Die Spuren Gottes in unserem Leben
25. Dezember 2011 von DER SONNTAG
Abgelegt unter Wort zur Woche

Und das Wort ward Fleisch
und wohnte unter uns,
und wir sahen seine Herrlichkeit.Johannes 1, Vers 14
Herrlich!«, schwärmt die Besucherin vor dem Gemälde, um das die Ausstellungsbesucher eine Traube bilden. »Ein Bild von überwältigender Schönheit! Vollkommen. Einfach göttlich!«
»Herrlich!«, schreibt auch der Evangelist Johannes und preist damit einen Gott, der ganz und gar nicht dem Bild vollendeter Schönheit entspricht. »Das Wort ward Fleisch … und wir sahen seine Herrlichkeit«. Herrlich?, fragen die Gotteskenner überrascht und vermissen, was sie von Gott schon immer wissen: Macht, Geist, Vollkommenheit. Und jetzt dies: Das Wort ward Fleisch.
Das trägt Unruhe in die Reihen und stößt alle vor den Kopf, die mit Gott überirdischen Glanz verbinden. Gott wird Mensch? Mit Leib und Seele, mit Haut und Haar? Gott wird unser Fleisch und Blut?
Ja, aber dann gehört doch nicht nur erhabene Schönheit zu Gott, sondern auch das unfertige Leben mit all seinen ungeduldigen Fragen. Selbst Krankheit und Behinderung wären dann von Gott nicht wegzudenken. Das wirbelt Gottesbilder durcheinander.
»Ja«, besteht Johannes auf seinem Zwischenruf, »das Wort wurde Fleisch … und wir sahen seine Herrlichkeit«.
Nein, das Wort herrlich kommt der Frau nicht über die Lippen, als sie über die Pflege ihres kranken Vaters spricht. »Anfangs vergaß er nur Alltäglichkeiten«, sagt sie, »gegen Ende erkannte er nicht einmal mehr mich. Schwer war es und doch eine wichtige Zeit. Ich bin ihm nahe gekommen wie nie zuvor. Mitunter brachte er etwas so verblüffend Richtiges heraus. Oft habe ich einfach nur seine Hand gehalten. Manchmal war es mir dann, als ob ich in seinem friedlichen Gesicht etwas vom Licht Gottes erblicke.«
»Himmlisch«, seufzt der Großvater und schiebt seine Enkelin durch die Tür ins Wohnzimmer. »Wir waren den ganzen Nachmittag im Wald«, erzählt er, »haben einen Fuchs beobachtet und uns die Fährte von Rehen angesehen. ›Macht Gott eigentlich auch Spuren, wenn er zu uns kommt?‹, hat Rebekka dann gefragt und war sich schnell sicher: wenn der Schnee in der Sonne funkelt. Ja, Gott macht Spuren, ich bin mir auch gewiss: Wenn ich mit meinen Enkelkindern zusammen bin, dann ist mir, als halte ich in diesem Moment einen Zipfel von der Herrlichkeit Gottes.«
Ulf Liedke
Jeremias Schrei gegen die Verletzungen in der Kirche
30. Oktober 2011 von DER SONNTAG
Abgelegt unter Wort zur Woche
Heile du mich, Herr, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen; denn du bist mein Ruhm.
Jeremia 17, Vers 14
Da hat es einer echt satt. Vergeblich versuchte er, angesichts innerer und äußerer Bedrohung seine Mitbürger aufzurütteln und aus politischer und geistlicher Lethargie zu reißen – völlig umsonst.
Jeremia wird verlacht, verspottet und von politischer Elite und geistlichem Establishment zur Unperson erklärt. Niemand interessiert sich für seine Kritik an sozialen und geistlichen Verhältnissen. Anderes ist wichtiger: Die Frage, wie man der Inflation im eigenen Land begegnet, wie man die Großmächte bei Laune hält, damit die nicht kommen und das Land ausrauben.
Keiner achtet auf diesen religiösen Spinner, der behauptet: »Gesegnet ist der Mann, der sich auf den Herrn verlässt«. Mag ja sein, dass Religion nicht schlecht ist – aber derzeit hat man andere Sorgen.Vor einigen Wochen sagte ein Papst in Deutschland: »Wichtig ist, dass dieses Land wieder über sein Verhältnis zu Christus nachdenkt!« Kirchliche und weltliche Medien meinten am Ende seines Besuches, er habe zu den »wesentlichen Fragen der Zeit« nichts gesagt.
Haben wir es 2600 Jahre nach Jeremia denn immer noch nicht gecheckt? Begreifen wir den Auftrag unserer Kirche wirklich nicht? Das »Heil« wird es nicht durch gutmeinenden Humanismus, eine neue Wertediskussion oder ausgefuchste Parteiprogramme geben – Heil kommt von Gott.
Das ist die Predigt des Jeremia und diese Predigt lässt ihn vereinsamen so wie manchen Bruder und manche Schwester auch heute. So wie Jeremia fühlen sie sich verletzt, gerade angesichts der verschiedenen inhaltlichen Diskussionen in unserer Landeskirche, geht es nun um umstrittene Paragrafen oder Strukturanpassungen.
Natürlich will keiner dem anderen wehtun und dennoch passiert es, wie schon damals bei Jeremia. Von ihm will ich lernen, mit unterschiedlichen Verletzungen auch innerhalb der Kirche umzugehen.
Jeremia benennt Dinge klar und deutlich, hält mit seiner Sicht der Dinge nicht hinter dem Berge. Aber er weiß, wer seinem Volk Heil und Heilung schenken kann: Gott selbst. Sein Gebet, seinen Schrei richtet er nicht gegen Menschen oder Umstände sondern an die Adresse des Herrn.
Eine Kirche die gemeinsam betet, ist in der Lage, gemeinsam »heil« zu werden.
Jens Buschbeck
Jens Buschbeck ist Pfarrer der Zwickauer Luther-Kirchgemeinde.
Siegertypen sehen anders aus
16. Oktober 2011 von DER SONNTAG
Abgelegt unter Wort zur Woche
Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.
1. Johannes 5, Vers 4

Am Freitag, dem 7. Oktober 2011, an einem historischen Datum, jubelt die ganze Nation über einen »historischen« Sieg der deutschen Fußballer in Istanbul: 3 zu 1 gewinnen Lahm und Co. gegen viele ihrer Vereinskollegen.
Wir sind wieder wer – nicht erst seit Freitag – schon seit 2006 sind wir Deutschen wieder wer. Zumindest im Fußball.
Es tut gut, auf der Siegerseite zu stehen und mittlerweile ist es ja auch dank Fußball wieder legitim, das Auto mit der Nationalflagge zu versehen – wir sind wer!

Jens Buschbeck ist Pfarrer der Zwickauer Luther-Kirchgemeinde.
(Foto: Andreas Wohland)
Schaue ich in unsere Gemeinden, sehe ich wenig Siegesjubel.
Selbst am Ewigkeitssonntag klagen wir über den Verlust der Toten eines Jahres, anstatt in Jubel über deren Auferstehung auszubrechen.
In der Öffentlichkeit werden wir eher als Spielverderber, denn als »Winner« wahrgenommen und bei »Strukturanpassungen« gehen wir selbstverständlich von schrumpfenden Gemeinden aus.
Wir Glaubende sind Sieger? – Theologisch ist uns das klar, aber in der Praxis hinken wir dem oft meilenweit hinterher.
Aber, liebe Geschwister, wir glauben doch den Satz aus dem ersten Johannesbrief, oder?
Dann lasst es uns auch umsetzen.
Lasst uns als Siegertypen gelassen und wohl auch ein wenig stolz darüber sein und es zeigen, dass unser Herr mehr geleistet hat als Joggi Löw und sein Team.
Lasst es uns gegenseitig sagen, wer wir sind und was wir sind.
Übrigens: Siegertypen sind anziehend und ein paar mehr »Fans« von Jesus können wir wohl gut gebrauchen …
Jens Buschbeck
Die entscheidenden Dinge müssen ans Licht
9. Oktober 2011 von DER SONNTAG
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Jesus Christus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium.
2. Timotheus 1, 10

Wer wie ich über vierzig ist, kennt diese Situation vielleicht: Es wird Abend, man hat einen langen Arbeitstag hinter sich und soll dann auch noch diese kleinen Buchstaben auf der Käseverpackung lesen, die im Supermarkt nicht gerade in der hellsten Abteilung liegt.

Jens Buschbeck ist Pfarrer der Zwickauer Luther-Kirchgemeinde.
(Foto: Andreas Wohland)
Man wird älter und manches, was vorher im Halbdunkel klar zu erkennen war, muss ans Licht!
Aber Vorsicht – nicht alles!
Selbstverständlich gibt es Dinge, die nun mal nicht ans Licht sollen – in meinem Leben, wie in dem Ihren sicher auch. Dass ich damit nicht nur die Fältchen um Mundwinkel und Augen meine, ist sicher klar. In all diesen Fällen ist ein versteckendes Halbdunkel gar nicht so übel.
Das Neue Testament lässt keinen Zweifel daran, dass hinsichtlich lebensentscheidender Dinge Gott das Halbdunkel verabscheut. Jesus versteckte sich mit seiner Botschaft nicht.
In aller Öffentlichkeit und im Tageslicht sagt er angenehme und unbequeme Dinge in Klarheit und Vollmacht.
Am helllichten Tag wird er nackt an ein Kreuz genagelt, damit jeder ihn sehen kann und an einem klaren Morgen, bei Sonnenaufgang, zeigt er seine Macht über den Tod.
Die Jünger, die sich versteckt hatten, schickt er hinaus ins Licht der Welt, damit sie diese frohe Botschaft vom Sieg über den Tod ausposaunen.
Das Evangelium ist keine Privatsache, sondern eine öffentliche Angelegenheit – ob es unsere Mitmenschen nun wahrhaben wollen oder nicht. Dafür einzutreten ist unser Auftrag – auch in dieser Woche.
Jens Buschbeck
Alles selbstverständlich?
2. Oktober 2011 von DER SONNTAG
Abgelegt unter Wort zur Woche

Aller Augen warten auf dich, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit.
Psalm 145, Vers 15
Wer, wie ich, glücklich verheiratet ist und auch noch Kinder hat, dem geht der erste Teil dieses Wochenspruches sicher auch sehr häufig durch den Kopf. Du sitzt im Auto. In zwanzig Minuten beginnt die Veranstaltung. Eigentlich waren alle fertig – aber Du sitzt hier allein, deine Augen starren gebannt auf die Haustür und du sehnst dich danach, dass die geliebte Familie endlich aus dem Haus kommt …

Jens Buschbeck ist Pfarrer der Zwickauer Luther-Kirchgemeinde. (Foto: Andreas Wohland)
»Aller Augen warten auf dich, Herr!« – den Psalmisten scheinen Wartezeiten zwar auch zu stören, aber ich denke nicht, dass er ähnliche Negativgefühle Gott gegenüber hegt, wie ich ab und an gegenüber meiner Familie.
Unser Wochenspruch steht vielmehr in einem der schönsten Danklieder des Psalters. Weil er die Schöpfung in ihrer Herrlichkeit kaum fassen kann, weil die Nahrung wie durch ein Wunder auf den Feldern wächst, fällt der Dichter auf die Knie vor dem, der das alles erfunden hat: »Ich will dich erheben, mein Gott, du König, und deinen Namen loben immer und ewiglich.«
Dank der großartigen Errungenschaften der modernen Naturwissenschaften wissen wir heute noch besser, welch gigantisches System hinter der Schöpfung steckt – loben wir deshalb mehr?
Auch fünf Minuten bevor der Bäcker schließt, kann ich ein Brot kaufen. Zu jeder Jahreszeit gibt es frisches Obst und Gemüse. Schauen unsere Augen deshalb mehr auf den Herrn?
Anders als der Dichter des alttestamentlichen Psalms, wissen wir auch über Gott viel mehr, als jener zu ahnen wagte: Wir kennen Jesus und haben eine unendliche Zukunft vor uns.
Merken das unsere Nachbarn? Vielleicht ist diese Woche die »rechte Zeit«, auf diese Fragen Antworten zu geben.
Jens Buschbeck
Jesus ist der Schlussstein des gemeinsamen Hauses
7. August 2011 von DER SONNTAG
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So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.
Epheser 2, Vers 19
Der Text hat für mich keinen befremdenden Klang. Zwar kommt in meinem Sprachgebrauch das Wort Hausgenossen nicht vor, dennoch werden in mir Bilder wach: Die Zusage, Hausgenossin oder Hausgenosse zu werden, drückt die Erfüllung einer großen Sehnsucht aus. So verstehe ich auch das Wort Tempel (Vers 21) wie Heimat oder Geborgenheit.
Als dieser Text verfasst wurde, war eine Gemeinde im Entstehen. Unterschiedliche Menschen fühlten sich dem ganz jungen christlichen Glauben verbunden. Es waren Menschen jüdischer und nichtjüdischer Abstammung, auch von sehr niedrigem sozialen Rang. Eine große Herausforderung muss es gewesen sein, aus den unterschiedlichen kulturellen Herkünften heraus eine Gemeinde zu bilden.
Der Autor des Briefes beschreibt den Tempel – als Heimat des Glaubens – nicht als ein starres Bauwerk, sondern als ein organisches Gebilde, das von Jesus Christus als dem Eckstein (Vers 21) oder auch Schlussstein spricht. Der Tempel wird also nicht durch menschliches Vermögen gekrönt, sondern durch Jesus von Nazareth – lebendig über Kreuz und Tod hinaus.
Und nichts von ihm wirkt bis in unsere Zeit so stark hinein wie die Bergpredigt. Das Reden vom Reich Gottes im unmittelbaren Alltag bildete damals die Bedeutung des Schlusssteins heraus und tut dies noch bis heute.
So waren die Menschen in Ephesus nicht allein auf sich selbst angewiesen, sondern bauten auf die Verlässlichkeit des »Schlusssteins«. So lassen Sie sich herausfordern, Gemeinde mit Fremden zu bauen – mit Frauen, Männern und Kindern, die zu Hausgenossen werden.
Ein heiliges Anliegen!
Sabine Schmerschneider
Sabine Schmerschneider ist Referentin für Seniorenarbeit der Evangelischen Erwachsenenbildung.
Rettungseinsatz ohne nachträgliche Rechnung
24. Juli 2011 von DER SONNTAG
Abgelegt unter Wort zur Woche

Aus Gnade seid ihr gerettet worden durch Glauben, und das ist nicht aus euch: Gottes Gabe ist es.
Epheser 2, Vers 8
Ist es nicht eines jeden Pflicht, zu retten, wo sich die Möglichkeit ergibt? Unterlassene Hilfeleistung ist ein Straftatbestand. Nun gut, nach einer teueren Rettungsaktion, und wenn sich die Geretteten auch noch leichtsinnig in Gefahr begeben hatten, wird hinterher die Rechnung präsentiert. Rettungskräfte hatten nicht nur Mühe mit dem Einsatz, oft mussten sie Risken eingehen, sich gar selbst Gefahren aussetzen. Aber gerettet werden muss.
Ist das hier bei den Ephesern anders? Hier betont der Apostel zweimal, dass die Rettung aus Gnade geschah und als Geschenk. Gut, das zweite, das Geschenk, mag heißen: Hier wird uns nachträglich keine Rechung präsentiert. Es kommt keine Nachforderung.
Aber was soll die erste Behauptung: »Aus Gnade sei ihr gerettet worden«? Dazu müssen wir unser Rettungswesen genauer ansehen. Unser schönes Ideal – gerettet werden muss – ist in Wirklichkeit auf überschaubare Einzelfälle beschränkt, vielleicht noch auf kurzfristige Katastrophenhilfe. Gegen den schleichenden Tod, der viele dauerhaft betrifft, wird längst nicht alles getan, was getan werden kann und soll.
Vor so einem schleichenden Tod waren die Epheser gerettet worden: Sie waren einst fern von der Hoffnung Israels, tot wie ihre toten Götzen und die Wege dieser Götzen. Jetzt aber sehen sie einen Weg, an der Hoffnung Israels teilzuhaben.
Das ist nicht der Weg, alle in den Bund der Israeliten aufzunehmen. Das ist der Weg, sich dem Israeliten Jesus anzuschließen, zu ihm Zutrauen zu fassen und seinen Weg zu gehen. Wir buchstabieren seinen Weg, lassen uns auf diesen Weg mitnehmen und sehen ihn trotz seines Todes im Leben enden.
Timotheus Arndt
Einander ertragen – ein Grundgesetz des Himmelreichs
17. Juli 2011 von Redaktion DER SONNTAG
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Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.
Galater 6, Vers 2
Wir haben unsere Taschen gut gepackt und auf den Schultern verteilt, warum sollen wir dann tauschen? Aber bei Reisetaschen ist es schon vorgekommen, dass das gemeinsame Tragen an je einem Henkel verhindert, dass die Dinger so unangenehm um die Beine baumeln. Es könnte aber hier auch gar nicht um unsere jeweiligen Taschen gehen, sondern um den oder die Andere selbst: Tragt je den Anderen als Last. So verfallen wir auch nicht der Illusion, wir könnten so leben, dass wir niemandem zur Last fallen. Vielmehr sollten wir unser Wissen um unsere eigenen und anderer Stärken und Schwächen so nutzen, dass wir wissen, wo wir und andere belastbar sind, wo wir die Schwächen auszugleichen haben.

Timotheus Arndt ist Mitarbeiter der Forschungsstelle Judentum an der Universität Leipzig. Foto: Uwe Winkler
Die für das Himmelreich zu sammelnde Gesellschaft besteht nicht aus vollkommenen Gerechten. Das sind lauter Menschen, die wir ertragen müssen. Das Fremdwort dafür heißt Toleranz, oft missverstanden, als sollte uns fremdes Verhalten egal sein. Aber das Wort spricht vom Ertragen, also keineswegs von dem, was leicht fällt. Wir haben Mühe miteinander, sogar wenn wir uns mögen und den Menschen nicht missen möchten, der uns Mühe macht. Wenn wir also einmal jemanden auf den Mond wünschen, dann drücken wir mit diesem Wunsch ehrlich aus, dass uns Toleranz nicht leicht fällt; aber wir sollten uns auch daran erinnern, dass in dem Reich, dessen Gesetzen wir folgen, von uns erwartet wird, dass wir einander ertragen. Das ist sogar ein Grundgesetz des Himmelreichs.
Timotheus Arndt
Kein Mensch darf verloren gehen
10. Juli 2011 von DER SONNTAG
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Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. Lukas 19, Vers 10
Eine Vermisstenmeldung setzt Suchtrupps der Polizei in Bewegung. Flugzeuge suchen unzugängliches oder unüberschaubares Gelände von oben ab. So wird ein Mensch gesucht, der verloren gegangen ist. Stelle ich mir Jesus als so einen Polizisten oder Piloten vor? Ein anderes Bild: Ein kleiner Junge im Treiben eines großen Festes ruft: »Mutti, wo bist du?« Vielleicht fühlt er sich noch gar nicht verloren, weil er voller Vertrauen ist, dass seine Mutter sicher kommen wird.
Wir können in der Masse ebenso wie in der Abgeschiedenheit verloren gehen. Wir mögen es spüren oder ahnen, in überflüssiger Sorge oder falscher Sorglosigkeit sein. Jesus bezeichnet seine Aufgabe als Retter von Verlorenen, nachdem er einen Mann von einem Baum geholt hat – inmitten einer Menge Leute. Beide haben Probleme miteinander, der Mann vom Baum und die Leute. Die Auseinandersetzung, die Jesus mit seinem Ruf eröffnet, kommentiert er mit dem Satz: »Auch dieser ist ein Sohn Abrahams.«
Der Verlust war beidseitig. Der Mann hatte die Gemeinschaft der Kinder Abrahams verloren. Die anderen Kinder Abrahams hatten diesen Mann verloren.
Jesus will die Gemeinschaft Israels wieder herstellen. Vielleicht hat er dabei gar nicht an die Heiden gedacht, die heute seine Kirche bilden. Aber in seinem Abschiedsgebet, das Johannes überliefert (Kapitel 18, Vers 9), betont er: »Ich habe keinen von denen verloren, die Du mir gegeben hast.« So hat er uns die Aufgabe weitergegeben, einander nicht zu verlieren, sondern vielmehr Menschen immer wieder auf dem Weg in die Gemeinschaft der Kinder Abrahams wie der Menschenkinder überhaupt zu helfen.
Timotheus Arndt
Timotheus Arndt ist Mitarbeiter der Forschungsstelle Judentum an der Universität Leipzig.
Was auch immer hart ist – die Liebe macht es leicht
3. Juli 2011 von DER SONNTAG
Abgelegt unter Wort zur Woche

Christus spricht: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.
Matthäus 11, Vers 28
Einen Erfrischungsstand sehe ich vor mir, wo in der Pause der schweißtreibenden Arbeit oder des sportlichen Trainings Getränke und Eis zu haben sind. So klingt der Vers in meinen Ohren: Eine Pause, in der Lasten abgelegt werden, die Anstrengung weicht und wir uns daran erinnern, dass Anderes unser Leben bestimmen soll, als das, was uns aufreibt.
Doch sowohl die Übersetzung »erquicken« als auch das griechische Wort dahinter, aus dem unsere »Pause« geworden ist, meint nicht nur eine Rast zwischen Anstrengung und Mühe. Es heißt aufhören mit dem bisherigen Trott, aussteigen aus dem Hamsterrad, zur Ruhe kommen. Nicht erst auf dem Grabstein soll es heißen: »Arbeit und Mühe war dein Leben. Ruhe hat nun Gott gegeben.«
Verkündet Jesus die Leichtigkeit des Seins und sagt: Nimm’s leicht; denk positiv?
Ja, ein bischen davon ist gemeint, wenn er uns zur Neuorientierung ruft. Ein bischen lernen wir leicht nehmen, was nicht verdient, so ernst genommen zu werden, wenn wir unser Leben unter dem Vorrang des Himmelreiches sehen.
Aber der selbe Jesus sagt angesichts der politischen Wirklichkeit seiner Zeit: »Wer in meine Schule gehen will, soll annehmen, dass die Römer ein Kreuz für ihn bereit halten, das er selber zur Hinrichtung tragen muss.« In dem Satz nach unserem Wochenspruch sagt er von der Last, die er uns aufgibt: »Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.«
Der Kirchenlehrer Augustin sagt es so: »Was auch immer hart ist in dem, was uns auferlegt ist: die Liebe macht es leicht.« Die Erfrischung am Wegesrand lässt uns aufblicken, den Himmel sehen, Balast abwerfen und Gewichte neu verteilen.
Timotheus Arndt
Timotheus Arndt ist Mitarbeiter der Forschungsstelle Judentum an der Universität Leipzig.
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