Verantwortung oder Politik?
30. Juli 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Foto: Andrekaw, sxc.hu
Horst Köhler, Roland Koch und Ole von Beust, vorher Margot Käßmann und nun noch Maria Jepsen. Dazu kommt Walter Mixa – der einzige Rücktritt in den vergangenen Monaten, der durchweg auf Verständnis stieß. Alle anderen lassen Fragen offen oder verursachen eine Sehnsucht nach Erklärung und Verantwortungswillen.
Es kann verdrossen machen, wenn ein Bundespräsident hinschmeißt, weil er sich durch Kritik verletzt fühlt. Ernüchternder ist es noch, wenn Ministerpräsidenten mitten in der Legislatur aufhören, weil sie schlicht keine Lust mehr haben. Für Roland Koch ist »Politik nicht alles im Leben«.
Unbenommen. Aber warum hat er sich dann wählen lassen? Für Ole von Beust war es ein »vernünftiger Zeitpunkt«. War es nicht, siehe Koch. Wenn führende Köpfe so verantwortungslos mit ihrer Verantwortung umgehen, sinkt die Wahlbeteiligung. Warum wählen, wenn der in zwei Jahren sowieso keine Lust mehr hat? Dieses fatale Signal ist das eine.
Das andere ist die Art des Rücktritts, die Erklärung, die Gewählte ihren Wählern schuldig sind. Dazu gehören auch Bischöfe. Wegen sexuellen Missbrauchs in ihrer Landeskirche ist die Hamburger Bischöfin Maria Jepsen abgetreten. Vertuschung wurde ihr vorgeworfen. Jepsens Begründung ist ähnlich wie bei Köhler: »Meine Glaubwürdigkeit wird angezweifelt.« Auch ähnlich wie bei Margot Käßmann, doch da lagen die Karten bereits auf dem Tisch. Jepsen geht und gibt dabei keine Antworten. Den Verantwortungsjob – aufklären und eingestehen – müssen jetzt andere machen. Jepsens Rücktritt wird damit zur politischen Geste.
Protestantische Verantwortung sieht anders aus. Anstelle politischer Unarten sollte sie wieder Maßstab kirchlichen Handelns werden.
Corinna Buschow
Authentisch
3. März 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Vor mehr als einer Woche überraschte uns Margot Käßmann mit ihrem Rücktritt als Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und als Landesbischöfin von Hannover. Und so schnell wie die Karikaturisten und Kolumnisten dabei waren, ihre Fahrt unter Alkoholeinfluss zu kommentieren, so schnell ist das Thema Rücktritt wieder aus den Blättern verschwunden.

Foto: Wikipedia.de
Diese Autorität sah sie nun beschädigt. Zumindest hat sie das als einen Grund für ihren Rücktritt genannt. Denn so jemand wie sie nimmt einen solchen schlimmen Fehler, wie es das Fahren unter Alkoholeinfluss ist, nicht auf die leichte Schulter und geht zur Tagesordnung über.
Das unterscheidet sie von manch anderem Prominenten. Erinnert sei nur an den damaligen Thüringer Ministerpräsidenten Dieter Althaus vor einem Jahr: Trotz verschuldetem tödlichen Unfall dachte er nicht ans Aufgeben – schließlich zahlten es ihm die Wähler heim. Er hatte keine Einsicht – und fand wohl auch deshalb kein Verständnis.
Margot Käßmann findet fast ausschließlich Verständnis für ihren Schritt. Vor allem bei Christen. Die Geradlinigkeit wird ihr hoch angerechnet. Und es wurde – auch in säkularen Medien – nicht übersehen, worin sie selbst in diesem Dilemma Trost findet: »Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand.«
Christine Reuther
Konsequent
25. Februar 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Erst mal eine Woche Urlaub – und dann weitermachen. Nein, das hätte nicht zu ihr gepasst. Dass Margot Käßmann von ihren Ämtern als Ratsvorsitzende der EKD und Bischöfin ihrer hannoverschen Landeskirche zurück getreten ist, passt in das Bild, das man von ihr hat. Sie war in ihren Ämtern eine glaubwürdige Stimme des deutschen Protestantismus. Sie wirkte immer authentisch. Was sie sagte, hatte Hand und Fuß. Ihr eigener von Leid und Brüchen gezeichneter Lebenslauf gab ihr die Autorität und die Autentizität, die bei den Menschen ankam.
So jemand nimmt einen solchen schlimmen Fehler, wie es das Fahren unter Alkoholeinfluss ist, nicht auf die leichte Schulter und geht zur Tagesordnung über, wie es vielleicht mancher andere Promi tun würde – denn die Medien und die Massen vergessen schnell.
Bei Margot Käßmann hätte man nicht vergessen. Eine Bischöfin von ihrem Format ist eine moralische Instanz, die sich immer wieder auch nach ihren Schwächen fragen lassen muss. Und sie ist eine Frau – die erste in dem hohen Amt der Ratsvorsitzenden. Und so wie es in der Arbeitswelt oft Frauen beklagen, dass sie, um das selbe Karriereziel wie ihre männlichen Kollegen zu erreichen, doppelt soviel leisten müssen – muss auch eine Frau in einem solchen traditionellen Männeramt doppelt so gut sein wie ein Mann.
Oder hätte man einen Mann nach seiner Belastung durch Familie und Kinder gefragt vor der Bischofswahl? Hätte man bei einem Mann immer wieder erwähnt, dass er geschieden sei? Hätte man bei einem Mann nicht mit einem Augenzwinkern auf eine Verfehlung unter Alkoholeinfluss reagiert?
Nein, Margot Käßmann war in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes in ihren Ämtern. Und bei allem Bedauern, dass ihre Amtszeit nur so kurz währte, bleibt die Achtung vor dem mutigen Schritt, aus eigener Verfehlung die Konsequenzen zu ziehen.
Christine Reuther
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