64

Hat die DDR-Kirche versagt?

Nicht vergangen: Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) bittet um Vergebung für ihre Schuld in der DDR – in Sachsen wird das anders gesehen. Zu Recht?
Notiert von Andreas Roth
  • Artikel empfehlen:

Auf das Wort »Buße« hat die Kirche ein Monopol. Doch wendet sie es einmal an, sorgt es vor allem für eines: Erstaunen. So geschehen zur Herbstsynode der EKM am Buß- und Bettag 2017 in Erfurt. »Wir beklagen, dem SED-Staat nicht klarer und kompromissloser entgegengetreten zu sein«, erklärt der Landeskirchenrat der EKM in einem öffentlichen Bußwort (siehe Seite 3).

Ein verhaltenes Echo darauf gab es in der sächsischen Nachbarlandeskirche. »Ich habe mich darüber gewundert. Ich wüsste nicht, dass es Anlass gibt für ein Bußwort«, sagt der frühere sächsische Landesbischof Volker Kreß mit Blick auf seine Kirche in der DDR-Zeit. »Ich konnte es nicht glauben«, meint dagegen der frühere Leipziger Bürgerrechtler Rainer Müller. »Aber besser jetzt als nie.«

Unmittelbar nach 1989 hatte die sächsische Landeskirche eine Arbeitsgruppe mit der Untersuchung ihrer Rolle in der DDR beauftragt. »Sie ist nach ehrlichem Ringen zu dem Ergebnis gekommen, dass sich die sächsische Landeskirche ziemlich wacker geschlagen hat«, bilanziert Volker Kreß, der damals als Oberlandeskirchenrat in der Kommission mitarbeitete. Auch Kirchenhistoriker wie der Dresdner Professor Gerhard Lindemann sehen die Verdienste der evangelischen Kirche in der DDR: Sie habe mitten in der Diktatur einen Raum für Demokratie, freie Debatten und oppositionelle Gruppen bewahrt, in denen Wurzeln der Friedlichen Revolution wuchsen.

»Und dennoch ist ein Bußwort auch für die sächsische Landeskirche notwendig«, meint der Kirchenhistoriker. Denn: »Es gab Disziplinierungen und Drohungen gegenüber politisch unbequemen Pfarrern und kirchlichen Mitarbeitern und wiederholte Behinderungen der Arbeit von Bürgerrechtsgruppen durch kirchliche Leitungsorgane und Amtsträger.« Ein Beispiel dafür seien die Leipziger Friedensgebete in der Nikolaikirche.

Rainer Müller war dabei, als den Basisgruppen um Pfarrer Christoph Wonneberger im August 1988 vom Superintendenten die eigenständige Gestaltung der Friedensgebete untersagt wurde. Der damalige Theologiestudent kannte so etwas schon aus seiner Heimatgemeinde in Borna. Als er dort mit anderen jungen Christen eine Umweltgruppe gründen wollte, habe sie der örtliche Pfarrer sofort eingeschränkt. »Ich empfand es immer als Frechheit, wenn die Kirchenoberen meinten, wir würden nur das Schutzdach der Kirche suchen«, sagt Müller. »Für uns war das gelebtes Christentum.«

Das mit dem Schutzdach verstanden einige kirchliche Amtsträger wie Volker Kreß, damals Superintendent in Bautzen, durchaus auch als ihren Beitrag. »Die Kirche hat ein Schild gehalten und die Pfeile abgefangen für die vorpreschenden jungen Leute und sie so gut wie sie es konnte geschützt.« Mehr als einmal habe er sich etwa bei staatlichen Stellen für Schüler eingesetzt, die durch den »Schwerter zu Pflugscharen«-Aufnäher unter Druck geraten waren.

Rainer Müller und andere Opposi­tionelle, die am Theologischen Seminar Leipzig studierten, fühlten sich indes von ihrer Landeskirche unter Druck gesetzt. Ein Oberlandeskirchenrat habe ihm im August 1989 mitgeteilt: »Ich verspreche Ihnen, dass ich mich dafür einsetze, dass Sie nicht wieder Theologie studieren werden«, erinnert sich Müller, der heute als freiberuflicher Historiker arbeitet. Begründung: seine »staatsfeindliche Einstellung« und »unverantwortliche Haltung zur Atomenergie«. Kurz vorher hatte er den Plan eines Kernkraftwerks in der Dahlener Heide öffentlich gemacht. Der SED-Staat und seine Stasi wussten die innerkirchliche Differenzen zu fördern.

»Ein Wort der Buße der Landeskirche wäre befreiend für alle Beteiligten«, sagt Müller. »Um diese Last und Schuld einmal loszukriegen. Und auch, um zu sehen, welche Menschen heute unter die Räuber gefallen sind – und was wir als Kirche für sie tun müssen.«

Umfrage
War die DDR-Kirche zu angepasst?
War die DDR-Kirche zu angepasst?

Ihre Stimme wurde erfasst!

Diskutieren Sie mit

64 Lesermeinungen zu Hat die DDR-Kirche versagt?
Beobachter schreibt:
06. März 2018, 9:20

"Dass es die Tafeln gibt, ist ein großer Verdienst vieler Ehrenamtlicher. Dass es aber die Tafeln braucht, ist das Versagen aller bisherigen Bundesregierungen, und Sie waren daran beteiligt". Ich bin als geöernter Ossi bestimmt kein Freund der Linken und schon gar nicht von Knipping, aber da stimme ich ihr voll zu. Auch bei Frau Wagenknecht gibt es in letzter Zeit öfter solche Momente.
Ja, die allermeisten Politiker und Wissenschaftler mit ihren überhöhten Bezügen sind inzwischen so weit vom Volk abgehoben, wie früher Honecker und Co.

Johannes schreibt:
06. März 2018, 12:34

"Kipping", soviel Zeit für Namen-Schreibung muss sein...

Beobachter schreibt:
06. März 2018, 15:32

Sie haben Probleme. Damit helfen Sie den Menschen ganz gewiß weiter!!
Übrigens veröffentlicht der Sonntag nicht alles. Ich wollte Sie gestern fragen, wie es kommt, daß Sie auf Ihre Minirente Steuern zahlen müssen und damit am Liebsten noch manipulieren würden?

Johannes schreibt:
05. März 2018, 17:51

Lieber Manfred,
meine Interessen auch nicht. - Ich überlege schon länger, ob es möglich ist, den Teil meiner Steuern, die in die Militärausgaben fließen, zurückzuhalten und einem guten Zweck zuzufügen. Leider habe ich noch keinen Juristen gefunden, der dies mal mit mir durchspielt. - Vor vielen, vielen Jahren gab es die Einsicht, dass es für die Entwicklung der sog. "Dritten Welt" nötig wäre, dass die entwickelten Länder 2% der BIP in die Entwicklungshilfe geben. Diese Zahl hat Deutschland trotz Absichtserklärung nie erreicht. - Heute wird politisch darüber diskutiert, dass die Militärausgaben um des Weltfriedens und um der Solidarität mit den anderen NATO-Staaten auf 2% BIP erhöht werden müssen. Das sollen wohl ca. 60 Mrd. sein. - Seit mehr als vierzig Jahren bauen wir an der Festung Europa, weil schon damals klar war, dass die verarmten Länder kommen würden, ihren Teil am Wohlstand einzufordern. Unvorstellbar, wie es in den Fluchtländern aussähe, wenn diese 2% BIP der entwickelten Länder seit 40 Jahren in die Entwicklungsländer geflossen wären. Hätten wir heute ein Zuwanderungsproblem?

Mit brüderlichem Gruß
Johannes Lehnert

Johannes schreibt:
05. März 2018, 17:04

Du weißt genau, dass diese blöde Bemerkung eine Beleidigung für alle ist, die gegen Rüstungsexport kämpfen...

L. Schuster schreibt:
06. März 2018, 1:25

Lieber Herr Manfred,
ich würde sagen vieles was von den Bundesbeauftragten an Kommentaren oder als Plattform ausgegeben, angefangen bei Gauck hat nie aufgeklärt und noch schlimmer oft nur Propaganda. Nun gegen die Christenheit in der DDR.
Sicher war der eine mehr und ein anderer weniger verfolgt, doch verfolgt waren alle Kirchenmitglieder auch ein Bischof Albrecht Schönherr, was aber dieser Behörde nie interessierte.
Letztlich ging es doch vielleicht nur um den Posten Bundesbeauftragter und viele weitere Behördenposten hier zu schaffen und ewig zu erhalten, was ohne Stimmungsmache bzw. Propaganda nicht geht. Daher sollten wir diesen Artikel eigentlich überhaupt keine Beachtung schenken.

Andreas Neumann... schreibt:
04. März 2018, 8:46

Es gehört ja hierzulande mittlerweile zum "Guten Ton", sich im Kontext politisch motivierter Geschichtsbesinnung gegen die Brust zu schlagen und in ein als wohlfeil empfundenes allgemeines mea culpa einzustimmen - ganz gleich worum es geht. Auch ich zähle mich zu jenen, die seinerzeit des Schutzes der Kirche (Heimatkirche "Görlitzer Kirchengebiet", Studium in Naumburg/Kirchenprovinz) bedurft hätte und im Stich gelassen wurden. Nach einer Demonstration im Februar 1988 auf dem Naumburger Marktplatz - Anlass war die Inhaftierung des Berliner Kreises um Bärbel Bohley - wurde mir seitens des Rektorats des KOS (Katechetisches Oberseminar) nahegelegt, mich exmatrikulieren zu lassen, um "den Bestand des Hauses nicht zu gefährden." Zeitgleich teilte mir mein Görlitzer Ausbildungsreferent mit, dass er "auf einen Kandidaten mit derartig ungefestigter Persönlichkeit im Dienst seiner Kirche" keinen Wert lege. Hinzu kam, dass ich damals, wie heute nie eine Hehl daraus machte, Holocaustüberlebender in zweiter Generation zu sein (meine jüdische Mutter entkam als Kleinkind wie durch ein Wunder dem Vernichtungswahn). Derart "ungeschützt" war ich damals diversen Repressalien ausgesetzt, die darin gipfelten, dass mir die Staatssicherheit im April 1988 einen Schlägertrupp von Neonazis "auf den Hals" schickte, die mich fast zu Tode prügelten. Dass es sich tatsächlich um eine gezielte Aktion der Stasi handelte erfuhr ich allerdings erst gut 10 Jahre später aus meiner Stasi-Akte ... UND DENNOCH bin ich der Ansicht, dass die Kirchen in der DDR letztlich "einen guten Job gemacht haben". Wenn es um Versagen und Schuld geht, handelte sich m.E. immer um das Versagen, die Feigheit und/oder die gewollte Mitläuferschaft einzelner Kirchenvertreter - begonnen beim Gemeindekirchenrat und endend beim Bischof. Dass allerdings nach der "Wende" so manche Landeskirche sich nur zögerlich, halbherzig oder überhaupt nicht an die Aufarbeitung der Schattenseiten ihres DDR-Daseins beteiligte, stellt für mich eine Hypothek da, die nach wie vor ihrer Tilgung harrt.

L. Schuster schreibt:
04. März 2018, 20:22

Lieber Andreas Neumann,
ich glaube nicht "Mitläuferschaft einzelner Kirchenvertreter - begonnen beim Gemeindekirchenrat und endend beim Bischof", ... eine "Hypothek da, die nach wie vor ihrer Tilgung harrt", denn dieses war nicht unbedingt ein Versagen aus christlicher Sicht. Der bekannte sehr mutige DDR Pfarren Theo Lehmann, würde mir vielleicht zustimmen wenn er es mit dem heuten versagen der EKD aus christlicher Sicht vergleicht.

Helmut Hönisch schreibt:
04. März 2018, 16:22

Die Leitung der sächsischen Landeskirche hat teilweise mit Vertretern des Staates zusammen gearbeitet. Es gab regelmäßige Kontakte zwischen dem Landeskirchenamt Sachsen und Vertretern des Rat des Bezirkes. Oppositionelle aus Friedens - und Umweltbewegung wurden über diesen Weg "diszipliniert". Viele vom Rat des Bezirks Dresden gewünschten Massnahmen wurden über das Landeskirchenamt umgesetzt.
Ich würde mir wünschen, dass sich die Landeskirche Sachsen dazu bekennt und im Interesse einer ehrlichen Aufarbeitung zur Akteneinsicht in die Akten, die über die Betroffenen angelegt wurden Einsicht gewährt. Bisher wird dieses verweigert.
Ich würde mich über eine Antwort vom Landeskirchenamt sehr freuen.

Gert Flessing schreibt:
05. März 2018, 21:40

Natürlich gab es solche Kontakte. Die gab es in jeder Landeskirche.
Das war normal. Denn wenn man miteinander redet, besteht Hoffnung auf Veränderung.
Solche Gespräche gab es auch zwischen Vertretern des Rates des Kreises und Superintendenten.
Was meinen sie denn, was passiert wäre, wenn sich Kirchenleitung oder Superintendenten solchen Gesprächen verweigert hätten?
Nur dadurch, das man im Gespräch war, konnten oft genug Pfarrer, die Basisgruppen leiteten, geschützt werden.
Ich habe es erlebt, wie ein Nachbarpfarrer, in Brandenburg, der sich sehr stark bei der Aktion "Schwerter zu Pflugscharen" engagiert hatte, und kur davor stand, "einbestellt" zu werden, durch die sehr energischen Gespräche zwischen Superintendent und Stellvertreter Inneres, davor bewahrt wurde.
Gert Flessing

Seiten

Folgen Sie Sonntag Sachsen:

Aktuelle Veranstaltungen
  • , – Chemnitz
  • Seniorentreff
  • Gemeindezentrum Markersdorf
  • , – Dresden
  • Orgel Punkt Drei
  • Kreuzkirche
  • , – Leipzig
  • Vortrag
  • Offener Seniorentreff der Ök. Sozialstation
Audio-Podcast

Der Twitter-Sonntagticker
Sonntag Sachsen @sonntagticker
Der SONNTAG berichtet in seiner aktuellen Ausgabe über die fehlende Transparenz bei der Diakoniestiftung in Sachse… https://t.co/VeFRBT47Kv
vor 4 Tagen
Sonntag Sachsen @sonntagticker
Überraschend: Der Diakonie-Chef Sachsens #Schönfeld geht. Er wechselt ins Landeskirchenamt. Nachfolger soll Oberla… https://t.co/yyPnNbuf5B
vor 4 Tagen
Sonntag Sachsen @sonntagticker
1988 initiierte eine DDR-Oppositionsgruppe die Aktion »Eine Mark für #Espenhain« gegen die extreme Umweltverschmutz… https://t.co/xzWQYcST9m
vor 12 Tagen
Sonntag Sachsen @sonntagticker
Raues Klima: Helfer engagieren sich im Namen ihrer Kirche für Flüchtlinge und werden dafür bedroht und beleidigt –… https://t.co/UhQg2lfeEz
vor 20 Tagen