3

Kirchenvolk will mitmischen

Mitbestimmung: Nicht nur bei der Strukturreform fordert die Kirchenbasis mehr Mitsprache und ­Transparenz – doch die Landeskirche funktioniert anders.
Andreas Roth
  • Artikel empfehlen:

Darüber wird nicht mehr diskutiert! Demokratie sieht anders aus!«, schimpft eine SONNTAG-Leserin bei Facebook über die Kürzungspläne der Kirchenleitung. »Da werden Dinge von oben verordnet und den Wahnsinn bekommt man scheibchenweise serviert«, antwortet eine andere. Irgendetwas scheint kaputt gegangen zu sein zwischen Leitung und Basis in der sächsischen Landeskirche.

Es war schon zu spüren in der erbitterten Debatte über die Öffnung der Kirche für homosexuelle Menschen. Oder in der Kritik am verborgenen Aufbau des Diakoniestiftung-Konzerns. »Das erinnert mich ein bisschen an den Umgang der DDR-Führung mit ihrem Volk«, rügte der Vorsitzende des Diakonie-Ausschusses der Landessynode, Christoph Apitz, im Januar auf der Diakonischen Konferenz. »Ich wünsche mir mehr gegenseitige Achtung.« Die Konferenz bat den Synoden-Ausschuss um Prüfung der Stiftungsgründung und schlug die Einschaltung einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft vor. Ein Novum.

»Ich halte Transparenz für gefährlich, wenn man nur etwas durchschauen will ohne bessere Vorschläge zu machen. Das schafft wechselseitig Frus­tra­tion«, sagt Synodenpräsident Otto Guse, Rechtsanwalt und ehrenamtlich Mitglied der Leitungsgremien in Landeskirche und Diakonie. »Wie bei einer Uhr aus Glas: Es ist toll zu sehen, wie die Räder laufen – aber als Nicht-Fachmann verstehe ich nicht, wie sie besser funktionieren könnte.« Der Ruf nach Transparenz und Kontrolle zeigt für Otto Guse vor allem eines: Dass das geschwisterliche Miteinander gestört ist. Und das Vertrauen in die Leitenden.

Konsens statt Kontrolle lautet das Prinzip der Landeskirche. Landeskirchenamt, Kirchenleitung und die Synode arbeiten zusammen. Sie bitten einander und fordern nicht. Sie diskutieren und suchen am Ende einen gemeinsamen Weg. Das Problem dabei: Macht wird ausgeübt – aber oft bleibt unklar, von wem. Und mit welchen Interessen.

So war es auch, als die Kirchenleitung die Strukturreform vorbereitete. Ein Jahr lang arbeitete eine elfköpfige Arbeitsgruppe daran – in ihr Vertreter von Stadt und Land, Pfarrer, Gemeindepädagogen, Kantoren, Verwaltungsmitarbeiter, vier Oberlandeskirchenräte und sechs Synodale.

Nur taten sie das unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Dabei experimentiert selbst der Staat auch in Sachsen mit neuen Formen einer breiteren Bürgerbeteiligung. »Andere Beteiligungsformen können wertvoll sein, erzeugen aber häufig auch Erwartungen, denen sie nicht standhalten«, sagt Oberlandeskirchenrat Burkart Pilz, einer der zwei Vorsitzenden der Arbeitsgruppe. »Hätten wir die Diskussion auf Podien oder großen Versammlungen geöffnet, hätten alle Vorschläge und Einzelinteressen am Ende dennoch gewichtet und entschieden werden müssen. Man muss für ein neues Grundvertrauen in geordnete Zuständigkeit von Gremien wieder werben. Außerdem brauchen komplexe Entscheidungsprozesse auch Diskurstiefe und manchmal auch einen nichtöffentlichen und geschützten Raum.« Kritiker in den Kirchgemeinden sehen das anders.

Für Burkart Pilz hat das Grummeln im Bauch der Landeskirche Anteil am Verlust an Vertrauen in demokratische Institutionen insgesamt. Aber wie dieses Vertrauen zurückgewinnen? »Glaube, Kirche und Transparenz sind kein Gegensatz und gehören zum geschwisterlichen Umgang«, findet der Leipziger Synodale und Kommunikationswissenschaftler Leonhardt Krause. Er fordert mehr Transparenz auch zu wirtschaftlichen und finanziellen Verhältnissen der Landeskirche. »Wenn Menschen wissen, worum es geht, sind viele auch bereit mitzugehen und sogar noch mehr zu geben – selbst bei Kürzungen. Wovor haben wir Angst?«

Diskutieren Sie mit

3 Lesermeinungen zu Kirchenvolk will mitmischen
Gert Flessing schreibt:
15. März 2017, 15:36

Ich bin kein Freund von Basisdemokratie. Der Grund dafür liegt in der Tatsache, das es keine "Schwarmintelligenz" gibt.
Ich denke aber, das wir, in der gesamten Gesellschaft, in der Situation sind, das Menschen ihr Vertrauen in die Verantwortungsträger verloren haben.
Dazu kommt, dass mancher glaubt, unsere Kirche wäre, von Statistiken getrieben, die ihren Untergang prognostizieren, von Aktionismus befallen.
Zu diesen Menschen gehöre ich, wenn auch bedingt, auch.
Was aber hat das Vertrauen, bei uns, in der Kirche, gestört? Was hat die Menschen verstört, das sie "denen in Dresden" nicht vertrauen wollen?
Wenn ich mit den Menschen, die ich erreiche, spreche, so spüre ich, das sich viele daran stoßen, das die Verlautbarungen, die aus Dresden kommen, und sich mit dem Alltag befassen, kaum von dem zu unterscheiden sind, was auch unsere Politiker sagen und schreiben. Es scheint an dem, wie diese Menschen hier das Leben und ihre Probleme sehen, vorbei zu gehen.
Je näher sie der Gemeinde stehen, um so mehr vermissen sie auch klare geistliche Aussagen, die dem entsprechen, was ihr Glaubensfundament ist. Sie erwarten eine Vergewisserung, das Jesus der Sieger ist. Das mögen sie noch hier und da an der Basis hören dürfen. Dort aber, wo die politische Korrektheit der Aussage wichtiger scheint, als die Klarheit des Evangeliums, nach dem Jesus allein Weg, Wahrheit und Leben ist, ist diese Aussage nur noch "schallgedämpft", wenn überhaupt, zu vernehmen.
Doch wenn es bei den Grundlagen keine Klarheit gibt, wie soll man dann all die anderen Fragen betrachten und das Vertrauen behalten?
Natürlich kann das Vertrauen zurück gewonnen werden. Aber vielleicht wäre der Weg dazu, bei denen, die es vermissen, ein wenig unpopulär.
Gert Flessing

Friedhelm Zühlke schreibt:
15. März 2017, 16:38

Vor 11 Jahren ging der Wittgendorfer Pfarrer in den Ruhestand. Der Auerswalder Pfarrer wurde sein Nachfolger - und beide Gemeinden Schwestern. Schon damals war den Kirchenvorständen klar, im System der Kirchensteuern und bei demographischem Wandel würde es einen kontinuierlichen Abbau von Gemeindearbeit geben. Wenn die Gemeindearbeit erhalten bleiben soll - und das macht sich vor allem am regelmäßigen sonntäglichen Gottesdienst fest - muß man also andere Wege gehen. 2006 haben wir zu 50% einen Gemeindereferenten eingestellt, einen Mann mit Prädikantenausbildung und viel Erfahrung in Kirchgemeinde und Landeskirche. Inzwischen versieht diese Stelle ein anderer, ein Diakon mit 75% Anstellung. Seit elf Jahren finanzieren Spender aus beiden Gemeinden hier einen großen Teil der Gemeindearbeit. Eigentlich eine vorbildliche Sache, ein gutes Modell, von dem man lernen könnte, gerade wenn es um weiter Einsparungen geht. Und interessiert sich die Landeskirche dafür? Nein.
Das ist an sich schon traurig. Aber das eigentliche Problem ist, daß man uns jetzt nicht mal eine Nische einräumt, in der wir mit unserem Modell vor Ort eigenständig weitermachen können.

Beobachter schreibt:
16. März 2017, 9:24

Ich denke, Gert Flessing hat es wieder mal auf den Punkt gebracht.Die leute wollen von "Kirche" nicht den das gleiche, oft unsinnige und unbiblische, Geschwafel wie von den Politikern hören!

Tageslosung

Mose sprach: Alles, was ich euch gebiete, das sollt ihr halten und danach tun. Du sollst nichts dazutun und nichts davontun.

(5.Mose 13,1)

Jesus spricht: Willst du zum Leben eingehen, so halte die Gebote.

(Matthäus 19,17)

Folgen Sie Sonntag Sachsen:

Aktuelle Veranstaltungen
  • , – Aue
  • Vortrag und Gespräch
  • St.-Nicolai-Gemeindesaal
  • , – Dresden
  • Musik und Glaube
  • Haus der Kathedrale
  • , – Leipzig
  • Vortrag und Gespräch
  • Christenlehrekapelle der Peterskirche
Audio-Podcast

Der Twitter-Sonntagticker
Sonntag Sachsen @sonntagticker
Geht es nur noch abwärts? – Die große Frage im neuen #SONNTAG – jetzt online als ePaper lesen! https://t.co/ypft5M9eTx
heute
Sonntag Sachsen @sonntagticker
Kein gemeinsames Abendmahl 2017: Sachsens Bischöfe #Rentzing und #Timmerevers im SONNTAGs-Interview: «. https://t.co/QpJepa8NYi
vor 7 Tagen
Sonntag Sachsen @sonntagticker
AfD-Diskussion auf dem Kirchentag: Aus der Au für Dialog! Online-Petition will Diskussion aber unterbinden – https://t.co/qNApACY2zq
vor 8 Tagen
Sonntag Sachsen @sonntagticker
Landessynode: Dresdner Gemeinde ruft zu Protest auf: https://t.co/vWzZ6xBDbT
vor 13 Tagen