Weniger ist nichts

11. Februar 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Sachsen

2011 soll der Zivildienst von neun auf sechs Monate verkürzt werden. Unmöglich, meinen Verantwortliche in Einrichtungen der Diakonie wie dem Sächsischen Epilepsie­zentrum in Kleinwachau.

Kaffee kochen, Frühstück bringen und Zeit für ein Schwätzchen haben: Der 18-jährige Zivildienstleistende Alexander Graf arbeitet in der Seniorenstätte des Sächsischen Epilepsiezentrums in Kleinwachau. Foto: Steffen Giersch

Kaffee kochen, Frühstück bringen und Zeit für ein Schwätzchen haben: Der 18-jährige Zivildienstleistende Alexander Graf arbeitet in der Seniorenstätte des Sächsischen Epilepsiezentrums in Kleinwachau. Foto: Steffen Giersch

Alexander Graf deckt den Frühstückstisch der Seniorenstätte. Dann gießt er Dietmar Naake, einem der Bewohner, eine Tasse Tee ein. Zeit für ein kurzes Gespräch.
14 solche Zivildienstleistenden wie Alexander Graf beschäftigt das Epilepsiezentrum. Sie unterstützen die Pfleger in den Wohneinheiten, helfen in den Werkstätten, bei schwerst-mehrfach-behinderten Schülern, transportieren das Essen mit dem Kleintransporter, erledigen Reparaturen.

Von den fast 6400 Zivildienstplätzen in Sachsen insgesamt sind derzeit reichlich 4000 besetzt. Die Diakonie, sagt Jens Kreuter, Bundesbeauftragter für den Zivildienst, sei größter Träger für Zivis im Osten Deutschlands. Mehr als 600 beschäftigt sie im Moment. Zwei Drittel von ihnen in Pflege oder Betreuung.
»Sie tun all das, was unsere Mitarbeiter nicht schaffen«, sagt Martin Wallmann, Geschäftsführer des Epilepsiezentrums. Dafür gibt seine Einrichtung für jeden Zivi rund tausend Euro aus.

Die neun Monate sehen die jungen Männer nicht als vergeudete Lebenszeit. Hier hätten sie mehr gelernt als in den Jahren der Abiturzeit zuvor, sagen mehrere von ihnen.
Ihren Nachfolgern wird dafür weniger Zeit bleiben. Zu Jahresbeginn 2011 soll die Zivildienstzeit auf sechs Monate verkürzt werden. So sieht es die Vereinbarung der schwarz-gelben Koalitionsregierung vor.

Landesbischof Jochen Bohl hält dies für fatal. Damit bleibe keine Zeit, eine Beziehung zwischen Zivi und Behindertem aufzubauen. Neun Monate Zivildienstzeit seien schon die unterste Grenze gewesen, sagt er. »Ich rate deshalb dringend davon ab, eine weitere Verkürzung des Zivildienstes zu beschließen.«
Der ständige Wechsel der Bezugspersonen sei den Bewohnern nicht zuzumuten, sagt Martin Wallmann. »Wir werden uns ernsthaft überlegen, ob wir dann noch Zivildienstleistende einstellen.« Vorerst wolle er das Gesetz abwarten.

Von den sechs Monaten gehen die Wochen für die obligatorischen Lehrgänge, Urlaub und Einarbeitungszeit ab. Am Ende blieben vielleicht vier Monate realer Dienstzeit, schätzt Volkmar Barthel, der Leiter der Wohnbereiche im Epilepsiezentrum. Zudem bliebe eine Lücke von Februar bis Sommer, in der zu wenige Zivildienstpflichtige zur Verfügung stünden, sagt eine Diakoniesprecherin. Für die Zivis wiederum entsteht eine »biografische Lücke«, wie Jens Kreuter es ausdrückt. Nach sechs Monaten Dienst müssen sie drei Monate oder länger bis zum Studium überbrücken. Größtes Problem für sie: Wovon sollen sie in dieser Zeit leben?

Welche Auswege gäbe es? Die freiwillige Verlängerung – beim Militärdienst jederzeit möglich – sei beim Zivildienst nicht zulässig, sagt Kreuter. Martin Wallmann kann seinen Zivis nur anbieten, dieselbe Arbeit als Ehrenamtliche zu erledigen, für 100 Euro Aufwandsentschädigung. Doch muss er zugeben: »Ich würde das auch nicht machen.« Eine andere Möglichkeit: Die Zivis als Ungelernte weiter beschäftigen. Allerdings müsste er sie dann nach Tarif bezahlen. Das würde seine Einrichtung jährlich rund 250 000 Euro zusätzlich kosten. Geld, das er nicht hat. Ohne Zivis sei eine mindere Qualität der Betreuung unausweichlich, fürchtet er.

Diskutiert wird auch eine Art Sozial­dienst für alle. Ganz nebenbei könnte der mit der Tatsache Schluss machen, dass nur Männer dienen müssen, Frauen jedoch verschont bleiben. Doch Jens Kreuter winkt ab: »Einen Zwangsdienst lässt das Grundgesetz nur in einem Fall zu: bei der Landesverteidigung.« »Wie wäre es mit einem sozialen Praxisjahr für alle Schüler?« fragt Wohnbereichsleiter Barthel. »Das könnte der Schlüssel sein«, meint Kreuter. Ein zusätzliches Schuljahr wäre Sache der Bildung, kein Zwangsdienst. »Aber wenn überall die Verkürzung von Schul- und Studienzeiten angestrebt wird, halte ich das für wenig wahrscheinlich.«

Wann der Bundestag die Verkürzung der Zivildienstzeit beschließt, kann Jens Kreuter noch nicht sagen. Die Entscheidung jedoch gilt als sicher. Die Uhr tickt. Eine generelle Linie, wie künftig zu verfahren sei, sagt eine Sprecherin, gebe es in der sächsischen Diakonie aber noch nicht.

Tomas Gärtner