Was auch immer hart ist – die Liebe macht es leicht
3. Juli 2011 von DER SONNTAG
Abgelegt unter Wort zur Woche

Christus spricht: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.
Matthäus 11, Vers 28
Einen Erfrischungsstand sehe ich vor mir, wo in der Pause der schweißtreibenden Arbeit oder des sportlichen Trainings Getränke und Eis zu haben sind. So klingt der Vers in meinen Ohren: Eine Pause, in der Lasten abgelegt werden, die Anstrengung weicht und wir uns daran erinnern, dass Anderes unser Leben bestimmen soll, als das, was uns aufreibt.
Doch sowohl die Übersetzung »erquicken« als auch das griechische Wort dahinter, aus dem unsere »Pause« geworden ist, meint nicht nur eine Rast zwischen Anstrengung und Mühe. Es heißt aufhören mit dem bisherigen Trott, aussteigen aus dem Hamsterrad, zur Ruhe kommen. Nicht erst auf dem Grabstein soll es heißen: »Arbeit und Mühe war dein Leben. Ruhe hat nun Gott gegeben.«
Verkündet Jesus die Leichtigkeit des Seins und sagt: Nimm’s leicht; denk positiv?
Ja, ein bischen davon ist gemeint, wenn er uns zur Neuorientierung ruft. Ein bischen lernen wir leicht nehmen, was nicht verdient, so ernst genommen zu werden, wenn wir unser Leben unter dem Vorrang des Himmelreiches sehen.
Aber der selbe Jesus sagt angesichts der politischen Wirklichkeit seiner Zeit: »Wer in meine Schule gehen will, soll annehmen, dass die Römer ein Kreuz für ihn bereit halten, das er selber zur Hinrichtung tragen muss.« In dem Satz nach unserem Wochenspruch sagt er von der Last, die er uns aufgibt: »Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.«
Der Kirchenlehrer Augustin sagt es so: »Was auch immer hart ist in dem, was uns auferlegt ist: die Liebe macht es leicht.« Die Erfrischung am Wegesrand lässt uns aufblicken, den Himmel sehen, Balast abwerfen und Gewichte neu verteilen.
Timotheus Arndt
Timotheus Arndt ist Mitarbeiter der Forschungsstelle Judentum an der Universität Leipzig.
Jesus hat nur uns – mit unseren Stärken und Schwächen
26. Juni 2011 von DER SONNTAG
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Christus spricht zu seinen Jüngern: Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich.
Lukas 10, Vers 16
Jesus ruft seine Jünger und Jüngerinnen zusammen, sendet sie aus und spricht dann: »Wer euch hört, der hört mich!« Egal wer sie sind, was sie können, wie brillant sie reden und denken können, was sie zu leisten im Stande sind.
Er sendet gerade sie! Keine anderen! Er hat nur sie mit ihren Schwächen und Stärken. Er hat nur uns, um seine Botschaft in die Welt zu tragen, die gefährdet ist, die aber seinen Frieden dringend nötig hat.
Es ist klar, dass es genügend Orte gibt, wo keiner zuhören will und wo es scheinbar keine Chance gibt, dass die Botschaft gehört wird. Diese Erfahrungen werden sie machen, seine Jünger – wir.
Jesus sagt: »Wer euch hört, der hört mich!«, und macht uns alle zu seinen Herolden, die seinen Frieden verkünden sollen, die sich zu einer neuen Gemeinschaft zusammenrufen lassen, die im Hier und Jetzt handeln und seinem Ruf folgen, auch wenn es schwierig ist.
Gleichzeitig sagt er: »Wer euch verachtet, der verachtet mich!« Und bevor er dieses spricht, verflucht er Kapernaum, die Stadt, in die er als Helfer einzog. Er klagt, dass in dieser Stadt niemand hören will. Er klagt über eine Stadt, die die Krankheit mehr liebt als den Arzt. Wie einfach könnte es sein, wenn Menschen aus dem Alten und aus dem Gewohnten aufbrechen würden, alte verletzende Beziehungen zurücklassen, neu hören und sich rufen lassen würden.
Es bleibt nur dieser Weg für alle Jünger und Jüngerinnen Jesu bei all dem Zwiespältigen im Leben. Jesus ruft uns – auch auf die Gefahr hin, dass man uns verachtet.
Enno Haaks
Wir brauchen das Heilige, um heil zu bleiben
19. Juni 2011 von DER SONNTAG
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Was ist dem modernen Menschen heilig? Oder ist so gut wie nichts mehr heilig?Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll.
Jesaja 6, Vers 3
Gibt es Grenzen dessen, was man tut oder nicht, weil sonst etwas kaputt geht, was nicht mehr zu »heilen« ist?
Tabus zu akzeptieren ist wichtig, denn mit deren Abschaffung ist auch das Heilige entheiligt. Und wir Menschen brauchen das Heilige so nötig, um bei Sinn und Verstand zu bleiben, heil und gesund. Dazu gehört das Bekenntnis zu dem, der über mich herrscht, der mein Herr ist, der mein Leben in den Händen hält, mich bewahrt und mich beschützt.
Er ist es aber auch, der mich herausruft aus Sicherheiten – wie Jesaja. Jesaja wird vom Heiligen viel zugemutet.
Er wird aufgefordert zu mahnen. Und diese Mahnung zielt darauf, dem Heiligen wieder Raum zu geben, Tabus wieder zu akzeptieren, Grenzen zuzulassen.
Es ist die Botschaft, die in unseren Kirchen verkündet wird. Wir werden eben auch gefordert und ermahnt. Kirchräume sind dabei nicht nur Wohlfühlräume. Nein! Sie wollen uns Menschen mit uns, unserem Nächsten und mit dem Heiligen wieder zu Recht bringen.
Er soll herrschen! Dafür braucht es schützende Dächer, beschützende Mauern. Dafür braucht es heilige Orte, heilige Zeiten, heilige Texte. Und alles zusammen will uns heilen, aus all den Verstrickungen, Depressionen, aus Hetzerei, Chaos herausholen und wieder ins Lot bringen.
Im Laufe seiner langen Geschichte hat das Gustav-Adolf-Werk viele heilige Orte geschaffen, Menschen in schwierigen Situationen heilige Texte beschafft, damit zu geheiligten Zeiten Menschen sich versammeln können.
Sie sollen dabei wissen, dass sie im Glauben an den dreieinigen allein heiligen Gott verbunden sind über den ganzen Erdball. Dieser Glauben verbindet uns, um dem Heiligen in unheilen Zeiten Raum zu geben.
Enno Haaks
Ein Wunder, das uns hilft, anders zu leben
12. Juni 2011 von DER SONNTAG
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Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr Zebaoth.
Sacharia 4, Vers 6
Pfingsten ist das Fest des Heiligen Geistes, eines Geistes, der die Welt und die Menschen verwandeln will. Er ist so schwer zu fassen, dieser Geist. Deshalb ist es gut, sich Geschichten über sein Wirken zu erzählen.
Mir gefällt eine Pfingstgeschichte aus Italien: In einem kleinen Dorf versuchte ein Pfarrer seiner Gemeinde das Wunder dieses Festes nahezubringen. Immer nach der Lesung des Evangeliums ließ er eine weiße Taube hinter dem Altar hervorfliegen. Jeder wusste, dass der Küster sie fliegen ließ.Der Pfarrer pflegte zu sagen: Auf wessen Schulter sich die Taube niederlässt, dem wird eine besondere Erleuchtung widerfahren. Neugierig wurde danach immer geschaut, bei wem sich die Taube niederließ.
Und immer geschahen kleine Wunder: Ein alter, müder Lehrer schrieb auf einmal ein weises Buch. Ein Beamter der Verwaltung, der immer Geld des Haushaltes für sich behielt, gab auf einmal alles zurück und man konnte ein neues Obdachlosenheim bauen. Ein gewalttätiger Ehemann schlug von da an seine Frau und seine Kinder nicht mehr.
Eines Tages kam ein neuer Pfarrer in das Dorf. Er ließ alle Türen und Fenster der Kirche öffnen in der Hoffnung, die Taube würde einfach davonfliegen. Was geschah? Die Taube schien ein wenig verwirrt. Schließlich setzte sie sich auf die Schultern des neuen Pfarrers.
Nun kann man überlegen, welches »Wunder« wohl mit dem Pfarrer geschieht?
Was wird die Erwartung der Menschen aus ihm machen?
Es wäre doch wirklich ein Pfingstwunder, wenn wir einander so anschauen, dass der jeweils andere zu etwas Besonderem wird. Denn Gott kommt zu uns!
Er traut uns zu, zu werden, wozu wir bestimmt sind: Kinder Gottes!
Enno Haaks
Das Gebet trägt die Gewissheit der Erhörung schon in sich
29. Mai 2011 von DER SONNTAG
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Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet.
Psalm 66, Vers 20
Was ist das doch für eine Erhörungsgewissheit, die im Wochenspruch zum Sonntag Rogate laut wird: Die Zuversicht, dass Gott weiterhin gütig ist und unser Gebet nicht verwirft, sondern erhört.
Wer von uns kann behaupten, dass sein Gebet von einer solchen Zuversicht erfüllt sei?
Ist es nicht dagegen oft so, dass Gott unsere Gebetsanliegen scheinbar nicht erhört?
Dass er uns ins Leere beten lässt?
Warum tut Gott nicht das, was wir von ihm erbitten?

Frank Manneschmidt ist Pfarrer in Zwickau. Foto: Steffen Giersch
Zum einen ist Gott kein Automat, in den ich oben ein Gebet hineinwerfe und dann unten die Erfüllung meiner Wünsche herausbekomme. Das hieße, den Allmächtigen auf einen Zauberkasten zu reduzieren und ihn mir wie eine Maschine gefügig zu machen.
Zum anderen geschieht ein christliches Gebet nicht aus einem zweifelnden oder verzweifelten Herzen heraus, sondern aus einem zuversichtlichen und vertrauenden Herzen: Das Gebet ist keine Voraussetzung, sondern vielmehr eine Folge des Glaubens. Wir beten nicht, damit sich ein ferner und unbekannter Gott uns zuwende, sondern vielmehr, weil Gott sich in seinem Sohn schon längst ein für alle mal uns zugewendet hat!
Das christliche Gebet trägt also die Gewissheit der Erhörung immer schon in sich, weil es aus der Glaubensverbindung mit Christus überhaupt erst entspringt. Beten ist somit keine fromme Leistung, die wir uns krampfhaft abringen müssten, sondern ein Geschenk des Heiligen Geistes.
Deshalb gilt: Gott hört alle unsere Gebete. Und er erhört sie auch – oftmals nicht so, wie wir das gerne hätten, aber immer so, wie es seiner Gnade und Weisheit entspricht.
Frank Manneschmidt
Wer auf Christus vertraut, folgt seinem Ruf in die Nachfolge
8. Mai 2011 von DER SONNTAG
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Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben. Johannes 10, Verse 11, 27 und 28
Es weiß, Gott Lob, ein Kind von sieben Jahren, was die Kirche ist: nämlich die heiligen Gläubigen und die Schäflein, die ihres Hirten Stimme hören«, hat Martin Luther in den Schmalkaldischen Artikeln formuliert. Wie stellen wir uns heutzutage Hirten vor? In Fellmäntel gewandete Männer mit Hirtenstäben, die sich unweit ihrer friedlich schlafenden Herde um ein nächtliches Lagerfeuer versammelt haben?

Frank Manneschmidt ist Pfarrer in Zwickau. Foto: Steffen Giersch
Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, dann löste das Bild von Hirten in mir das Gefühl von Ehrfurcht aus. Denn die Hirten halten Nachtwache: Sie halten aus bei Wind und Kälte. Sie haben keine Angst vor Räubern und wilden Tieren. Sie wachen, während andere Leute schlafen. Sie behüten die Schafe und schützen sie vor den Wölfen. Sie sind vertraut mit dem Dunklen und Geheimnisvollen. Doch sind sie nicht nur vertraut mit der Nacht, sondern auch näher an der Natur; sie haben ein Gespür für das Natürliche, Ursprüngliche, Lebendige. Sie gehören nicht zur Oberschicht, aber gerade ihnen wird zuerst das göttliche Geheimnis der Geburt Jesu offenbar.
In der Tat gibt es für unser Verhältnis zu Christus kaum ein treffenderes als das Bild vom guten Hirten. Denn Jesus hat sich tatsächlich als guter Hirte erwiesen! Jesus sammelte diejenigen um sich, die von anderen aufgegeben wurden. Er ging in seiner Liebe sogar so weit, dass er sein Leben für sie und uns alle hingegeben hat. Durch Christi Auferstehung haben wir Anteil an seinem neuen, ewigen Leben. Wer im Glauben auf Christus traut, ist daher mit ihm so eng verbunden, dass er den Ruf Jesu in die Nachfolge hört und seine Stimme kennt – so untrüglich, wie ein Schaf die Stimme seines Hirten.
Frank Manneschmidt
Hingabe und Liebe – Schritte in die richtige Richtung
17. April 2011 von DER SONNTAG
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Des Menschensohn muss erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.
Johannes 3, Verse 14b und 15
Die guten Erfahrungen im Leben wecken in uns den Wunsch nach Wiederholung, Dauer, Ewigkeit. Beständiges Glück, auch über den Tod hinaus – ist das mit »ewigem Leben« gemeint? Oder ist es die Hoffnung auf eine Daseinsform, in der alles menschliche Leid sein Ende und alle göttliche Freude seine Erfüllung gefunden hat? Sie kann allzu leicht als billiger Trost verstanden werden.
Die Bibel ist, was Aussagen und Beschreibungen über ein Leben nach dem Tod anbelangt, sehr zurückhaltend. Aber es gibt darin Andeutungen. Ein Schriftgelehrter brachte das ewige Leben mit seiner Lebenszeit, seinem Hier und Heute, in Verbindung. Er fragte Jesus: Was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe? (Lukas 10, 25)
Die Antwort lautet: »Gib alles, was du hast den Armen«. Das ist der bedeutendste Schritt in die richtige Richtung. Im Gleichnis Jesu vom reichen Mann und dem armen Lazarus erscheint die Welt nach dem Tod für den einen als ein Ort der Qual, für den anderen als Ort des Trostes. Durch ihr Verhalten im Leben haben sie sich ihr Leben nach dem Tod selbst geschaffen.
Der Wochenspruch lenkt unseren Blick noch in eine andere Richtung: Die Erhöhung des Menschensohns. Sie steht völlig quer zu allem, was nach unseren Maßstäben Erhöhung ist oder Ehre verspricht. Jesu Erhöhung heißt, dass ihm der Boden unter den Füßen weggezogen wird, erhöht auf grob zusammengezimmerten Holzbalken, nackt den Blicken der Gaffer ausgesetzt.
Die wenigsten Blicke auf den sterbenden Jesus waren Blicke des Glaubens. Diese Erhöhung, die nur aus der totalen Erniedrigung, der Selbsthingabe, der Liebe kommen kann, ist die Erhöhung bei Gott. Wer daran glaubt, darf auf das ewige Leben hoffen.
Christine Müller, ist Beauftragte für den Kirchlichen Entwicklungsdienst in Sachsen.
Jesus stellt die gewohnten Verhältnisse auf den Kopf
10. April 2011 von DER SONNTAG
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Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene
und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele. Matthäus 20, Vers 28
Wieder einmal stellt Jesus die Welt auf den Kopf. Im Matthäusevangelium fängt es schon damit an, dass die Weisen aus dem Morgenland vor dem armen Kind in der Krippe niederknien. Im vorliegenden Vers geht es eindeutig um die Umkehr der bestehenden Verhältnisse, aber auch um Solidarität mit den Notleidenden. Es geht um Christsein und Kirchesein in der Welt, wie es Bonhoeffer formuliert hat, zunächst als »Kirche für andere« – nicht herrschend, sondern helfend und dienend.
Aber vielmehr noch geht es um die Kirche, die bereit ist, dort hinzugehen, wo Gott bereits durch Jesus am Leiden der Welt teil nimmt. Es ist der Ort der Opfer, der Ausgeschlossenen, der Verarmten, der Ermordeten, an dem die Kirchen zu stehen haben.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden zunehmend die betroffenen Menschengruppen an Werke wie Diakonie oder an Sonderpfarrämter delegiert. Das heißt: Diejenigen Menschen, die biblisch »die Ersten« für den Gemeinde- und Kirchenaufbau sein sollten, wurden ausgegliedert und zu Objekten der Betreuung gemacht. Es geht aber zu jeder Zeit darum zu entdecken, an welchem Orten sich Gott in Jesus zeigen und die Kirche in die Nachfolge rufen will. Das tut er an den aus unserer Sicht nicht attraktiven oder privilegierten Orten. Wir könnten es auch »Herrschaft von unten« nennen.
Dass der Himmel Gottes auf diese Erde kommt; dass das, was unten war, nach oben erhoben wird; dass das Geringe nicht immer klein bleiben muss und die Großen nicht ewig das Sagen haben – dazu ist er erschienen, dafür hat er gelebt und gestritten, dafür musste er leiden und sterben.
Christine Müller
Christine Müller ist Beauftragte für den Kirchlichen Entwicklungsdienst in der sächsischen Landeskirche.
www.arbeitsstelle-eine-welt.de
Loslassen kann schmerzlich sein, bringt aber Neues hervor
4. April 2011 von DER SONNTAG
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Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. Johannes 12, Vers 24
Wer ein Weizenkorn in der Hand hält, hat ein Stück Leben ergriffen. Der Weizen als Urnahrungsmittel hat in Mythologie und Religion symbolische Bedeutung. Er gilt als Frucht der Erde, als Gabe des Lebens und der Götter und wird assoziiert mit Reinheit, Segen und dem Bund Gottes mit den Menschen. Im Internet las ich an mehreren Stellen vom »Weizenkornprinzip«. Das Prinzip leuchtet ein: Aus einem Korn, das in die Erde gesät wird, können viele Körner entstehen.
Das geht nur, weil das Weizenkorn seine Gestalt loslässt, sich der Verwandlung anvertraut und nur so fruchtbar und vielfältig werden kann. Somit wird das Samenkorn einerseits zum Gleichnis für Jesus, der selbst sein Leben hingegeben hat und andererseits für die Erfahrungen, die jeder Mensch machen kann. Hier vergleicht Jesus das Leben mit dem Sein eines Weizenkorns: Wenn man sich mit seinem Leben einsetzt, sich ganz einer Sache hingibt und aussäen lässt, dann wachsen unter schmerzlichen Veränderungen die herrlichsten Lebensfrüchte.
Das ist leicht gesagt. Es gehört schon viel Mut dazu und ein großes Vertrauen, selbst wenn der Neuanfang viele neue Möglichkeiten und eine große Bereicherung verspricht. Manchmal muss erst etwas »sterben«, damit etwas Neues entstehen kann. Diese Gedanken sind uns vertraut und wir haben sie vielleicht auch schon als seelsorgerlichen Zuspruch für unser eigenes Leben oder auch als Hilfestellung empfunden.
Durch dieses Gleichnis fühlen wir uns als Einzelne ermutigt, neue Schritte zu gehen, auch wenn sie schmerzlich sind. Mir kommt die Frage in den Sinn: Gilt das »Weizenkornprinzip« vielleicht nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für die Gestalt der Kirche?
Christine Müller
Wenn der Pflug klemmt: erinnern und vorwärts gehen
27. März 2011 von DER SONNTAG
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Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.
Lukas 9, Vers 62
Es gab Zeiten, da fand ich Reformen grundsätzlich schick. »Das machen wir jetzt ganz anders«, dieser Satz war selbsterklärend. Reform war synonym mit Frühling, Lust und Ewigkeit. Heute finde ich Reformen kaum noch schick, meistens aber nötig. Manchmal nerven sie geradezu. Bin ich darum ein Pessimist?
Manche sagen: Die Sache wäre doch ganz einfach – ich müsste nur ein bisschen sparen, meine Arbeit optimieren und bei alledem das Lächeln nicht vergessen. Wörtlich genommen ist eine Reform eine Wiederherstellung. Sie wäre also dann nötig, wenn das Alte sich verfehlt hat. Wenn die Lösung nicht mehr dem Plan und die Aktion nicht mehr dem Ziel entspricht.
Den kritischen Blick zurück kann ich mir nicht ersparen. Es war gewiss nicht alles schlecht, aber manches eben auch nicht gut. Zugleich ist der Blick zurück aber auch eine Einübung in die Dankbarkeit. Im letzten Jahr ist das Korn nicht schlecht gewachsen. Und das war nicht mein Verdienst. Warum sollte der Schöpfer nicht auch in diesem Jahr die Sonne scheinen und den Regen strömen lassen?
Der Blick zurück ist also nicht generell verboten. Vielmehr wächst der Mut zum Pflügen aus der dankbaren Erinnerung. Dann aber mit Entschlossenheit ans Werk! Während des Pflügens ist nicht die Zeit, an Gestern zu denken. Um beides geht es in der Nachfolge Jesu: Erinnern und vorwärts gehen. Zwischenzeitlich kann der Pflug auch mal klemmen. Was mich trägt, ist die Dankbarkeit, was mich motiviert, ist die Verheißung: Gottes Reich ist im Kommen.
Auch heute steht wieder viel Arbeit an. Ich bin durchaus im Zweifel, ob die neuen Wege tatsächlich erfüllen, was sie versprechen. Gleichwohl: Ich habe wieder Lust.
Thomas Knittel
Dr. Thomas Knittel ist Professor für Neues Testament und Systematische Theologie an der Evangelischen Hochschule Moritzburg.
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