Der bergende Schatten des Kreuzes

26. März 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Schatten

Der Menschensohn muss erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.
Johannes 3, Verse 14b und 15

Erinnern Sie sich, wie Sie als Kind erstmals ihren eigenen Schatten bemerkt haben? Man kann dann tun, was man will. Der Schatten bleibt. Man wird ihn nicht los. Aus dieser Kindheitserfahrung wird Ernst, wenn im Laufe des Lebens die Schatten, die ich werfe, länger und dunkler werden. Was dann folgt, kennen wir, wenn wir uns selbst kennen. Wir wollen den Schatten loswerden, wollen weg von der Schattenseite unseres Lebens, weg von den dunklen Stellen. Aber gibt es ein Entrinnen? Kann ich vor dem, was ich bin und hinterlasse davon laufen?

Auch als Gesellschaft ist uns dieses Verhalten nicht fremd. Was tun wir nicht alles, um den dunklen Schatten früherer Fehler zu entkommen. Aber alles kollektive Schweigen, alles Vertuschen und unter den Teppich kehren hilft nicht. Die Flucht vor den Schatten wird zu einem Wettlauf mit der Zeit. Es sei denn, es gibt ein Innehalten. Verbunden mit einem einzigen Schritt. Auch das ist wieder so eine Erfahrung aus der Kindheit. Um den eigenen Schatten loszuwerden, genügt es schon, in den Schatten eines Baumes zu treten.

Über alle Zeiten hinweg haben Christen in dem Kreuz Jesu den Baum des Lebens gesehen. Weil sie in den Schatten dieses Baumes treten können. Mit dem eigenen Schatten, mit dem Wust des eigenen Lebens, mit der Last der Vergangenheit, mit dem Versagen gegenüber anderen.

Mit den Schattenseiten unseres Lebens können wir uns in den bergenden Schatten des Kreuzes Christi begeben. Hier ist der Schatten meines Lebens genommen. Ich muss nicht mehr fliehen. Ich kann darauf setzen, ins Licht zu kommen. Das heißt: zum Leben; im Schatten des am Kreuz erhöhten Christus zum ewigen Leben.

Sebastian Feydt

Der Autor ist Pfarrer an der Dresdner Frauenkirche.

Groß ist, wer in die Knie gehen kann

19. März 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele. Matthäus 20, Vers 28

Seit einigen Tagen hängt eine Kinderzeichnung über meinem Arbeitstisch. Sie zeigt einen Mann. Er kniet auf der Straße. Neben ihm eine Frau. Sie liegt auf der Straße. Das kleine Mädchen, von dem dieses Bild stammt, hat dazu gesagt: »So ist Jesus«. Und seine Mutter hat es genau so unter das Bild geschrieben. So ist Jesus: bei den Menschen auf der Straße. Gebückt, gebeugt, in die Knie gegangen. Hinabgestiegen bis auf die letzte Stufe. Tiefer geht es nicht.

49314_9990Das ist die Haltung, mit der Jesus sich in die Köpfe und Herzen der Menschen eingezeichnet hat. Als einer, der für andere da ist, für sie lebt. Jesus, der Diener. Das ist die Haltung, die das kleine Mädchen verinnerlicht hatte: Jesus ist vor den Menschen in die Knie gegangen. Er ist herunter gekommen. Er hat sich herab gelassen. Aber nicht in einer herablassenden Geste, sondern liebevoll: um in Liebe die Last anderer zu tragen; um Verhältnisse, die schwer zu ändern oder gar unabänderlich sind, überhaupt zu ertragen. Wenn es sein muss, ohne Rücksicht auf den Verlust des eigenen Lebens.

Dieser Haltung wird wohl nie der große Erfolg beschieden sein. Sie erscheint eher wie eine Niederlage, wie eine Erniedrigung. Wie viele Kinder und Jugendliche meinen heute, sich für andere hinzugeben bedeute, sich klein zu machen, ein Versager zu sein? Hingabe heißt aber zu geben, zu ertragen, mit zu leiden. Hingabe heißt, einem Auftrag zu folgen.

Haben Sie auch ein Bild vor Augen, das die Grundhaltung christlicher Ethik zeigt? Vermitteln wir, worauf es im Leben ankommt; was dem Leben dient: Stark ist es, dem Schwachen zu dienen. Groß ist, wer in die Knie gehen kann.

Sebastian Feydt

Der Autor ist Pfarrer an der Frauenkirche Dresden.

Wo einst der Tod herrschte, wächst neues Leben

12. März 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. Johannes 12, Vers 24

Neues Leben

Gedeihende Pflanzen können eine Anfechtung sein. Als ich vor Jahren an einem Sommertag durch das ehemalige Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ging, konnte ich die blühenden Blumen im Gras über dieser grauenvollen Grabstätte kaum ertragen. Und doch ist mir gerade dieser Anblick bis heute unvergessen geblieben.

Ich erinnere mich an ihn, wenn ich vor den Toren Leipzigs stehe – dort auf der blutgetränkten Erde der einstigen Völkerschlacht. Heute wachsen dort Wohnhäuser aus dem Boden, in denen sich Menschen lieben, vor deren Haustüren Kinder spielen und lachen. Blühendes Leben bricht sich Bahn.

Genau so wie in dem jüngst eröffneten Hotel am Dresdner Neumarkt. Dort, wo vor 65 Jahren viele Tausend Menschen zu Tode kamen, dort wächst heute ein Ort internationaler Begegnungen. Friedvoll sitzen abends die Enkel und Urenkel der einstmals Verfeindeten an der Hotelbar zusammen: Polen neben Deutschen, Franzosen neben Öster­reichern, dazwischen Russen, Briten, Amerikaner und Japaner. Viele von ihnen haben tagsüber die wieder errichtete Frauenkirche besucht. Und dabei das Turmkreuz der vormaligen Frauenkirche gesehen.

War der Anblick dieses unansehnlichen, verbogenen und verkrümmten Kreuzes inmitten der strahlenden Kirche für sie eine Anfechtung? Oder vermittelt gerade dieses Kreuz Christi, was es heißt: Durch den Tod hindurch entsteht neues Leben. Aus dem Boden des Todes ragen nicht ewig die Zeichen der Vergänglichkeit. Es sind nicht für immer die Trümmer des Krieges und der Zerstörung, sondern es sind Anzeichen neuen Lebens. Die Früchte dieses Lebens sind die Versöhnung und der Frieden.

Sebastian Feydt

Der Autor ist Pfarrer an der Dresdner Frauenkirche.

Christen sollen nicht beliebt sein, sondern tatkräftig

5. März 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.
Lukas 9, Vers 62

So etwas ist auch heute nicht beliebt. Sich erst freiwillig melden und dann, wenn es ernst wird, einen Rückzieher machen. »Ich müsste erst noch …So radikal hatte ich es mir dann doch nicht vorgestellt.« Was lässt sich mit solch einer halbherzigen Haltung anfangen? Nichts! Nichts Neues lässt sich aufbauen, kein Aufbruch wagen.

Es sind drei, die vorhaben, Jesus zu folgen. Aber keiner der drei ist frei von dem, was bisher das Leben bestimmte. Keiner will wirklich loslassen. Jesus erleben sie in dieser Situation nicht als Seelsorger, sondern als einen Wegbegleiter, der harte Anforderungen stellt. Wer mit ihm gehen will, darf sich nicht durch zögerliche Rück-Sicht aufhalten lassen.

Aufbruch ist angesagt. Es soll losgehen. Und es soll aufgehen. Der harte steinige Boden gehört aufgebrochen. Das geschieht nicht bei einem Sonntagsspaziergang. Das ist eine Lebensaufgabe. Weil es der Weg in ein neues, in ein ganz anderes Lebens ist. Bei diesem Lebens-Weg steht das Reich Gottes vor Augen. Es ist aber nicht das Werk meiner Hände, sondern es wird auf dem Boden wachsen, den ich bereite, wenn ich mich an Jesus orientiere. Das ist kein leichter Weg. Aber es ist ein Lebensweg, der nach vorn weist. Es ist der Lebensweg, der Zukunft hat.

Fühlen wir uns geschickt für das Reich Gottes? Dann legen wir unsere Hand an den Pflug! Zum Beispiel an den Pflug, der heute aus den Schwertern der Gewalt und der leidvollen Vergangenheit geschmiedet ist. Schauen wir nach vorn! Wir sind berufen den Aufbruch anzugehen. So etwas ist vielleicht heute auch wieder nicht beliebt. Muss es auch nicht sein. Christen sollen nicht beliebt, sondern geschickt sein. Und sich so verhalten.

Sebastian Feydt

Der Autor ist Pfarrer an der Frauenkirche Dresden.

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