»Glücklich ist da niemand«
3. Februar 2012 von DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen, Zwischen Leipzig und Leisnig

In der Universitätskirche, hier der Innenraum im Februar 2011, werden nur Versorgungsleitungen verlegt – sonst tut sich nichts. Fotos: Armin Kühne und Uwe Winkler
Es gibt sie tatsächlich, die Baufortschritte an der Leipziger Paulinerkirche. Im August vergangenen Jahres fielen die äußeren Baugerüste, die Hülle des Aula- und Kirchengebäudes erstrahlt also in ihrem fertigen Zustand. Am 2. Dezember durfte für einen Tag auch schon das Neue Augusteum, das künftige Hauptgebäude der Universität, welches die Universitätskirche umschließt, in Augenschein genommen werden. Und Mitte Dezember erfolgte die technische Überprüfung der Universitätsglocke im Dachreiter.
»Sie ist betriebsfähig, aber noch nicht klangfertig«, sagt der Glockenbeauftragte Roy Kreß. Dafür fehle über der 250 Kilogramm schweren Bronzeglocke aus dem Jahr 1659 noch ein Resonanzboden, so der kirchliche Baupfleger aus Leipzig. Dann könnte sie die Universitätsgottesdienste einläuten.
Wann sie dies allerdings das erste Mal nach der Sprengung der Kirche 1968 wieder tun wird, das traut sich derzeit niemand zu sagen. »Im Innenraum der Paulinerkirche hat sich gegenüber 2010 nichts wesentlich verändert«, sagen alle am Baugeschehen Beteiligten. »Das ist der absolute Rohbau.«
Mit dieser Begründung verweigert das Sächsische Finanzministerium als Bauherr derzeit alle Fotoaufnahmen und teilt mit, es gäbe intensive Gespräche mit dem Architekten Erick van Egeraat zum Innenausbau. »Wir müssen sehen, wie seine Entwürfe umgesetzt werden können und wir dabei den Kostenrahmen einhalten«, sagt Ministeriumssprecher Stephan Gößl und ergänzt: »Der gesamte Uni-Neubau hat bereits jetzt über 200 Millionen Euro gekostet.«

Im Modell wird sichtbar, wie der Chorraum aussehen soll: Zentral steht der Paulineraltar, zwischen den Säulen hängen die Epitaphe. Foto: Kustodie
Der Vorsitzende des Paulinervereins benennt die konkreten Konflikte mit dem Architekten: »Die Lichtsäulen und die Deckengestaltung sind umstritten«, sagt Ulrich Stötzner. »Dazu sind auch schon Versuche im Innenraum gemacht worden.« Und dabei blieb es. Der Bauverzug ist mittlerweile erheblich. 2009 sollte ursprünglich alles fertig sein, später 2011. »Glücklich ist da niemand«, sagt Stephan Gößl zum langen Stillstand. Er betont aber, dass zumindest das angrenzende Augusteum und das Dachgeschoss der Paulinerkirche »zum Sommersemester« von der Universität übernommen werden könnten. Und der Ministeriumssprecher macht Hoffnung, dass danach der Aula- und Kirchenraum im Mittelpunkt steht.
Das tut er ausnahmsweise auch schon an diesem Wochenende durch ein Benefizkonzert unter Schirmherrschaft von Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich. Dabei sammelt die Stiftung »Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig« Geld für eine sogenannte Schwalbennestorgel. Dieses Instrument im Renaissance- oder Frühbarockstil soll hoch oben an der Wand im Chorraum, also dem zukünftigen Kirchenraum, entstehen, berichtet der Stiftungsvorsitzende Martin Oldiges.
Bis zu 350 000 Euro seien für die traditionsreiche Orgel veranschlagt, die im weiten Umkreis ihresgleichen suche. Die Ausschreibung dafür ist schon erfolgt, so Oldiges. Die andere Orgel in dem Gebäude wird die Jehmlich-Orgel auf der Westempore und damit im Aula-Bereich sein. »Die Orgel liegt schon beim Orgelbauer auf Lager«, sagt Universitätsprediger Rüdiger Lux. »Da fallen schon Kosten an«, macht der Theologieprofessor auf die Folgen des Bauverzugs aufmerksam.
Lux denkt auch an seine Universitätsgemeinde: »Wir sind weiterhin zur Miete in der Nikolaikirche und warten auf die Fertigstellung der Universitätskirche für unsere Gottesdienste im eigenen Haus.« Für ihn persönlich kommt noch hinzu, dass er im Sommer mit 65 Jahren emeritiert wird. »Ich hätte den Bau gerne mit eingeweiht.«
Den Raum so bald wie möglich nutzen, das möchte auch der Kustos der Universität. »Ich würde gern in einem Jahr loslegen«, hofft Rudolf Hiller von Gaertringen, um dann 21 große Grabplatten im Chorraum aufhängen zu können. »Die Epitaphien sind größtenteils restauriert«, so der Kustos. Jetzt fehlen ihm noch die Stahlgerüste für die Aufhängung der Kunstwerke in drei Metern Höhe.
Außerdem brauche der 17 Meter hohe Chorraum eine Klimatisierung und ein Befeuchtungssystem, um die Epitaphien und den Paulineraltar aus der Thomaskirche fachgerecht konservieren zu können. Das funktioniere nach Meinung des Kustos nur, wenn der Chorraum vom Mittelschiff, der Aula, durch eine Glaswand abgetrennt ist. »Ohne Glaswand geht es nicht«, sagt Rudolf Hiller. Der Paulinerverein und die Kirchenvertreter dagegen lehnen die Glaswand ab. Sonst hätte auch die aus der alten Paulinerkirche gerettete Kanzel nach ihrer Restaurierung keinen Platz mehr.
Uwe Naumann
Gebete zwischen Rohbeton
10. Dezember 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen, Zwischen Leipzig und Leisnig
Der erste Gottesdienst in der Leipziger Universitätskirche fand großes Interesse

Das Interesse war ebenso groß wie die Freude: Zum ersten Gottesdienst in der noch nicht fertig gestellten Leipziger Universitätskirche kamen mehr als 700 Menschen. Foto: Uwe Winkler
Es ist Sonntagvormittag auf dem Augustusplatz. Der Weihnachtsmarkt hat bereits geöffnet. An seinem Eingang bildet sich eine riesige Schlage. Was gibt es umsonst? Einen Gottesdienst. Dass über 700 Menschen in dieser Schlange dafür anstehen, den ersten Gottesdienst in der noch nicht fertig gestellten Universitätskirche besuchen zu können, bestätigt die Feststellung von Universitätsprediger Rüdiger Lux: Er beschreibt den Gottesdienst als »historisches Ereignis«. 700 Menschen dürfen nach den Sicherheitsauflagen eingelassen werden. Mehr als 100 weitere verfolgen das Ereignis über Lautsprecher draußen im Nieselregen.
41 Jahre nach Sprengung der Paulinerkirche, die 1968 auf Geheiß des SED-Regimes der neuen Karl-Marx-Universität weichen musste, ist bei Kirchenvertretern die Freude über diesen Anlass »riesengroß«, wie der Zweite Universitätsprediger Peter Zimmerling sagt. Dennoch fallen Worte der Kritik an der aktuellen Situation: Landeskirche und Hochschule sind nach wie vor uneins sind über die Ausgestaltung des Raums, der von der Uni als »Paulinum« und absichtlich nicht als »Kirche« bezeichnet wird.
»Wir werden weiter dafür sorgen, dass Altar, Lesepult und Taufstein in dieser Kirche einen Platz finden«, betont Zimmerling in seiner Predigt. Er appelliert aber auch, den Streit, der die »Menschen inner- und außerhalb der Universität entzweit hat«, eines Tages zu überwinden. Die Unikirche soll ein »Ort der Versöhnung« werden, heißt es in den Fürbitten.
Zudem sei eine Kirche in der Universität ein wichtiger Ort, wo die Seele zur Ruhe kommen kann, sagt Zimmerling. »Wir sind keine Kopffüßler«, so der Prediger. Diesem Irrglauben könne man an einer Hochschule leicht erliegen. Auch Landesbischof Jochen Bohl sprach sich wenige Tage zuvor während der Festwoche dafür aus, dass Wissenschaft den Glauben als »kritisches Korrektiv« zurate zieht.
Ob das an der Leipziger Uni gelingt, wird weiter verhandelt. Der Streit um den Bau, der heute nur rohe Betonwände um einen spärlich ausgestatteten, aber als Kirche erkennbaren Raum zeigt, ist nicht beendet. Spärlich war er auch, weil die Uni das Gestühl, das sie zur Feier ihres 600-jährigen Bestehens hinein gestellt hatte, kurz vor dem Gottesdienst wieder herausräumte.
Am kommenden Sonntag kann die Uni-Gemeinde dann wieder sitzen – in der Nikolaikirche. Bevor die Universitätskirche nicht fertig gestellt ist, werden die Hochschul-Gottesdienste wie seit 1968 weiter dort stattfinden – mindestens bis Ende 2010, nach Befürchtung des Universitätspredigers sogar noch länger.
Corinna Buschow
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