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Im biblischen Herzzentrum

Jahreslosung 2017: Kummer, Freude oder Neid – die Bibel weiß um die hellen und dunklen Herzkammern des Menschen. Gott selbst lässt sich in ihr in sein Herz blicken.
Von Peter Meis
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Oberlandes­kirchenrat Peter Meis ist Dezernent für theologische Grundsatzfragen im Landeskirchenamt.

Da soll es im kommenden Jahr also um unser Herz gehen! Riskant ist das. Und schön. Herzensangelegenheiten sind immer beides. Sie erwachen, wenn das Herz sich meldet: Beunruhigend, wenn es zu flimmern oder a-rhythmisch zu schlagen beginnt. Aufregend, wenn eine Operation am Herzen unumgänglich scheint. Unser Herz meldet sich aber auch, wenn es bis in die Ohren hinein pocht. Oder überrascht zu hüpfen beginnt. Oder eiskalt im Brustkorb sich verengt. Der Prophet Ezechiel weiß, dass es sogar versteinern kann. Mitten in der Flüchtlingskrise, die er mit den deportierten Israeliten um das Jahr 580 v. Chr. fern der Heimat teilt, spürt er die Not empfindungsloser Herzen.

Wohl und Wehe hängen an diesem Organ. Biologisch wissen wir, dass es ein höchst komplexer Muskel ist. Herzchirurgen können ihn behandeln. Aber woher weiß dieser Muskel, dass er nicht still stehen soll? Dass er zu arbeiten nicht aufhören darf, wenn das Leben weitergehen soll? Und zwar so, dass ihm auch Qualität zukommt?

Lange vor der Ausbildung medizinischer und psychologischer Spezialisten hat die Hebräische Bibel dem menschlichen Herzen Funktionen zugewiesen, die solche Lebensqualität ermöglichen. Darin erweist sie sich als eine Herzspezialistin, die ihresgleichen sucht. Bereits der Blick in eine Konkordanz zeigt: Über kein menschliches Organ redet sie so oft – über 850 mal, dazu noch das Neuen Testament circa 250 mal. Und hintergründig – mal geheimnisvoll und zart, dann wieder erschüttert und entlarvend.

Folgen wir der Einladung einer Visite durch dieses »biblische Herzzentrum«, werden wir durch mehrere Kammern geführt. In der ersten ist das Licht gedämpft. Hier wohnt der Kummer (1.Samuel 1, 8; Römer 9,2). Auch die Angst ist hier zu Hause (Psalm 25,17; 2.Korinther 2,4). Und Jesu Herz schlägt hier (Matthäus 11,29). Diese stille Kammer allzu schnell zu verlassen, ist nicht gut. Ihr Seufzen will im Ohr bleiben, wenn wir durch die angelehnte Tür zur nächsten Kammer gehen.

Hier wohnt die Schwester des Kummers – die Heiterkeit. Ansteckend mit ihrem Frohlocken und Singen (Psalm 13,6). Sinnliche Freude, sogar Weinseligkeit bestimmen die Atmosphäre (Psalm 104,15; Sprüche 17,22). Hier wird das »Hohe Lied der Liebe« gesungen (Hohelied 3,11). Und die Ewigkeit erahnt (Prediger 3,11). Auch wenn diese Kammer zum Verweilen einlädt – der eigentliche Festsaal des biblischen Herzens ist es noch nicht. Den betreten wir erst, wenn wir die Räume der Gemütsbewegungen und Sehnsüchte, also der Emotionen (lateinisch: Heraus- Bewegungen) verlassen. Er ist erleuchtet von Weisheit. Auf dem Thron hat die Vernunft Platz genommen. Klugheit, Wissen und Gewissen sind ihre Diener. Sie lehren uns, durch ein »hörendes Herz« zu verstehen was gut und böse ist (1. Könige 3,9; Sprüche 15,14 oder 16,23). Vor allem aber »unsere Tage zu zählen, dass wir heimbringen ein weises Herz« (Psalm 90,12). Wer Rat sucht, sollte hier verweilen (Sirach 37,13).

Wand an Wand liegen daneben freilich auch Dunkel-Kammern. In einer lauert der Neid und das Begehren (Sprüche 13,12; 6,25). In anderen der Zweifel (Psalm 14,1), die Bosheit (1. Mose 8,21), gar die Verstockung (Jesaja 6,10; Jeremia 7,24).

Im Vorbeigehen merken wir: Keine dieser Türen lässt sich ganz schließen. Eintreten sollten wir daher unbedingt noch in die Schatz-Kammer des menschlichen Herzens. Hier wohnt die Erinnerung (Psalm 103,2; Lukas 2,19). Der besondere Glanz dieses weiten Raumes liegt wohl darin, dass sich beim Nach-Denken vormals schlimme Erfahrungen verwandeln in das getröstete Wissen: »Gott ist größer als unser Herz« (1.Johannes 3,20). Dessen Empfindsamkeit in Fleisch und Geist zu erneuern, ist die belebende Zusage der Jahreslosung 2017. Folgen wir ihrem Pulsschlag mit gesammelter Aufmerksamkeit, wird uns das auf eine erregende Entdeckungsreise durch die biblische Stimmenvielfalt führen.

Die oben »visitierten« Verse sind ja nur ein Bruchteil dessen, was sie über unser Herz zu erzählen weiß. Das eigentliche Geschenk der Jahreslosung scheint mir indes: Mit dieser Zusage gewährt uns Gott auch einen Blick in sein eigenes Herz: »Von ganzem Herzen und von ganzer Seele soll es meine Freude sein, ihnen Gutes zu tun, und ich will sie in diesem Lande einpflanzen in beständiger Treue.« (Jeremia 32,41; Ezechiel 36,28). So will er unser Herz gewinnen und nicht brechen. Wie könnten wir anders, als dem zu entsprechen – womöglich so barmherzig, wie Gott selber ist.

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DER SONNTAG, Nr. 52 | 25.12.2016 Artikel drucken Artikel im ePaper anzeigen
Tageslosung

Du unser Gott, du großer Gott, mächtig und schrecklich, der du Bund und Treue hältst, achte nicht gering all das Elend, das uns getroffen hat.

(Nehemia 9,32)

Bartimäus schrie: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Und Jesus blieb stehen und sprach: Ruft ihn her! Und sie riefen den Blinden und sprachen zu ihm: Sei getrost, steh auf! Er ruft dich!

(Markus 10,48-49)

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