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Großes klein denken

Pfingsten: Einen geistlichen Aufbruch kann man nicht machen – das haben die Kirchentage zum Reformationsjubiläum gezeigt. Dabei beginnt in der Kirche alles ganz klein.
Andreas Roth
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© Foto: REUTERS/Fabrizio Bensch

Und als der Kirchentag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte die Podien und Festwiesen, auf denen sie saßen. So etwa steht es schon in der Bibel, Apostelgeschichte 2, das Pfingstwunder. Und sogar von fremden Sprachen ist dort die Rede, Stichwort Obama. Und natürlich gab es auch Spott.

Wenn Pfingsten der Geburtstag der Kirche ist und der Kirchentag der 500. Geburtstag der Reformation, dann feiern die Lutheraner in diesen Tagen einen Doppelgeburtstag. Für das Brausen und den gewaltigen Wind sorgen Polit-Prominente und Posaunenchöre. Man könnte meinen, der Heilige Geist und der Weltgeist der großen Politik seien eins geworden unter einem selbstzufrieden lächelnden Luther.

Die Wahrheit über die aktuelle Windstärke des Geistes Gottes in Zeiten des Kirchentages ließ sich zum Beispiel auf der Leipziger Petersstraße messen. Massen waren hier wahrhaftig unterwegs, nur gingen sie shoppen. »Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen«, sprach Pauline Lindner über Gott in ein Kirchentagsmikrofon mitten im Einkaufstrubel: Es ist der Gesang der schwangeren Maria aus dem Lukasevangelium. »Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.« Die Tüten der umher Eilenden aber waren gut gefüllt. Ist da noch irgendwo eine Sehnsucht?

»Hätte Maria abgetrieben, wären uns die Christen und der Kirchentag erspart geblieben«, warf ein Mann unter den gut 30 Zuschauern ein. Die Provokation gehörte zum Plan der evangelischen Studenten, die Bibel auf die Straße zu bringen. Selbst für deftigen Widerspruch müssen die Christen im mehrheitlich unchristlichen Leipzig selbst sorgen.

»Wir Menschen wollen gut sein, aber schaffen das nicht«, sagte Pauline Lindners Mutter Gudrun vor dem Mikrofon, die frühere Präsidentin der Landessynode hatte sich neben ihr das Gewand von Marias biblischer Freundin Elisabeth umgeworfen. »Und welchen Sinn hat dann das Leben, wenn es nur Arbeit, Ärger und vergebliche Liebesmüh wäre und dann mit dem Tod alles zu Ende ist? Nein, Maria, da muss es noch was andres geben.« So ähnlich müssen auch die deprimierten Jünger nach Jesu Weggang am Vorabend von Pfingsten gedacht haben.

Aber was ist dieses Andere? In der Hitze auf der Leipziger Petersstraße gab es zwei Antworten, mindestens. Die junge Christin Elisabeth Rauh aus der Studierendengemeinde las aus dem Lied der Maria ein flammendes Plädoyer für Gerechtigkeit, einen Kampftext gegen alle Unterdrückung. Neben ihr der Student Stefan Kämpf aus dem konservativen Theo-Kreis erwiderte: »Es ist eher ein Kampftext zur Ehre Gottes«. Die Menschen lieben und Gott: In beidem spricht der Heilige Geist. So wie im Lied der Maria. Ein Pfingsten vor Pfingsten.

Doch der Geist weht, wo er will. Zwingen kann man ihn nicht. Nur 15 000 Eintrittskarten wurden für den Leipziger Kirchentag auf dem Weg vergeben – geplant war das Dreifache. Selbst in Veranstaltungen mit Prominenten reichte mitunter ein Stuhlkreis. Dabei ließ sich ihn die Landeskirche über 1,2 Millionen Euro kosten und der Freistaat legte über zwei Millionen Euro drauf. Selbst in Wittenberg kam nur etwas mehr als die Hälfte der anvisierten über 200 000 Gäste zum Abschlussgottesdienst.

Immer noch riesige Zahlen. Das verfehlte Ziel aber offenbart eine Gigantomanie im Selbstbild der evangelischen Kirche.

Die Pointe von Pfingsten ist nämlich die: Es war eine kleine Schar verzagter Menschen, ohne Orientierung und Konzepte. Sie waren nicht satt und nicht selbstgewiss. Und ausgerechnet in sie fährt der Urknall der Kirche.

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13 Lesermeinungen zu Großes klein denken
Beobachter schreibt:
31. Mai 2017, 19:24

Ja, so ist es eben, die Menschen werden krtischer und gönnen sich eine eigene Meinung! Andere lesen die Bibel selbst und merken, daß das was dort steht, nicht mit dem was die §kirchliche" und politische Prominenz meistens heute so von sich gibt! Früher waren Kirchentage Stärkung iund Ermutigung im Glauben, heute eine politische (Wahlkampf)Veranstaltung und es weht ein un-bis antibilischer Geist. Was sol man (als Christ)dort?
P.S. Eventuell muß man auch noch damit rechnen, daß ein LKW angerast kommt,...!

Gert Flessing schreibt:
31. Mai 2017, 19:39

Vielleicht, lieber Herr Roth, sollten wir das Große nicht klein reden.
Es war, nach allem, was ich weiß, eine großartige Veranstaltung. Sie hat Menschen bewegt und in Bewegung gesetzt.
Es ist Teil unseres Lebens, das heute Millionen dafür aufgewendet werden.
Auch wenn es zum Abschluss keine 200.000 Menschen waren, waren es doch viele, dort auf den elbwiesen. Wir hatten derweil den Feldgottesdienst zum Abschluss unseres Schützenfestes und haben im Gebet derer, die nach Wittenberg gezogen waren, gedacht. Die Bläser freilich waren froh, bei uns zu sein, wo sie, kostenlos Wasser bekamen und nach dem Gottesdienst auch andere, kühle Getränke.
Sie haben wohl schon, bei kirchlichen Großveranstaltungen, andere Erfahrungen gemacht.
Auf jeden Fall war der Kirchentag ein Zeichen dafür, das es uns, als Landeskirche, ja, wenn ich an die Geschwister aus Indien denke, als Weltkirche, noch gibt.
Ich jedenfalls freue mich über solche Bilder. Sie machen Mut und zeigen, auf vielen Gesichtern, auch die Freude an der Gemeinschaft, die Gott uns schenkt.
Gert Flessing

L. Schuster schreibt:
07. Juni 2017, 15:15

Lieber Herr Flessing,
auch aus meiner Sicht, meiner TV Sicht finde und was man liest war der Kirchentag OK. Zumindest nicht, dass man ihm schlecht reden sollte.
Aber egal wie mancher den Kirchentag findet, Jesus war im Gespräch und ob zusätzlich vielleicht einige Menschen diese Veranstaltung besonders in Bewegung gesetzt wurden wissen wir ja nicht. Vom Heiligen Geist erfasst wurden, den wir nicht sehen und oft auch seine Wirkung nicht gleich spüren.

Er wird bestimmt einige Menschen erfasst haben. Jesus, der viele Menschen, verändert, geholfen hat und warum nicht durch dieses Veranstaltung. Ich bin überzeugt dieser Wind (des heilige Geistes, in seiner Dreifaltigkeit) ging auch von dieser Veranstaltung aus.

Das Elend, Krieg, Ehrenmord verschwinden, sich die Welt also in Richtung Jesus dreht.
Oder das weniger Menschen verhungern, frühzeitig sterben, Fortschritt also. Sind es nicht oft nicht Menschen die diesen Fortschritt auslösten, vielleicht zufällig durch solche Veranstaltungen, wie Kirchentag angestoßen wurden (z. B. sind viele Entwicklungshelfer Christen wie auch viele Erfinder für bessere Landwirtschaft, Gesundheitswesen, Technik).
Den Heiligen Geist können wir halt nicht sehen.
Auf jeden Fall ist dieser Kirchentag auch ein Zeichen, dass sich die Welt dreht. In Richtung weniger Krieg, weniger Ehrenmord, weniger Hunger, Fortschritt. Daher dank an die Veranstalter und wenn einiges falsch war, viel zu politisch war.
Der Heilige Geist wehte trotzdem.

Beobachter schreibt:
07. Juni 2017, 19:01

Lieber Herr Schuster, schon interessant, was Sie alles vom "Kirchentag" erwarten oder ihm andichten. Sicher, vieles davon wäre wünschenswert, nur woher soll es Kommen?
Nur mal ein kleiner Hinweis: Von dem Jesus in dessen Richtung sich Welt Ihrer Ansicht nach durch den "Kirchentag" dreht, war dort nichts zu sehen und zu hören, im Programmheft nict ein Wort!

Britta schreibt:
02. Juni 2017, 7:56

Weil sich eben das Wunschdenken, daß der Heilige Geist auf dem Kirchentag weht, nicht erfüllte. Der macht nämlich große Bogen um Parteitage und sieht auch, welches Geschenk eine tolle Verpackung und keinen Inhalt hat. Wahrscheinlich ist er lieber dort, wo Gottes Wort, wie die Bibel es uns erzählt, noch ernst genommen wird, auch wenn es da etwas schlichter zugeht.

Johannes schreibt:
06. Juni 2017, 16:45

Als ob der Heilige Geist sich vorschreiben ließe, dass er um Kirchen- und Parteitage (auch der AfD?) einen Bogen zu machen habe. Der Geist weht, wo er will und mag!

Beobachter schreibt:
07. Juni 2017, 19:05

Eben! Wo der Ungeist und der Geist der Hetze und Diffamierung (Käßmann, "Bibelarbeit"!) herrscht ist von ihm nichts zu spüren!

Johannes schreibt:
08. Juni 2017, 19:37

Verehrter Herr Gelbe-Haußen,

wieder eine solche Art von Behauptung, die vielleicht nicht ganz wahr ist und zurückgenommen werden muss (an welche Partei erinnert mich diese Taktik nur?). Irgendwas bleibt immer hängen, wenn man fakenews nur fest und stetig behauptet, stimmts?
Nu mal Butter bei die Fische: Was können Sie vorweisen, dass Sie berechtigt; Frau Käßmanns Bibelarbeit zum Paradebeispiel für "Ungeist und der Geist der Hetze und Diffamierung " zu erklären?
Wie war das mit dem 9. Gebot des Dekalogs, das Luther als Verbot des Afterredens erklärt? Je länger je mehr wird die Art, Menschen, die anders denken und glauben, zu diffamieren, zum "Gräuel"...

Beobachter schreibt:
08. Juni 2017, 22:39

Lesen Sie keine Medien? Diese Hetze war doch nun wirklich überall Thema!

Johannes schreibt:
09. Juni 2017, 17:07

Lieber Herr Gelbe-Haußen,
ich habe gegoogelt: "Käßmann Bibelarbeit Hetze". Da taucht ein AfD-Medium auf und sonst nur Einzelpersonen, die gegen Käßmanns Äußerungen hetzen. Also Ihr "wirklich überall" entpuppt sich als bloße Behauptung.
Das Sie die Kritik an der AfD-Forderung nach einer höheren Geburtenrate als Hetze ansehen, bleibt Ihnen unbenommen. Selbst die Erinnerung daran, dass dieselbe Forderung in deutscher unrühmlicher Vergangenheit schon mal Gegenstand nationalistischer Familien- und Rassenpolitik war, kann ich nur als erlaubte Meinungsäußerung verstehen. Ihnen ist natürlich unbenommen... (s.o.)
Allerdings hat Käßmann das Wort "Hetze" selbst gebraucht, wie epd berichtet:
Die evangelische Theologin nahm den Bibeltext aus dem Lukas-Evangelium über den Besuch der mit Jesus schwangeren Maria bei der mit Johannes dem Täufer schwangeren Elisabeth auch als Beleg für den Wandel der Rolle der Frau. "In nur einem einzigen biblischen Kapitel gibt es hier zwei Reden von Frauen! Das ist mehr, als mancher Theologenkongress heute zu bieten hat", rief Käßmann aus. Marias Rede über den Sturz der Mächtigen und die Erhöhung der Niedrigen sei geradezu ein "Revolutionslied".
Sie halte Frauen allerdings nicht für die besseren Menschen, sagte Käßmann. Das machten die "Hetztiraden von Alice Weidel oder Marine le Pen" deutlich. Sie rief Männer und Frauen gleichermaßen auf, "widerständig zu sein gegen Rassismus, Sexismus, Hetze gegenüber den Schwachen".

Und wiederum bleibt dem Leser unbenommen, Die Kritik an Weidel oder le Pen als Hetze zu deuten.

Mit freundlichem Gruß
Johannes Lehnert

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