Sterbenskrank
4. Februar 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen

© David Harding (Fotolia.com)
Freitod? Selbstmord? Wenn ein Mensch seinem Leben ein Ende macht, ist er weder frei noch ein Mörder, sondern oft geplagt von einer seelischen Krankheit.
Wie eine dunkle Wolke zog das Unheil herauf. »Man spürte es«, sagt Ingrid Weber (Name geändert), »ohne es greifen zu können.« Es nahm seinen Anfang, als ihr Mann beim Skifahren verunglückte. Sein gebrochener Arm verheilte. Das Leben aber des kräftigen Mannes – gut 60 Jahre alt, Chef einer großen Behörde in einer sächsischen Kleinstadt – hatte einen Riss bekommen. Ingrid Weber bemerkte ihn lange nicht.
Sie sah nur, wie bei ihrem Mann Krankheit um Krankheit folgte. Wie er abnahm: »Ein Mensch, der nicht mehr wird.« Wollte sie mit ihm über das Dunkle reden, das sie sich zusammenziehen spürte, sah er stumm weg. Nicht einmal Streit gab es, nicht einmal am Stammtisch sprach er viel. Als Ingrid Weber vor beinahe zwei Jahren zur Silberhochzeit ihrer Eltern fuhr, verabschiedeten sie sich mit einem Kuss. Wie immer.
Am nächsten Tag – das Erzgebirgsvorland stand im Frühling – kehrte sie zurück und fand ihn im Auto. Ihr Mann hatte seinem Leben ein Ende gesetzt, so wie 616 Sachsen im letzten Jahr. Schock – mehr spürte Ingrid Weber nicht. Nur noch den inneren Schrei: »Das tust Du mir nicht an!« Dann kamen die Schmerzen der Trauer. Und die Vorwürfe. »Ich habe mich zermartert«, sagt die 51-Jährige. »Warum habe ich es nicht gemerkt? Ich hätte es merken müssen.«
Ihr Geschichte ähnelt der des Nationaltorwarts Robert Enke. Noch am 10. November lehnte der eine Behandlung in einer psychiatrischen Klinik ab. Es gehe ihm gut, sagte er – Stunden später war er tot. Versuchte Suizide sind oft Hilferufe in tiefen Krisen. »Doch von den Menschen, die sich wirklich selbst töten, leiden über 90 Prozent zumindest im unmittelbaren Vorfeld an einer psychischen Erkrankung«, sagt der Dresdner Professor Werner Felber, langjähriger Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention. Meist sind es schwere Depressionen, zu denen mitunter auch Suchterkrankungen oder psychotische Störungen kommen. Das ist keine Freiheit – kein Frei-Tod. Und schon gar kein Selbst-Mord, wie die kirchliche Tradition Jahrhunderte lang urteilte.
»Wenn jemand sagt: Ich habe keinen Lebensmut mehr, alles ist sinnlos, ich bin völlig verzweifelt – bei solchen Signalen müssen wir hellhörig werden«, sagt der Psychiater Werner Felber. »Man sollte sich trauen, auf die Person zuzugehen und sie auf ihre Nöte anzusprechen.« Die Telefonseelsorge, der Hausarzt oder der sozial-psychiatrische Dienst der Städte und Landkreise können helfen.
Dass der Wunsch zu sterben nicht der Schlusspunkt bleibt, hat Ute Lewitzka bei ihren Patienten oft erlebt. »Mit ein paar Tagen Abstand bewertet man die Dinge oft anders«, sagt die Oberärztin am Dresdner Universitätsklinikum. Gemeinsam mit ihren Patienten sucht sie nach Kraftquellen, die ihnen Halt geben in der Krise: Familie, Hobbys, der Glaube.
Hilfe fand auch Ingrid Weber. In einer Selbsthilfegruppe des bundesweiten Vereins »Angehörige um Suizid« (AGUS), die in Freiberg von der Diakonie ins Leben gerufen wurde. Dort konnte die Christin reden – auch über das, was sie an dem Tod ihres Mannes nicht versteht: »Er hatte doch mich, er hatte eine Familie. Man fühlt sich und die eigene Liebe weggestoßen.« So sitzt sie manches Mal an seinem hölzernen Schreibtisch, seine Augen lachen von einem Foto.
Oft muss sie an die Frau des Fußballtorwarts Robert Enke denken, die glaubte: Mit Liebe geht das, auch in der tiefsten Depression. Ingrid Weber sagt: »Man kann eben mit Liebe niemanden retten.« Dass die Liebe den Tod überlebt, das ist ihr ebenso gewiss.
Andreas Roth
Der Verein AGUS für Hinterbliebene im Internet
Keine Entschuldigung
3. September 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Kommentar
Wohnen ist ein Menschenrecht. Und eine Privatsphäre gehört zu den geschützten Werten in unserer Gesellschaft. Aber eben nicht für alle Menschen, wie man an den Zuständen in Asylbewerberheimen immer mal wieder sieht. Jüngstes Beispiel ist der Selbstmord einer Libanesin, die mit ihrer Familie im Asylbewerberheim Frankenau bei Mittweida untergebracht war und wegen dessen Schließung in ein anderes Heim verlegt werden sollte.
Ein eigene Wohnung, das wollte die Frau für ihre Familie. Dass sie schon länger als selbstmordgefährdet galt, kann bei ihrem Tod in keiner Hinsicht als Entschuldigung dienen. Im Gegenteil: Es zeigt nur, unter welchem seelischen Druck diese Frau stand, die mit ihrer Familie die Heimat verlassen musste in eine ungewisse Zukunft hinein. Die ihren Kindern ein Zuhause bieten will und doch nur immer wieder in einer Massenunterkunft landet.
Wie mit Asylbewerbern umzugehen ist, dafür gibt es Gesetze. Es ist geregelt, wer von ihnen eine eigene Wohnung beanspruchen darf und wer nicht. Erst unlängst trat das mit dem Kirchenasyl als Protest gegen die Wohnsituation von Flüchtlingsfamilien in Grimma zutage.
Behördenmitarbeiter sind an die Gesetze gebunden. Doch Gesetze können geändert werden. Im Falle der Wohnsituation von Flüchtlingen scheint das dringend nötig. Wozu aber keine Gesetzesänderung nötig ist, das ist ein einfühlsames Verhalten gegenüber den Menschen in ihrer verzweifelten Lage. Und wenn man den bisher bekannt gewordenen Tatsachen glauben darf, wurde ja noch nicht einmal ein Notarzt gerufen, um die Frau zu retten: Ihr Mann sollte sie selbst ins Krankenhaus fahren, wo natürlich jede Hilfe zu spät kam. Und dafür gibt es nun wirklich keine Entschuldigung.
Christine Reuther
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