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Wenn italienische Landschaften zu Tröstern werden

Esther Kinsky schildert in ihrem Roman »Hain« drei Italienreisen, die Trost im Angesicht von Verlusten bringen
Jürgen Israel
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»Ich wurde Hinterbliebene.« Mit diesem Satz ist der Grundton angeschlagen, der das neue Buch von Esther Kinsky mit dem Titel »Hain« bestimmt: die Ich-Erzählerin reist darin dreimal nach Italien, das sie seit Kinderzeiten kennt. Während des ersten Besuchs in Olevano von Januar bis März – zwei Monate nach der Beerdigung des Geliebten – findet sie überall Hinweise auf Tod und Sterben. »Das schwere Herz wurde zu meinem Zustand in Olevano.«

Ein zweiter Aufenthalt in Chiavenna gilt hauptsächlich der Erinnerung an den Vater, der mit der Familie jedes Jahr nach Italien gereist war und dort vor allem die Spuren der Etrusker gesucht hat. »Necropoli gehörte zu den Alltagsvokabeln der Aufenthalte in Italien.« Nekropolen sind die Beerdigungsfelder der Antike.

Im Januar des nächsten Jahres reist die Ich-Erzählerin schließlich noch einmal nach Italien, nach Comacchio. Das Bewusstsein, den Geliebten für immer verloren zu haben, bestimmt ihr Lebensgefühl. »Abwesenheit und Verlust« zu spüren gehört zu ihrem Alltag. Wie selbstverständlich besucht sie auf ihren Wanderungen Friedhöfe. Überall sucht sie Verbindungsstellen zu ihrem verstorbenen Geliebten. Der ganze er­ste Teil stellt den bewegenden Versuch dar, der Welt, in die er entrückt ist, nahe zu kommen. Die Ich-Erzählerin weiß, dass die Grenze nicht aufzuheben ist, aber unter Trauernden und an Orten der Trauer fühlt sie sich, soweit das möglich ist, am rechten Ort und dem Geliebten nah.

Als sie mit dem Bus von Olevano nach Rom fährt und dort die Berge sieht, die sie von Olevano aus scharf vor dem Sonnenuntergang gezeichnet gesehen hatte, gab ihr »dieser Anblick einen Halt und sogar Trost, den ich nicht erwartet hatte«. Immer wieder erfährt sie Trost in der genau gesehenen und geschilderten Landschaft, in ihren Verwerfungen, Aufbrüchen und Harmonien, in ihren Strukturen und im wechselnden Licht. Als Fotografin ist sie es gewohnt, genau hinzusehen.

Von diesem genauen Hinsehen lebt das Buch, für das Kinsky in diesem Jahr den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten hat – und vom gelungenen Versuch der Erzählerin, sich zu dem Gesehenen in Beziehung zu setzen.

Esther Kinsky: Hain. Geländeroman. Suhrkamp-Verlag 2018, 283 Seiten, 24 Euro.

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