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Nennen wir es Sächsismus

Andreas Roth
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Was haben ein toter Bombenbauer in einer Leipziger Gefängniszelle und pöbelnde Wutbürger vor der Dresdner Frauenkirche gemeinsam? Nimmt man die Fakten: null Komma null. Was verbindet einen entwischten mutmaßlichen Terroristen in Chemnitz mit Neonazis in Bautzen oder Heidenau? Ebenfalls: nichts. Doch von solchen kleinlichen Fakten lassen sich Journalisten und Politiker bundesweit nicht weiter irritieren und rühren alles in einem Topf kräftig um. Diagnose: Staatsversagen, Bananenrepublik, typisch Sachsen eben.

Keine Frage: Bei all diesen Ereignissen ist nicht wenig schiefgegangen. Das bestreitet niemand. Und es muss kritisch aufgearbeitet werden, damit es sich nicht wiederholt. Die Wucht aber und die Pauschalisierungen der Urteile sprechen eine Sprache, die die Kritiker eigentlich den Sachsen vorhalten: getönt von Vorurteilen, der Unlust zu Differenzieren und von der Lust am Verdammen. Man könnte es auch Sächsismus nennen.

Wurde nicht gerade in Chemnitz offenbar in fast letzter Minute ein Terroranschlag verhindert? Feierten nicht in Dresden 400 000 friedlich den Tag der Einheit, und nur 300 schrieen? Gibt es nicht in Bautzen und Heidenau und Freital viel mehr Flüchtlingshelfer als Neonazis? Es scheint aus der Vogelperspektive der Meinungsführer egal zu sein. Viele Bürger spüren das. Ein Bärendienst für die Demokratie.

Von Jesus lässt sich ein anderer Umgang mit Kritik lernen: Klar in der Sache – aber barmherzig mit menschlicher Fehlbarkeit. Das gilt auch für Gefängnispsychologen, Justizminister und Polizisten im Angesicht von Sprengstoff. Am Ende bringt eine solche Abrüstung vielleicht auch noch etwas Vertrauen in Politiker und Journalisten zurück.

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2 Lesermeinungen zu Nennen wir es Sächsismus
Beobachter schreibt:
19. Oktober 2016, 13:33

Vielleicht sollte man die Zahlen ergänzen? :
Beim Pegidageburtstag bis zu 15 000 (von Anwesenden berichtet, 1.000 Menschen beim Bürgerfest, zu dem OB Hilbert aufgerufen hatte!
Sie haben Recht, "Doch von solchen kleinlichen Fakten lassen sich Journalisten und Politiker bundesweit nicht weiter irritieren ", weiterhin werden die Pegidazahlen bis auf 5000 heruntergerechnet!!!
Da ist das Ende, das vielleicht noch mal etwas Vertrauen in Politiker und Journalisten zurückbringt, wohl noch in weiter Ferne?
Bis dahin schon Ihnen schon mal ein herzlicher Dank für diesen nachdenklichen Artikel!

Rolf Soblik schreibt:
19. Oktober 2016, 15:54

Ah ja, das ist sie wieder mal: Genau die typische, im sächsischen Ländle so weit verbreitete Art und Weise, auf Kritik zu reagieren. Diese Gekränktheit, das Schmollende, Eingeschnappte, Trotzige. Schuld sind natürlich ausschließlich die Journalistenkollegen und die Politiker und die "Meinungsführer aus der Vogelperspektive", wer auch sonst? Andere Verantwortliche für die Desaster sind ja landauf, landab nicht auszumachen. Ist ja alles nach vorgeschriebenen Protokollen und Routinen gelaufen, egal ob es Aue, Schneeberg, Dresden, Bautzen, Freital, Heidenau betrifft.

Pauschalierende Urteile und Einschätzungen treffen nie zu - gewiss! Wer kann es aber denen in den anderen Bundesländern verdenken, pauschal auch über "typisch Sächsisches" zu befinden, wenn seit zwei Jahren Montag um Montag Pauschalurteile über "Volksfahrräder", "Lügenpresse", "Invasoren", "Asylschmarotzer", "Schlafmützen aus dem Westen" (kann beliebig fortgesetzt werden) vor laufenden Kameras und offenen Mikrofonen aus Dresden in das übrige Land ausgesendet werden? Die Botschaft ist angekommen!

Und ganz sicher spielt auch eine Rolle, dass sich Sachsen und die Sachsen (ja falsch, schon wieder eine unzulässige Verallgemeinerung) unter König Kurt und den unbestreitbaren Erfolgen seiner Regentschaft durchaus etwas Besseres zu sein dünkten. Da hatte im Übrigen auch niemand etwas gegen Pauschalurteile über Sachsen einzuwenden. Nur nach Biedenkopf ging es stetig abwärts und nun bröckelt der Lack, und zwar kräftig! Da mag nun auch Schadenfreude eine nicht ganz unerhebliche Rolle spielen. Wohlfeil ist es dann, wieder einmal den Bärendienst für die Demokratie zu bemühen. Der wird an ganz anderer Stelle geleistet.

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