Jesus ist der Schlussstein des gemeinsamen Hauses
7. August 2011 von DER SONNTAG
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So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.
Epheser 2, Vers 19
Der Text hat für mich keinen befremdenden Klang. Zwar kommt in meinem Sprachgebrauch das Wort Hausgenossen nicht vor, dennoch werden in mir Bilder wach: Die Zusage, Hausgenossin oder Hausgenosse zu werden, drückt die Erfüllung einer großen Sehnsucht aus. So verstehe ich auch das Wort Tempel (Vers 21) wie Heimat oder Geborgenheit.
Als dieser Text verfasst wurde, war eine Gemeinde im Entstehen. Unterschiedliche Menschen fühlten sich dem ganz jungen christlichen Glauben verbunden. Es waren Menschen jüdischer und nichtjüdischer Abstammung, auch von sehr niedrigem sozialen Rang. Eine große Herausforderung muss es gewesen sein, aus den unterschiedlichen kulturellen Herkünften heraus eine Gemeinde zu bilden.
Der Autor des Briefes beschreibt den Tempel – als Heimat des Glaubens – nicht als ein starres Bauwerk, sondern als ein organisches Gebilde, das von Jesus Christus als dem Eckstein (Vers 21) oder auch Schlussstein spricht. Der Tempel wird also nicht durch menschliches Vermögen gekrönt, sondern durch Jesus von Nazareth – lebendig über Kreuz und Tod hinaus.
Und nichts von ihm wirkt bis in unsere Zeit so stark hinein wie die Bergpredigt. Das Reden vom Reich Gottes im unmittelbaren Alltag bildete damals die Bedeutung des Schlusssteins heraus und tut dies noch bis heute.
So waren die Menschen in Ephesus nicht allein auf sich selbst angewiesen, sondern bauten auf die Verlässlichkeit des »Schlusssteins«. So lassen Sie sich herausfordern, Gemeinde mit Fremden zu bauen – mit Frauen, Männern und Kindern, die zu Hausgenossen werden.
Ein heiliges Anliegen!
Sabine Schmerschneider
Sabine Schmerschneider ist Referentin für Seniorenarbeit der Evangelischen Erwachsenenbildung.
Die Gebete der Kindheit
7. Januar 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Titelseite
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Zeichnung: Gerhard Burger/Archiv Evangelische Verlagsanstalt
Wenn das Heute schnell versinkt – das ist Demenz. Immer mehr Menschen leiden daran. Ihr Glaube lebt von den Liedern und Versen aus ihrer Jugend.
Was es vorhin zum Frühstück gab? Frau D. weiß es nicht mehr. Sie lauscht. Die Augen in ihrem runzeligen Gesicht, die nach innen zu blicken scheinen, heben sich. Ihre auf den Fußstützen des Rollstuhls ruhenden Filzpantoffel fangen unmerklich zu wippen an. Dann stimmt sie ein. In einem brüchigen, aber klaren Sopran: »Es ist ein Ros entsprungen.«
Wie viele Jahre hat Frau D. im Chor ihrer Kirchgemeinde mitgesungen? Nun, schon weit über 80, versinkt die Welt um sie schnell wieder ins Nichts. Kaum etwas bleibt. Nur die Lieder ihrer Kindheit und Jugend, die alten Gebete. Frau D. ist demenzkrank – so wie die anderen alten Menschen, die sich jedem Montag im Altenpflegeheim Urbanushaus der Diakonie in Thurm zur Andacht treffen. Urike Weigel, die Hausleiterin, schiebt die Rollstühle zu einem Kreis. Dann erzählt sie die Weihnachtsgeschichte: langsam, ruhig, die Sätze oft wiederholend. Maria, Josef, die Schafe, Ochs und Esel lässt Ulrike Weigel reihum von den Alten betasten, bevor sie die kleinen Figuren in die hölzerne Krippe stellt.
Die Augen von Frau E. strahlen groß über ihren eingefallenen Wangen, auf die hingehaltenen Tiere aber sieht sie nicht. Die alte Dame neben ihr im Rollstuhl ist längst eingeschlafen, doch scheint sie zu lächeln. Frau S. schaut mürrisch, die ganze Zeit schon. Und Herr W. irrt ziellos umher. »Maria gebar Jesus und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe«, liest Ulrike Weigel das Evangelium. »Denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.«
Dieses Gefühl dürften die Alten kennen. Denn vielerorts ist kaum Raum für Demenzkranke. »Darunter sind Menschen, die ihr Leben lang treu im Glauben gelebt haben und nun auch in Kirchgemeinden oft nicht mehr wahrgenommen werden«, sagt Oberkirchenrat Frank del Chin, der Seelsorgereferent der sächsischen Landeskirche. Dabei sind schon heute 76 000 Sachsen an Demenz erkrankt, in ganz Deutschland 1,1 Millionen. Die Zahl steigt steil an. Denn je länger Menschen leben, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit zu erkranken. Eine Herausforderung auch für die Kirche.
Doch spezielle Angebote für Demenzkranke gibt es in der sächsischen Landeskirche kaum – das musste Sabine Schmerschneider von der Evangelischen Erwachsenenbildung Sachsen feststellen, als sie im vergangenen September den ersten Werkstatt-Tag zu diesem Thema veranstaltete. »Gottesdienste und Andachten haben für alte Menschen oft viel zu viel Wort und sind meist zu lang«, sagt sie.
Um haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter für demenzkranke Menschen zu sensibilisieren, wird die Landeskirche im August eine Pfarrstelle eigens für die Weiterentwicklung der Seniorenarbeit einrichten. Im Auftrag der Landessynode soll zudem eine Handreichung zur Arbeit mit älteren Menschen herausgegeben werden, für die Oberkirchenrat Frank del Chin und Sabine Schmerschneider von der EEB derzeit nach guten Praxisbeispielen aus Kirchgemeinden suchen.
»Andachten für demenzkranke Menschen müssen so einfach wie möglich sein«, sagt Ulrike Weigel vom Urbanushaus in Thurm. »Mit wenig Sprache, dafür mit vertrauten Liedern und Gebeten. Berührung, Streicheln, ein schöner Duft, Musik – das ist die Seelsorge, die sie brauchen.« Sie sollte anknüpfen an die Lebensgeschichte des alten Menschen. Sie herauszufinden braucht viel Zeit und Behutsamkeit. Doch es lohnt sich, das weiß Ulrike Weigel.
»Das Christkind kommt ins Dunkle und in die Kälte. Auch zu Ihnen hier im Pflegeheim, in Sorge und in Traurigkeit«, sagt sie zu den Alten im Rollstuhlkreis. Ihre Gesichter scheinen sich kaum zu rühren. Doch als Ulrike Weigel die Weihnachtsgeschichte liest, leihen die Frauen wie auf ein geheimes Signal hin mit brechender Stimme, aber ganz sicher dem Engel ihre Stimmen: »Fürchtet Euch nicht! Euch ist heute der Heiland geboren.«
Andreas Roth
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