nicht mutlos zu werden.
Almut Klabunde, die Autorin ist Oberlandeskirchenrätin der sächsischen Landeskirche.
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