»Glücklich ist da niemand«

In der Universitätskirche, hier der Innenraum im Februar 2011, werden nur Versorgungsleitungen verlegt – sonst tut sich nichts. Fotos: Armin Kühne und Uwe Winkler

In der Universitätskirche, hier der Innenraum im Februar 2011, werden nur Versorgungsleitungen verlegt – sonst tut sich nichts. Fotos: Armin Kühne und Uwe Winkler

Es gibt sie tatsächlich, die Baufortschritte an der Leipziger Paulinerkirche. Im August vergangenen Jahres fielen die äußeren Baugerüste, die Hülle des Aula- und Kirchengebäudes erstrahlt also in ihrem fertigen Zustand. Am 2. Dezember durfte für einen Tag auch schon das Neue Augusteum, das künftige Hauptgebäude der Universität, welches die Universitätskirche umschließt, in Augenschein genommen werden. Und Mitte Dezember erfolgte die technische Überprüfung der Universitätsglocke im Dachreiter.

»Sie ist betriebsfähig, aber noch nicht klangfertig«, sagt der Glockenbeauftragte Roy Kreß. Dafür fehle über der 250 Kilogramm schweren Bronzeglocke aus dem Jahr 1659 noch ein Resonanzboden, so der kirchliche Baupfleger aus Leipzig. Dann könnte sie die Universitätsgottesdienste einläuten.

Wann sie dies allerdings das erste Mal nach der Sprengung der Kirche 1968 wieder tun wird, das traut sich derzeit niemand zu sagen. »Im Innenraum der Paulinerkirche hat sich gegenüber 2010 nichts wesentlich verändert«, sagen alle am Baugeschehen Beteiligten. »Das ist der absolute Rohbau.«

Mit dieser Begründung verweigert das Sächsische Finanzministerium als Bauherr derzeit alle Fotoaufnahmen und teilt mit, es gäbe intensive Gespräche mit dem Architekten Erick van Egeraat zum Innenausbau. »Wir müssen sehen, wie seine Entwürfe umgesetzt werden können und wir dabei den Kostenrahmen einhalten«, sagt Ministeriumssprecher Stephan Gößl und ergänzt: »Der gesamte Uni-Neubau hat bereits jetzt über 200 Millionen Euro gekostet.«

Im Modell wird sichtbar, wie der Chorraum aussehen soll: Zentral steht der Paulineraltar, zwischen den Säulen hängen die Epitaphe. Foto: Kustodie

Im Modell wird sichtbar, wie der Chorraum aussehen soll: Zentral steht der Paulineraltar, zwischen den Säulen hängen die Epitaphe. Foto: Kustodie

Der Vorsitzende des Paulinervereins benennt die konkreten Konflikte mit dem Architekten: »Die Lichtsäulen und die Deckengestaltung sind umstritten«, sagt Ulrich Stötzner. »Dazu sind auch schon Versuche im Innenraum gemacht worden.« Und dabei blieb es. Der Bauverzug ist mittlerweile erheblich. 2009 sollte ursprünglich alles fertig sein, später 2011. »Glücklich ist da niemand«, sagt Stephan Gößl zum langen Stillstand. Er betont aber, dass zumindest das angrenzende Augusteum und das Dachgeschoss der Paulinerkirche »zum Sommersemester« von der Universität übernommen werden könnten. Und der Ministeriumssprecher macht Hoffnung, dass danach der Aula- und Kirchenraum im Mittelpunkt steht.

Das tut er ausnahmsweise auch schon an diesem Wochenende durch ein Benefizkonzert unter Schirmherrschaft von Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich. Dabei sammelt die Stiftung »Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig« Geld für eine sogenannte Schwalbennestorgel. Dieses Instrument im Renaissance- oder Frühbarockstil soll hoch oben an der Wand im Chorraum, also dem zukünftigen Kirchenraum, entstehen, berichtet der Stiftungsvorsitzende Martin Oldiges.

Bis zu 350 000 Euro seien für die traditionsreiche Orgel veranschlagt, die im weiten Umkreis ihresgleichen suche. Die Ausschreibung dafür ist schon erfolgt, so Oldiges. Die andere Orgel in dem Gebäude wird die Jehmlich-Orgel auf der Westempore und damit im Aula-Bereich sein. »Die Orgel liegt schon beim Orgelbauer auf Lager«, sagt Universitätsprediger Rüdiger Lux. »Da fallen schon Kosten an«, macht der Theologieprofessor auf die Folgen des Bauverzugs aufmerksam.

Lux denkt auch an seine Universitätsgemeinde: »Wir sind weiterhin zur Miete in der Nikolaikirche und warten auf die Fertigstellung der Universitätskirche für unsere Gottesdienste im eigenen Haus.« Für ihn persönlich kommt noch hinzu, dass er im Sommer mit 65 Jahren emeritiert wird. »Ich hätte den Bau gerne mit eingeweiht.«

Den Raum so bald wie möglich nutzen, das möchte auch der Kustos der Universität. »Ich würde gern in einem Jahr loslegen«, hofft Rudolf Hiller von Gaertringen, um dann 21 große Grabplatten im Chorraum aufhängen zu können. »Die Epitaphien sind größtenteils restauriert«, so der Kustos. Jetzt fehlen ihm noch die Stahlgerüste für die Aufhängung der Kunstwerke in drei Metern Höhe.

Außerdem brauche der 17 Meter hohe Chorraum eine Klimatisierung und ein Befeuchtungssystem, um die Epitaphien und den Paulineraltar aus der Thomaskirche fachgerecht konservieren zu können. Das funktioniere nach Meinung des Kustos nur, wenn der Chorraum vom Mittelschiff, der Aula, durch eine Glaswand abgetrennt ist. »Ohne Glaswand geht es nicht«, sagt Rudolf Hiller. Der Paulinerverein und die Kirchenvertreter dagegen lehnen die Glaswand ab. Sonst hätte auch die aus der alten Paulinerkirche gerettete Kanzel nach ihrer Restaurierung keinen Platz mehr.

Uwe Naumann

Die Einheit der Landeskirche im Blick

8. September 2011 von DER SONNTAG  
Abgelegt unter Sachsen

Comments Off

Etwa 800 sächsische Pfarrerinnen und Pfarrer singen zur Andacht beim Pfarrertag in der Chemnitzer Stadthalle. (Foto: R. Blende)

Etwa 800 sächsische Pfarrerinnen und Pfarrer singen zur Andacht beim Pfarrertag in der Chemnitzer Stadthalle. (Foto: R. Blende)


Bischof Bohl mahnt beim Pfarrertag zur Mäßigung beim Streit um homosexuelle Paare.
 

Die Stadthalle in Chemnitz war am 1. September gut gefüllt. Etwa 800 sächsische Pfarrer und Pfarrerinnen waren zu ihrer turnusmäßigen Dienstbesprechung mit dem Landesbischof in die Industriemetropole gekommen – auch um den Heidelberger Theologieprofessor Michael Welker zum Thema »Dialog zwischen Theologie und Naturwissenschaften« zu hören.

Dieser plädierte in seinem Vortrag dafür, dass sich beide Seiten im Dialog gegenseitig befruchten sollten. Dieser Dialog sei jedoch dadurch erschwert, dass »kaum ein Wissenschaftler an beiden Forschungsfronten herausragend tätig« sei. Speziell die Theologie könne einen Beitrag leisten, wenn es um das schöpferische Wirken Gottes in kosmischen, biologischen, kulturellen und religiösen Lebensbereichen gehe.

In seinem Grußwort hatte Mini­sterpräsident Stanislaw Tillich ein entspanntes Verhältnis zwischen Freistaat und Kirchen festgestellt. Die Kirchen böten ein moralisches Gerüst, an dem sich auch Nichtchristen festhalten könnten, sagte der Katholik Tillich den evangelischen Geistlichen. »Ich bin der Auffassung, dass Sachsen keine religionsfreie Zone ist«, fügte er hinzu.

Landesbischof Jochen Bohl ging in seiner Ansprache zur Lage der Landeskirche auf die zwei zur katholischen Kirche konvertierten Pfarrer ein. Er könne sich ihre Schritte nur mit Gewissensnöten erklären, sagte er und appellierte an die Pfarrer, in solchen Fällen das Gespräch zu suchen, auch untereinander. Darüber hinaus beabsichtige er, diese Vorgänge bei der römisch-katholischen Kirche anzusprechen.

Ausführlicher sprach der Bischof über das neue Pfarrerdienstgesetz der EKD, speziell den Paragrafen 39. Dieser Paragraf handelt von der Lebensführung der Pfarrerinnen und Pfarrer in Ehe und Familie und enthält als Novum die Bezeichnung »familiäres Zusammenleben«, um gleichgeschlechtliche Partnerschaften einzuschließen.

Das Gesetz soll durch die Landessynode in Kraft gesetzt werden. Jedoch werde es dabei keine besonderen Ausführungsbestimmungen zu Paragraf 39 geben, so Bohl. In Sachsen bleibe alles wie bisher. »Wie damit umzugehen ist, gestaltet unsere Landeskirche selbst«, so der Bischof. Der Umgang mit Homosexualität habe sich in den letzten Jahren sehr geändert. In der sächsischen Landeskirche sei das Thema unverändert von Spannungen gekennzeichnet. »Es gibt starke Stimmen, die wollen, dass es bleibt wie bisher«, so Bohl.

Es gebe aber auch Stimmen, vor allem aus den Großstädten, die eine Veränderung anstrebten. Die Landeskirche habe deshalb eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die der Kirchenleitung ihren Abschlussbericht im Oktober vorlegen werde.

»In diesem schwierigen Prozess weiß sich die Kirchenleitung in allererster Linie der Einheit der Landeskirche verpflichtet«, sagte der Bischof dazu. Bohl kritisierte zugleich den Sprachgebrauch »von Amtsbrüdern« im Vorfeld der Entscheidung. »Ich mahne zu Mäßigung und dringe darauf, dass wir bei aller Unterschiedlichkeit einander respekt- und liebevoll begegnen«, so Bohl.

Im Gottesdienst in der Petrikirche wurde am Nachmittag Peter Meis in seinen neuen Dienst als Oberlandeskirchenrat eingeführt.

Christine Reuther

Ein Fenster zum Himmel

10. Juni 2011 von DER SONNTAG  
Abgelegt unter Titelseite

Comments Off

Fröhliche Christen, strahlendes Wetter, wichtige Gespräche und spirituelle Momente: Der Kirchentag in Dresden begeisterte Tausende.

 

Abschlussgottesdienst des Kirchentags an beiden Ufern der Elbe. Dabei wurden an der Augustusbrücke große Transparente mit einzelnen Bitten des Vaterunsers entrollt. (Foto: Tristan Vankann/DEKT)

Abschlussgottesdienst des Kirchentags an beiden Ufern der Elbe. Dabei wurden an der Augustusbrücke große Transparente mit einzelnen Bitten des Vaterunsers entrollt. (Foto: Tristan Vankann/DEKT)

Augen auf für das Reich Gottes und weitergehen«, legte die Frankfurter Pfarrerin Ulrike Trautwein in ihrer Predigt den 120.000 Gottesdienstteilnehmern am Sonntag ans Herz. »Dein Reich komme« war das Thema des Gottesdienstes an beiden Ufern der Elbe.

Das Reich Gottes sei möglich, wenn Menschen aufeinander achteten und hinsehen, wo Unrecht geschieht. »Die Welt geht nicht einfach den Bach runter«, so die Predigerin. Jesu ganzes Leben sei eine Art Schule fürs Hinschauen: »Er hat die Menschen mit dem Herzen angeschaut bei den Gesprächen, die er mit ihnen führte.« Und sie fügte hinzu: »So einen Blick brauchen wir. Weil er gut tut und Menschen aufblühen, wenn sie so angeschaut werden.«

»Nichts bleibt wie es ist«, singen die über hunderttausend Gottesdienstteilnehmer anschließend. Und was bleibt von diesem Kirchentag? »Die Fröhlichkeit und die Freundlichkeit der Menschen«, das sagen Teilnehmer wie Gastgeber immer wieder. Und als zweites nennen fast alle Befragten den Abend der Begegnung, der mit einem eindrucksvollen Lichterfest endete.

»Ein absolut gelungenes Glaubensfest« sei der Kirchentag gewesen, sagt Dietrich Bauer. Der Oberlandeskirchenrat war verantwortlich für die sächsischen Aktivitäten beim Kirchentag. Und er zeigt sich beeindruckt, auf welch positive Resonanz die vielfältigen Begabungen in der Landeskirche gestoßen sind. »Zu wissen, was wir können, wenn wir wollen – das verändert auch«, so Bauer. Für ihn war der Kirchentag »nicht nur eine Inszenierung, da ist auch geistlich etwas passiert.« Es sei ausgeglichen gewesen: »die spirituellen Momente, die vom Geist geschenkt sind und die politischen Zeitansagen«.

Kirchentagspräsidentin Katrin Göring-Eckardt sagte es beim Schlussgottesdienst so: »Der Kirchentag ist immer ein Fenster zum Himmel und eine Tür zur Welt.« Und sie appellierte an mehr Bürgerbeteiligung bei wichtigen Entscheidungen. »Nicht Wutbürger, sondern Mutbürger«, sollten Christen sein. »Wir wollen keine Von-Oben-Politik, sondern sind eine Dafür-Republik«, sagte sie.

Und noch etwas hob sie heraus: Die Freundlichkeit bei allen, denen Christ­innen und Christen etwas suspekt seien. »Danke den Zweiflern für die offenen Arme und lasst euch sagen: Wir zweifeln auch, mitunter.«

Auch Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich benannte einiges, was vom Kirchentag in Sachsen zurückbleiben werde: »In der Gesellschaft das Gefühl, dass die Kirche mit den Menschen und die Menschen mit der Kirche ihr Zusammenleben gestalten«, sagte er bei einem Empfang der Landeskirche im Anschluss an den Gottesdienst am Sonntag. Und als zweites fügte der praktizierende Katholik hinzu: »Das gemeinschaftliche Erlebnis, miteinander im Glauben stark zu sein.«

Am Abend der Begegnung waren tausende Lichter die Elbe hinab geschwommen Richtung Hamburg. Am Ende des Schlussgottesdienstes waren es mehrere Ruderboote, die diese Richtung einschlugen, um symbolisch darauf hinzuweisen, wo der nächste Kirchentag stattfindet. »So gehen wir Schlag auf Schlag in die Vorbereitung des nächsten Kirchentags«, sagte der nordelbische Bischof Gerhard Ulrich. »Da es bei uns im Norden immer weht, hoffen wir, dass Gottes Geist auch dann um uns weht.« Der nächste Kirchentag findet 2013 in Hamburg statt.

»Wir sind der Spur gefolgt, dahin, wo unser Herz ist«, bekannte der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch vor den Kirchentagsgästen beim Abschlussgottesdienst. »Kommen Sie 2012 dahin, wo der Neckar in den Rhein mündet.« Mit diesen Worten lud er zum nächsten Katholikentag vom 16. bis 20. Mai 2012 nach Mannheim ein.

Christine Reuther

Für die meisten Kirchentagsgäste war es das beeindruckendste Erlebnis des Kirchentags: Das nächtliche Dresden am Abend der Begegnung und die tausenden Lichter auf der Elbe, die Richtung Hamburg schwammen. © DEKT

Für die meisten Kirchentagsgäste war es das beeindruckendste Erlebnis des Kirchentags: Das nächtliche Dresden am Abend der Begegnung und die tausenden Lichter auf der Elbe, die Richtung Hamburg schwammen. © DEKT


 
Auf dem Roten Sofa der Kirchenpresse: Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich im Gespräch mit Sonntag-Chefredakteurin Christine Reuther über christliches Handeln in der Politik. © Bernd Heinze

Auf dem Roten Sofa der Kirchenpresse: Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich im Gespräch mit Sonntag-Chefredakteurin Christine Reuther über christliches Handeln in der Politik. © Bernd Heinze


 
Über 200 sächsische Kirchgemeinden hatten eingepackt, was ihnen am Herzen liegt. Besucher konnten im Einkaufszentrum »Altmarktgalerie« in den »Schatzkisten« stöbern. © Steffen Giersch

Über 200 sächsische Kirchgemeinden hatten eingepackt, was ihnen am Herzen liegt. Besucher konnten im Einkaufszentrum »Altmarktgalerie« in den »Schatzkisten« stöbern. © Steffen Giersch


 
Auf dem Theaterplatz zwischen Semperoper und Hofkirche breitete sich das Diakonische Dorf aus.  Die Angebote hier waren so bunt wie das Tuch, das diese Kirchentagsteilnehmerinnen in die Höhe wehen lassen wollen. © Bernd Heinze

Auf dem Theaterplatz zwischen Semperoper und Hofkirche breitete sich das Diakonische Dorf aus. Die Angebote hier waren so bunt wie das Tuch, das diese Kirchentagsteilnehmerinnen in die Höhe wehen lassen wollen. © Bernd Heinze


 
Die Fotoinszenierung »Das Abendmahl« im Zentrum Barrierefrei. Menschen mit Down-Syndrom stellen Leonardo da Vincis gleichnamiges Gemälde nach.  © Steffen Giersch

Die Fotoinszenierung »Das Abendmahl« im Zentrum Barrierefrei. Menschen mit Down-Syndrom stellen Leonardo da Vincis gleichnamiges Gemälde nach. © Steffen Giersch


 
Jeden Tag ein Sonntag. Freiwillige Helfer teilten die Sonderausgaben zum Kirchentag an den Veranstaltungsorten und in der Stadt an die Besucher aus. © Steffen Giersch

Jeden Tag ein Sonntag. Freiwillige Helfer teilten die Sonderausgaben zum Kirchentag an den Veranstaltungsorten und in der Stadt an die Besucher aus. © Steffen Giersch


 
* * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *
Weiter Fotos vom Kirchentag finden Sie in unserer Bildergalerie.

[Link]
* * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *

Die Sonderausgaben vom Kirchentag können Sie hier auch als PDF laden:
Ausgabe vom Mittwoch, 1. Juni 2011 [3,2 MB]
Ausgabe vom Donnerstag, 2. Juni 2011 [2,9 MB]
Ausgabe vom Freitag, 3. Juni 2011 [2,7 MB]
Ausgabe vom Sonnabend, 4. Juni 2011 [2,6 MB]

 

Nachlese: DER SONNTAG auf dem Kirchentag in Dresden

Die vier Kirchentags-Ausgaben des Sonntag, die auf dem Kirchentag an die Besucher verteilt wurden, schicken wir auf Wunsch den SONNTAG-Lesern zum Unkosten-Betrag von € 5,- nach Hause. Bitte bestellen Sie beim Abo-Service des SONNTAG: Tel. 0341 71141-16, Fax 0341 71141-50, aboservice@sonntag-sachsen.de. Wenn Sie ohnehin den SONNTAG per Abbuchung vom Konto zahlen, buchen wir auch diese € 5,00 von Ihrem Bankkonto ab. Anderenfalls schicken Sie bitte mit Ihrer Bestellung Briefmarken im Wert von € 5,00 an: Evangelisches Medienhaus GmbH, Abo-Service, Blumenstr. 76, 04155 Leipzig.


 

Keine Energiewende

8. September 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Kommentar

1023094_57736570Die Zukunft der nachhaltigen Energiegewinnung wird verschoben. Gerade hat die Bundesregierung beschlossen, die deutschen Atomkraftwerke länger am Netz zu lassen. Eine Ohrfeige für alle, die sich seit neun Jahren auf den Fahrplan zum Atomausstieg verlassen haben. In Sachsen geben Ministerpräsident Stanislaw Tillich und Umweltminister Frank Kupfer (beide CDU) starke Statements für die Kohle ab. Alles bleibt also erst einmal, wie es ist. Das Gros des Stroms kommt weiter aus Technologien, die unsere Umwelt verschmutzen.

Dabei ist in der Diskussion so offensichtlich, dass immer noch niemand weiß, wo am Ende der Dreck bleibt. Ein Endlager für den strahlenden Atommüll ist nicht gefunden. Kohlekraftwerke stoßen weiter tonnenweise Kohlendioxid aus. Dass es gelingt, das klimaschädliche Gas mit der sogenannten CCS-Technologie unterirdisch zu speichern, ist mehr als fraglich. Zumal das Vorhaben, das in Brandenburg erprobt und in sächsischen Gesteinsschichten laut einem Gutachtes des zuständigen Landesamtes vermutlich nicht möglich sein wird, Kohlendioxid auch nicht verschwinden lässt.

Es bleibt als vielleicht tickende Zeitbombe auf ewig unter der Erde. Kritiker warnen davor, dass Giftstoffe ins Grundwasser entweichen und das Gas sich irgendwie doch den Zugang nach außen verschaffen wird.

All diese Unwägbarkeiten zwingen eigentlich zu einer Energiewende. Doch die ist bei der jetzigen Regierungskoalition wohl wirklich in weite Ferne gerückt. Dabei verhallt auch die biblische Botschaft von der Bewahrung der Schöpfung. Sie verpflichtet zu großen Anstrengungen bei nachhaltiger Energiewirtschaft und verbietet das Beharren auf Atom und Kohle – derzeit nur leider erfolgslos.

Corinna Buschow

»Lähmende Ohnmacht«

15. Januar 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Sachsen, Westsachsen

Gornsdorfer Christen fordern Gerechtigkeit für die im Oman verurteilte Dana Gerlich.

Ob Dana Gerlich wirklich schuldig ist, bleibt unbewiesen. Sicher aber ist: Schon jetzt hat ihr Fall viel Schaden angerichtet. Viele Menschen in ihrer erzgebirgischen Heimat um Gornsdorf haben einiges an Zutrauen in die Demokratie und den Rechtsstaat verloren. Sie engagieren sich für ein gerechtes Urteil über die 35-Jährige aus ihrem Dorf. Und rennen damit gegen unsichtbare Mauern.

Über 2400 Unterschriften hat die Initiativgruppe um Pfarrer Gottfried Görner, Christa Weinhold und Reiner Pohl (v. l.) für Dana Gerlich gesammelt. Sachsens Ministerpräsident lehnte ihr Gnadengesuch dennoch ab.  (Foto: Steffen Giersch)

Über 2400 Unterschriften hat die Initiativgruppe um Pfarrer Gottfried Görner, Christa Weinhold und Reiner Pohl (v. l.) für Dana Gerlich gesammelt. Sachsens Ministerpräsident lehnte ihr Gnadengesuch dennoch ab. (Foto: Steffen Giersch)

Am 17. Juli 2004 wurde Dana Gerlich im Oman zu lebenslanger Haft verurteilt. Sie soll die Mörder ihres Vaters beauftragt haben. »Doch warum ist sie dann nach der Beisetzung ihres Vaters in Deutschland in den Oman zurückgeflogen, obwohl sie wusste, dass die Mörder gefasst worden waren?«, kritisiert der Gornsdorfer Pfarrer Gottfried Görner das unter fragwürdigen Bedingungen zustandegekommene Urteil. Doch das Chemnitzer Landgericht musste es anerkennen, damit Dana Gerlich ihre Strafe in Deutschland verbüßen kann.

»Das Auswärtige Amt hat ihrer Mutter jedoch schriftlich bestätigt, dass der Oman keine Einwände hätte, wenn ihre Tochter nach fünf Jahren Haft freikommt«, sagt Pfarrer Görner.

Im Mai 2009 schrieb die in Chemnitz Inhaftierte deshalb ein Gnadengesuch an Ministerpräsident Stanislaw Tillich. »Sieben Monate lang bekam sie von der Staatsregierung keine Antwort«, sagt der Pfarrer, der sah, wie Dana Gerlich körperlich und seelisch schwer unter der Ungewissheit litt. »Als Christ sage ich: So kann man mit einem Menschen nicht umgehen.«

Um das Gnadengesuch zu unterstützen, sammelte eine Gruppe um Pfarrer Görner und Gerlichs früheren Sportlehrer Reiner Pohl 2400 Unterschriften. Die Antwort von Staatskanzleiminister Johannes Beermann: Es sei »unüblich«, Einfluss auf ein Gnadengesuch zu nehmen. Aus der CDU-Landtagsfraktion wurde der Burkhardtsdorferin Christa Weinhold beschieden: Der Staat lasse sich nicht erpressen. »Wie können 2400 Unterschriften als Erpressung verstanden werden?«, wundert sich die Christin über dieses Demokratieverständnis.

Kurz vor Weihnachten wurde Dana Gerlichs Gnadengesuch vom Minister­präsidenten abgewiesen. Von den Gründen für die Entscheidung kein Wort. »Sind wir so unmündig?«, fragt Pfarrer Gottfried Görner. Bei seinem letzten Besuch im Gefängnis übergab ihm Dana Gerlich einen Brief. »Ich bin verzweifelt und von einer lähmenden Ohnmacht erfüllt«, schreibt sie: »Ich werde in Deutschland nie die Chance auf einen fairen Prozess bekommen.«

Ihre letzten Hoffnungen setzen sie und viele Gornsdorfer auf den Europäischen Gerichtshof. Von Sachsens Regierung erwarten sie nichts mehr.

Andreas Roth

Sing, mei Pfarrer, sing

11. September 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Sachsen, Zwischen Leipzig und Leisnig

Comments Off

Zum »Tag der Sachsen« in Mittweida feierten 320000 Besucher – darunter viele Christen, ein iranischer Türmer und der Ministerpräsident.

Der 4,5 Kilometer lange Festumzug zum »Tag der Sachsen« quer durch Mittweida wurde von 3500 Menschen gestal-tet. Einer von ihnen ist Johannes Möller, der Jugendpfarrer des Kirchenbezirks Rochlitz aus Syhra. (Fotos: Steffen Giersch)

Der 4,5 Kilometer lange Festumzug zum »Tag der Sachsen« quer durch Mittweida wurde von 3500 Menschen gestal-tet. Einer von ihnen ist Johannes Möller, der Jugendpfarrer des Kirchenbezirks Rochlitz aus Syhra. (Fotos: Steffen Giersch)

Der höchste Sachse beim größten Volksfest des Freistaates kommt aus dem Iran. Unzählige Male läuft Manouchehr Borhan am vergangenen Wochenende die 166 Stufen auf den Turm der Mittweidaer Kirche »Unser lieben Frauen« hinauf. Lebendig erklärt er die Geschichte des über 500 Jahre alten Gotteshauses. Borhan bläst in das Türmerhorn und blickt hinunter in das Gewühl, in dem sich zum Tag der Sachsen insgesamt 320 000 Menschen drängen.

»Nein, Gott sei Dank habe ich noch keine Erfahrungen mit Neonazis gemacht«, sagt der Christ, Flüchtling und Stadtkirchen-Türmer, der seit vier Jahren in Mittweida lebt – in der Stadt, die in den letzten Jahren oft durch gewalttätige rechtsextreme Kameradschaften von sich reden machte. »Die Leute hier sind warmherzig – ich denke, in ganz Sachsen ist die Mehrheit so«, sagt Borhan.

Über die Straße vom Stadtkern hoch zur Kirche hat die Gemeinde zum Fest Wäscheleinen gespannt mit bunten Hemden. Auf ihnen steht die Aufschrift »Besser MITTeinander« – das Motto des Sachsentages und ein Aufruf für ein Klima der Toleranz, für das auch in dem großen ökumenischen Gottesdienst auf dem Mittweidaer Markt am Sonntagmorgen gebetet wird.

Lutherische, katholische und freikirchliche Christen gestalten dieses Glaubensfest, zu dem auch der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich und Landtagspräsident Erich Iltgen zu Gast sind, gemeinsam. In Anspielung auf die negativen Schlagzeilen Mittweidas in den letzten Jahren fordert Pfarrer Johannes Grasemann dabei: »Es soll besser werden – miteinander.«

Einen Einblick in das vielfältige Leben der Christen in Mittelsachsen bietet die Kirchenbühne mit Musikgruppen und Künstlern. Die Stadtkirche lädt zu Orgelklängen, Führungen und Andachten ein. Und auf der stark frequentierten Kirchenmeile präsentieren sich kirchliche Vereine und Einrichtungen.

»Es gibt hier gute Gespräche«, sagt der Chemnitzer Pfarrer Stephan Brenner im Zelt der Kontaktstelle Kirche. Nebenan präsentiert der diakonische Verein Netzwerk Mittweida e.V. seine Beratungs- und Beschäftigungsangebote für erwerbslose Menschen. Gegen eine Spende für die Ausgegrenzten dürfen Besucher dort auf eine Büchsenpyramide werfen. Auch der oberste Sachse, Ministerpräsident Tillich, probiert es. Ein Volltreffer war es nicht.

Andreas Roth