Die Einzelkämpfer
29. Juli 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen

Der Dresdner Kantor Stefan Gehrt spielt nicht nur viele Musikinstrumente, sondern ist auch für mehrere Gemeinden zuständig – mit einer 70-Prozent-Stelle. Vielen seiner Kollegen geht es ebenso. Foto: Steffen Giersch
Sie haben Teilzeitstellen und arbeiten oft mehr als sie müssten. Darüber wollen Sachsens Kantoren auf dem Kirchenmusikertag miteinander reden.
»Ich gehöre zu den ersten Kantoren in Sachsen, die in mehreren Gemeinden angestellt sind«, sagt Stefan Gehrt. Zwischen drei Kirchen ist er unterwegs, mit einer 70-Prozent-Stelle. Das bedeutet 28 Arbeitsstunden pro Woche. »Aber nur auf dem Papier. In Wirklichkeit komme ich auf 50 Wochenstunden«, erzählt er.
Mehr Zeit als früher braucht er, um seine musikalische Arbeit zu organisieren. »Früher konnte mir das Gemeindebüro vieles abnehmen.« Doch hier ist der Verwaltungsangestellte bereits für Pfarramt und Friedhof zuständig. »Der macht schon reichlich Überstunden.« Also muss Stefan Gehrt für musikalische Gottesdienste und Konzerte Programme und Ankündigungen selber schreiben, Plakate und Flyer gestalten und drucken lassen, die Finanzen für die Kirchenmusik verwalten.
Damit sich Termine in der einen nicht mit denen in der anderen Gemeinde überschneiden, sind zusätzliche Ausschuss-Sitzungen und Besprechungen nötig. Da bleibt für die Hauptsache – den musikalischen Alltag – nicht mehr viel Zeit. »Ich kann fast nur noch bei Höhepunkten wie Konfirmation oder Festgottesdiensten dabei sein.«
Gemeindezusammenschlüsse, größere Gebiete, weniger Personal – Stefan Gehrt weiß, dass die meisten Kantoren in der sächsischen Landeskirche mit den Folgen davon zu kämpfen haben. Doch jeder stehe wie ein Einzelkämpfer auf seinem Posten. Nun aber wollen sie erstmals gemeinsam nach Lösungen suchen. Gelegenheit dafür sehen er und seine Mitstreiter zum Sächsischen Kirchenmusikertag am 18. September. »Dort kommt es darauf an, dass sich viele ehren-, neben- und hauptamtlich arbeitende Kirchenmusiker zusammenfinden, sich austauschen und deutlich vernehmbar artikulieren«, sagt er.
Ende 2009 hat er gemeinsam mit anderen Kantoren das »Netzwerk Kirchenmusik in Sachsen« initiiert. Drei Hauptprobleme gilt es für sie zu lösen: Erstens müssten alle Verbände, Vereine, Werke, Einrichtungen der Kirchenmusik mit Vertretern der unterschiedlich angestellten Kantoren zusammenkommen. Nach dem Vorbild der Jugendkammer schlagen sie eine »Kammer für Kirchenmusik« vor.
Zweitens wollen sie die bisherige Arbeitszeitkalkulation – 40 Prozent für »öffentlich sichtbare Dienste«, 60 Prozent für alle anderen Arbeiten – zur Diskussion stellen.
Stefan Gehrt schätzt: »Etwa zwei Drittel kommen damit nicht zurecht. Je geringer ihr Anstellungsumfang, desto schlechter funktioniert es.«
Drittens sollen die Kantoren mehr Klarheit über Rechte und Pflichten bekommen. Das mehrbändige Regelwerk dazu sei kaum zu überschauen. »Wir wollen eine Art Kompendium mit dem Wichtigsten daraus zusammenstellen.«
Alte Versorgungsprinzipien für die Kantoren und für die neuen Gemeindestrukturen seien durch Flickschusterei nicht zusammenzukitten, meint Stefan Gehrt. Die Kirchenmusiker brauchten neue Arbeitsbedingungen. »Sonst droht ihnen reihenweise Burnout.«
Sachsens Landeskirchenmusikdirektor (LKMD) Markus Leidenberger stimmt ihm im Grundsätzlichen zu. Heute gebe es vielerorts größere Gebilde, etliche Kantoren arbeiteten mit mehreren Kirchenvorständen zusammen. Die Ordnungen indes stammten aus einer Zeit, da jede Gemeinde ihren Kantor hatte. Änderungsbedarf sieht deshalb auch er. Mahnt allerdings, nicht übers Ziel hinauszuschießen: »Wir müssen das Gegebene behutsam an die neuen Bedingungen anpassen, dabei die Folgen jeder Änderung abschätzen. Eine Veränderung in einer Ordnung zieht Veränderungen in anderen Ordnungen nach sich. Das ist ein kompliziertes Geflecht.« Als LKMD müsse er das Ganze im Blick behalten.
Annehmbare Bedingungen hält auch er für nötig. Schon wegen der enormen Bedeutung der Kirchenmusik. »Chöre und Posaunenchöre sorgen für soziale Kontakte. Sie sind die stabilsten Netzwerke in den Gemeinden.« Inzwischen hätten etliche Chöre auch Sänger, die keine Kirchenmitglieder sind. Durch Musik öffne sich die Kirche nach außen. »Bei Konzerten ist die Schwelle für Nichtchristen viel niedriger.«
Tomas Gärtner
Gegen Klimasünden
15. Juli 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Die sächsische Landeskirche will etwas gegen den Klimawandel tun. Doch es geht nur langsam voran – und die Zeit drängt.
Der Kirchenvorstand war verblüfft. Als eine Energieberaterin im vergangenen September die Bautzener St. Michaels-Kirche, das Pfarrhaus und den Saal der Gemeinde unter die Lupe nahm, präsentierte sie überraschende Ergebnisse: Die Heizung der Kirche verbraucht allein in den Winter-Gottesdiensten so viel Energie wie fünf Haushalte im ganzen Jahr. Der Heizkessel im Pfarrhaus ist doppelt so groß wie nötig und der Ofen im Gemeinderaum uneffektiv. »Das Ausmaß der Energievernichtung hat uns beeindruckt«, sagt Kirchvorsteher Siegfried Kühn. Er diskutiert in seinem Kirchenvorstand nun Konsequenzen aus der Energieberatung. Das Ziel: »Wir wollen 30 Prozent weniger Energie verbrauchen.«
Im Juni trat die Landeskirche einem Klimaschutz-Bündnis aus 23 Kirchen und Entwicklungsdiensten bei. Die EKD-Synode hatte im Herbst 2008 beschlossen: Die Landeskirchen sollten ihre CO2-Emissionen bis 2015 um ein Viertel senken. Doch wie will man das berechnen? Niemand in der sächsischen Landeskirche weiß genau, wie hoch der Kohlendioxid-Ausstoß eigentlich ist. Die Ziele für eine Reduzierung sind dementsprechend schwammig und unkontrollierbar.
Immerhin: Seit dem letzten Jahr bietet die Sächsische Energieagentur SAENA für die Landeskirche mit staatlicher Förderung Energieberatungen an – doch nur 20 von insgesamt 780 Kirchgemeinden hatten wie St. Michael in Bautzen bisher Interesse daran. Der erste kirchliche Praxistag zum Energiesparen im vergangenen Jahr hatte 30 Teilnehmer. Sechs sächsische Kirchgemeinden und kirchliche Einrichtungen arbeiten zudem an der Einführung eines Umweltmanagements nach EU-Regeln, das die Evangelische Akademie Wittenberg unter dem Markennamen »Grüner Hahn« begleitet.
»Diese Angebote sprechen sich nur langsam herum, obwohl wir alle Kirchgemeinden in Sachsen mehrfach angeschrieben haben«, sagt Joachim Krause, der scheidende Umweltbeauftragte der sächsischen Landeskirche. Wegen knapper Kassen scheuten Kirchgemeinden oft vor Investitionen etwa in neue Heiztechnik zurück, so Krause: »Dass sich manche Maßnahme über eingesparte Energie in überschaubarer Zeit wieder refinanziert, ist nicht leicht zu vermitteln«. Hinzu kommt, dass das Engagement für die Bewahrung der Schöpfung vielerorts nicht als kirchliche Kernaufgabe gesehen wird.
»Es hängt immer am Engagement von wenigen, meist ehrenamtlichen Mitarbeitern«, hat Antje Fritzsche von der SAENA bei der Beratung von Kirchgemeinden erfahren. Um mehr Christen in Sachsen zu motivieren, lädt die SAENA gemeinsam mit der Landeskirche am 25. September zum zweiten Umwelt-Praxistag nach Dresden ein.
Das Dresdner Landeskirchenamt will mit gutem Beispiel vorangehen: Dort lässt man jetzt Energiefresser wie Spülmaschinen am Abend laufen, um den Energieverbrauch besser zu verteilen und einzudämmen. Außerdem bezieht die Behörde seit Jahresbeginn ebenso wie etliche Kirchgemeinden nur noch Öko-Strom und will damit den CO2-Ausstoß um 124 Tonnen verringern. Das Chemnitzer Regionalkirchenamt wird im nächsten Jahr nachziehen.
Auch einige Einrichtungen der Diakonie Sachsen setzen auf Energie aus Sonne, Erde und Holz. Am Radebeuler Stammsitz wurde im März eine Energieoptimierungsanlage in Betrieb genommen, die jährlich 12,5 Tonnen CO2 sparen soll. Doch unter zunehmendem Kostendruck gerät bei diakonischen Einrichtungen der Klimaschutz mitunter ins Hintertreffen.
Die Landessynode hatte das Landeskirchenamt bereits im April 2007 um die Berücksichtigung des Klimaschutzes bei Bauvorhaben gebeten. Doch in der landeskirchlichen Bauordnung spielt dieses Anliegen bis heute keine Rolle. »Der Klimawandel betrifft uns alle«, hatte die sächsische Kirchenleitung im Vorfeld der Weltklimakonferenz 2009 gemahnt: »Die Zeit der Beschwichtigung ist vorbei.« Das gilt auch für die Kirche selbst.
Andreas Roth
Internetseite der Sächsischen Energieagentur SAENA mit Beratungsangeboten für Kirchgemeinden: www.saena.de
Viel Geduld nötig
27. Mai 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Seit Jahren helfen sächsische Christen in Rumänien. Wirtschaftskrise und fehlendes Sozialsystem machen das auch in Zukunft nötig.

Westen trifft Osten, EU trifft Armut – in Rumänien ist das Alltag. Die Wirtschaftskrise trifft die Rumänen viel härter als die Deutschen – deshalb ist Hilfe weiter nötig. Foto: Steffen Giersch
Wer die Sozialarbeit in Rumänien unterstützen will, muss einen langen Atem haben – auch finanziell. »Derzeit ist nicht abzusehen, dass sich der rumänische Staat für soziale Projekte einsetzt«, sagt der Dresdner Sozialpädagoge Frank Roth. Er ist bei der Diakonie – Stadtmission Dresden angestellt und koordiniert gemeinsam mit rumänischen Partnern über den Verein Copiii Europei (Kinder Europas) im siebenbürgischen Brasov (Kronstadt) soziale Projekte.
Sie helfen Behinderten in rumänischen Dörfern und haben das ehemalige Pfarrhaus in dem 600 Einwohner-Ort Dacia (Stein) zu einem Bildungs- und Begegnungszentrum für Christen aus Ost und West ausgebaut. »Anfangs wollten wir die Arbeit nur von außen anschieben, die Rumänen sollten sie selbst weiterführen«, erzählt Frank Roth. »Von dieser Vision mussten wir uns aber verabschieden.«
Zudem sorge die rumänische Regierung mit unsozialen Entscheidungen dafür, dass noch mehr Hilfe gebraucht werde. Ab September zum Beispiel sollen alle Schulen mit weniger als zweihundert und alle Kindergärten mit weniger als hundert Kindern geschlossen werden. »Die armen Familien in Dacia, vor allem die Roma, können sich nicht leisten, ihre Kinder in die nächste Kleinstadt zu schicken«, sagt Roth. Deshalb soll jetzt im Dorf eine kleine Notschule aufgebaut werden. Der Verein braucht nach eigenen Angaben heute für seine Arbeit etwa viermal so viel Geld wie vor drei Jahren.
14 sächsische Kirchgemeinden mit Kontakten nach Rumänien sind offiziell bekannt, meist kleine Initiativen. Hinzu kommen selbständige Vereine. Am wirksamsten könne man helfen, wenn man Initiativen vor Ort mit Spendengeldern unterstütze, meint Dorothea Böhme aus der Kirchgemeinde Lichtenstein. Noch in den 1990er Jahren hatte ihre kleine Gruppe mit einer mobilen Zahnarzt-Einheit Waisenkinder in einem siebenbürgischen Dorf behandelt. Die wollten sie Fachleuten vor Ort überlassen. Doch diesen Plan mussten sie aufgeben.
»Wer die Menschen dort motivieren will, braucht Geduld«, meint Renate Greuner von der Initiative Rumänien in Dresden. Die Rumänieninitiativgruppe Bautzen, hervorgegangen aus der Jugendarbeit der St.-Petri-Kirchgemeinde, unterstützt seit Jahren mit Freiwilligen und Spenden einen Verein im siebenbürgischen Cristuru-Secuiesc. Der betreut in Wohngruppen Kinder und Jugendliche, die zuvor in einem Kinderheim lebten. Im Oktober des vergangenen Jahres konnten sie dort ein Jugendbildungszentrum eröffnen.
Eine Organisation vor Ort unterstützt auch die Rumänieninitiative Lauterbach bei Dresden: die Roma-Kirche (lesen Sie dazu den Info-Kasten). Mit Spenden ermöglichen die Sachsen es Roma-Jugendlichen, das Lyzeum zu besuchen oder die Universität. »Bildung ist entscheidend für die Integration in die Gesellschaft«, sagt Matthias Netwall. »Und wer studiert, hat Aussicht auf eine gut bezahlte Arbeit. Das kommt später auch ihrer Gemeinschaft zugute.«
Reichtum und Einkaufszentren nach westlichem Standard könne man in Rumänien sehen, sagt Netwall. Aber daneben extreme Armut. »Die Wirtschaftskrise hat dort viel härter zugeschlagen als in Deutschland.« Mieten, Kosten für Wasser, Strom, Gas und Heizung seien enorm gestiegen. Er hat von Rentnern gehört, die Kredite aufnehmen, um im Winter die Heizung bezahlen zu können.
Auch die geistliche Unterstützung dürfe nicht unterschätzt werden, meint Margarethe Engling aus der Trinitatis-Gemeinde in Hohenstein-Ernstthal. Sie besucht mit einer Gruppe regelmäßig zwei Suchtkliniken des Blauen Kreuzes in Siebenbürgen. »Wir geben Zeugnis von eigenen Erfahrungen, machen Mut, mit Hilfe des Glaubens vom Alkohol wegzukommen.«
Trotz aller Schwierigkeiten haben Frank Roth und seine Mitstreiter einiges erreicht: Arme Familien mit Behinderten aus dem Dorf verdienen mit selbst produzierten Gegenständen und Dienstleistungen etwas Geld dazu. Die Leute zeigten mehr Achtsamkeit untereinander. Hoffnung mache ihm noch etwas anderes: Auch in der rumänisch-orthodoxen Kirche gebe es mittlerweile erste Ansätze für eine Sozialarbeit.
Tomas Gärtner
Sterbenskrank
4. Februar 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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© David Harding (Fotolia.com)
Freitod? Selbstmord? Wenn ein Mensch seinem Leben ein Ende macht, ist er weder frei noch ein Mörder, sondern oft geplagt von einer seelischen Krankheit.
Wie eine dunkle Wolke zog das Unheil herauf. »Man spürte es«, sagt Ingrid Weber (Name geändert), »ohne es greifen zu können.« Es nahm seinen Anfang, als ihr Mann beim Skifahren verunglückte. Sein gebrochener Arm verheilte. Das Leben aber des kräftigen Mannes – gut 60 Jahre alt, Chef einer großen Behörde in einer sächsischen Kleinstadt – hatte einen Riss bekommen. Ingrid Weber bemerkte ihn lange nicht.
Sie sah nur, wie bei ihrem Mann Krankheit um Krankheit folgte. Wie er abnahm: »Ein Mensch, der nicht mehr wird.« Wollte sie mit ihm über das Dunkle reden, das sie sich zusammenziehen spürte, sah er stumm weg. Nicht einmal Streit gab es, nicht einmal am Stammtisch sprach er viel. Als Ingrid Weber vor beinahe zwei Jahren zur Silberhochzeit ihrer Eltern fuhr, verabschiedeten sie sich mit einem Kuss. Wie immer.
Am nächsten Tag – das Erzgebirgsvorland stand im Frühling – kehrte sie zurück und fand ihn im Auto. Ihr Mann hatte seinem Leben ein Ende gesetzt, so wie 616 Sachsen im letzten Jahr. Schock – mehr spürte Ingrid Weber nicht. Nur noch den inneren Schrei: »Das tust Du mir nicht an!« Dann kamen die Schmerzen der Trauer. Und die Vorwürfe. »Ich habe mich zermartert«, sagt die 51-Jährige. »Warum habe ich es nicht gemerkt? Ich hätte es merken müssen.«
Ihr Geschichte ähnelt der des Nationaltorwarts Robert Enke. Noch am 10. November lehnte der eine Behandlung in einer psychiatrischen Klinik ab. Es gehe ihm gut, sagte er – Stunden später war er tot. Versuchte Suizide sind oft Hilferufe in tiefen Krisen. »Doch von den Menschen, die sich wirklich selbst töten, leiden über 90 Prozent zumindest im unmittelbaren Vorfeld an einer psychischen Erkrankung«, sagt der Dresdner Professor Werner Felber, langjähriger Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention. Meist sind es schwere Depressionen, zu denen mitunter auch Suchterkrankungen oder psychotische Störungen kommen. Das ist keine Freiheit – kein Frei-Tod. Und schon gar kein Selbst-Mord, wie die kirchliche Tradition Jahrhunderte lang urteilte.
»Wenn jemand sagt: Ich habe keinen Lebensmut mehr, alles ist sinnlos, ich bin völlig verzweifelt – bei solchen Signalen müssen wir hellhörig werden«, sagt der Psychiater Werner Felber. »Man sollte sich trauen, auf die Person zuzugehen und sie auf ihre Nöte anzusprechen.« Die Telefonseelsorge, der Hausarzt oder der sozial-psychiatrische Dienst der Städte und Landkreise können helfen.
Dass der Wunsch zu sterben nicht der Schlusspunkt bleibt, hat Ute Lewitzka bei ihren Patienten oft erlebt. »Mit ein paar Tagen Abstand bewertet man die Dinge oft anders«, sagt die Oberärztin am Dresdner Universitätsklinikum. Gemeinsam mit ihren Patienten sucht sie nach Kraftquellen, die ihnen Halt geben in der Krise: Familie, Hobbys, der Glaube.
Hilfe fand auch Ingrid Weber. In einer Selbsthilfegruppe des bundesweiten Vereins »Angehörige um Suizid« (AGUS), die in Freiberg von der Diakonie ins Leben gerufen wurde. Dort konnte die Christin reden – auch über das, was sie an dem Tod ihres Mannes nicht versteht: »Er hatte doch mich, er hatte eine Familie. Man fühlt sich und die eigene Liebe weggestoßen.« So sitzt sie manches Mal an seinem hölzernen Schreibtisch, seine Augen lachen von einem Foto.
Oft muss sie an die Frau des Fußballtorwarts Robert Enke denken, die glaubte: Mit Liebe geht das, auch in der tiefsten Depression. Ingrid Weber sagt: »Man kann eben mit Liebe niemanden retten.« Dass die Liebe den Tod überlebt, das ist ihr ebenso gewiss.
Andreas Roth
Der Verein AGUS für Hinterbliebene im Internet
Steter Tropfen
25. September 2009 von Redaktion DER SONNTAG
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Steter Tropfen höhlt den Stein« möchte man sagen angesichts des Koalitionsvertrages zwischen sächsischer CDU und FDP. Zumindest was die Sonntagsöffnung von Videotheken und Autowaschanlagen betrifft. Das fordert die FDP in Sachsen seit Jahren: Bereits zu Beginn der vorigen Legislaturperiode, im Dezember 2004, hatte sie einen derartigen Antrag ins Landesparlament eingebracht. Damals galt bei der CDU noch das Bekenntnis zum Sonntagsschutz.

Foto: MrK001 (sxc.hu)
Nun gut, könnte man sagen. Wen stören schon offene Autowaschanlagen am Sonntag? Und Videoschauen gehört vielleicht zu manchem Sonntagsvergnügen. Doch was für eine Einstellung steht dahinter? Was ist der Sonntag, den Menschen noch wert? Einkaufen scheint eines der beliebtesten Freizeitvergnügen zu sein. Der Andrang in immer größeren, neueren Einkaufszentren spricht für sich.
Vielleicht sagen dann manche Politiker um der Wählergunst willen eines Tages: Wenn Familien so gern Ausflüge in »Einkaufstempel« machen, warum sollen sie das nicht auch sonntags können? In die eigentlichen Tempel, sprich die Kirchen, geht ja sowieso kaum noch jemand am Sonntag. Und: Die meisten Feiertage sind ja jetzt schon nur noch Anlässe, der Kauflust zu frönen. Wozu brauchen wir sie dann noch? Das sind die Fragen, die eigentlich hinter den Autowaschanlagen und Videotheken stehen. Und wenn sie niemand mehr stellt, heißt es weiter: »Steter Tropfen …«.
Darauf sollten wir Christen immer wieder den Finger legen. Denn zu den Grundlagen unseres Zusammenlebens gehören immer noch die zehn Geboten, deren drittes lautet: Du sollst den Feiertag heiligen.
Christine Reuther
Enttäuscht von Schwarz-Gelb
25. September 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen
Kirchen kritisieren Koalitionsvertrag der künftigen sächsischen Regierung
Die beiden großen Kirchen in Sachsen haben den Koalitionsvertrag von CDU und FDP wegen der darin enthaltenen Aufweichung des Sonntagsschutzes scharf kritisiert. Landesbischof Jochen Bohl sagte, er sei enttäuscht von der CDU und warf der Koalition eine »Politik gegen die Menschen» vor. Mit Verweis auf das Dritte Gebot forderte der Landesbischof, dass der Sonntag kein Tag werden dürfe wie jeder andere.
Der am vergangenen Mittwoch von CDU und FDP vorgestellte Koalitionsvertrag schreibt fest, dass künftig Videotheken und Autowaschanlagen auch sonntags öffnen dürfen.
Die sächsische Diakonie übt ebenfalls harte Kritik an der neuen Koalition aus CDU und FDP. »Das Wort Armut oder Armutsbekämpfung taucht im Koalitionsvertrag von CDU und FDP an keiner Stelle auf«, sagt Christian Schönfeld, Vorstand des Diakonischen Werkes der Landeskirche. »Rund ein Viertel der Bevölkerung fällt damit aus dem Blick der beiden Regierungsparteien einfach heraus.« Nirgends sei in dem Papier von Gemeinwohl und sozialer Gerechtigkeit die Rede.
Nach Ansicht des Diakonie-Chefs sei eine Verbesserung des Betreuungsschlüssels in Kindergärten dringlicher als die nun von CDU und FDP beschlossene Flexibilisierung der Kita-Öffnungszeiten. Schönfeld forderte die neue Staatsregierung zur Solidarität mit den Städten und Gemeinden auf. »Wir können nur hoffen, dass der Freistaat mit seinen Landkreisen und Kommunen, deren öffentliche Armut durch den Steuerausfall noch deutlich steigen wird, tatsächlich solidarisch ist und sie in die Lage versetzt, ihre sozialen Aufgaben auch zu erfüllen.«
Positiv bewertet die evangelische Landeskirche dagegen, dass die neue Regierung die bisherige finanzielle Unterstützung für freie – auch konfessionelle – Schulen überprüfen will. Der Bischof des katholischen Bistums Dresden-Meißen, Joachim Reinelt, hofft deshalb, »dass nun endlich die Ungerechtigkeit in der Berechnungsformel für die Zuschüsse für Schulen in freier Trägerschaft nicht nur untersucht, sondern auch korrigiert« werde. »Wir brauchen keine Trostpflästerchen, sondern Gerechtigkeit«, so Reinelt.
Andreas Roth / epd
Das Amt der Einheit
3. September 2009 von Redaktion DER SONNTAG
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Seit fünf Jahren ist Sachsens Landesbischof Jochen Bohl im Amt. DER SONNTAG befragte ihn zu seinem Glauben, unserer Kirche und dem Zeitgeschehen.
Hat sich der Mensch und Christ Jochen Bohl durch das Bischofsamt verändert?
Ein anderer Mensch bin ich nicht geworden. Aber mit diesem Amt und seiner umfassenden Beanspruchung zu leben, das hat mich verändert und prägt mich sehr.
Haben Sie als Bischof Erkenntnisse gewonnen, die in Ihrem Glaubensweg vorher nicht so deutlich waren?
Jeder Mensch lernt unentwegt, und auch das Leben im Glauben kennt keinen Stillstand. Zum Beispiel habe ich im letzten Jahr beim Pfarrertag über die Opfertheologie gesprochen, weil ich denke, sie ist in den Gemeinden dran. Unter der Pfarrerschaft ist das ebenfalls ein wichtiges Thema – und auch für mich selbst hat die intensive Arbeit Klärung bewirkt.
Brauchen wir den Opfertod Jesu, um selig zu werden?
Christus ist für uns gestorben und das bedeutet: Er ist für mich gestorben, denn wie jeder Mensch bin ich der Macht der Sünde verhaftet – das kann man sich auch nicht aussuchen. Insofern halte ich es für verfehlt, wenn man sich vom Gedanken, dass Christus für uns an das Kreuz ging, verabschieden würde. Manche denken, dass dieser Glaubenssatz in dieser Zeit nicht vermittelt werden könne. Das sehe ich anders, denn es ist ja nicht so, dass Gott versöhnt werden müsste, was viele irrtümlich denken – als sei es ein rachsüchtiger Gott, dem ein Opfer gebracht wird. Sondern es geht darum, dass Christus ein Opfer gebracht hat, um für uns die Trennung von Gott zu überwinden.
Wie wörtlich müssen wir biblische Aussagen nehmen?
Man darf die Bibel nicht nur als ein Dokument einer vergangenen Zeit lesen. Wenn Menschen sagen, für sie ist die Bibel das unverfälschte Wort Gottes, so freue ich mich darüber und sage: ja, auch ich begegne in ihr der persönlichen Anrede Gottes. Zugleich ist mir die historisch-kritische Erforschung unverzichtbar. Denn es ist ja offenkundig, dass auch die biblischen Autoren unterschiedliche Akzente setzen, die verstanden und eingeordnet sein wollen. Johannes schreibt das Evangelium anders als Markus, und Lukas zeigt insbesondere die soziale Dimension der Guten Nachricht auf. Insofern wird eine gute und gründliche theologische Ausbildung der Pfarrer unbedingt gebraucht, darauf werden wir auch in Zukunft großen Wert legen.
Wie sehen Sie das Verhältnis zu den Freikirchen?
Ich möchte da unterscheiden zwischen den traditionellen Freikirchen, die es seit langem gibt, und den Gruppierungen, die sich in den letzten Jahren von unserer Landeskirche getrennt haben. Letzteres empfinde ich als ein ernstes Problem, und zwar für beide Seiten. Es ist schmerzhaft, wenn Menschen unsere Landeskirche verlassen. Das gilt umso mehr, wenn sie ihren Glauben besonders ernst nehmen wollen. Ich frage aber, ob es sich nicht meist um eine erste Begeisterung handelt, die mit einem fehlenden Verständnis für das Vertraute einhergeht. Oft kommt nach kurzer Zeit die Erkenntnis, dass Probleme geblieben sind und es unverändert schwer ist, damit umzugehen. Die Landeskirche bietet so viele Möglichkeiten, den eigenen Glauben zu leben, dass der Entschluss, sich von der Landeskirche zu trennen, meist doch sehr leichtfertig anmutet. Wir sollten uns schon bemühen, beieinander zu bleiben. Auch ich möchte meinen Beitrag dazu leisten, denn das Bischofsamt ist das Amt der Einheit.

Wir haben starke Landeskirchliche Gemeinschaften. Wie sehen Sie diese eigenen Strukturen innerhalb der Ortsgemeinden?
Das Verhältnis zur Landeskirchlichen Gemeinschaft schätze ich als sehr gut ein, sie ergänzt unseren Dienst. Wir sind in einem ständigen Gesprächsprozess und ich schätze an den Schwestern und Brüdern, dass sie die Einheit der Landeskirche als hohes Gut ansehen. Das ist besonders wichtig, weil der Zeitgeist auf Trennung aus ist. Wir leben im Zeitalter der Individualisierung und der Pluralisierung der Lebensmöglichkeiten. Jeder Mensch hat viele Optionen, sein Leben zu gestalten. Davon wird auch die Kirche beeinflusst. Um so wichtiger ist es, dass wir in das Gebet Jesu einstimmen, »dass sie alle eins seien« (Johannes 17).
Wären nicht etwas freiere Strukturen gut: dass Gemeinden mehr Verantwortung für Geld und Personal haben?
Die Kirchgemeinden haben bereits seit einigen Jahren die Möglichkeit, zusätzliches Personal aus eigenen Mitteln zu beschäftigen. Zugleich werden wir alles tun, was in unseren Möglichkeiten steht, um die Personalausstattungen im Verkündigungsdienst so gut zu halten, wie es eben möglich ist. Im Vergleich der EKD-Kirchen schätze ich die Finanzausstattung der sächsischen Kirchgemeinden als überdurchschnittlich ein.
Wie kann die Kirche auf die alternde Gesellschaft reagieren?
Unsere Zielgruppe Nummer eins sind Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene und Familien. Wir wollen alles mögliche tun, um ihnen in unserer Kirche eine Heimat zu bieten. Gerade in der Kindergartenarbeit haben wir Anknüpfungspunkte, um mit jungen Eltern zu sprechen, die ihre Kinder in einen unserer Kindergärten schicken. Dieser ganze Bereich hat hohe Priorität, vor allem aus missionarischen Gründen. Was nicht bedeutet, dass wir die Alten aus dem Blick verlieren. Ich freue mich ganz besonders darüber, dass die Zahl der Ehrenamtlichen stetig steigt. Da sind viele Ältere darunter. Ich bin dankbar, dass sie das Leben in der Landeskirche in starkem Maße prägen.
Sehen Sie in unseren Gemeinden die unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten ausreichend repräsentiert?
Leider nicht, so erreichen wir unter den Jugendlichen im Wesentlichen Gymnasiasten. Mittel- und Hauptschüler kommen bei uns leider schon seit langem zu kurz. Dass wir alle gleichermaßen ansprechen können, ist unter den Bedingungen der Individualisierung wohl nicht möglich. Dennoch empfinde ich das Fehlen ganzer Bevölkerungsgruppen im kirchlichen Leben schon als ein Manko, das uns nicht ruhen lassen sollte. Deswegen ist zum Beispiel die sozial-diakonische Jugendarbeit so wichtig.

Täte nicht mehr Armut oder Demut der Kirche gut?
Ich bin der festen Überzeugung, dass wir auch als arme Kirche in der Lage wären, Christus zu bezeugen. Aber wir sollten uns eine solche Situation nicht herbei wünschen. Schon deswegen nicht, weil wir dann nicht die Mittel hätten, den Armen zu helfen. Was da von Kirche und Diakonie getan wird mit Spenden, Kollekten, Kirchensteuern, ist bemerkenswert. Demut wiederum ist eine geistliche Haltung, zu der niemand ein für alle mal gefunden hat. Wer sie einnimmt, wird an die Seite der Armen und Schwachen treten. In Deutschland ist es lange Tradition, dass die Kirche sich aus diesem Grund einmischt in die Gesellschaft – und das werden wir auch weiter tun.
Können Sie Beispiele nennen?
Beim Schutz des Sonntags beispielsweise. Oder denken sie daran, was in den letzten Jahren für behinderte Menschen in Sachsen erreicht worden ist. Da hat sich die Diakonie von unserem Menschenbild her eingebracht. Was wir von der aktuellen Krise des Finanzsystems oder dem politischen Extremismus halten, kann jeder wissen. Aber wir spielen als Kirche eine andere Rolle als Parteien. In der Frage des Mindestlohns etwa haben wir keine besondere Kompetenz und sollten auch nicht so tun, als hätten wir sie.
Müsste Kirche nicht viel mehr intervenieren, wenn sich in der Gesellschaft Missstände auftun?
Ob wir zu viel reden oder zu wenig – diese Frage stelle ich mir ständig. Und ich bin mir nie sicher, ob wir das rechte Maß finden. Aber ich möchte davor warnen, das nur daran zu messen, ob etwas in der Zeitung steht. Wir sind ununterbrochen im Gespräch mit Vertretern der Politik und Wirtschaft über ethische Fragen und konkrete Gesetzesvorhaben. Die Kirche hat einen beträchtlichen Einfluss auf die Politik.
Viele Menschen beschäftigt der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr. Wie stehen Sie zu diesem Krieg?
Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein, an dieser Einsicht kann die Kirche nicht vorbei. Zugleich gilt es in einer gefallenen Schöpfung, dem Bösen zu wehren. Den ISAF-Einsatz in Afghanistan hat die Weltgemeinschaft beschlossen, um Frieden herzustellen und größeres Unheil abzuwenden – darum ist die Beteiligung der Bundeswehr nicht zu beanstanden. Dennoch bleibt für mich große Skepsis über die Ziele und ob sie erreicht werden können. Im übrigen werde ich im Oktober sächsische Soldaten und unseren Frankenberger Pfarrer Fritzsch in Faisabad besuchen, um Unterstützung in ihrer gefährlichen Situation für sie zum Ausdruck zu bringen.
Wie beurteilen Sie den Ausgang der Landtagswahl?
Ich hoffe, dass die starken Stimmenverluste der NPD für sie der Anfang vom Ende sind; und dafür bestehen gute Aussichten. Was die erneut gesunkene Wahlbeteiligung angeht, so finde ich sie im Jahr 20 nach der Friedlichen Revolution beschämend.
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