Viel Geduld nötig

27. Mai 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Sachsen

Seit Jahren helfen sächsische Christen in Rumänien. Wirtschaftskrise und fehlendes Sozialsystem machen das auch in Zukunft nötig.

Westen trifft Osten, EU trifft Armut – in Rumänien ist das Alltag. Die Wirtschaftskrise trifft die Rumänen viel härter als die Deutschen – deshalb ist Hilfe weiter nötig. Foto: Steffen Giersch

Westen trifft Osten, EU trifft Armut – in Rumänien ist das Alltag. Die Wirtschaftskrise trifft die Rumänen viel härter als die Deutschen – deshalb ist Hilfe weiter nötig. Foto: Steffen Giersch


Wer die Sozialarbeit in Rumänien unterstützen will, muss einen langen Atem haben – auch finanziell. »Derzeit ist nicht abzusehen, dass sich der rumänische Staat für soziale Projekte einsetzt«, sagt der Dresdner Sozialpädagoge Frank Roth. Er ist bei der Diakonie – Stadtmission Dresden angestellt und koordiniert gemeinsam mit rumänischen Partnern über den Verein Copiii Europei (Kinder Europas) im siebenbürgischen Brasov (Kronstadt) soziale Projekte.

Sie helfen Behinderten in rumänischen Dörfern und haben das ehemalige Pfarrhaus in dem 600 Einwohner-Ort Dacia (Stein) zu einem Bildungs- und Begegnungszentrum für Christen aus Ost und West ausgebaut. »Anfangs wollten wir die Arbeit nur von außen anschieben, die Rumänen sollten sie selbst weiterführen«, erzählt Frank Roth. »Von dieser Vision mussten wir uns aber verabschieden.«

Zudem sorge die rumänische Regierung mit unsozialen Entscheidungen dafür, dass noch mehr Hilfe gebraucht werde. Ab September zum Beispiel sollen alle Schulen mit weniger als zweihundert und alle Kindergärten mit weniger als hundert Kindern geschlossen werden. »Die armen Familien in Dacia, vor allem die Roma, können sich nicht leisten, ihre Kinder in die nächste Kleinstadt zu schicken«, sagt Roth. Deshalb soll jetzt im Dorf eine kleine Notschule aufgebaut werden. Der Verein braucht nach eigenen Angaben heute für seine Arbeit etwa viermal so viel Geld wie vor drei Jahren.

14 sächsische Kirchgemeinden mit Kontakten nach Rumänien sind offiziell bekannt, meist kleine Initiativen. Hinzu kommen selbständige Vereine. Am wirksamsten könne man helfen, wenn man Initiativen vor Ort mit Spendengeldern unterstütze, meint Dorothea Böhme aus der Kirchgemeinde Lichtenstein. Noch in den 1990er Jahren hatte ihre kleine Gruppe mit einer mobilen Zahnarzt-Einheit Waisenkinder in einem siebenbürgischen Dorf behandelt. Die wollten sie Fachleuten vor Ort überlassen. Doch diesen Plan mussten sie aufgeben.

»Wer die Menschen dort motivieren will, braucht Geduld«, meint Renate Greuner von der Initiative Rumänien in Dresden. Die Rumänieninitiativgruppe Bautzen, hervorgegangen aus der Jugendarbeit der St.-Petri-Kirchgemeinde, unterstützt seit Jahren mit Freiwilligen und Spenden einen Verein im siebenbürgischen Cristuru-Secuiesc. Der betreut in Wohngruppen Kinder und Jugendliche, die zuvor in einem Kinderheim lebten. Im Oktober des vergangenen Jahres konnten sie dort ein Jugendbildungszentrum eröffnen.

Eine Organisation vor Ort unterstützt auch die Rumänieninitiative Lauterbach bei Dresden: die Roma-Kirche (lesen Sie dazu den Info-Kasten). Mit Spenden ermöglichen die Sachsen es Roma-Jugendlichen, das Lyzeum zu besuchen oder die Universität. »Bildung ist entscheidend für die Integration in die Gesellschaft«, sagt Matthias Netwall. »Und wer studiert, hat Aussicht auf eine gut bezahlte Arbeit. Das kommt später auch ihrer Gemeinschaft zugute.«

Reichtum und Einkaufszentren nach westlichem Standard könne man in Rumänien sehen, sagt Netwall. Aber daneben extreme Armut. »Die Wirtschaftskrise hat dort viel härter zugeschlagen als in Deutschland.« Mieten, Kosten für Wasser, Strom, Gas und Heizung seien enorm gestiegen. Er hat von Rentnern gehört, die Kredite aufnehmen, um im Winter die Heizung bezahlen zu können.

Auch die geistliche Unterstützung dürfe nicht unterschätzt werden, meint Margarethe Engling aus der Trinitatis-Gemeinde in Hohenstein-Ernstthal. Sie besucht mit einer Gruppe regelmäßig zwei Suchtkliniken des Blauen Kreuzes in Siebenbürgen. »Wir geben Zeugnis von eigenen Erfahrungen, machen Mut, mit Hilfe des Glaubens vom Alkohol wegzukommen.«

Trotz aller Schwierigkeiten haben Frank Roth und seine Mitstreiter einiges erreicht: Arme Familien mit Behinderten aus dem Dorf verdienen mit selbst produzierten Gegenständen und Dienstleistungen etwas Geld dazu. Die Leute zeigten mehr Achtsamkeit untereinander. Hoffnung mache ihm noch etwas anderes: Auch in der rumänisch-orthodoxen Kirche gebe es mittlerweile erste Ansätze für eine Sozialarbeit.

Tomas Gärtner

Die Zeche zahlen die Schwächsten

11. Februar 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Foto: Sanja Gjenero, sxc.hu

Foto: Sanja Gjenero, sxc.hu

Die Wirtschaftskrise ist vorbei? An den Börsen wird wieder gezockt, Banker freuen sich über Milliardengewinne – und die Zeche wird auch präsentiert: Aber nicht den Urhebern der Verwerfungen in der Finanzindustrie, sondern ausgerechnet den Schwächsten der Gesellschaft. Der Zahltag fängt gerade erst an.

Zu spüren werden es beispielsweise Sachsens Jugendliche bekommen. Um 5,5 Millionen Euro will das sächsische Sozialministerium seine Jugendpauschale kürzen. Die Folge: Soziale Angebote für junge Menschen werden sich vielerorts verteuern, in ihrer Qualität leiden oder gar ganz verschwinden – vor allem auf dem Lande. Auch die Jugendarbeit von Kirche und Diakonie wird betroffen sein.

Es ist nicht das erste Mal, dass Sachsens schwarz-gelbe Regierung wegen der Wirtschaftskrise den Rotstift in der Sozialpolitik auspackt. Ende letzten Jahres strich der Wirtschaftsminister die Kommunal-Kombi-Jobs für Langzeitarbeitslose – während er stolz darauf verweist, beim Etat für Straßenbau und Wirtschaftsförderung mit je 250 Millionen Euro nicht zu sparen. Die Kommunen indes ächzen schon jetzt am unteren Ende der Steuer-Hierarchie. Angesichts der angespannten Finanzsituation fürchtet Sachsens Diakonie um die staatlichen Zuschüsse für viele soziale Beratungsangebote.

Doch wenn die schwarz-gelbe Politik Wirtschaft und Leistungsträger üppig fördert, muss sie dieselbe Fürsorge auch den Schwächsten der Gesellschaft zuteil werden lassen. Das ist eine Frage des christlichen Menschenbildes. Und eine Frage der Gerechtigkeit ist es, auch auf die Geschäfte an den Börsen und auf Kapital Steuern zu erheben. Damit die Verursacher der Krise endlich auch deren Kosten tragen.

Andreas Roth